Tatwaffe: „Die Kunst im Rap ist, eigen zu sein“

tatLange Zeit war es ruhig um Tatwaffe.
Tatwaffe, das ist der Rapper, den so viele fälschlicherweise auf seine Mitgliedschaft bei Die Firma und deren Ohrwurm-Garant und Radio-Hit „Die Eine“ aus dem Jahr 2005 reduzieren. „Die Eine“ ist übrigens immer noch die selbe, dennoch ist in der Zwischenzeit einiges passiert. Ein Comeback? Wenn man so will: Ja. Jüngst erschien sein neues Soloalbum „Sternenklar“, das nur den Startschuss für weitere Projekte in naher Zukunft liefern sollte.
Wir trafen Tatwaffe in Berlin zum Interview und sprachen mit ihm über den Prozess rund um „Sternenklar“, die Werteverschiebung in der Szene und das Problem an Image-Rap. 

Vor wenigen Tagen erschien dein neues Album „Sternenklar“, davor war es lange Zeit ruhig um dich. Woher kam die Motivation, das neue Projekt anzugehen?

Tatwaffe: Ungefähr vor vier Jahren, also zwei Jahre nach dem letzten Die Firma Album, habe ich gemerkt, dass ich wieder Musik machen muss. Mit Harris habe ich einen der ersten Songs aufgenommen und habe zeitgleich auch J-JD kennengelernt, der fast alles auf „Sternenklar“ produziert hat. Er hat einfach die Beats gespielt, die ich hören wollte und immer, wenn es zeitlich gepasst hat, waren wir gemeinsam im Studio. So hat sich das langsam entwickelt und ich habe die 23 finalen Songs aus insgesamt 35 Tracks ausgewählt. Die Pause hatte familiäre Gründe, ich bin dreifacher Vater und verbringe gern Zeit mit meinen Kindern. Ich habe die ganze Zeit Rapmusik gehört, hauptsächlich aus den Staaten. Die letzten Drake Alben hatten zum Beispiel großen Einfluss. In den letzten zwei Jahren habe ich mich dann um die Features gekümmert.

Du bist Die Vater. Inwiefern nehmen deine Kindern Einfluss auf deine Musik?

Tatwaffe: Ich höre meine Musik ausschließlich beim Autofahren. Wenn die Jungs mit dabei waren, habe ich ihnen mal geeignete Songs vorgespielt. Je älter sie wurden, desto eher wurden sie zu meinen Feedback-Gebern. Man merkt schnell, wenn ein Song sehr sperrig ist. Dann hören sie zu, aber so richtig packt es sie nicht. „Auf Reisen“ haben sie beim dritten Mal schon mitgesungen. Das ist der beste Indikator:

Wenn die Melodie und der Text bei Kindern hängen bleibt, weiß man, der Song geht ins Ohr.

Ich bin niemand, der viel Schimpfwörter benutzt, weder in meiner Musik, noch auf der Straße. Bei der Musik erinnere ich mich wieder selbst daran, dass meine Kinder die Songs irgendwann hören werden. Prinzipiell finde ich es stilvoller, wenn man Aussagen trifft ohne Schimpfwörter verwenden zu müssen.

Nebenher veranstaltest du Workshops. Wie darf man sich das vorstellen, was wird dort vermittelt?

Tatwaffe: J-JD und ich veranstalten seit vier Jahren gemeinsam Rap-Workshops. Es gibt Leute, die bereits rappen können und bereit sind, aufzunehmen. Die lassen wir machen und helfen ihnen bei Kleinigkeiten. Wir schreiben auch mit vielen Leuten Texte. Diese werden immer weniger, weil sie immer besser werden. Wir veranstalten die Workshops im Problemviertel Köln-Porz und in Gelsenkirchen. Wir arbeiten mit Jugendlichen aller Nationalitäten und das ist genau so, wie Rap früher war – da hat auch niemanden interessiert, wo du herkommst.

Rap ist inzwischen so vielschichtig, welche musikalischen Inspirationsquellen haben die Teilnehmer?

