Takt32: „Berlin ist die Geburtsstätte von Straßenrap“

takt32_bild2Takt32 ist ein Rapper, der Geschichten von der Straße erzählt, ohne der klassische Straßenrapper zu sein. Ebenso ist er ein rappender Student, jedoch ohne in die typische Studenten-Rap-Schublade zu passen. Vermutlich braucht es auch ganz einfach keine klare Zugehörigkeit. Viel wichtiger ist: Takt32 ist da und hat jede Menge zu sagen. Sein Album „ID“, das über sein Indie-Label KiezKunst erscheint, steht in den Startlöchern. Der perfekte Anlass für uns, Takt32 in Berlin zum Interview zu bitten und über die Bedeutung von Identität, die Authentizität von Straßenrap und die Chancen von Indie-Labels zu sprechen. 

Die erste Frage, die sich anbietet, spricht man über dein Album, ist die nach dem Titel: Was hat dich dazu bewogen, die Platte „ID“ zu nennen und in welchem Zusammenhang steht der Vorgänger „Gang“?

Takt32: Als ich mein Album „Gang“ geschrieben habe, sollte es sich rund um meine Gang drehen. „ID“ hingegen, wollte ich auf mich fokussieren. Außerdem fand ich die Buchstaben „ID“ sehr passend, da sie nicht nur für Identität stehen, sondern auch für diese Finger-Passform. Das heißt, es steht auch dafür, wie man von außen wahrgenommen wird. Die Überlegung, die dieser Platte zu Grunde liegt, gab es aber bereits während des ersten Albums.

Das heißt auch, bezüglich der Reichweite hast du höhere Erwartungen an „ID“ als an den Vorgänger?

Takt32: Was Reichweite betrifft, habe ich eh nicht die riesigen Ambitionen. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich ziele nicht auf Erfolg. Wenn man keinen Erfolg erzielen möchte, könnte man Musik auch einfach ausschließlich für sich releasen – wozu dann eine Platte pressen?

Es ist immer etwas scheinheilig, wenn Leute behaupten, Erfolg sei ihnen egal.

Jedenfalls wollte ich anfangs ein Album für die Leute aus meinem Umfeld machen, die ich brauche und liebe. Das zweite Album ist für die breite Masse vermutlich einfach sehr viel zugänglicher. Das war aber nicht die Absicht. Nachdem man „ID“ gehört hat, wird man auch „Gang“ im Nachhinein besser verstehen.

Was bedeutet Identität für dich – beziehungsweise womit identifizierst du dich und womit soll die Außenwelt dich bestenfalls identifizieren?

Takt32: Kritische Selbsteinschätzung ist immer ein schwieriger Punkt. Man hat eine persönliche Wahrnehmung von sich selbst und ist man gut, ist diese mit der Außenwahrnehmung kongruent. Komischerweise denken viele, dass ich arrogant bin oder trauen sich nicht, mich anzusprechen. Das ist Quatsch, aber offensichtlich weicht meine Eigenwahrnehmung von meiner Außenwahrnehmung ab. Vermutlich hat das auch viel mit der Berliner Art zu tun, dass man ein wenig kälter und abgebrühter ist als andere. An sich hat Identität für mich etwas damit zu tun, dass du weißt, was deinen Charakter ausmacht und dass du bestimmte Prinzipien hast. Hast du diese klar definiert, hast du auch eine Persönlichkeit. Ich versuche, weitgehend nicht scheinheilig zu sein, auch wenn ich das manchmal noch bin. Ich probiere, so ehrlich wie möglich zu sein und meine Ziele so zu stecken, dass sie für mich auch erreichbar sind. So machen die Charaktereigenschaften, die du dir selbst zuschreibst, die Identität für mich mehr aus als deine Außenwahrnehmung.

Hast du eine Ahnung, woraus diese falschen Vorurteile dir gegenüber resultieren – außer aus der Berliner Attitüde?

Takt32: Im Rap-Genre kann ich das schon nachvollziehen. Besonders, wenn du aus dieser Battlerap-Ecke kommst. Ansonsten glaube ich, dass es in gewissem Maße an der Abschottung liegt. Besonders in Berlin grenzt man sich oft von anderen ab, um auch auf Nummer sicher zu gehen, weil es hier auch genug verrückte Leute gibt. Hier schenkst du einfach nicht jedem dein Vertrauen.

