Tatwaffe: „Ich versuche einfach Hip-Hop zu leben bis ich abtrete.“

Tatwaffe kann auf eine lange Karriere zurückblicken – Anfang der 90er Jahre veröffentlichte er als Mitglied von „Das Duale System“ zwei Singles und ein Album. 1997 schloss er sich mit Curse, den Stieber Twins, RAG und STF zu der Crew „La Familia“ zusammen. Seit 1998 verkaufte Tatwaffe als Solokünstler oder mit „Die Firma“ weit über 1.000.000 Einheiten. Mit der Single „Die Eine“ konnte er mit „Die Firma“ ,mit über 320.000 verkauften Tonträgern, sogar Platinstatus erreichen. Am 20. Mai veröffentlichte der Kölner sein Mixtape „Tatzeit“ als Free-Download, was als Vorgeschmack auf sein kommendes Album „Sternenklar“ dienen soll. Aus gegebenem Anlass haben wir mit Tatwaffe unter anderem über seine Anfänge, Fitness, Die Firma , sein Mixtape „Tatzeit“ und sein kommendes Album „Sternenklar“ gesprochen.

Dein letztes Soloalbum „Volltreffer“ kam 2004. Danach folgten sechs Alben mit Die Firma. Warum kam es währenddessen nicht in Frage ein Soloalbum zu machen?

Tatwaffe: Sagen wir mal so: Es hat sehr lange gedauert, das Album fertigzustellen. Wenn du in einer Crew bist und jemand anders hat die geschäftliche Seite geregelt und plötzlich liegt alles in deiner Eigenverantwortung, dann ist das schon ne Umstellung. Das hat ein bisschen gedauert bei mir. Aber jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich jedes Jahr ein neues Album raushauen könnte. Für „Sternenklar“ musste ich zum Beispiel aus 40 Songs auswählen.

Du bist jetzt seit knapp 20 Jahren im Hip-Hop-Game. Wie bist du damals eigentlich zu Rap gekommen? Wie hat sich die Szene (vor allem für Newcomer) durch die neuen Medien verändert?

Tatwaffe: Ich bin damals über Freunde auf Public Enemey und 2 Live Crew gestoßen. Deutschen Rap gab es da noch nicht. Als 1988 NWA mit „Straight Outta Compton“ rauskamen, habe ich sofort angefangen selber Texte auf englisch zu schreiben. Eine Art Mix aus Gangster Rap und Politik. Dann habe ich darüber unter anderem Leute wie Def Benski kennengelernt. Kurz darauf kam die Zeit von Torch, Rude Poets und Crews wie dem Äi-Tiem aus unserer Hood. Das hat einem selber das Gefühl gegeben, dass man nicht komplett alleine ist, mit dem was man macht. Das Gefühl von Verbundenheit war damals sehr stark, genauso wie die Musik die aus den Staaten kam. Damals gab es auch kein Internet oder Support im Radio. Heute ist es für junge Künstler, durch die Websites, Formate und Facebook, viel einfacher auf sich aufmerksam zu machen. Eine Kamera für Videos hat jeder an seinem Handy. Von der Logistik her ist alles einfacher. Dafür musst du dich heutzutage nicht erst live beweisen. Damals haben wir uns auf Jams einen Namen gemacht und die Leute konnten vor Ort sehen, ob du dass was du rappst auch überzeugend und echt rüber bringst. Bodyguards gab es da nicht.

Damals haben wir uns auf Jams einen Namen gemacht und die Leute konnten vor Ort sehen, ob du dass was du rappst auch überzeugend und echt rüber bringst.

Wie siehst du verschiedene Stilrichtungen wie den Straßenrap-Boom, Cloud-Rap oder Trap?

Tatwaffe: Es gibt Leute, die dir erzählen werden, dass Die Firma Straßenrap gemacht hat. Ich habe letztens noch mit einem neueren Artist geredet, für den Die Firma herausgestochen hat, weil sie nicht nur diesen netten Hip Hop gemacht hat. Ich persönlich verkehre mit Menschen aller Einkommensklassen und Backgrounds. So war das schon immer bei mir. Und ich habe den Einblick in die verschiedenen Dimensionen der Gesellschaft. Straßenrap ist cool, wenn er authentisch ist, beziehungsweise, wenn die Person die rappt, hinter den eigenen Worten stehen und diese verteidigen kann. Was mich manchmal stört ist, dass die Balance fehlt. Ich habe viele meiner Songs für die Straßen geschrieben, aber immer mit der Intention, etwas zu verbessern. Ich tue meinen Brüdern nichts Gutes, wenn ich sie dazu motiviere Koks zu verkaufen oder andere Menschen totzuschlagen. Farid Bang und Haftbefehl zum Beispiel haben einen freshen Style und gehen ihren eigenen Weg. Das feier ich und ich könnte es niemals haten. Das Problem sind die Nachahmer, denen das künstlerische fehlt. Cloud-Rap ist okay, aber nicht wirklich mein Ding. Vielleicht ändert sich das in Zukunft noch. Trap ist cool. Auf meinem Album gibt es einiges an trappigem Sound, aber dann rappe ich da auch mal über den Zustand der Welt, statt nur übers Rumballern.

