„The Saga Continues“: Mathematics und RZA über das neue Wu-Werk und ein Abendessen mit Savas

Saga Continues

Der Wu-Tang Clan kann in seiner heutigen Form schon eher für ein Kuriosum gehalten werden, als für eine noch immer relevante Rap-Formation. Das Album und vor allem die Tour zur großen Comeback-Platte „A Better Tomorrow“ flopte ziemlich grandios. So richtig übel nimmt es den acht verbliebenen Clan-Mitgliedern, die 1993 mit ihrem Debüt „Enter the Wu-Tang (36 Chambers)“ einen unangefochtenen Gerne-Klassiker ablieferten, dennoch niemand. Auch wenn der letzte Langspieler in keinem Fall skandalös schlecht gewesen wäre, die durchaus neue musikalische Ausrichtung gefiel vielen Fans nicht. Die meisten dieser wollen einfach nur ein neues „36 Chambers“. Dass so eine Platte schlichtweg aufgrund der fast 25 Jahre, die seit dem Klassiker vergangen, unmöglich ist, sollte eigentlich klar sein.

Nun gut, nach „A Better Tomorrow“ wurde es wieder stiller. Jeder kocht ein wenig sein eigenes Süppchen, sammelt nochmal ein duzend Gründe um im mafiagetränkten New York zu Grunde zu gehen oder wendet sich wieder dem lukrativeren Film-Business zu. Im späten Sommer diesen Jahres landete dann über Nacht „People Say“ im Netzt. Ein nostalgisch rumpelnder Beat über den die NYC-Veteranen mit Wu-Tang-Cousin Redman ihre Verse legen. Das Cover zur Single ziert dieses Mal kein stereotypisiertes „W“ aus Wolken. Ganz im Gegenteil: Die fiesen Fratzen der Protagonisten schauen, im Stile eines Mural aus den Straßen New Yorks, so grimmig drein, wie man sie lange nicht mehr gesehen hatte. Ein paar Stunden Verwirrung und Vorfreude später klärt RZA auf: Es handelt sich tatsächlich um eine neue Platte, allerdings lediglich um eine Compilation. Federführend hat sich der langjährige DJ der Crew, Mathematics, dem Projekt angenommen. Es war RZA höchstpersönlich, von dem sich Math in den 90ern das Produzieren abgeschaut hatte. Ebendieser legte dem DJ dann noch während der Produktion von „A Better Tomorrow“ ans Herz, die legendäre Wu-Tang-Saga fortzuführen. Gute drei Jahre nach diesem Startpunk für eine Platte, die den alteingesessenen Fans genau das geben soll, was sie an dem letzten Album so schmerzlich vermissten, kommen die beiden Strippenzieher von „Wu Tang: The Saga Continues“ zum Promo-Tag nach Berlin. Da die BACKSPIN Redaktion bekanntlich im nordischen Hamburg verortet ist, mussten wir uns mit einen kurzen Plausch am Telefon zufrieden geben. Dieser hielt allerdings neben den üblichen Promo-Floskeln, die während den unzähligen Radio-Interviews in Übersee auswendig gelernt wurden, noch ein paar Überraschungen bereit. Wie RZA mir später verriet war ich nämlich nicht der einzige, mit sich dem der Clan-Chef in den zwei Tagen Berlin über deutschen Rap unterhielt, aber dazu später mehr. 

