Swizz Beatz: „Jeder hat von der Bronx genommen.“

Die meisten dürften Swizz Beatz als einen der gefragtesten Hip-Hop Produzenten kennen. Hit Records wie „Party Up (Up in here)“ von DMX, „Million Dollar Bill“ von Whitney Houston und „On to the next one“ von Jay Z gehen auf seine Kappe. Viele wissen jedoch nicht, dass Swizz leidenschaftlicher Kunstsammler ist und sogar selbst gelegentlich den Pinsel in die Hand nimmt. Eine Weile nach dem er  The Dean Collection gründete, tat er sich mit BACARDÍ zusammen und rief ein einzigartiges Konzept ins Leben. Eine ganz spezielle Kunstmesse namens No Commission, welche sich dadurch auszeichnet Kunst mit Musik zu verbinden und speziell darauf ausgerichtet ist Künstler zu unterstützen. Wie der Name No Commission (= keine Umsatzbeteiligung) schon sagt, dürfen aufstrebende und bereits etablierte Künstler provisionsfrei ausstellen und 100% ihrer Einnahmen behalten. Sowohl der Eintritt für die Besucher, als auch die Getränke und die Konzerte im Anschluss sind kostenfrei. Im vergangenen Jahr gaben unter anderem Alicia Keys, Wiz Khalifa, ASAP Rocky und Pusha T Auftritte. Nachdem Swizz Beatz und sein Team mit No Commission schon Miami und London besuchten, stehen 2017 Shanghai und sogar Berlin an. In unserem Interview erzählte uns Swizz woher er die Inspiration dafür nahm, welche Rolle sein Einfluss auf die breite Masse dabei spielt und welche Statements er mit No Commission setzen möchte.

Swizz Beatz – The Dean Collection X Bacardi Present No Commission

 

„Von Künstlern, mit Künstlern, für die Menschen.“

 

Wie lang hat es gedauert eine Idee wie No Commission auf die Beine zu stellen?

Es hat sehr, sehr lang gedauert. Kunst war schon immer Teil meines Lebens. Ich bin großgeworden in der Bronx, war immer umgeben von Musik und Kunst. Je älter ich wurde, desto besser wurde mein Kunst-Verständnis. Irgendwann find ich an, Kunst zu sammeln und wirklich alle Seiten des Business zu verstehen. Als ich das alles dann endlich verstanden und realisiert habe, wollte ich ein paar Dinge verändern: Der Sammler gewinnt, die Messe gewinnt, die Gallerie gewinnt – und die Künstler müssen schauen, wo sie bleiben? Und ich dachte, das wäre nur in der Musik so. Aber zu sehen, dass das auch in der Kunst passiert… Ich sagte mir, wenn ich jemals die Chance bekommen sollte das zu ändern, dann will ich das machen!
So bin ich auf die Idee gekommen. Ich dachte: Was wäre, wenn Künstler kostenlos ausstellen dürften? Was wäre, wenn sie 100% ihres Gewinns behalten könnten? Was wäre, wenn die Leute die Show kostenlos besuchen könnten? „Von Künstlern, mit Künstlern, für die Menschen.“ So ist das Konzept entstanden. Ich habe mit BACARDÍ einen Partner gefunden, der diese Regeln versteht und sie respektiert. Das wirft auch ein gutes Licht auf ihre Marke. Ich hoffe, das inspiriert andere Marken dazu Dinge zu tun, die Künstler 100% frei sein lassen.

Das klingt so, als wären unheimlich viele Gedanken in dieses Projekt gesteckt worden – was war denn die größte Herausforderung dabei, das aufzuziehen?

