Team Avantgarde: „Tötet eure Erwartungen“

Mehr als ein halbes Jahrzehnt ist vergangen seitdem der letzte Langspieler des avantgardistischen Teams, bestehend aus Rapper Phase und den beiden Produzenten Zenit und DJ s.R., über Edit Entertainment erschien. Nach „Paradox“rieten Fans und Freunde man sollte nachlegen, um dem kleinen Hype, den man sich aufgebaut hatte, weiterhin Nachdruck zu verleihen. Phase, ein Berliner Urgestein wie es im Buche steht, entschied sich für das genau Gegenteil. Statt Musik gab es zu viele andere Bereiche im Leben des Vollblut-MCs, als das eine hundertprozentige Musikkarriere zur Debatte stand. Jetzt, sechs Jahre nach dem letzten Album, kommt das Team zurück. „Erwartungen“ nennt sich das neueste Machwerk und wie der Name verrät, geht es genau um die großen Bilder, die sich im Laufe des Lebens in den Köpfen aller festsetzen. Ich habe mich mit Phase auf den Stufen einer Schöneberger Kirche getroffen und über das Töten der eigenen Erwartungshaltung, Gentrifizierung, Sicherheit in Form von Fahrradhelmen und natürlich das Album„Erwartungen“ gesprochen. 

Fangen wir mit einer naheliegenden Frage an. Wo war das Team die letzten sechs Jahre?

Phase: Zenit ist in den Schmuckhandel eingestiegen. Er wollte schon immer was in die Richtung machen und hat sich dann irgendwann dazu entschieden ein Schmuckgeschäft aufzubauen. So wie ich von ihm höre, läuft der Laden auch relativ erfolgreich. Dementsprechend hatte er keine Zeit mehr sich auf Mucke zu konzentrieren. Bei mir war es so, dass ich nach dem letzten Album einfach keinen Bock mehr hatte. Viele haben gesagt: „Leg nach, leg nach.“, aber es war ein komisches Gefühl zu denken, dass man ab jetzt einmal im Jahr ein Album machen muss, damit die Leute einen nicht vergessen. Ich finde das ist eine ganz komische Erwartungshaltung. Das habe ich auch unter anderem daran gesehen, dass Leute mir gesagt haben: „Mach doch wieder so ein Song wie „Ein bisschen Koks“. Darauf hatte ich einfach keine Lust. Musik war für mich schon immer etwas Heiliges und wenn es in die Richtung geht, dass man dazu genötigt wird bestimmte Musik machen zu müssen, dann habe ich da keinen Bock drauf. Ich habe mich um existentielle Sachen gekümmert – meine Frau und mein Kind. Musik habe ich für den Moment komplett beiseitegelegt. Trotzdem hatten wir das Glück, dass die Fans, obwohl wir gar nichts gemacht haben, immer mehr geworden sind. Natürlich ging es nicht so steil bergauf wie bei anderen, aber es ging immer weiter hoch. Alle halbe Jahre habe ich mal in Facebook geschaut und da waren erstens jedes Mal mehr Likes und zweitens immer wieder neue Nachrichten von Fans, die ein Album verlangt haben und jetzt ist es wieder soweit. DJ s.R. ist 2013 Teil der Band geworden. Wir haben uns kennen gelernt, sind mittlerweile wie Brüder geworden und harmonieren musikalisch einfach super als Team. Zwischenzeitlich gab es bei mir einige Krisen, aber ls ich mein Leben wieder in den Griff bekommen und gemerkt habe, dass ich nicht mehr in meinen eigenen Erwartungen ersticke, habe ich mich sozusagen resetet – einfach alles zurückgesetzt. Jetzt ist gerade alles richtig cool in meinem Leben und Musik ist ein Teil davon. Sie hat nur nicht mehr die Wichtigkeit von früher. Ich habe die Lockerheit zurück und auf einmal hatte ich auch wieder voll Bock Songs zu machen.