Eigenständigkeit ist einer großer Teil von Identität – Bezieht man das Thema nun auf deutschen Rap: Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Inspiration und Adaption?

Takt32: Persönlichkeit kann man nicht ohne Identität und ohne Individualität haben. Wer beispielsweise nur in einem Gang-Kosmos lebt, verliert auch schnell an Individualität. Das passiert, wenn man nur noch Teil einer bestimmten Entourage ist und sich gar nicht mehr selbst repräsentiert. Eigenständigkeit ist so wichtig, Alleinstellungsmerkmale spielen so eine große Rolle in der Musik. Was unterscheidet meine Musik von anderen? Was ist bei meiner Musik das besondere, das Rapper XY nicht sagt? Ich versuche das sowohl musikalisch zu lösen, indem ich mich nicht in irgendwelche Muster pressen lasse. Wenn ich Lust auf Trap habe, mache ich das. Wenn ich Lust auf Livedrums habe, nehme ich die und wenn ich Bock drauf habe, packe ich alles auf eine Platte und wer soll mich daran hindern?

Dass eine Platte nur ein bestimmtes Soundbild haben darf, ist typisch deutsches Denken.

Inspiration ist immer bis zu dem Maße okay, solang der Hauptteil der Arbeit die eigene Individualität ist. Durch meine zwei Jahre in Frankreich und meine vier Jahre in den USA bin ich auch save beeinflusst. Ich adaptiere auch Dinge bis zu einem bestimmten Grad, aber nie über meine Individualität hinaus. Ich represente immer das, was ich bin und genau das ist ja das schwerste überhaupt. Du musst erstmal herausfinden, wer du bist und wofür du stehst.

Lass uns mal weiter bei diesem Gang-Gefüge bleiben. Aktuell gibt es ja viele Indie-Labels, die einen gemeinsamen Stil verfolgen. Ist es schwieriger in solch einem Gefüge durch Alleinstellungsmerkmalen zu punkten?

Takt32: Voll! Ich glaube, dass die Künstler dann auch dazu neigen, den Sound zu machen, den ihre Entourage macht. Bei KiezKunst sind wir zum Glück so verstreut, dass wir komplett unterschiedliche Einflüsse haben. Jumpa macht aktuell urbane Pophits. FX wiederum ist musikalisch und thematisch auch auf einer ganz anderen Ebene als ich. Das finde ich sehr angenehm. So fällt es einem Zuhörer, der einen bestimmten Sound mag, natürlich schwerer, uns als sein Label anzusehen, von dem er alles kauft. Aber, wenn du Bock auf etwas anderes hast, hör das – der Markt ist ja groß genug. Suchst du aber Abwechslung und nicht Langeweile, bist du bei uns genau richtig.

Du hast vier Jahre deines Lebens in den USA und zwei in Frankreich verbracht. Neben der stilistischen Inspiration – wie erklärt man anderen Kulturen denn deutschen, bzw. Berliner Rap?

Takt32: In den USA bin ich mit meinem Mitbewohner und einer brasilianischen Band durch Bars gezogen. Dort habe ich auch einfach auf deutsch gerappt. In Chicago gibt es eine etwas größere deutsche Szene, aber ansonsten hat das dort natürlich niemand verstanden. Die achten dann eher auf Flow und Aussprache, was bei Deutsch immer etwas schwierig ist, weil die Sprache ja sehr hart klingt. Ich finde, Berliner Rap hat immer noch eine krasse Eigenart.

Besonders, wenn es um Straßenrap geht, ist Berliner Rap ist immer noch der authentischste.

Er ist immer noch sehr real. Das spielt für mich besonders heutzutage eine große Rolle. Du verkaufst ja nicht nur Musik, sondern auch einen gewissen Lifestyle und ein Gefühl, das dahintersteht. Damit dieses Gefühl mich packt, muss es authentisch sein, ansonsten schneidet es sich irgendwann. Ich glaube, Berliner Rap ist da immer noch ein echt guter Vorreiter, das vorherrschende Lebensgefühl authentisch zu vermitteln. Dieses Gefühl ist ein Alleinstellungsmerkmal, das ich auch Amis zum Beispiel erklären würde.

Was macht Berlin anders als beispielsweise Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart?

