Team Avantgarde: „Tötet eure Erwartungen“

Apropos Messages. Auf „Erwartungen“ werden Themen angesprochen, die es sonst selten im Rap gibt. Auf „Utopie“ feat. Amewu geht es zum Beispiel um Gentrifizierung. Wie stark merkst du das in deinem Leben?

Phase: Da kann ich dir ein praktisches Beispiel nennen. Der Typ, der das Video gedreht hat, soll seit zwei Jahren aus seiner Wohnung gedrängt werden. Deswegen hat der sich glaube ich auch den Song ausgesucht. Wir hätten das gar nicht als erste Single nehmen müssen. Er hatte die Idee. Daran sieht man ganz gut, dass Gentrifizierung mittlerweile Alltag in Berlin ist. Hier wo wir gerade sitzen ist ein Deutschen-Ghetto. Hier ist nur deutsche Mittelschicht. In Neukölln-Nord sind dann teilweise nur Araber. Das bekommt man ja mit. Das ist kein Geheimnis, sondern Alltag. Arme müssen raus aus der Stadt und der Stadtkern ist für die „Elite“ gemacht. Elite hört sich jetzt so krass an. Natürlich zählen dazu auch Arztpraxen-Sekretärinnen und so. Die müssen aber auch irgendwann raus aus der Stadt, wenn die „Elite“ größer wird. In Berlin siehst du das in Rudow, Britz und diesen ganzen vorgelagerten Hochhaussiedlungen. Die ganzen großen Wohnungsbaugesellschaften bauen wieder außerhalb der Stadt. Warum? Na, weil die Leute raus müssen – ist doch ganz klar. In der Stadt wird alles schön saniert, Häuschen und Townhouses werden gebaut. Guck dir die ganzen neuen Siedlungen an. Da ist ein dicker Zaun vor. Das ist einfach Alltag geworden und da muss drauf aufmerksam gemacht werden. Es geht darum die Leute zum Nachdenken anzuregen. Hast du Bock darauf, dass ein Teil der Kinder auf Privatschulen geht, während der Rest auf staatliche Schulen muss, denen das Geld fehlt? Ich nicht! Deswegen muss ich Songs darüber schreiben… und mein Kind auf eine öffentliche Schule schicken. Ich hatte den Song schon halb fertig und dann kam Amewu noch auf den drauf. Das hat einfach richtig gut gepasst.

Du verteufelst Erwartungshaltungen. Was genau ist für dich das schlimme an Erwartungen?

Phase: Du jagst deine eigenen Erwartungen und selbst wenn du sie erfüllst, ist es nicht so Hammer. Ich habe da ein Sprichwort:

„Etwas erwarten und nicht bekommen – Horror,
Etwas erwarten und bekommen – ganz okay,
Etwas nicht erwarten und bekommen – Hammer,
Etwas nicht erwarten und nicht bekommen – scheißegal.“

Du kennst das doch: Du machst was mit deinen Freunden und es war richtig geil. Dann versuchst du es wieder zu machen, aber es wird einfach nicht mehr so wie beim ersten Mal. Das liegt daran, dass du etwas erwartet hast. Ein anderes Beispiel: Deine Freundin plant das Weihnachtsfest. Sie bereitet alles vor und gibt sich voll viel Mühe. Dann hat sie so hohe Erwartungen für sich selbst geschaffen, dass jede Kleinigkeit die Erwartungen und damit den ganzen Abend kaputt machen kann. Erwartungen sind der Teufel man. Wenn du denkst: „Meine Frau soll so aussehen, mein Job soll der sein, meine Freunde sollen dies machen, meine Familie soll da wohnen…“ baut sich das wie ein Käfig um dein Leben. Das sind alles Erwartungen, von denen gar nicht alle erfüllt werden können. Man bewegt sich gar nicht mehr, weil man so gefangen ist. Ich sehe das in meinem Umfeld sehr oft. Viele Leute die ich kenne, haben so genaue Vorstellungen, dass sie auch mit 35 nur noch in ihren Erwartungen leben. Ich will denen einfach sagen: „Macht das nicht. Lebt einfach. Nicht alles aufbauen, sondern einfach machen.“ Plötzlich bist du Mitte 40 und kannst keine Kinder mehr bekommen und der Schmerz, wenn man Kinder haben will aber nicht kann, den wünsche ich niemanden.

Hast du denn eine Methode gefunden dich von Erwartungen frei zu machen?