Tatwaffe: Meist sind es Künstler wie Kurdo oder Nimo, hauptsächlich werden sie von der Straßenrap-Schiene beeinflusst. Alle Teilnehmer haben aber auch extrem großen Bedarf, Texte mit Inhalt zu schaffen. Ein Beispiel aus Gelsenkirchen: Kurz nachdem Ramadam vorbei war, wollten zwei Teilnehmer einen Song zum Thema schreiben. Erst dachte ich, sie wollten Leute damit bekehren und so von Ramadam überzeugen. Aber sie wollten es einfach nur erklären. So ist das ein super Thema.

Was ist für dich die größte Herausforderung daran?

Tatwaffe: Wenn jemand anders den Workshop leiten würde und die Kids einfach machen lassen würde, würde garantiert viel mehr Quatsch entstehen. Es ist wichtig, den Jugendlichen klar zu machen, dass Leute die Songs hören und über den Inhalt nachdenken.

Ein 14-jähriger sollte viel eher über für ihn reale Themen und Problematiken rappen als über seinen Benz, wenn er nicht mal einen Führerschein besitzt.

Straßenrap ist einfach die Musik der Jugend, weil die Eltern sowas nicht hören wollen und dann ist der Wunsch nach den genannten Statussymbolen auch nur logisch.

Als du auf deinen Social Media Profilen dein Album beworben hast, schriebst du, die Leute sollen dein Album kaufen und damit ein Zeichen setzt. Klingt, als würde dich an der Deutschrap-Szene, wie sie aktuell beschaffen ist, einiges stören.

Tatwaffe: Zunächst freue ich mich über die Vielfalt. Internet und Social Media spielt da ganz klar eine tragende Rolle. Du musst heute kein Budget vom Label haben, um gehört zu werden und Feedback zu bekommen. Ganz klar gibt es auch viel in der Szene, das mich im Gegensatz zu früher sehr stört. Als ich angefangen habe mit Musik, war ganz klar, dass man mit Rap etwas verändern möchte, angefangen mit „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry und so. Dann gab es auch früher schon Leute, die stilistisch plötzlich angefangen haben, zu rappen wie man selbst. Zu solchen Leuten ist man früher hin und hat diese damit konfrontiert.
Ich habe schon das Kotzen bekommen, als alle angefangen haben wie Savas zu rappen. Ständig haben wir uns gefragt, wieso Savas nichts dagegen sagt. Danach wollten alle wie Bushido, wie Sido oder wie Haftbefehl rappen. Die Nachahmer sind ein riesiges Problem. Rap muss echt sein. Wenn du aber schon klingst und so rappst wie jemand anderes, hat das nichts mehr mit Echtheit zu tun. Trotz der Vielfalt gibt es so viele Leute, die gleich klingen und das ist eklig. Früher wäre das nicht passiert, da gab es allerdings auch nicht diese Bandbreite.

Ich schätze, viele Künstler sehen es schlichtweg als eine Art Kompliment, wenn ihr Stil imitiert wird.

Tatwaffe: Das kann sein. Aber da frage ich mich: Steht man als Rapper nicht in der Verantwortung, den Leuten klar zu machen, dass die Kunst im Rap darin besteht, eigen zu sein? Wahrscheinlich hat der Rap von heute einfach nicht mehr so viel mit dem Rap zu tun, den ich von früher kenne.
Heute treten Rapper nicht mehr vor 500 bis 1000 Leuten auf wie ich zu meinen Anfangszeiten in den 90ern, sondern vor 15.000 Leuten. Vielleicht ist es denen also auch einfach scheißegal. Dass jeder zweite plötzlich wie ein Gangster über Waffen, Gewalt und Nutten rappt, ist noch eine Sache. Über die Themen habe ich ja auch mal gerappt, aber gleichzeitig habe ich versucht, den Leuten klarzumachen, was Gewalt anrichten kann. Ich habe selbst Freunde, die im Knast waren und es gibt keinen, der da rauskommt und sagt, dass es cool war. Daher ist schade, was den Kindern vermittelt wird. Ich wünschte, es gäbe Alben, auf denen man acht Songs findet, die wirklich böse sind und richtig auf die Kacke hauen und danach aber drei Songs vorhanden sind, die auf den Boden holen und an die Konsequenzen von bestimmtem Verhalten erinnert.