Takt32: Erstmal bin ich da nicht so in der Materie, weil ich die Städte nicht so gut kenne. In dem Sinne bin ich übrigens auch ein Lokalpatriot, weil ich eben in Berlin groß geworden bin. Die anderen Städte haben sicherlich auch ihre Eigenschaften. Frankfurt würde ich zum Beispiel sehr dicht an Berlin stellen, weil Frankfurt auch diese raue, authentische Straßenmentalität hat. Das merkt man vor allem, wenn man Künstler wie Vega anschaut. Da ist auf jeden Fall sehr viel Realtalk mit drin. Bei Hamburg weiss ich’s tatsächlich nicht. Aber Berlin ist für mich die Geburtsstätte von Straßenrap. Besonders jetzt gibt es eine krasse Entwicklung – du hast Leute wie Chima Ede zum Beispiel, die Straßenmentalität mit musikalischen Dingen mischen. Es ist authentisch, aber dennoch reflektiert, das ist eine krasse Kombo.

Inspiration bezieht sich sicherlich nicht nur auf Musik. Wie hat dich deine Zeit in den USA bezüglich deiner Auffassung von Politik beeinflusst? 

Takt32: Wenn du dich vier Jahre in einem Land aufhältst und dann nicht damit beginnst, das Land besser zu verstehen, dann hast du etwas falsch gemacht. Während meines ersten Jahres in Frankreich habe ich nur mit Ausländern rumgehangen, also mit Leuten, die, wie ich auch, fremd in diesem Land waren, und dann bist du total abgekapselt. Von der französischen Kultur kriegst du so gut wie nichts mit, weil du in solch einem kleinen Kosmos lebst. In den USA wurde ich hingegen direkt in diesen Amerika-Topf geworfen. Natürlich kriegt man im Laufe der Zeit eine andere Einstellung bestimmten Dingen gegenüber. Was die Leute auch immer vergessen: Schauen wir Nachrichten und erhalten Informationen aus anderen Ländern, sehen wir deren Regierung immer als repräsentativ für die Bevölkerung. Wir in Deutschland sollten es ja aber am besten wissen, dass das Gewählte nicht immer das repräsentiert, was die Mehrheit sagt. Die Menschen in den USA sind meiner Meinung nach auch ganz anders als wie wir sie sonst wahrnehmen. Bei der Musik ist das genauso. Du lernst ganz schnell, deren Musik ganz anders zu verstehen. Warum rappt er zum siebten Mal über Codein oder warum ist Geld so wichtig? Materialismus ist in den USA ja noch viel perverser als hier. Die Thematik habe ich nach den vier Jahren definitiv viel besser verstanden.

Thematisch erzählst du in deiner Musik Geschichten von der Straße, ohne jedoch die Gangsta-Schublade aufzustoßen. Wie definierst du deine Musik, ist es doch Straßenrap?

Takt32: Boah, das ist so schwierig. Das Problem ist immer, dass andere einen in eine Schublade stecken, wenn man selbst keine für sich findet. Es ist schon Straßenrap, allerdings kein Gangstarap, der vom Kokain dealen erzählt. Musik von jemandem, der auf den Berliner Straßen unterwegs war, aber keine krassen Millionengeschäfte gemacht hat – dann bräuchte ich nämlich nicht zu rappen. Ansonsten probiere ich die Thematiken, über die ich rappe, immer sehr reflektiert darzustellen, ohne es als Studentenrap zu plakatieren, obwohl ich tatsächlich Student bin.
Vielleicht liegt es auch einfach in der Befugnis des Hörers, zu entscheiden, was ich für ihn bin.

Wenn wir uns auf Straßenrap einigen: Glaubst du, Musik wie deine hat das Potenzial, den Ruf von Straßenrap in der Mittelschicht weiterhin zu heben?

Takt32: Die Frage ist ja: Für wen Potenzial, wem will man gefallen? Ich mache meine Musik nicht für Leute, die meinen, ich müsste so sein, damit ich Teil der Gesellschaft bin.

Ich muss der Mittelschicht nicht gefallen.