Erst einmal wollte ich von Mathematics wissen, wie dieser es geschafft hat die wohl größte Aufgabe zu meistern, an der ein Wu-Tang-Album heutzutage leicht scheitern kann: Die verschiedenen, über das Land verteilten Clan-Charaktere unter einen Hut zu bekommen. „Das Grundgerüst ist die Musik“ sagt der eher wortkarge Produzent und DJ. Dazu käme ein kleiner Vorteil, den man als DJ des Wu-Tang Clans eben so hat: Man spielt natürlich auch Solo-Shows mit den Künstlern und kann im Anschluss direkt recorden. So wäre es am Ende auch dazu gekommen, dass Method Man sich trotz seiner florierenden Karriere in Hollywood so omnipräsent zeigt. „Meth war von Beginn an dabei. Viele Leute denken, dass er sich auf seiner Schauspielerei ausruht, aber er lässt diese Stimmen mit der neuen Platte verstummen. He is killing it, man!“ Ob Method Man wirklich die besten Parts seiner Karriere abliefert, wie sein DJ verlauten lässt, darf indes bezweifelt werden. Dass der MC turned Schauspieler eindeutig das stimmliche Herzstück der Platte darstellt, ist wohl unumstritten. 

Das musikalische Herz der Platte auf der anderen Seite sei wiederum die legendäre ASR-10. Der Sampler aus dem Hause Ensoniq war schon in den goldenen Jahren ein Erfolgsgarant der Gruppe und vor allem der Beats von RZA. „Die ASR-10 ist der Grund warum ich mich ins Produzieren verliebt habe“, erklärt mir Mathematics und schwelgt in den Erinnerung an ein Schlüsselerlebnis seiner Zwanziger. Irgendwo zwischen 1994 und 1995 sitzen ein paar New Yorker während der Blütezeit ihres Schaffens im Studio und schrauben an etwas, was 20 Jahre später zu einem weiteren Klassiker ihrer Stadt werden sollte. Es geht um Raekwons Solo-Platte „Only Built 4 Cuban Linx“, genauer gesagt um dessen Ode an die Damenwelt „Ice Cream“: „Ich saß neben RZA, als er den Beat auf der ASR-10 gemacht hat und kam überhaupt nicht drauf klar, was er aus dieser Kiste herausgeholt hat.“ Die Faszination für den nach zwanzig Jahren Gebrauch etwas durchgenudelten, aber in keinem Fall eingestaubten Sampler hört man dem Produzenten noch immer deutlich an. Für „The Saga Continues“ hat er allerdings eine Komponente gegenüber den 90ern verändert: Mathematics hat für die Platte kein einziges Sample genutzt. „Für Sachen, die ich nicht selbst einspielen konnte, habe ich mir jemand anderen geholt. Alles auf dem Album ist analog eingespielt und danach durch die ASR-10 gejagt.“ Auf die Frage nach dem Warum kommt lediglich ein etwas resignierendes „Das Business mit Samples ist verrückt heutzutage, you know?“. Einen Abbruch tut das dem Album allerdings nicht. Das hörbar erreichte Ziel, den Sound des legendären ersten Wu-Tang-Langspielers mit der Klarheit von Dr. Dres2001“ zu verschmelzen, lässt derzeit nicht wenige Old-School-Herzen höher schlagen. 

Nachdem wir das Themenfeld rund um die neue Platte abgefrühstückt haben, möchte ich noch ein wenig über die letzte und nicht unbedingt positiv in Fan- und Presseerinnerung gebliebe Deutschland-Tour reden. Während Mathematics hierbei ein wenig so wirkt, als würden ihm diese Konzerte, wohl aufgrund der ellenlangen Liste an Wu-Konzerten, die die Vita des DJs hergibt, keine konkreten Erinnerungen in den Kopf rufen, hakt RZA sofort ein. Zwar war der Kopf der Crew 2015 nichtmal dabei, dennoch weiß er sofort worum es geht, wenn ich auf den damaligen Support-Act hinaus will. Natürlich kenne er die 187 Straßenbande. Auch wenn das Interesse an dem noch in Kinderschuhen steckenden Hype um die Hamburger beim restlichen Clan nicht allzu Groß gewesen zu sein schien, bereitet es RZA Freude, dass diese, vom Wu-Tang Clan in den 90ern vorgelebte Gruppen-Struktur auch heute noch weitergetragen wird. „Deswegen haben wir die neue Platte „The Saga Continues“ genannt. Die Musik, die Botschaft, die Inspiration, wir setzten das fort. Und wenn man nun 187 in Deutschland sieht, setzten auch sie die Saga fort.“ 