Weiter schriebst du, in deinen Augen könne jemand nur Rapper sein, wenn er auch über Dinge spricht, die ihn privat bewegen. Was ist mit Image-Rap? Kannst du beispielsweise einen Kollegah feiern, der in seiner Musik ganz klar in die Rolle einer Kunstfigur schlüpft?

Tatwaffe: Was Kollegah macht, ist Kunst. Ich ziehe den Hut vor der Arbeit, vor den Doppeldeutigkeiten, den Reimketten und sowas. Kollegah höre ich mir an, dennoch habe ich ein Problem, wenn ich mir ein Album von ihm komplett anhöre. Wo sind die Tracks, auf denen er von seinen Träumen erzählt oder von Dingen, die ihn bewegen? Was macht ihm Angst? Wie könnte die Welt besser werden? Ich glaube, dass er das definitiv könnte. Aber vielleicht macht er es nicht, weil er lediglich keinen Bock hat. Oder er glaubt, die Fans könnten das scheiße finden, wenn er Schwäche zeigt. Ich weiß es nicht, aber ich wünschte, dass jemand mit so viel Reichweite auch mal über deepe Themen rappt.

Bei Rap muss man, meiner Meinung nach, über die Musik zumindest ein Stück weit erfahren, was für ein Mensch dahinter steht.

Früher gab es diese Jam-Kultur und es herrschte viel mehr Austausch. Es ist cool, wenn ein paar der Großen heute noch zumindest Fotos mit Fans auf der Straße schießen, aber es fehlt, sich einfach mal ein paar Minuten mit einem Künstler unterhalten zu können. Durch diesen fehlenden Austausch, ist bei vielen Rappern vielleicht das Bewusstsein dafür verloren gegangen, dass es Fans gibt, die Fragen haben und sich gern austauschen möchten.

Du verwendest den Hashtag #sternenklaristnurderanfang – das klingt vielversprechend.

Tatwaffe: Ja, es passiert auf jeden Fall noch mehr jetzt. Mein Kopf arbeitet die ganze Zeit weiter und ich habe Bock, direkt das nächste Album anzugehen. Nächstes Jahr erscheint definitiv auch das nächste Album von Die Firma. Wenn wir über ein Comeback reden wollen, ist es eins, obwohl ich nie weg war. Ich bin bei einem kleinen Label und weiß nicht, ob wir charten werden. Bisher ist das Feedback aber sehr gut und mich freut die Resonanz sehr. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich mache diese Musik einfach schon sehr lang und kenne mich gut damit aus.

Ich glaube, ich rappe immer noch besser als mindestens fünfzig Prozent der neuen Rapper.

Solang ich dieses Gefühl habe, kann ich gar nicht aufhören. Mit „Sternenklar“ habe ich versucht, meinen Wurzeln treu zu bleiben, gleichzeitig jedoch auch bewusst Singleauskopplungen wie „Bikini“ gewählt, von denen ich wusste, die Meinungen werden stark auseinander gehen. Der Song hat fast alle alten Hörer sehr unsicher gemacht. Jedoch wissen diese, das war nur ein Song und man kann mir vertrauen. Gleichzeitig schafft man es aber auch so, neue Hörer zu generieren.

Ich bedanke mich, deine letzten Worte?

Tatwaffe: Ich möchte, dass alle Leute, die dieses Interview lesen und noch nie von mir gehört haben, so gut sind und in das Album reinhören. Geht auf Apple Music, auf Spotify oder ladet es illegal runter, wenn es nicht anders geht. Wenn euch aber irgendetwas gefallen hat, was ich in diesem Interview gesagt habe, hört rein und guckt, ob was für euch dabei ist.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

1 Comment

  1. NOIIZ

    3. September 2016 at 20:27

    Ich finde das Interview schön bodenständig und freue mich über die Hinweise, die Tatwaffe der Szene gibt und wie er über sie denkt. Ich höre Rap seit ziemlich genau 20 Jahren bewusst, mag robuste Lines und wünsche mir dennoch mehr Erdung bei all dem auf-den-Putz-Gehaue!

    Und Bikini ist´n Toptrack! Word!

Erzähl Digger, erzähl

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