Wem ich gefallen will, das sind die Jungs, die mit mir groß geworden sind. Was ich aber will, ist, dass man meiner Musik dennoch einen gewissen Respekt gegenüber bringt. Was man davon hält, ist Geschmackssache. Wenn meine reflektierte Art des Straßenraps dazu beiträgt, der Musik mehr Respekt zu geben, dann ist’s definitiv ein gutes Ziel. Sollte es allerdings dazu dienen, Teil einer breiten Masse zu sein, möchte ich davon kein Teil sein.
Die gute Sache bei Rap ist: Rap braucht keinen Mainstream. Alle regen sich immer darüber auf, wenn der Feuilleton sich über Deutschrap lustig macht. das ist scheißegal, lasst den Feuilleton machen, was er will. Letztendlich verkauft Rap doch trotzdem und ist eines der größten wachsenden Genres, das hat ja eine Basis. Solang Deutschrap authentisch bleibt, wird das auch weiterhin so funktionieren. Von daher ist es eher so, dass Mainstream Deutschrap braucht an einem gewissen Punkt. Da muss sich der Mainstream also Gedanken machen, wie er Deutschrap sieht und nicht andersherum.

Inzwischen befinden wir uns aber auf einem Weg, in dem der Feuilleton nicht mehr über Rap lacht, sondern ihm viel eher Interesse entgegen bringt und immer wieder eine Plattform bietet.

Takt32: Ich sehe das eher in meinem Umfeld. Meine Jungs aus Hohenschönhausen und Wedding feiern die Musik eh, das ist klar. Aber plötzlich merke ich, dass Außenstehen, wie zum Beispiel Leute aus meinem Studium ihre Meinung ändern und Deutschrap nicht mehr als Problem sehen, wie es noch damals der Fall war. Ich glaube, es hat sich dahin gewandelt, dass Rap auch ein Teil von deutscher Musikkultur geworden ist. Es ist nicht wie bei Popmusik und soll einfach nur schön klingen, sondern es hat auch noch eine Botschaft. Deutschrap schafft also den Spagat zwischen politisch und sozial sein und zusätzlich Unterhaltung schaffen. Das schaffen nicht viele Genres. Ich glaube, das hat Deutschland langsam akzeptiert. Man darf den Kapitalismus nicht vergessen: Wenn du Sido und Kool Savas zu Circus Halligalli in die Show stellst, verkauft sich das natürlich besser, weil es oft geklickt wird. Deutschrap-Fans sind halt auch diejenigen, die alles klicken im digitalen Zeitalter. Dennoch haben die Leute akzeptiert, dass es eine Generation gibt, die damit aufgewachsen ist und man diese mehr integrieren sollte.

Lass uns abschließend noch über euer Label KiezKunst sprechen. In den letzten Jahren war eine deutliche Wandlung zu beobachten, was die Major-Indie-Struktur betrifft. Wie stehen aktuell die Chancen für Indie-Labels?

Takt32: Bei KiezKunst machen wir den Verlag, das Booking und alles selbst. Den Vertrieb haben wir an Chapter One abgegeben. Momentan können wir das einfach noch nicht selbst bewerkstelligen. Was den Vertrieb angeht, ist es intelligent, sich einen Partner zu suchen. Wir leben mittlerweile in einem Zeitalter, in dem Streaming und YouTube immer mehr an Bedeutung gewinnt, was bedeutet, dass auch Künstler ohne Major-Verträge riesige Klickzahlen generieren können. So kann man sich die Frage stellen: Wozu brauche ich noch einen Vertrieb? Natürlich wird physisch immer noch gut gekauft, aber ich behaupte, im Deutschrap liegt das nur an den Boxen. So ist ja die Frage, wenn sich die Streaming-Sache immer weiterentwickelt und auch relevant für die Charts wird: Wozu brauche ich noch einen großen Vertrieb? Ich glaube auch, das ist der Punkt, wo auch die Majorlabels langsam umdenken müssen. In den nächsten Jahren wird es total spannend, zu beobachten, wie sich die Major-Indie-Struktur ändert. Ich glaube, dass Independent-Labels immer mehr Möglichkeiten haben. Natürlich spielt die Größe auch eine Rolle. Bei einem Kool Savas oder einem Haftbefehl macht ein Majorlabel wieder mehr Sinn. Da kannst du mal eben einen T-Mobile Gig organisieren oder die Mercedes Benz Arena mieten. Auf dem Level, auf dem sich circa 90 Prozent der deutschen Rapper bewegen, ist die Indie-Label-Lösung die bessere.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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