Phase: Bei mir war es so, dass ich ein ganz furchtbares Erlebnis hatte. Da sind zwei Dinge zusammen gekommen, die zu einem ganz krassen Tiefpunkt geführt haben. Da habe ich gemerkt: „So geht es nicht. So geht es nicht jetzt und so geht es nicht weiter.“ Dann habe ich alles resetet. Alles gelöscht und noch mal von vorne. Ich habe einfach alles auf mich zukommen lassen. Ich habe nichts gemacht und es ist zu mir gekommen. Ich habe die beste Frau kennen gelernt, ich habe einen kleinen Sohn und ich habe eine gute Arbeit. Ich habe mich von diesen großen Bildern, die die Gesellschaft einem früher oder später auferlegt, so frei gemacht wie ich es kann und die guten Dinge sind zu mir gekommen. Bei mir hat es funktioniert und ich habe von zwei, drei Leuten, die auch Mitte 30 sind, gehört, dass es bei denen auch so war. Die hatten einen krassen Erwartungszusammenbruch und haben dem daraufhin abgeschworen. Vielleicht muss auch was Schlimmes passieren, damit man diesen state of mind bekommt. Vielleicht müssen die eigenen Erwartungen mal zusammenbrechen, damit man mal nüchtern analysieren kann, was überhaupt Phase ist. Viele wissen und merken es ja gar nicht. Erwartungen sind ja nicht einfach da – die entstehen erst mit der Zeit. Jedes Gefühl – alles was man wahr nimmt – das entsteht ja erst. Eifersucht und Vertrauen entstehen beide durch Bilder, Erlebnisse und Wahrnehmung. Gefühle muss man aufbrechen und gucken wie sie entstanden sind. Man muss gucken ob das Gefühl wirklich von einem selber kommt oder ob man es nur adaptiert hat. Das ist ein wichtiger Prozess der dazu gehört wenn man seine Erwartungen analysieren und letztendlich töten will.

Bist du wirklich komplett frei von Erwartungen?

Phase: Ich glaube das geht nicht zu hundert Prozent. Aber von diesen großen Bildern bin ich frei. Zumindest habe ich sie gut im Griff. In den letzten drei, vier Jahren bin ich wirklich ein zufriedener Mensch. Dazu gehört auch Erwartungen an sich selbst runter zu schrauben. Auf meinem Album hat jeder Song mit Erwartungen zu tun. Selbst „Nele“, der von dem Selbstmord einer Freundin handelt, dreht sich um ihre Erwartungen.

„Nele“ ist eine wahre Geschichte?

Phase: Das ist eine hunderttausend prozentig wahre Geschichte. Ich habe nie einen Abschiedsbrief von ihr bekommen, aber eine Woche vor ihrem Tod haben wir noch telefoniert und sie hat gelacht. Eine Woche später hat sie sich mit einem scheiß Strick aufgehängt. Ich wollte nie einen Song darüber schreiben, dass es passiert ist, aber ich wollte die Fragen, die mich seitdem geplagt haben, in einen Song packen. Ich weiß auf jeden Fall aus Gesprächen die wir davor hatten, dass Dinge gescheitert sind, die ihr wichtig waren. Darum hatte es auf jeden Fall mit ihren Erwartungen zu tun. Alles was passiert hat damit zu tun. Jeder einzelne Track, außer der Posse-Track, dreht sich irgendwo um das Thema. Auch „Raum 316“, ein Song der eigentlich von Sexualität handelt, hat mit Erwartungen zu tun. Die Erwartung von Frauen an ein sicheres Leben. Wir haben da ein Konzeptalbum geschaffen. Das Wort Erwartungen hörst du auch auf jedem Song. Manche Dinge mussten einfach raus. Das Album ist eine Herzensangelegenheit gewesen.

Unter anderem sagst du auch: „Sicherheit ist ein Gefängnis“.

Phase: Auf dem Song sage ich auch direkt am Anfang:

„Ich wollte dich heiraten, das heißt ich gebe dir mein Leben/ Ich wollte nicht über Bausparverträge oder Konten reden/“

