„So etwas kann nur entstehen, wenn man sich wirklich drauf einlässt.“ Miss Platnum und Bazzazian über „The Opera“

The Opera

Vier lange Jahre hat es für Miss Platnum gedauert sich erneut selbst zu finden. Einen neuen Abschnitt zu beginnen, aber gleichzeitig zurückzukehren um wiederum einen Kreis zu schließen. Und dennoch wurde erst einmal viel auf links gedreht, anders gemacht und neu gedacht um am Ende mit der tatkräftigen Unterstützung von Bazzazian mit ihrem Opus Magnum zurückzukehren. „The Opera“ ist ein Album das absolut einzigartig klingt, jedem internationalen Vergleich problemlos standhält und auch visuell wahnsinnig stimmig umgesetzt wurde. An einem extrem heißen Tag im Juli luden die hochschwangere Miss Platnum und Produzent Bazzazian also zum Pressetag für ihr neues Album nach Berlin ein. Natürlich sind wir dem Ruf gefolgt und haben mit dem Duo über Entstehung und Inhalt von „The Opera“ gequatscht.

 

Logischerweise hat der grüne Bus, der mich aus Hamburg nach Berlin bringen soll, Verspätung. Über zehn Kilometer Baustelle bei Oranienburg, spitzenmäßig. Also bleibt mir an einem der wärmsten Tage des Jahres nichts anderes übrig als die letzten hundert Meter vom Kotti bis zum Büro der Promo-Agentur Check Your Head, wo der Interview-Marathon bereits in vollem Gange ist, im Sprint zurückzulegen. Leicht verschwitzt komme ich in dem, zu meinem Glück mit Ventilatoren und weit geöffneten Fenstern ausgestatteten, Dachgeschoss-Büro an. Ruth Abdallah alias Miss Platnum und Ben Bazzazian warten schon.

Von Englisch zu Deutsch zu Englisch

Den kurzen Small-Talk beiseite schiebend, reden wir zuerst über die vier Jahre seit dem letzten Miss Platnum Album „Ich war hier“. Als dieses 2015 erschien, war die Sängerin, die früher gerne mal aus Gangsterrappern Chorknaben gemacht hat, grade in einer Phase ihrer Karriere, in der sie auf Deutsch sang. Beflügelt auch durch den Platin-Hit „Lila Wolken“ mit Marteria und Yasha veröffentlichte sie nach drei Alben in englischer Sprache 2014 ihr Deutsch-Debüt „Glück und Benzin“. Schließlich wurde es ganz schön ruhig um Ruth Abdallah. Sowohl Social Media-Aktivität, als auch eigentlich sehr starkes Feature-Game, aus dem unter anderem Songs mit Haftbefehl, Marteria und der Berliner Techno-Instanz Modeselektor hervorgingen, wurden komplett heruntergefahren. 

 

Tatsächlich hat es auch ganze drei Jahre gedauert, bis „The Opera“ fertig war. „Ich hatte das Bedürfnis auch wirklich was neues zu machen, mich da raus zu nehmen.“ In der Zwischenzeit hat Miss Platnum zwar auch das Easy Does It Mastermind Chehad Abdallah geheiratet, aber vor allem mit Bazzazian an einem neuen Sound gefeilt. „Ich bin mit Demos auf Ben zugegenagen, es hat aber fast ein Jahr gedauert, bis ich ihm die gezeigt habe, weil ich mich erst nicht getraut habe. Da habe ich auch alles selbst gemacht, weil ich kein Bock mehr hatte auf Beats zu schreiben.“ Es wurde einfach Zeit für was Neues. Über 15 Jahre hatte sie mit The Krauts gearbeitet. Die Zusammenarbeit begann noch zu Zeiten vor dem Hype um „Stadtaffe“ und „Zum Glück in die Zukunft“, als noch unter leicht anderer Besetzung und dem Namen Moabeat gearbeitet wurde.

„The Opera“ als Neuanfang und Rückkehr zugleich

Es ist nur logisch, dass sich der Sound – vom Sprachwechsel zurück auf Englisch mal ganz abgesehen – mit Bazzazian an den Reglern nun so stark verändert hat, wie noch nie in Miss Platnums Karriere. Eigentlich konnte man den Platnum-Platten immer eine logische Stringenz anhören. Vom Balkan-R’n’B der frühen Alben migrierte die Musik langsam und organisch bis hin zum modern tanzbaren The Krauts Signature-Sound auf „Glück und Bezin“ und schließlich der logischen Fortsetzung dieses Sounds auf „Ich war hier„, das vor allem von Nikolai Potthoff produziert wurde. Dennoch besinnt sich „The Opera“ vor allem textlich und bildlich auf Früheres zurück.

The Opera

Foto: Phillip Kaminiak

Viele der Songs haben nostalgische Motive. Mal wird eine Erinnerung an das heimliche Nachhausekommen ins Elternhaus des Partners nach einer durchfeierten Nacht hervorgekramt. Dann behandelt „Rainbow Jesus“ Ruths Zeit als Außenseiterin in ihrer Jugend. Es geht um „das Gefühl, was ich als Jugendliche hatte, nicht wirklich zu wissen, wo ich hingehöre, wie es Ruth selbst beschreibt. Mit neun Jahren kam sie mit ihren Eltern aus Rumänien nach Berlin und hatte durch die hier massenhaft vorhandenen Ostblock-Klischees einen schweren Stand in der deutschen Gesellschaft. Herausgekommen bei dem Song ist eine Hymne für alle nonkonformen Andersartigen. Für alle Aliens, wie Marteria liebevoll sagen würde.

