Top 10 Januar – Juni 2016: Yannick W.

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Frauenarzt – „AB 18! Tourfinale“ in Köln
(Konzert)

Wenn man über die besten Live-Rapper im Deutschrapgame spricht, darf Frauenarzt nicht fehlen. Immerhin hatte der Tempelhofer genug Zeit, sich Skills anzueignen – das ein oder andere Jahr mischt er ja doch schon mit. Mit Manny Marc wurden dann sogar Bühnen außerhalb von Deutschland (wenn auch meist vor deutschem Publikum) erobert und die Hits als die Atzen performt. Und wenn dann schon einer der ersten Songs vom Comeback-Album auch noch „Zieh dein Shirt aus“ heißt und vor Livetauglichkeit nur so strotzt, sollte schon im Vorhinein klar sein, auf was man sich bei dem Konzert einlässt. Deshalb schafft es das Tourfinale der Releasereise zum Album „Mutterficker“ auch als einziges Konzert in meine Top 10. Arzt vereinnahmt die Bühne, wenn man mal von den Tänzerinnen zur Rechten und Linken absieht, als Ein-Mann-Abrissmaschine komplett. Zu den Knallern von „Mutterficker“ (sollte man übrigens auch unbedingt gehört haben!) gab es allerdings noch ein Sahnestück oben drauf: der Einlass war nur Besuchern über 18 Jahren gestattet, dementsprechend war es Arzt gestattet, den ein oder anderen Klassiker aus der letzten Dekade ‚ins Mikrofon zu rotzen‘, die ursprünglich der BPjM zum Opfer gefallen waren und sich seither auf dem Index befinden. Um es kurz zu machen: Abriss deluxe. Wer sich da jetzt ärgert, nicht dabei gewesen zu sein: Selber Schuld! Ich habe für euch aber ein paar Fotos geknipst und sogar ein bisschen was zum Tourfinale geschrieben. –> BACKSPIN unterwegs: bei Frauenarzts AB 18! Tour

Frauenarzt Live Mutterficker Ab 18 Tour (22 von 26)

 

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Chance the Rapper – „Coloring Book“
(Mixtape)

Wer es als Nachwuchsrapper schafft, Kanye West auf dem Intro seines Albums die Show zu stehlen, dem dürfte wohl eine ziemlich große Zukunft bevorstehen. Dass das nicht aus der Luft gegriffen ist, hat Chance the Rapper dann schon ein paar Monate nach „Ultralightbeam“ in Form des Mixtapes „Coloring Book“ gezeigt. Was Chance macht, ist einfach besonders, es ist neu. Komplett autark und ohne Label zu arbeiten, schaffen mittlerweile auch ein paar andere. Ein Mixtape von dieser Qualität einfach zu verschenken, traut sich hingegen kaum jemand und mit einem Free-Tape in die Top 10 der Billboard-Charts einzusteigen, das hat vorher noch niemand geschafft. Mit „Coloring Book“ hat Chance tatsächlich ein außergewöhnliches Stück Musik geschaffen. Er schafft es, Gute Laune-Musik mit einem nachdenklichen, schwermütigen Touch zu versehen, man könnte sagen ein Sommeralbum für den Winter, oder eben andersherum. Einen gewissen Pathos kann man dem Tape dabei nicht absprechen, schon im Intro fährt der Rapper aus Chicago gleich einen Kinderchor auf und lässt Mentor Kanye „Music is all we got“ singen. Dabei schafft Chance durch seinen Wortwitz und den Charme (selten wurden so gelassen Ansagen verteilt wie auf „No Problem“) die Grenze zum Kitsch nie bedenklich zu überschreiten; trotz zahlreicher spiritueller und religiöser Passagen. Das Einzige, was den Erfolg dieses Mixtapes noch mehr bejahen könnte, wäre der erste Grammy für ein gratis Release – und zwar mit Ansage.

 

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Megaloh – „Regenmacher“ (Album) /
Chima Ede – „2023“ (EP)

Bevor es ans Treppchen geht, musste ich mir eine kleine Ausnahme erlauben und den vierten Platz doppelt besetzen. Egal, wie ich ich es auch gedreht und gewendet habe, ich konnte mich einfach gegen keine der beiden Platten entscheiden. Die Position teilen sich zwei Berliner, zwei Künstler, die sogar zusammen arbeiten. Zum einen wäre da Megaloh mit seinem zweiten Major Album „Regenmacher“ bei Max Herres Label Nesola. Zusammen mit Ghanaion Stallion hat der Moabiter etwas auf die Beine gestellt, das im Deutschrap seinesgleichen sucht, ein buntes Stil-Potpourri, das trotz vermeintlicher Widersprüche wunderbar aufgeht. Kombiniert werden auf „Regenmacher“ schwindelerregende Doubletimeabfahrten und ellenlange Reimketten mit beinahe poetischen Texten, Trap-Einflüsse mit Big Band Sounds. Ebenfalls spannend ist es dabei, dass trotz sagenhaften 13 Featureparts nie der Fokus von Megaloh und seiner Story abweicht. Die handelt von Problemen des Alltagsrassismus, der Flüchtlingskrise, sowie dem eigenen Schaffen als Rapper und Familienvater, bis hin zu persönlichen Rückschlägen oder dem Willen, Deutschrap zu regulieren. Ein Wille, dessen Ziel Mega nie näher war, als mit diesem Album.

Chima Ede Cover 2023

 

Zum anderen wäre da Chima Ede. Ein Newcomer, der sogar erst seit einem guten Jahr wirklich ernsthaft rappt. Und dennoch nahm eben Megaloh ihn schnell unter seine Fittiche, ließ ihn gleich am Entstehungsprozess von „Regenmacher“ teilhaben. Mit dem ersten „richtigen“ eigenen Release nach der Free-EP „Lebenslust“ vom vergangenen Herbst, legte der junge Berliner dann schon direkt ein absolutes Brett vor. Zum ersten Mal auf ihn aufmerksam geworden bin ich bei einem Konzert zusammen mit Mauli und Marvin Game, so richtig gecatcht hat er mich dann mit dem großartigen Video zu „Nikotin“. Mit dem Titel der EP, „2023“, macht Chima direkt klar: Er sieht sich als die Zukunft Deutschraps. Und das durchaus berechtigt. Er macht etwas Anderes, etwas Neues. Rappt zwar auf 808-Cloud Rap-Beats , inhaltlich bekommt man allerdings weniger die typischen Representer, als ehrliche, lebensnahe und oft sehr gefühlvolle Texte geboten. Als Inspiration nennt der Newcomer nicht etwa die prägendsten Künstler aus den USA á la Drake oder Kanye, sondern den deutschen Liedermacher Reinhard Mey. Ebenso wie der Sänger traut sich auch Chima schwierige Thematiken anzusprechen, unter anderem Fremdenhass und Intoleranz oder Hetze gegen Religion macht er zum Thema seiner Songs. Die nächste EP soll sogar schon fertig sein – die Chancen stehen nicht schlecht, dass auch diese Platte wieder eine Menge Lob bekommen könnte.

Ab zum Treppchen: Die Plätze 1 bis 3 (mit einer kleinen Besonderheit) gibt es auf der nächsten Seite

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Hanfosan

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