Die Tatsache, dass ein RZA seine Ohren überall auf der Welt hat, ist indessen schon lange kein Geheimnis mehr. 2003 erschien sein Album „The World according to RZA“, auf dem neben italienischen oder französischen Gästen auch deutsche Künstler wie Curse, Xavier Naidoo oder Kool Savas vertreten waren. Im Gegensatz zu der Vermutung für diese Projekt seien lediglich Spuren über Manager und Label-Menschen ausgetauscht worden, erzählt mir der Rap-Mogul ganz nonchalant, dass er immer noch Kontakt zu einigen Künstlern pflege. Zwar sei er nicht mehr so informiert wie früher, allerdings habe er gerade am Vorabend einige Tipps zur deutsche Hip-Hop-Szene bekommen. Und das von niemand geringerem als Kool Savas. „Wir haben gestern Abend zusammen gegessen. Ich denke aktuell darüber nach „The World according to RZA II“ aufzunehmen und Savas wäre wieder mit dabei.“ lässt mich der Clan-Kopf erst einmal staunend zurück. 

Auch wenn solche Pseudo-Ankündigungen von Künstlern aus Übersee immer etwas mit Vorsicht zu genießen sind, hat RZA direkt den nächsten Pfeil im Köcher: Für das Wu-Tang-Album, für welches er die Verantwortung an Ghostface Killa abgegeben hat, gebe es auch schon einen groben Release-Zeitraum. „Wir planen gerade es zum 25 Jährigem Jubiläum rauszubringen. Ghost hat also noch ein Jahr Zeit.“ hallt es auf dem Telefon, gefolgt von einem kurzen Lachen. Hier scheint Planung wie Ausführung schon deutlich vorangeschrittener: Das Clan-Oberhaupt spricht von einem Song, den Ghostface Killa für ihn und seine Cousin GZA vorgesehen hat: „Ghostface hat uns eine sehr detaillierte Idee erklärt. Er hat einen hohen lyrischen Anspruch an den Song.“ 

Wenn man diesem Robert Fitzgerald Diggs, wie RZA bürgerlich heißt, eine Weile zuhört, fühlt man sich ein wenig so, als spreche man mit einem weiser, alten Mann, der einem das Musikbusiness erklärt und gleichzeitig trotzdem noch Feuer und Flamme für neue Musik ist. Egal ob er, voller Stolz auf seinen ehemaligen Schüler Mathematics, über „The Saga Continues“, sich noch in der Mache befindlichen neuen Platten oder sein neues Label „36 Chambers ALC“ spricht. Letzteres ist für ihn weit mehr als nur ein weiteres Mittel zum Zweck der Geldmacherei. „Die Idee ist eine Location zu schaffen, die eine Heimat für gute Musik, für gute Kunst, für gute Klamotten, aber auch für eine gewisse Portion an Consciousness darstellt.“ Auch aufstrebende Künstler hat der Veteran, wie es in den Staaten immer so schön heißt, im Blick. Das Label arbeite aktuell an Releases von Rappern wie dem auch auf der neuen Wu-Tang-Compilation zu hörenden Hue Hef oder Reverend William Burk. RZA hat weiterhin große Pläne.  

Ob „The Saga Continues“ sich in ein paar Jahren, wie viele andere Wu-Tang Compilation-Alben, eher in die Discografie aufgewärmter Platten reiht, die eigentlich niemanden gebraucht hätte oder es immer noch die großen Worte verdient, die der Clan-Chef heute für sie findet, sei erst einmal der Zukunft überlassen. Für die Gegenwart hat es Mathematics mit seiner Wu-Tang-Platte geschafft vielen alten Fans der Gruppe zumindest für einen kurzen Zeitraum eine unpeinlich schöne Erinnerung an ein goldenes Jahrzehnt des New Yorker Hip-Hop zu schenken.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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