In deinen knapp 20 Jahren Karriere hattest du bestimmt viel Kontakt zu Fans. Was war dein schönstes Fan-Erlebnis?

Tatwaffe: Ich habe da schon ein paarmal drüber gesprochen. Fans die mir geschrieben und erzählt haben, wie meine Mucke sie vorm Selbstmord bewahrt hat. Dass mit Hilfe meiner Songs Rechtsradikale umgedacht haben. Dass „Die Eine“ Beziehungen, die durch den Knast bedroht waren, gerettet hat usw. Dafür mach ich den Scheiß.

Und das Schlimmste?

Tatwaffe: Ach, das Schlimmste sind die Fans die meine Verschwörungssongs feiern und mich darauf reduzieren und im schlimmsten Fall an einer Psychose abkacken und mir dann schreiben sie wären Gott und hätten einen Plan für mich. Das ist bitter.

Das letzte Release „Das sechste Kapitel“ mit Die Firma ist nun sechs Jahre her. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?

Tatwaffe: Viele Features, viel mit jungen neuen Artists, die sonst keiner pusht. Ich mache seit Jahren Workshops mit Jugendlichen unter anderem in Problemvierteln. Ich versuche einfach Hip-Hop zu leben bis ich abtrete.

Du hast einen Song über ein Fitnessstudio gemacht. Welche Bedeutung hat Sport für dich und was hältst du davon, dass Fitness, bei einigen Rappern, Einzug in die Musik genommen hat? Wie stehst du zu den Fitnessprogrammen von deutschen Rappern?

Tatwaffe: Sport ist ein Muss, dass sehe ich an meinen Kindern. Der Song kam zustande weil ich die Betreiber gut kenne. Man kann das ganze natürlich auch übertreiben. Dass heute wichtiger ist, wer den größten Bizeps hat, als wer am besten rappt, ist schon traurig. Aber generell soll jeder machen, was ihn erfüllt.

Warum hast du so kurz vor dem kommenden Album noch ein Freemixtape veröffentlicht?

Tatwaffe: Als Promo-Tool fürs Album natürlich und als Dankeschön an die Fans, die seit langem warten. Und um zu zeigen, dass ich nicht untätig war und vom Level her mit den Neuen mithalten kann.

Was für Songs sind auf dem Mixtape? Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt?

Tatwaffe: Einige unveröffentlichte Songs, die es nur als Video gab. Neue Freestyles und ein paar Exclusives. Das ist so eine Art Querschnitt über die letzten vier Jahre bis heute. Und es sollte raw sein. Nicht zu ausgearbeitet, frei von dem Geldgedanken.

Viele Künstler veröffentlichen nach einer deutlich kürzeren Zeit schon „Lost Tape“-Alben. Warum war das keine Alternative für dich „Tatzeit“ auf diesem Wege zu vertreiben?

Tatwaffe: Es existiert sogar ein ganzes Album, das ich mit DJ Rocky zusammen auf die Beine gestellt habe. Ich habe auch versucht ein Label zu finden, aber es gestaltete sich alles etwas schwierig. Meine Kinder haben mehr Zeit in Anspruch genommen als ich gedacht hätte. Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, Rocky nochmal anzuhauen, ob wir es als Lost Album rausbringen. Mal schauen.

Wann hast du den Entschluss gefasst wieder ein Album zu machen? Wie lange arbeitest du schon daran?

Tatwaffe: Seit drei bis vier Jahren bin ich dran. Der Entschluss ist wie gesagt schon lange da. Ich hatte es eilig, aber ich wollte mir auch Zeit lassen. Jetzt habe ich meinen Solo-Sound gefunden.

Warum hast du den Titel „Sternenklar“ gewählt?

Tatwaffe: Weil der Titel Hoffnung widerspiegelt. Hoffnung und Möglichkeiten. Der tiefere Sinn ist, dass die Welt so eng und klein geworden ist, dass ein Blick nach oben manchmal hilft um abzuschalten und sich selbst zu erkennen. Außerdem liegt irgendwo da oben vielleicht die Antwort auf alles.

Songs wie „Kein Ende in Sicht“ oder „Im selben Boot“ sind sehr politisch. Wie wichtig sind dir solche Themensongs? Muss Rap für dich Message beinhalten?

Tatwaffe: Nein, muss er nicht. Aber wenn auf einem Album gar keine Message ist, dann weiß ich natürlich, welchen Horizont der Künstler hat. Vielleicht geht’s ihm auch nur um Cash, aber ich persönlich bin nicht so gebaut. Diese Welt ist ein einziger Krisenherd, egal wie man es dreht. Geld, Politik und organisierte Religion, nicht Glauben, lenken die Unwissenden und ich muss halt manchmal meinen Mund aufmachen, wenn ich mich nicht schon vor Züge schmeiße oder bei Greenpeace anfange.

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1 Comment

  1. magix

    1. Juni 2016 at 20:55

    watt is denn los mit euch??? ’98 kam straight outta compton? wohl eher ’88!

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