Torch wird 40 (#107)

Hahn

BACKSPIN-Autor Stefan Fabinger über seinen Cousin Frederik Hahn.

Wenn ich einen Text über Torch alias Frederik Hahn schreibe, dann schreibe ich selbstverständlich auch einen Text über mich. Denn Frederik und ich sind Verwandte ersten Grades, unsere Mütter sind Schwestern. Von meinen zahlreichen Cou- sinen und Cousins ist Frederik derjenige, zu dem ich das engste Verhältnis pflege. Es gibt nur wenige Menschen, die eine solch dynamische und motivierende Ausstrahlungskraft haben wie dieser eigenwillige Typ mit der heiseren Stimme.

Die Faszination für den großen Cousin aus Heidelberg, sie war da, seitdem ich denken kann.

In einer haitianisch geprägten Familie spielt letztere die größte Rolle, weshalb wir sehr eng miteinander aufwuchsen, auch wenn wir geographisch weit auseinander wohnten. Eine Reise nach Heidelberg, das war ein Highlight – Spaß, Entdeckungen, Dummheiten: Rap, Breakdance, Graffiti.Als ich anlässlich des Torch-Jubiläums neulich durch Heidelberg ging, dachte ich: ganz nette, schöne Kleinstadt, aber auch ganz schön provinziell, nicht gerade spektakulär. Damals aber, und das muss mit der Präsenz und der Aktivität meines umtriebigen Cousins zu tun gehabt haben, war diese baden-württembergische Studentenstadt jahrzehntelang mein deutsches Reiseziel Nr. 1: Die legendären Partys bei den Hahns zuhause (höre „Party 84“ von Toni L.), die Jams, die Hauptstraße, die Ausflüge nach Mannheim und Frankfurt, das Piemont-Studio. Manchmal war das Studio auch in Frederiks Zimmer. Dann musste ich schnell mal eine Textzeile einsprechen. Oder DJ Suicide, der gerade aus Australien wiedergekommen war, brachte mir inmitten einer chaotischen Unordnung aus Unterhosen, John-Sinclair-Heften, Sprühdosen und Schallplatten Uprock-Bewegungen bei. Zwischendurch brachte Kofi alias Linguist eine Pizza, und Christian Stieber schaute einfach so vorbei oder Future Rock aus Köln oder Katmando aus München, der mich später zur Juice holte. Das alles war spannend und mitreißend, und natürlich schaute ich nicht tatenlos zu, sondern ließ mich von der einzigartigen Motivationskraft des Frederik Hahns ebenso mitreißen wie ein Großteil junger, engagierter Leute aus allen Schichten im ganzen Land. Wir alle wurden zu Aktivisten und Fans der deutschen Hip-Hop- Bewegung, die seit der Veröffentlichung der ersten Advanced–Chemistry-Platte unaufhaltsam wuchs. Mein Parcours führte inzwischen zwar wieder aus der Musikindustrie hinaus. Doch ohne meinen Hip-Hop-Cousin hätte ich wohl kein Hip-Hop-Fanzine mit dem heutigen Hip-Hop-Superstar Jan Delay herausgebracht. Ich wäre wohl nie zu einem gefürchteten und von den Labels gehassten Hip-Hop-Reporter geworden. Die größte Hip-Hop-R&B-Mixshow im deutschen Radio würde wahrscheinlich heute ein anderer machen als ich. Meine Eltern fanden das Nacheifern der afroamerikanischen Subkultur indes nicht so cool. Doch während US-Gangsta-Rap mit gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Texten insbesondere bei meinem Vater Kopfschütteln auslöste, fanden Frederiks Songs wie „Fremd im eigenen Land“, „Operation Artikel 3“ und das lyrische Meisterwerk „Blauer Samt“ freilich auch bei ihm Anerkennung. Es war schwer, sich der Strahlwirkung dieses Innovators zu entziehen, egal ob er dein Vetter, dein Neffe, dein Freund, dein Feind oder dein Idol war. Denn er war dynamisch, vorlaut, engagiert, unermüdlich, aktiv – und vor allem: eine Integrationskraft. So freundete er sich mit meinen Leuten ebenso schnell an, wie ich mich mit seinen. Auch wenn es darum ging, sich anderen Szenen und Milieus zu öffnen, war Frederik immer am Start: ein Konzertauftritt mit Wolf Biermann, ein Besuch beim Investorenmeeting der Berenberg Bank, ein Abend im Berliner 90°, avec plaisir! Er saß dann entspannt im Wir-Waren-Mal-Stars-Shirt zwischen aufgetakelten Girls im Minirock. Alle tranken Alkohol, nur er nicht. Denn auch das ist eine seiner Stärken: Standhaftigkeit. Wer jemals mit ihm diskutiert hat, weiß: Frederik Hahn bezieht klar Position. Und obgleich diese (auch von mir) durchaus einmal anzuzweifeln ist, er verteidigt seine Linie stets bis aufs Äußerste. Manchmal ist er schnell beleidigt. Zum Beispiel wenn man sagt, dass man es schade findet, dass er sich als aktiver Rapper zurückgezogen habe. Als Rapper und Persönlichkeit ist er einmalig. Und der Rückzug dieser Ikone schmerzt. Doch sie selbst bleibt dabei: „Wir waren mal Stars, die Karriere ist vorbei, das war’s“! Ich hingegen bin anderer Meinung: Torch ist ein Star – für die Ewigkeit.

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien studiert, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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