„Das einzige Konzept war es kein Konzept zu haben.“

Obwohl sich die Songs fast nahtlos ineinander übergehen und vor allem als Ganzes im Kontext des Albums funktionieren, beharrt Miss Platnum darauf bei der Produktion eigentlich auf ein Konzept bewusst verzichtet zu haben. „Manchmal forciert man das ja so und es will und will nicht klappen. Diesmal haben wir einfach gemacht und jetzt ist es sehr rund geworden. Das war sehr schön zu sehen.“ Bazzazian schaltet sich ein: „Wenn man ein Album nur mit einem Produzenten macht ist das auch ein krasser Faktor, dass es wie aus einer eigenen Welt klingt.“ Das sei darüberhinaus auch seine liebste Arbeitsweise. Die Musik für ein gesamtes Album basteln, groß zu denken, anstatt nur an Singles. So wie er es schon für Haftbefehls Instant-Klassiker „Russisch Roulette und dessen Folge-Mixtape „Unzensiert“ getan hat.

Genau wie auf diesen beiden Alben und bei seinem aktuellen Produzenten-Projekt Die Achse, bei welchem er gemeinsam mit dem Hamburger Farhot radikale Instrumentale auf die deutsche Musiklandschaft loslässt, scheint auch auf „The OperaBazzazians spezieller Sound durch. Da ist sich auch Ruth sicher. Zum einen ist da eine clevere Mischung aus digitalen Sounds und analogen Samples, die Bazzazians Musik sehr viel leben einhaucht. Zum anderen kommt aber auch immer wieder so etwas wie ein Signatur-Sound durch. Allerdings nicht durch irgendein plakatives Plug-In oder ein obskures Instrument, was zwanghaft immer wieder verbaut wird, wie es andere Produzenten häufig tun. Vielmehr ist es grade das die Dynamik aus Hi-Hat und immer verschiedenen Synthie-Flächen, die für ein extrem charakteristisches Rollen vieler Songs sorgen, was stellenweise wie eine riesige Walze klingt.

The Opera

Foto: Phillip Kaminiak

Und dennoch lässt sich dieses Album mit keinem von Bazzazians Arbeiten davor vergleichen. Auch er selbst betont immer wieder, dass es sich hier um ein absolutes Herzensprojekt handelt, das sehr lange reifen musste. Das hört man jeder Faser von „The Opera“ auch an. Dem Titel entsprechend hat das Duo eine riesige Klang-Kulisse geschaffen. Und wer Miss Platnum schon einmal auf der Bühne gesehen hat, der weiß, sie kann das auch füllen. Dadurch singt die ehemalige Balkan-Queen auch deutlich ausschweifender, als jemals zuvor. „Wir haben versucht meine Stimme als Instrument zu benutzen.“  Und das haben sie auch hinbekommen. Auch durch die teils extreme Verwendung von Autotune. Teilweise klingt die Platte, als hätte jemand Beyonces Meisterwerk „Lemonade“ durch einen futuristischen Chopped-and-Screwed-Filter gezogen.

„Es gibt noch etwas Größeres da draußen.“ 

Für das Album gibt diese neue Herangehensweise nicht nur den Produktionen den verdienten Raum, sondern tut auch dem nun deutlich abstrakteren Inhalten sehr gut. Die Texte enthalten trotz der häufig über sechs minütigen Songs deutlich weniger Worte als auf vorherigen Alben, auf denen die Strophen sehr schnell, teilweise auch gerappt vorgetragen wurden. Die meisten Texte lassen nun Platz um seine eigene Welt in sie hineinzuprojizieren. Auch kann nun viel mehr in die Songs hineininterpretiert werden. Hinzu kommt auch eine spirituelle Ebene, die sich fern ab von jedem streng religiösen Diktat durch das ganze Album zieht.

 

Mir gefiel diese Symbolik. Kirchen sind ja auch absichtlich groß und einschüchternd gebaut, um zu suggerieren es gibt noch etwas größeres da draußen.“ Und genauso klingt das Album auch. Nach einem riesengroßen Bauwerk, dass alles andere in den Schatten stellt. Auch das erste Konzert, bei dem die Beiden „The Opera“ bereits zum Ende des vergangenen Jahres im Silent Green in Berlin präsentiert haben, schlägt in diese Kerbe. Die besondere Location, die früher ein Krematorium war, ließ den Abend zu einer Art Messe werden. „Ruth hat den ersten Song von einem Podium unter der Decke gesungen. Viele Leute hat das wohl an einen Gottesdienst erinnert,“ lacht Bazzazian.

Im Endeffekt, so sagt Miss Platnum mehrmals in unserem Gespräch, war es ihr vor allem wichtig, sich von allen Zwängen und Regeln frei zu machen. Klassische Songstrukturen passieren hier genauso wenig wie irgendwelche Aneignungen von Zeitgeist. Das macht „The Opera“ logischerweise deutlich komplexer und weit schwieriger zu greifen, als jeden Playlist-Rezept-Song der Welt. Grade deshalb lohnt es sich absolut in dessen Welt einzutauchen und sich von dem Album einnehmen zu lassen. „The Opera“ ist seiner Zeit weit voraus.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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