Tom Misch: Das Genre-Chamäleon

Über die letzten fünf Jahre hat sich Tom Misch eine immer größer werdende Fanbase auf der ganzen Welt aufgebaut. Dieses Jahr war er zwei Monate lang auf einer fast ausverkauften Tour durch Europa und den USA unterwegs. Der Produzent, Gitarrist, Violinist, Singer-Songwriter und DJ hat mit seiner Musik der Wurzel von Hip-Hop in den letzten Jahren einen neuen Anstrich gegeben. In einer Zeit, in der Trap scheinbar Hip-Hop regiert, bildet der Engländer mit seinem warmen Sound das Konträr zu alldem und wird trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen gefeiert.

Aufgewachsen ist der 22-Jährige in einem Haus in Südlondon in der Nähe von Peckham. Seine Eltern sind beide Künstler, genauso wie seine beiden Schwestern Laura und Polly Misch, die auch Musik macht bzw. Schauspielerin ist. Sein Vater brachte Tom früh dazu Geige spielen zu lernen, doch diese tauschte er später gegen die Gitarre ein, die bis heute seinen Sound entscheidend prägt. Während er in der Schule immer Schwierigkeiten mit der Musiktheorie hatte, da er nur nach der Suzuki-Methode lernte zu spielen, zeigte ihm der Ex-Freund seiner Schwester das erste Mal J Dilla. Von da an saugte der Sechstklässler alles auf, was er über den Produzenten und Rapper finden konnte. Es war Liebe auf den ersten Blick und kurze Zeit später fing er an selbst eigene Beats zu bauen und auf SoundCloud hochzuladen. Seine musikalische Früherziehung kam ihm dabei sehr zugute.

Das positive Feedback aus der Online-Community motivierte ihn so sehr, dass er bald jeden Tag nach der Schule einen neuen Beat ins Netz stellte. Rückblickend sagt er, dass diese Motivation eher seiner Social-Media Abhängigkeit geschuldet war immer mehr Reaktionen zu erhalten und die Klicks wachsen zu sehen. Aber es hat geholfen. Die regelmäßigen Uploads aus seinem Schlafzimmer brachten ihm immer mehr Follower und Fans. Nachdem er sein erstes offizielles Beattape („Beat Tape 1“) und 2014 eine EP (Out to Sea“) mit der Sängerin Carmody rausbrachte, welche ein paar Häuser weiter wohnt und eine Freundin der Familie ist, wurde der YouTube-Kanal Majestic Casual auf ihn aufmerksam. Der deutsche Musikchannel lud den Song „Follow“ Ende 2013 hoch, was rückblickend der entscheidende Knackpunkt für seine Karriere war.

Tom Misch hatte nie Aspirationen ein populärer Künstler zu werden, doch der Track mit seiner Schwester brachte ihn auf den Weg dorthin. Der Song hat heute über 2,4 Millionen Plays und war die Grundlage für den Erfolg seines zweiten Beattapes, welches im Oktober 2015 erschien. Statt wieder klassische 90 BPM Beats zumachen, auf denen er sich ab und zu ein bisschen mit seiner Stimme ausprobiert, arbeitete er diesmal mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen.

Da er nicht nur aus einer Künstlerfamilie kommt, sondern auch aus einem Künstlerviertel, welches Musiker wie Loyle Carner, Rejjie Snow, Dave, Jordan Rakei oder King Krule beheimatet, der nur zwei Straßen weiter wohnt, konnte er einige von ihnen auch auf „Beat Tape 2“ bringen. So sind auf seinem Projekt unter anderem Jordan Rakei, Alfa Mist oder Loyle Carner, welchen er 2014 auf SoundCloud entdeckte, zu finden. Neben den erkennbaren Hip-Hop Einflüssen findet auch immer mehr Funk, House, Pop oder Indie-Folk einen Weg in seine Musik. Auf die immer häufiger aufkommende Frage welches Genre er denn nun bedient, antwortet er mit seinen drei Idolen. Produzentenlegende J Dilla, Jazzpianist Robert Glasper, welcher unter anderem mit an Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“ gearbeitet hat und Gitarrist und Sänger John Mayer.

In der Phase zwischen den beiden Beat Tapes studierte er für ein Jahr Jazz-Gitarre, aber brach das Studium vorzeitig ab. Zu wenig gefiel ihm die hochnäsige Attitüde von Jazz-Musikern, die der Meinung sind Jazz darf nur wie Miles Davis klingen. Rückblickend sagt er das 2014 ein schwieriges Jahr für ihn war, indem er sich zu sehr auf die Musik konzentrierte und zu wenig auf sein Sozialleben. Um aus dieser Phase rauszukommen nahm er sich eine Auszeit und ging für eine gewisse Zeit nach Vietnam. Als er revitalisiert zurückkam, begann er an „Beat Tape 2“ zu arbeiten, welches bis heute seinen größten Hit „Beautiful Escape“ mit Zak Abel beinhaltet. Mit dem dritten Projekt hatte sich seine Fanbase massiv erweitert. Nicht nur Majestic Casual, sondern auch viele andere Internet-Blogs und Channels sind auf ihn aufmerksam geworden. Bekannte Künstler wie Jaden Smith zählen ebenfalls inzwischen zu seinen Fans. Der große Erfolg von „Beat Tape 2“ ermöglichte ihm zudem mit Kaytranada, eines seiner großen Vorbilder, auf Tour zu gehen.

Nach der Tour überbrückte er die Zeit auf sein Debütalbum mit Remixen für Lianne La Havas, Mos Def oder Busta Rhymes, sowie mit den EPs „Reverie“ und „5 Day Mischon“, welches aus seinen Schultagen inspiriert ist jeden Tag einen Beat zu machen und online rauszubringen. Dank seiner Online-Reputation konnte der Südlondonder auch einige Beats auf den Alben von Goldlink oder Honne platzieren. Ebenfalls hat er mit Anderson .Paak bereits Tracks ausgetauscht, welche aber bisher noch nicht veröffentlicht wurden.

Heute ist er mit seiner sommerhaften Musik Everybody’s Darling und mit 2,4 Millionen monatlichen Hörern auf Spotify und millionenfach geklickten YouTube Videos bekannter denn je. Sein Debütalbum „Geography“ erschien dieses Jahr im April und ging auf Platz Acht der UK-Charts. Angesprochen auf was er danach machen will, sagte er, dass er ganz gerne studieren möchte und nebenher in einer Bar arbeiten wolle. Musik, vor allem dann aber als Produzent, werde es natürlich auch noch geben.

Tom Misch aber hat es sich nicht als Ziel gesetzt so groß wie möglich als Künstler zu werden. Er möchte seine jungen Jahre noch genießen und nicht ständig dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt sein. Bestimmt keine einfache Einstellung für seinen Manager, aber in jeder Hinsicht beeindruckend, gerade in einer Zeit, in welcher man jede Woche durch neue Musik schnell in Vergessenheit geraten kann. Am Ende spricht aber die Qualität seiner Musik einfach für sich. Künstler wie Loyle Carner, Anderson .Paak, Jaden Smith, Goldlink oder auch Elton John scheinen das gemerkt zu haben. Wahrscheinlich ist er auch deswegen so entspannt, wenn er in die Zukunft blickt.

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