Trotzdem sagst du ja direkt auf dem Intro „Ich fühle mich immer noch nicht frei“…

Phase: Ah, du hast das Album schon gehört, ja? Ein Teil von den gefährlichen Bildern, die im Kopf entstanden sind, bleibt immer da. Du bist ein 12 jähriger Junge und auf einmal fängt es mit „La Boum – Die Fete“, „Dirty Dancing“ und all diesen komischen Filmen an. Zu jeder Sache die du empfindest, bilden sich Bilder in deinem Kopf. Unrealistische, nicht zu erfüllende Bilder, die dann wiederum zu Erwartungen werden. Liebe ist dann auf einmal was riesengroßes, was mit so vielen Bildern zu tun hat, die eigentlich unerreichbar sind. So ist das mit ganz vielen Dingen im Leben. Gerade in unserer Konsumgesellschaft gibt es so viel was auf einen einprasselt. Das ist ganz krass. Dadurch hat so eine Sentimentalisierung stattgefunden, von der ich mich auch nicht frei machen kann. Ich habe auch immer noch Bilder im Kopf, bei denen ich mich frage woher die kommen. Dann frage ich mich woher ich meine Ansichten nehme und warum ich das so fühle, wie ich es eben tue. Da muss man eben so lange abstrahieren, bis man total befreit ist. Das Album beschreibt genau diesen Kampf und mit dem „Intro“ geht es los. Der Titeltrack handelt ja zum Beispiel davon seine eigenen Erwartungen zu töten. Das „Intro“ ist sozusagen der Beginn von diesem Kampf. Die erste Runde.

Was hat dich denn zu deinem Comeback bewogen?

Phase: Weiß ich gar nicht so genau. Ich hatte einfach wieder Bock Lieder zu schreiben und Musik zu machen. Außerdem hatte ich auch voll das Bedürfnis den Leuten zu erzählen was passiert ist. Für mich war das ja voll der krasse Struggle. Ich habe nicht den Anspruch zu sagen, dass ich der Kluge bin und alle anderen sind dumm. Ich bin selber Mitte 30 und habe mich voll in diesen Bildern, die einem von der Gesellschaft vorgegeben werden, verlaufen. Irgendwann habe ich gemerkt: „Ey, du bist gar nicht zufrieden, weil die Bilder – also die eigenen Erwartungen – so groß sind“. Das war der große Entschluss. Ich habe ich alles auf null gesetzt und noch mal von vorne angefangen jetzt bin ich ein zufriedener Mann. Ab dem Zeitpunkt dachte ich, dass ich jetzt jedem anderen auch erzählen kann wie es war. Vielleicht bekommen die Hörer dann Kinder anstatt irgendwelchen anderen Träumen hinterher zu jagen. Vielleicht sind die Leute dann solidarisch zu drei Freunden, statt zu hundert Bekannten. All solche Dinge, die mit diesem voneinander profitieren zu tun haben – ohne, dass man guckt wie fame ist jemand, wie erfolgreich ist jemand – all diese Sachen die eigentlich keine Rolle spielen, die möchte ich meinen Hörern wenigstens ein bisschen austreiben. Ich möchte klar machen, dass es gut tut sich davon, wenigstens ein bisschen, zu befreien.

Ich habe ich alles auf null gesetzt und noch mal von vorne angefangen – jetzt bin ich ein zufriedener Mann.

Wie läuft die Zusammenarbeit bei euch eigentlich ab? Du suchst die Themen und pickst dann Beats von DJ s.R.?

Phase: Von allem ein bisschen. Ich mache, weil ich selber sehr viel produziert habe, Stimmungskizzen von einem Beat und schreibe einfach darauf. Dann weiß s.R. in welche Richtung der Song gehen soll. Der Junge ist vor allem sehr talentiert in Sachen remixing. Ihm macht es auch Spaß einen Song noch mal von null an aufzubauen. Zwei, drei Beats habe ich auch gepickt. Ansonsten sind aber alle über den Text, von der Beatskizze aus, rückwärts aufgerollt worden.

Wie waren die Reaktionen als du s.R. eröffnet hast, dass du wieder ein Album machen willst?

