Tom Hengst und Kwam.E „bringen Hamburg wieder auf die Karte!“

Tom Hengst & Kwam.E

Mit „Concrete Cowboys“, dem gemeinsamen Projekt der Hamburger Rapper Tom Hengst & Kwam.E ist eine EP erschienen, mit der die Rapper klammheimlich das schaffen, was den Beginnern mit ihrem Comebackalbum „Advanced Chemistry“ nur in kommerzieller Hinsicht gelang: Sie bringen Hamburg zurück auf die Karte. Dabei sind auch sie nur Teil einer jahrelangen Entwicklung – über deren Prozess wir uns alle freuen können. Ein Ende ist zum Glück nicht in Sicht.

Vor ein paar Jahren hat sich Rapmusik aus Hamburg neu erfunden, ohne dass es groß aufgefallen wäre. Es war der Winter nach dem Sommer des sehnsüchtig erwarteten Comebacks der Beginner. Nach 13 Jahren hatten jene sich nicht nur dem Zusatz Absolute entledigt, sondern mit „Advanced Chemistrygleich ein neues Studioalbum herausgebracht. Hamburg zurück auf die Karte bringen, war das erklärte Ziel dieser Formation. Doch diese Karte existierte längst nur noch in den Köpfen von näselnden Allstars und ihren in in der Nostalgie-Falle getappten Fans. Am Ende des Jahres, die Beginner befanden sich mit ihrem Nummer #1-Album auf Hallentour,  sorgte ein moderner R ‘n B-Song aus Deutschland weltweit für Furore.

„Bist du down?“ hieß der, gesungen von der Hamburgerin Ace-Tee und dem Rapper Kwam.E, ebenfalls aus Hamburg. Ihre Herkunft trugen diese jedoch nicht vor sich her, im Gegenteil, ihre Seele sei international sollte Ace-Tee später in einem Interview sagen. Es war die Presse, die die sich der geografischen Herkunft entledigter Künstler wieder dahin pressten, wo sie hergekommen waren. „Der Soul von Hamburg! Eine Hommage an den Rhythmus der Stadt“ titelte das ZEIT Magazin Hamburg damals und erzählte von Ace-Tee, Haiyti und all den anderen, die, die Stadt, wirklich zurück auf die Karte gebracht haben. Nur mitbekommen hat das Niemand. „Dieser Rhythmus zeichnet sich durch eine (sound-)ästhetische Offenheit aus und er existiert mittlerweile in jeder Stadt, nicht nur in Hamburg.“ Die „Concrete Cowboys EP“ die, die Rapper Tom Hengst und Kwam.E kürzlich veröffentlicht haben, „bildet den Status Quo eines Deutschrap-Undergrounds ab, der keine Schubladen mehr kennt und längst auch keine geografischen Grenzen. Neben Naru, sind Lugatti und 9ine und Rapkreation nicht nur deswegen konsequenterweise mit Features auf dem Tape vertreten. Sie alle gemeinsam sind Vertreter derer, die den Gangster-Rapper der ab den 2005er auftritt, verdrängen wird. Damals habe ihnen Ace-Tee so unglaublich viele Türen geöffnet,“ erzählt Kwam.E in der Küche des Studios sitzend und meint damit gleich eine ganze Stadt.

  

