Suomi Räp – Ein Überblick über die finnische Rap-Szene

Suomi

 

Zwischen dem 60. und 70. Breitengrad befindet sich auf einer länglichen Fläche von 338.424 km² eins der nördlichsten Länder der Welt: Finnland. Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern, was in etwa der summierten Bevölkerungszahl von Hamburg und Berlin entspricht, ist es ein licht besiedeltes Land, wobei sich eine höhere Bevölkerungsdichte im Ballungsraum der Großstädte abzeichnet. Die drittgrößte Stadt des Landes, Tampere, liegt im Südwesten. Dort findet jährlich im Herbst eine genreübergreifende, mehrtägige Musikkonferenz namens Musiikki & Media (Music and Media) statt, die in das Festival Lost in Music übergeht, welches den Grundgedanken des internationalen Austausches und Export der finnischen Newcomern pflegt. Auch wenn der finnische Musikexport in erster Linie Metal-Bands, wie HIM, Lordi oder Nightwish in die internationale Musikbranche katapultiert hat und somit den Anschein erweckt, dass Metal das größte Genre in der finnischen Musikszene ist, so gibt es ein anderes Genre, das nach jahrelangen, schwankend Wachstum nun an einem Etappenziel auf dem Weg zur erfolgreichsten Musikrichtung des Landes angekommen ist: Rap. Die Zeiger auf dem Tacho stehen also auf fünf vor zwölf – höchste Zeit, um die finnische Rapszene in ihrer Gänze näher zu betrachten. Im Rahmen der Music & Media-Konferenz war Niko BACKSPIN in Tampere und hat vor Ort mit mehreren, verschiedenartigen Artists der dortigen Szene gesprochen. Wie der Sound der finnischen Rap-Szene klingt, wie sie entstanden ist, wie die dortige Musikindustrie abläuft und wie die alte Generation von einer neuen abgelöst wird, wird hier thematisiert. Zusätzlich stellen wir nun an jedem Tag dieser Woche einen Artist der Szene vor, wobei ein Auge auf den Künstler selbst gerichtet ist und das andere die finnische Rap-Szene in ihrer Gänze, aus Sicht der Künstler, im Blick hat. Außerdem wird es einnen Videoblog, „Niko knows…“, geben, bei dem unser Chefredakteur die Eindrücke und Erkenntnisse seiner Reise präsentiert.

Die Entwicklung der Rap-Szene

Wickeln wir das Ganze also chronologisch ab und kommen zunächst zu den Ursprüngen der finnischen Rapszene und finden uns dafür in den Achtziger Jahren ein. Mit der Kommerzialisierung des US-amerikanischen Hip-Hops überschwemmte Europa, Anfang der Achtziger Jahre, eine Welle, bestehend aus Djing, Writing, B-Boying und MCing, und brachte die Subkultur auf den hiesigen Kontinent. Soweit ist das erstmal nichts neues, da unter anderem auch die deutsche Rapszene auf jener Entwicklungen aufbaut. Einziger Unterschied: In dem nordischen Land startete die ernsthafte Entfaltung der Subkultur erst Ende der Neunziger, während zu dieser Zeit in Deutschland Rap schon lange den Mainstream erreicht hatte und bereits seit Anfang der Neunziger zum Beispiel Die Fantastischen Vier einige Charterfolge einheimsen konnten. Ernsthafte Entfaltung darum: als erster Rap-Track der aus den finnischen Reihen stammt, wird General Njassa mit „I’m Young, Beautiful and Natural“ geahndet. Im Netz kursieren ein paar Versionen des 1983 veröffentlichten Tracks, der im aufgesetzten Eurodance der 80s daher kommt und mehr eine Paraodie der damals jungen Subkultur, denn als wertvoller Beitrag zu werten ist. Nach diesen ersten Gehversuchen im Sprechgesang, konnte Finnland in einem anderen der vier Elemente punkten: Writing. Das Land, welches an Norwegen, Schweden und Russland grenzt, konnte in den Achtzigern im Graffiti-Kult Wurzeln schlagen und somit das Spiel ins Rollen bringen.