Ich denke, die größte Herausforderung dabei war, die Leute vom Mitmachen zu überzeugen, obwohl sie nicht wirklich etwas davon haben. Wir verlangen keine Eintrittspreise, berechnen keine Getränke, kein Nenngeld für die Performances, keine Provision von den Künstlern… so viel Geld, das liegen bleibt. Jeder in der Wirtschaft würde sagen: „Wir stecken all das rein, aber sind an nichts beteiligt?“ Meine Antwort lautet: „Ihr SEID beteiligt! Eure Marke wird zum Beispiel die Marke der Wahl sein, wenn jemand Durst bekommt.“ Glücklicherweise haben wir einen CEO, der aufgeschlossen ist, über den Tellerrand schaut und sagt: „Genau da wollen wir sein.“

Einer eurer Schwerpunkte ist, es Musik mit Kunst zu kombinieren – glaubst du, das lockt Leute an, die sich davor vielleicht nicht allzu sehr für Kunst interessiert haben? War das ein Stück weit auch deine Intention?

MIAMI, FL – 02. Dezember 2016: Lenny Kravitz und Swizz Beatz, BACARDI X The Dean Collection present No Commission & Untameable House Party Concert Series (Photo by John Parra/Getty Images for Bacardí) 

Meine Intention war, Bruder und Schwester wieder zusammenzuführen, denn Musik und Kunst waren schon immer eng miteinander verbunden. Sie gehörten von Anfang an zusammen. Doch wie so oft, kam das Kommerzielle dazwischen und hat die beiden voneinander getrennt. Also wollte ich sie wieder vereinen. Wenn man durch die Ausstellung läuft, fühlt es sich durch die Musik viel vertrauter an. Wir wollten eine neue Herangehensweise schaffen. Denn Gallerien können manchmal so steril sein. Man hat das Gefühl man dürfe nichts anfassen, könne sich nichts leisten oder sei nicht willkommen. Es ist noch nie vorgekommen, dass ich in einem Atelier eines Künstlers war und es keine Musik oder keine gute Energie gab. In einem Musikstudio sit es genau dasselbe. Deshalb wollte ich das wahre Umfeld zurückbringen. Die Menschen sollen begeistert sein, sie sollen Lust bekommen, ihr allererstes Kunstwerk kaufen zu wollen. Unsere Preise beginnen bei ein paar Hundert Dollar und gehen bis ein paar Tausend. Ich liebe es eine Mischung zu haben – das macht das Ganze auch attraktiver. Ich denke, all diese Dinge  bringen mehr Besucher. Die Leute, die vielleicht wegen ASAP Rocky gekommen sind, erkennen dann, dass es um viel mehr geht.

Du, als Swizz Beatz, hast natürlich auch eine gewisse Reichweite – welche Relevanz hat dein Name dabei, andere Zielgruppen anzusprechen?

Diese Frage ist wirklich wichtig, denn die Leute haben ganz lange beobachtet, wie ich selbst Kunst sammle. Ich habe ziemlich lang darüber geschwiegen, bis ich anfing, für Reebok zu designen und Basquiats Gesicht auf Shirts zu drucken. Das habe ich gemacht, um ein Bewusstsein für Kunst zu schaffen. Und plötzlich fingen die Leute an Basquiats Namen in Songs zu rufen. Das ging irgendwann so weit, dass Basquiat nur erwähnt wurde, weil es sich cool anhörte. Das war gar nicht mein Ziel. Das war nicht die Message, die ich verbreiten wollte. Nicht, dass Basquiat eine falsche Message wäre, aber die wenigsten können sich ein Werk von ihm leisten. Die Preise sind einfach Wahnsinn. Wie soll ich also die Massen beeinflussen, wenn die meisten sich nicht mal leisten können, was ich ihnen da zeige? Das ist doch Zeitverschwendung: Man hat die volle Aufmerksamkeit der Leute und zeigt ihnen dann einen 15-Millionen-Dollar-Basquiat. Deshalb wollte ich aufstrebenden Künstlern meine Plattform geben und habe The Dean Collection gegründet. Ich habe deren Werke gekauft und auf meinen Social Media Kanälen geteilt. Sie haben mich angerufen und gesagt: „Hey Swizz, Danke! Wegen dir ist meine Show ausverkauft.“ Ich habe ständig solche Anrufe bekommen und merkte, dass ich so vielen Leuten mit meiner Plattform helfen kann. Ich hatte keine Ahnung, dass das so mächtig ist. Das ist auch Teil der Idee von No Commission. Die Künstler brauchen nur eine Gelegenheit. No Commission ist keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern eine Plattform, die Chancen und Möglichkeiten bietet. 

