Tales From A Dirty Old Man (aus der BACKSPIN MAG #110)

Zuerst einmal muss ich all den Verschwörungstheoretikern in unseren Reihen (den Writern natürlich– hier gibt es ja eine Menge davon) sagen, ja, es gibt eine Eurokrise und sie ist nicht mit Absicht von irgendwelchen dubiosen Hintermännern des Vatikans, dem CIA oder dem Mossad herbeigeführt worden. Wer wäre denn so dumm und setzt seinen eigenen Reichtum aufs Spiel und lässt auch noch gleichzeitig, freiwillig Ärmere an seinem wohlgehütetem Geld teilhaben. So dämlich sind noch nicht einmal die konservativsten Freimaurer oder großherzigsten Kirchenmäuse, solange sie nicht zu hundert Prozent ihr Schäflein im Trockenen haben. Es ist ein Fakt, dass mit unserer Währung etwas nicht stimmt. Sie ist ja auch gerade mal zehn Jahre alt und leidet anscheinend an diversen Kinderkrankheiten.

Aber wieso sich aufregen, was das Hobby Graffiti angeht, kann es doch kaum etwas Tolleres geben als eine Krise der Währungsunion im europäischen Raum. An allen Ecken und Enden wird gespart. Staaten, die so schon kaum Geld ausgeben konnten, um ihre Innenstädte und Zugsysteme sauber zu halten verzweifeln gerade jetzt, da die sprühende Zunft sich dazu berufen fühlt, gerade diesen finanziellen Engpass als Chance für einen unsäglichen Feldzug gegen den grauen Einheitsbrei der Gesellschaft zu führen. Überall wird durch das aus Deutschland und Frankreich stammende Spardiktat gekürzt. Leider weniger an der Sicherheitstechnik und den Securities, aber dafür an den Säuberungsaktionen. Letzteres motiviert den Otto-Normalsprüher natürlich noch vehementer loszuziehen als vorher und bringt gleichzeitig die Wachmänner an den Rand der Verzweiflung, sehen sie ja die Früchte ihres Tuns nicht wirklich. Für jeden vertriebenen Sprüher, kommen zehn andere um ihrer Leidenschaft zu frönen. Somit versinken Staaten wie zum Beispiel Italien und Griechenland nicht nur im durch Korruption herbeigeführten Schuldensumpf, sondern auch in einem Farbmeer. Selbst das Land um Brüssel, die Hauptstadt unseres geliebten Europas, namentlich bekannt unter Belgien, weiß schon seit geraumer Zeit nicht mehr, wo es das Geld zum Buffen hernehmen soll. Wahrlich ein nicht leichtes Unterfangen, da selbst die finanzielle Milchkuh in der direkten Nachbarschaft, auch unter dem Namen Deutschland bekannt, dafür kein Geld bereitstehen hat, da auch hier die Writer unermüdlich an der Sauberkeit der Bahn und den umliegenden Wänden nagen. Wenn auch mit einem geringeren Erfolg, denn hier wird noch geputzt was das Zeug hält. Wir Deutschen haben ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Wo das alles hinführt? Nun, ich weiß es nicht und auch unsere Politiker, egal welcher Gesinnung, tun sich äußerst schwer mit einem solchen Debakel. Alles wird bunter und Ratingagenturen, deren Existenz sich mir einfach nicht erschließt, stufen den kläglichen Rest des hinlänglich bekannten Schützenfestes bis ins Bodenlose herab. In manchen Ländern herrscht sozusagen Graffitifesttagsstimmung. War die Einführung des Euros für die Graffitiszene eigentlich in ihren Anfängen überhaupt relevant? Ich denke nicht, denn mir ist es doch egal, ob eine Dose der Marke Montana nun 3,60,- Euro oder 360.000,- Lire kostet. Habe ich kein Geld, klaue ich mir die Dinger eh im nächsten Dosenladen. OK, das lästige Wechseln der einzelnen Währungen auf den Interrailtouren ist weggefallen. Aber ansonsten muss man sagen, dass erst jetzt, wo die Krise in jeder Hinsicht die Brüchigkeit des subjektiven Sicherheitsgefühls heraufbeschwört, es für uns Writer Sinn macht, dass sich europäische Länder dazu entschlossen eine Einheitswährung einzuführen. In jeder Krise gibt es nämlich einen der davon profitiert. Es sei jetzt einfach mal dahingestellt, was einem griechischen Writer mehr interessiert, jeden Tag bomben gehen ohne nachhaltige Probleme oder eine anständige Portion Gyros auf dem Tisch. Existenzielle Fragen werden natürlich in den farbverblendeten Augen der Sprüher eher übersehen. Man mag meinen, aufgrund der Vorteile für die Szene, dass es einen Geheimbund gibt, der sich aus Sprühern Europas zusammensetzt. Wobei wir wieder irgendwie beim Anfang dieses Textes wären. Alles dreht sich im Kreis. Wer das noch nicht gemerkt hat, der flüchtet sich gerne in Verschwörungstheorien und macht sowieso immer andere für seine Misere verantwortlich. Dennoch der Teufelskreis ist kaum zu stoppen und irgendwie macht es ja auch Spaß. Wenn kein Geld da ist, bleibt Graffiti länger bestehen und somit wäre die Broken Windows Theorie im globalen Sinne bestätigt. Macht kaputt was euch kaputt macht, solange die Eurostaaten noch keine Lösung für die allgegenwärtige Krise, (Ich kann das Wort ehrlich gesagt nicht mehr hören!) gefunden haben! Und wer jetzt noch nach Logik im System sucht, ist selber schuld!

In diesem Sinne, euer dreckiger alter F

Weitere Artikel aus der BACKSPIN MAG #110 findest du hier.

The following two tabs change content below.
Orginaler Pottboi! Ich liebe das 45er Areal, doch hass‘ mich nicht. Ich komm‘ vorerst nicht zurück zu dir.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.