Phase: Der hat sich natürlich gefreut. Für ihn war das relativ überraschend. Ich hatte das für mich selbst schon ein bisschen früher erdacht und auch hier und da schon was zu Recht gelegt, aber s.R. und Zenit haben sich beide krass gefreut. Das ist ja auch irgendwo ein Teil von denen. Zenit ist dadurch jetzt auch richtig motiviert und hat krass Lust beim nächsten Team Avantgarde-Album wieder dabei zu sein. Wir haben auch richtig Glück, dass wir Nesin Howanessian mit im Boot haben. Das wissen die wenigsten, aber Nesin (a.k.a. Nash) und ich haben ja zusammen angefangen Musik zu machen als wir 13 waren. Nash ist dann irgendwann nach Boston gezogen um Kontrabass zu studieren. Er hat da ein richtig krasses Stipendium bekommen und ist ein großer Jazzmusiker geworden. Der spielt auf unserem Album jetzt Kontrabass. Wenn man es genau nimmt, ist er auch Teil von Team Avantgarde. Für mich ist es auch eine riesige Ehre wieder mit dem Typ Musik machen zu können, der damals mit mir angefangen hat. Von daher sind wir eigentlich ein Kreis von vier Personen. Das ist bei uns nicht so dogmatisch.

Hattest du die Szene denn in den letzten Jahren trotzdem im Blick?

Phase: Auf jeden Fall. Ich bin ja auch so mit vielen Rappern befreundet. Es war für mich immer wichtig zu gucken in welche Richtung sich Hip-Hop entwickelt. Wenn du es neutral von außen betrachtest, ist sehr viel Gutes gekommen. Natürlich gibt es auch genauso viel Schmutz, aber das ist doch normal. Auch bei diesen ganzen neuen Styles bin ich voll offen. Jede Musik hat ihre Berechtigung. Ein Rapper muss für mich aber auch ein MC sein. Da differenziere ich in MCs oder in Typen die Rap nur benutzen. Wenn einer ein richtiger MC ist, das lebt und freestylen kann, ist das für mich schon mal cooler, aber Geschmäcker sind ja auch verschieden. Manche Leute sagen meine Stimme sei unerträglich, manche sagen sie können ohne die nicht einschlafen. Grundsätzlich bin ich für alles offen. Ich bin da kein Konservativer, der nur auf 90ern hängen geblieben ist.

Ein Rapper muss für mich aber auch ein MC sein. Da differenziere ich in MCs oder in Typen die Rap nur benutzen.

Dass ihr über Edit Ent. released war von vornhinein klar?

Phase: Das war klar. Was anderes wäre nicht in Frage gekommen.

Auf „Wer bin ich“ sagst du: „Ich bin der ich-hasse-lustige-Lieder-Typ.“ Warum ist das so?

Phase: (lacht) Ich weiß nicht. Ich habe neulich, vor einem halben Jahr oder so, das Fatoni-Album auf der Arbeit gehört und ich fand das so gut und so lustig, dass ich das immer mit meinem Chef gepumpt habe. Ich liebe Fatoni und sein Album. Das ist ultralustig und das kann ich feiern. Aber grundsätzlich ist es ja so, dass wenn Rapper versuchen lustig zu sein, dann sind sie so erzwungen sarkastisch und zynisch. Rapper die nur auf die anderen gucken, über die lachen und sagen: „Die sind behindert“, gefallen mir nicht. Es gibt doch diese Rapper, die nur das Image bedienen Anti zu sein, aber nichts von sich selber Preis geben. Davon bin ich das genaue Gegenteil. Ich rede ja eigentlich nur über mich. Damit mache ich mich natürlich krass angreifbar – jeder kann über mich reden. Die Typen machen sich eben kein bisschen angreifbar, machen sich trotzdem über andere lustig und ich soll dann noch mit lachen. Sowas richtig lustiges wie Helge Schneider gibt es im Rap noch nicht. Wenn es sowas geben würde, hätte ich die Zeile vielleicht anders geschrieben.

Gerade Fatoni hat ja neben seinem Humor auch immer eine Message dabei.

Phase: Ich glaube genau da liegt auch der Unterschied zu anderen Rappern. Es hat was mit ihm zu tun, er fühlt und transportiert was. Er gibt ja auch was von sich Preis und versteift sich nicht auf andere Parteien. Rapper denken sie wären was Besseres, weil sie über Leute oder Gruppen lachen, über die bisher noch keiner gelacht hat.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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