Findest du, dass durch den Fokus, der so auf dem Erfolg liegt, manchmal vergessen wird, dass Musik auch Kunst ist und viel künstlerische Arbeit darin und dahinter steckt?

Ich glaube, viele Leute halten Musik nicht für Kunst, weil ein Großteil der Musik, die sie hören, keine wahre Form von Kunst ist. Wirst du den Song nächstes Jahr zur selben Zeit immer noch mögen? Erinnerst du dich daran, wo du warst, als der Song gespielt wurde? Erinnerst du dich daran, was du anhattest? Daran erkennt man, ob es wirklich die wahrste Form von Kunst ist, weil der Moment eingefangen wird. Ohne jetzt einem Songwriter oder Produzenten etwas absprechen zu wollen, aber es ist heute fast wie in einer Fabrik. Anstatt sich Zeit zu nehmen und ihre wahren Fähigkeiten nutzen – denn ich glaube, jeder ist talentiert – wollen die meisten Künstler keine harte Arbeit investieren. Sie besorgen sich einen heißen Beat, rappen ein paar Wörter, machen den Chorus beliebt, färben ihre Haare, machen irgendwas ungewöhnliches, erschaffen einen Swag – fertig ist die Mogelpackung. Es gibt nur eine Hand voll Musiker, die wirklich jeden Tag das leben, was sie sagen. Wenn wir die besten aufzählen müssten, würden wir beide wahrscheinlich die gleichen fünf Namen nennen. Und es gibt mehr als hunderttausend Künstler – das sagt doch schon einiges.

Swizz

LONDON, ENGLAND – 08. Dezember 2016: Swizz Beatz und Nicole Scherzinger, The Dean Collection X Bacardi Present No Commission (Photo by David M. Benett/Dave Benett/Getty Images for Getty Images)

Fühlst du dich – als jemand, der beide Welten gut kennt – dazu verpflichtet, die Menschen daran zu erinnern und hevorzuheben, dass Musik sehr wohl Kunst ist?

Absolut, das ist meine Aufgabe! Und manchmal mache auch ich nicht den besten Job, weißt du, wir alle lassen uns ab und an hinreißen, denn schließlich macht es auch Spaß. Manchmal will man Dinge nicht so ernst nehmen, sondern einfach Spaß haben und den Leuten was zum tanzen geben. Und das ist ja auch okay. Jeder ist frei, das zu tun, was er möchte. Aber ich finde die Leute sollten wissen, dass alles Kunst ist. Was du als Songwriter machst ist Kunst… Fotografie, Videografie, Mode, Musik, Architektur – am Ende des Tages ist alles Kunst. Jede Form von Kreativsein ist Kunst. Die Leute sollten die Wichtigkeit von Kunst erkennen und sie wahrnehmen. Meine Message ist es, seine Kunst immer zum Ausdruck zu bringen. Wenn ich nicht alle möglichen Formen von Kunst äußern würde, wäre ich heute noch DJ. Erforsche einfach die Dinge, die dich reizen  und begeistern. Die Dinge passieren nicht, wenn du kein Risiko eingehst. Die erfolgreichen Leute, die self-made sind, sind deshalb so erfolgreich, weil sie ein gewisses Risiko eingegangen sind. Unser Hirn sagt uns so oft „Tu es!“- doch wir hören leider nicht immer darauf.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass euer Event in Miami, der South Bronx und London stattgefunden hat. Shanghai und Berlin sind als nächstes auf dem Plan – Warum dort?