„Leute die sprayen, reisen viel umher und können andere kennen lernen, in Russland, Europa und bringen das alles mit. Dann kommt die Dj-Kultur und dann die MC-Kultur. Ich glaube so ist in etwa der Trend. Schon in den Achtzigern gab es in Finnland überall Writer. Das mag auch mit den Immigranten in der Zeit zu tun haben, die viel neues mitgebracht haben und somit einen großen Einfluss hatten.“ (MC Särre)

Nachdem der erste Rap-Track, ganz nach Vorbild, auf englisch präsentiert wurde, kehrten die ersten vollblütigen MCs zu ihren Ursprüngen zurück und begannen auf finnisch zu rappen. Als anfängliche Protagonisten der nordischen Rapszene gilt das Hip-Hop Trio Ceebrolistics, bestehend aus Pijall, MattiP und Roopek. Die Formation, die zum Murrmurecordings Kollektiv zählt und seit Anfang der Neunziger Musik teils auf englisch, aber zum Großteil auf finnisch fabrizierte, eröffnete die Rap-Szene mit Concious-Rap – holprige Boom-Bap-Beats, gepaart mit entspannten finnischen Phrasen.

Aber auch ihr Stil sollte sich weiter entwickeln und durch neue Inspirationen beeinflussen lassen. So beschreibt MC Särre, der sowohl Solo, als auch als Teil der Rap-Formation Loost Koos unterwegs ist, seine Begegnung mit der Subkultur und vor allen Dingen mit dem Trio.

„In den späten Neunzigern wurde ich von einer Gruppe aus Helsinki namens Ceebrolistics, die zum  Murmurrecordings Kollektiv gehören, beeinflusst. Die Gruppe ist zum Networking nach LA geflogen und war dort im Untergrund, auf Battles, unterwegs. Dort haben sie diesen schnellen Stil des Rappens, Chopping, aufgegriffen und haben diesen Stil mit nach Finnland gebracht.“ (MC Särre)

Auch wenn nun die ersten Schritte in Richtung einer eigenen MC-Kultur geschafft waren, blühte die Musikrichtung erst im Laufe der Zeit weiter auf. Während in den Nuller Jahren in Deutschland Gangsta-Rap ein fester Bestandteil des Genres darstellte, befand Finnland sich noch im Würgegriff des Concious-Rap. Mit Fintelligens, bestehend als Elastinen und Iso H., tauchte ein erster Funken, am noch so leeren Sternenhimmel der Rap-Szene auf. Elastinen beschreibt den Beginn einer neuen Ära, herbei geführt durch die eigene Musik, wie folgt:

„Wir hatten den ersten Major-Label Erfolg überhaupt im finnischem Hip-Hop. Von da an haben Major-Lables weitere Deals rausgehauen. Viele wurden unter Vertrag genommen und die Kultur boomte für knapp zwei Jahre. Überall war finnischer Hip-Hop, jeder hat neue Sachen releast – es war wirklich ziemlich cool. Finnischer Hip-Hop war zu dieser Zeit echter Hip-Hop. Selbst die kommerziellen Sachen waren richtiger Backpack-Rap. Die Kultur startete hier erst langsam durch.“ (Elastinen)

Im Laufe der Zeit begann die Subkultur, trotz kurzzeitigen Einbruch, stetig zu wachsen. Lange Zeit alles unter dem Boom-Bap Vorbehalt, bis die Artists experimenteller wurden. Elastinen, Influencer seines Zeichens, führt den Ausbruch aus dem finnischen Sound der Nuller Jahre auf seine Kappe zurück:

„2006 habe ich den ersten uptempo Track veröffentlicht. Es war kein Techno, aber einfach ein schnellerer Beat. Das öffnete einige Türen und die Musik wurde offener. Ich habe viel mit dem Sound herum experimentiert und habe so den Trap-Sound in den finnischen Rap gebracht.“ (Elastinen)