Seine Kollaboration mit Tom Hengst ist dabei vor allem eins: In der Welt entstanden. Diese Welt hat viele Namen, Stellingen zum Beispiel, einem Stadtteil im Norden der Metropole weit weg von St. Pauli, der Schanze oder Eimsbush, allerhöchstens bekannt durch die Arenen, das Stadion des HSV und die größte Multifunktionshalle der Stadt. Ace-Tee kommt aus Jenfeld, Haiyti aus Langenhorn. Dort heißen die U-Bahnstationen Kiwittsmoor: Nichts könnte ferner vom Mittelpunkt der Welt sein. Hier geht man nicht aus, hier wüsste man nicht wohin. Die kulturelle- und künstlerische Infrastruktur wie es sie in anderen Stadtteilen gibt, sucht man hier vergeblich. Wie die meisten ihrer Generation war es Aggro Berlin, die den ersten Berührungspunkt mit Rapmusik bildeten. Die Berliner waren wild, aggressiv, anders. Geflasht habe es ihn, auch wenn er nicht alles verstanden habe, mit seinen elf Jahren, erinnert sich Tom. Verstanden aber hatten er und seine Generation jedoch eins: Dass das, was sie da hörten, verboten war. Auf „Concrete Cowboys“ geben sich Hengst und Kwam.E ebenfalls aggressiv. Man hört sie die Zähne fletschen, wie die Dobermänner auf Toms Schal, den er auf den Promofotos trägt, es könnten. Es ist eine andere Art von Straße, von Aggressivität. Tom Hengsts musikalische Sozialisation reicht zurück bis hin zu den Ton, Steine, Scherben und den Texten von Rio Reiser. Beides manifestiert sich in gewisser Weise in dessen späterer Denkweise: Es ist diese genre-sprengende Offenheit, die aus einer ungezügelten Neugierde resultiert, ohne die ein Sound wie auf „Concrete Cowboys“ nicht möglich wäre. Und natürlich das verbindende Element zu Kwam.E. Der hat für diesen nicht näher definierten, freien und sich stetig im Wandel befindlichen Sound gleich einen Begriff gefunden: Phunk.

 

Das erste Mal kreuzten sich die Wege der beiden ein paar Jahre zuvor, auf einer von den Leuten der Flavour Gang, der auch JACE angehört, organisierten Jam. Auch er setzt Hamburg wieder auf die Karte. Es ist eine Karte, auf der alles existieren kann. Nur den Trademarksound einer Stadt, den gibt es nicht mehr. Auf dieser besagten Jam hat Kwam.E, damals noch mit seiner alten Gruppe unterwegs, seinen ersten Auftritt und zwang sich noch nach der Arbeit dahin, um dort Tom auf einen Beat von Eloquent rappen zu sehen. Ein einschneidendes Erlebnis, ein Style nach dem er die ganze Zeit gesucht habe. Die beiden verbrachten daraufhin den ganzen Sommer im Studio des Haus der Jugend, schrieben Texte, freestylten. Was noch fehlte: Ein Beatmaker. 2015/2016 war das, Beginner-Comeback und Ace-Tee-Feature sind da noch fern. Eine gute Geschichte braucht nicht unbedingt einen Tiefpunkt, aber er tut ihr auch keinen Abbruch. Ohne Beats ist das Rappen demotivierend, das Umfeld Kwam.Es und Tom Hengsts entwickelt sich in unterschiedliche Richtungen, ein Kern hält an dem Musikmachen fest. Kwam.E und Ace-Tee kennen sich schon länger, aus einer Zeit, als er noch auf deutsch gerappt hat. Kwam.E nennt sie Schwester.

Irgendwann rief sie ihn an, ob man nicht wieder Musik machen wolle. Sie habe auch was Neues. Auch sie sang mittlerweile auf Deutsch und sie sang ihm “Bist du down?” vor. Produziert von dem ebenfalls aus dem Hamburger Underground entstammenden Plusma, ging dieser Song zuerst auf Twitter, dann auf YouTube und über die US-Amerikanische Vogue im deutschen Feuilleton steil. Es folgten eine Tour mit Future für Ace-Tee und Kwam.E, eine H&M-Kollektion für sie und viele geöffnete Türen. Tom sagt, dass das crazy für alle in Hamburg gewesen sei. Angestachelt von diesem Erfolg und den Kritikern, die Kwam.E als Sidekick abtaten, begab dieser sich auf die Suche nach einem Beatmaker und wurde letztlich von Classic der Dicke gefunden, den er schon von YouTube kannte. Dem Ace-Tee-Hit, der in einer 7” und einer EP mündete, folgte die erste eigene Ep „What da Phunk“ (2018). Die ersten Features mit Tom Hengst findet sich dann, auf dem Anfang 2019 erschienen Kwam.E Tape „Original Rudeboy, Vol. 1“, gefolgt von einer Kollabo auf der „Izza EP“ noch im selben Jahr. Die gemeinsame EP „Concrete Cowboys“ bildet nun das gegenwärtige Sound-Verständnis der beiden Künstler ab. Und das mit dem nächsten Release glücklicherweise wieder neu definiert sein wird.

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