Ich wollte bei Art Basel starten, weil ich dieses gewohnte Muster durchbrechen wollte. Weißt du, dieses ganze Miami-Ding lief fast per Autopilot und ich fand, es wurde viel zu vorhersehbar. Ich wollte einfach aus dem Nichts auftauchen und es nur eine Woche vorher ankündigen, damit niemand mehr richtig Zeit hat, sich darauf vorzubereiten. Und auf einmal hieß es: „Heilige Scheiße, was ist dieses No Commission Ding, um das sich alle tummeln?“ Und als sie diese Entdeckung machten, sahen sie auch noch, dass es kein Gimmick war, sondern etwas Echtes. Zu sehen, dass die Leute so hungrig nach Authentizität sind, war bahnbrechend für mich. Ich meine, die Leute sind Wände hochgeklettert, nur um zu sehen, was da los ist. Danach musste ich mir überlege, wie man an diesen Erfolg anknüpfen und wieder etwas Unvorhersehbares schaffen kann. Hmmm… die South Bronx! Die Leute dachten, ich sei verrückt. „Neeein, Swizz, es ist nicht sicher dort, lass uns einfach nach Brooklyn gehen, oder wir machen es in Chelsea.“ Nein, man – Die Bronx! Ich komme aus der Bronx, Hip-Hop hat ihren Ursprung in der Bronx, viele Graffiti-Künstler haben in der Bronx angefangen – die Bronx ist die Essenz. Jeder hat von der Bronx genommen, aber keiner etwas zurückgegeben.

Also so ein „back to the roots“ Ding?

Ja, genau! Lass uns „back to the roots“ gehen und zeigen, dass wir mutig sind, wirklich keine Angst vor den Leuten dort haben und etwas tun wollen, was keine andere große Marke je tun würde. Mein Team was anfangs dagegen, aber ich sagte ihnen: „Hört mal, ihr müsst mir vertrauen! Zu der Bronx kommt man am schnellsten von Manhattan – die Brücke ist gleich hier. Es ist einfacher als Brooklyn und einfacher als alles andere.“ Und die Show wurde so gut. Es gab nicht eine Streiterei, nicht eine Auseinandersetzung, nicht ein schlechter Vibe in der South Bronx, drei volle Tage lang! Das ist ein riesengroßes Ding. Wenn man den Leuten das richtige Zeichen gibt, dann stimmt der Vibe auch. Man, war das großartig. Und dann London: London ist sehr rebellisch und hat viel durchgemacht. Wenn du in London niemanden kennst und auf eigenen Beinen stehen willst, kann das ziemlich hart sein. Wir wollten den Underground Vibe in London repräsentieren – in die schmuddeligste Räumlichkeit und dort Kronleuchter aufhängen. Und Shanghai – die ganze Welt spricht über China. Aber wenn man sich die Nachrichten über China anschaut, geht es meist um politische Dinge, die nicht unbedingt den positivsten Vibe tragen. In der Welt gibt es zu viele negative Nachrichten. Wir können das ändern, indem wir die Aufmerksamkeit auf etwas wie No Commission lenken. Das sind Leute, über die sonst wahrscheinlich nie jemand reden wird. Aber stell dir vor, sie machen richtig geilen Scheiß und man sollte über sie Bescheid wissen und sie unterstützen! Aber Shanghai ist eine Challenge und wegen der ganzen Regeln dort ist es unheimlich schwierig. Jedes Kunstwerk musste von der Regierung überprüft werden. Also kann man sich vorstellen, wie hart es für Künstler ist, neue Wege zu gehen und global erfolgreich zu werden.
Die Aufgabe von No Commission ist es, die Kreativen zu stärken und das haben wir erfüllt.

Eine Bewegung, die wir mehr als nur gut finden. Wer Lust hat dieses bereichernde Event in Deutschland mitzuerleben, sollte sich den 29. und 30. Juni freihalten – Berlin calling!

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Wenn ich meine Kopfhörer aufhabe und Hip-Hop höre, stör mich lieber nicht. Ansonsten bin ich ganz nett.