In Deutschland geht es, wahrscheinlich mehr als in anderen Ländern auf der Welt, mehr um konventionelle Dinge: Absicherung, Lebensversicherung, wie viele Autos hat man und so weiter. Alleine das Bild von vierzigjährigen Männern mit Fahrradhelm. Das ist die reine Angstmacherei. Wenn du mit dem Fahrrad hinfällst und ein Auto überfährt dich, dann hat dein scheiß Helm dir gar nichts gebracht. Wenn du auf den Kopf stürzt und dabei stirbst, dann ist es halt so. Der Fahrradhelm ist für mich der Inbegriff von dem ganzen Scheiß. Immer mehr Sicherheit schafft immer mehr Angst. Kleine Kinder haben im Kindergarten schon diese Warnwesten an. Diese Kinder werden schon damit groß gezogen, dass man Angst haben muss. Aber die Lösung, für all die Ängste der Eltern ist Sicherheit. Das ist Irrglaube. Sicherheit macht so viel kaputt. Sicherheit macht auch Liebe kaputt. Es gibt keine Sicherheit, man. Du liebst eine Frau und drei Wochen später ist die Liebe auf einmal weg. Liebe ist ein Vogel. Du kannst sie nicht festhalten. Man kann keine Verträge machen. Ich war mit einer Frau zusammen, der es nur um Sicherheit ging – für alles. Ich mochte sie sehr, aber ich will einfach nur leben, Dicker.

Alleine das Bild von vierzigjährigen Männern mit Fahrradhelm. Das ist die reine Angstmacherei.

Den Possetrack hast du gerade schon angesprochen. Wie war es nach Jahren der musikalischen Abstinenz mit den alten Homies wieder Musik zu machen?

Phase: Voll gut. Hat richtig Spaß gemacht. Headtrick ist ja neu zu Edit gekommen. Ein unfassbar talentierter MC. Ich kenne wirklich kaum jemanden, den ich in den letzten zehn Jahren gehört habe, der krasser Hooks schreiben kann. Du gibst ihm zehn verschiedene Beats und er macht dir zehn unterschiedliche Hooks, die von den Metriken her alle unterschiedlich sind. Das liegt bestimmt auch daran, dass er mit 17, 18 schon Songs mit JAW, Kollegah und Morlokk Dilemma gemacht hat. Mit den alten Hasen hat es natürlich auch ultra Bock gemacht. Ich freue mich ja schon wenn Justus nur einen Part macht. Wer will nicht ein neues Justus-Album?! Mit Gris habe ich angefangen zu rappen – Standard muss der auf mein Album. Boba Fett ist noch dabei – auch ein super Rapper. Ich habe richtig Bock live mit denen zu spielen. Die kommen auch zur Release-Party. Wir sind alte Männer, Dicker – reißen aber immer noch ab. MC ist MC. Ich gehe nicht in mein Büro und sage: „Yo, ich bin MC!“, aber ich werde für den Rest meines Lebens so sein. Von der Einstellung und der Attitüde her.

Ich gehe nicht in mein Büro und sage: „Yo, ich bin MC!“, aber ich werde für den Rest meines Lebens so sein. Von der Einstellung und der Attitüde her.

Hast du Erwartungen an das Album?

Phase: Mich würde es am meisten freuen wenn Leute irgendwann schreiben, dass sie mich verstanden haben. Dass die Leute, meinetwegen auch in zehn Jahren, an einen Punkt in ihrem Leben kommen wo sie merken: „Krass. Ich wollte immer dies und jenes, das hat nie geklappt, aber jetzt ist trotzdem alles okay. Phase Dicker, ich habe gepeilt was du mit Erwartungen meinst. Ich habe auch resetet.“ Das würde mir persönlich ein krass geiles Gefühl geben. Ich erwarte jetzt nicht, dass die Rapszene sagt: „Boah, Team Avantgarde sind die heftigsten Typen der Welt.“ Mir liegt es daran Leuten zu sagen: „Passt auf: Erwartungen sind der Teufel.“ Ich erwarte, dass die Hörer ihre Erwartungen töten. Das ist paradox. (lacht)

Obligatorische letzte Frage. Was passiert in Zukunft. Ignorierst du die Ratschläge von wegen nachlegen weiterhin?

Phase: Keine Ahnung. Ich habe zuhause eine Featureliste, die ich früher oder später abarbeiten muss und möchte. Das sind einige. Ich habe auf jeden Fall wieder Bock. Vor allem mit Zenit mal wieder Musik zu machen. Wir sind auch ein Stück älter geworden und haben andere Sachen zu erzählen. Ich bin ja auch ein riesiger Fan von jungen deutschen Rappern. Gold Roger, Veedel Kaztro und Tami sind mächtige Rapper. Wenn ich noch mal ein Album mache, will ich auf jeden Fall mit den zusammenarbeiten. Sonst weiß ich noch nicht, Dicka. Keine konkreten Pläne. Keine Erwartungen.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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