Dies war die Schwelle der alten Generation, die langsam überwunden wurde. In dieser Zeit bildete sich eine Kluft, welche die Szene im kriechenden Tempo in Untergrund und Mainstream spalten sollte. Der Sound entwickelte sich immer mehr weg von Boom-Bap und reichte bis hin zu rein elektronischen Instrumentals. Zunächst tauchten aber verschiedene Artists auf, die mit der Musik spielten und sich ihren eigenen Sound kreierten. Als Beispiel sei hier die Formation Loost Koos genannt, deren Sound an Boom-Bap angelehnt ist und auf Samples aus den verwandten Genres Soul und Jazz basieren. Das Gesamtkonzept klingt stellenweise wie eine suomi Version von Fettes Brot in ihrer „Auf einem Auge blöd“-Zeit. Von 2002  bis 2013 war das Gespann um MC Särre in der Subkultur tätig.

Im Zuge dessen traten immer mehr Artists ins Rampenlicht, die durch ihren neuartigen Sound auffielen. Interessanterweise lehnt die Mehrheit dieser Rapper, die zu einer neuen Generation formiert sind, ein Bruchstück ihrer nationalen Identität, die finnische Sprache, ab. Die wilde Aneinanderreihung von Buchstaben sieht für Leute, die keinerlei Kontakt zu oder Kenntnisse über nordische Sprachen pflegen nicht nur befremdlich aus, sondern klingt auch so. Somit ist es erschwert einen Zugang zu der Musik zu erlangen, von der man lediglich im Sinne der Soundästhetik als Außenstehender urteilen kann. Ein Rapper dieser neuen Generation, die auf die aktuellen Jahre zu datieren ist, stellt Noah Kin dar – Er rappt ebenfalls auf englisch und das sogar ziemlich erfolgreich. Sein Sound basiert in erster Linie auf dynamischen, melodischen Elektrobeats, auf die er mit seiner kräftigen Stimme persönliche Materie presst. Mit diesem Stil konnte er im internationalen Feld für mächtig Wirbel sorgen und Konzerte jenseits der finnischen Grenzen spielen. Auch als Opener für mehrere internationale Größten, wie  Wiz Khalifa, Kendrick Lamar und Earl Sweatshirt stand der Anfang Zwanzigjährige bereits auf der Bühne. Sein Erfolgskonzept ist also aufgegangen und die Entscheidung auf der Weltsprache zu rappen, hat ihm die internationale Tür geöffnet.

Experimenteller wird der Sound bei View. Mit seinen hypnotischen Klängen setzt er charakteristische Akzente in der Szene. Auf Englisch rappt er mit seiner tiefen, monotonen Stimme und präziser Aussprache auf futuristische Instrumentals, die sich über die komplette Facette der elektronischen und traditionellen Klangerzeuger erstrecken.

So selbstbewusst wie seine Musik klingt, sieht der junge Finne auch den Wandel in der Szene, ausgelöst mitunter durch seine eigenen Werke.

„Wir haben das Blatt in Finnland schon gewendet. Wir bekommen eine viel größere mediale Präsenz. Unsere Musik wird im finnischen Radio gespielt und dort wird eigentlich nur die Musik von den großen Rappern präsentiert. In den letzten paar Jahren hat es sowieso kein englischer Rap von finnischen Künstlern ins Radio geschafft. Mittlerweile gehören wir zu den am viert häufigsten gespielten Artists in den finnischen Radiostationen.“ (View)

Das einzige was die mittlerweile vielfältige Szene verbindet ist ihre thematische Nähe. Ein Land das im Sommer nicht dunkel wird und im Winter nicht hell wird, überträgt eine bittersüße Melancholie an seine Bewohner. Persönliche Geschichte und tiefe Emotionen finden ihren Ausdruck im Rap. Ausbrüche in Sub-Genre wie Gangsta-Rap sind in dem idyllischen Land nicht zu verbuchen.

„Es ist einfach ehrlich Musik, die von finnischen Leuten handelt. Gangsta-Rap kommt nicht zustande, weil wir hier einfach nicht diese sozialen Probleme haben, wie zum Beispiel in Paris. Finnischer Rap wurde und wird von den Szeneleuten gemacht.“

Besonderheiten der Musikindustrie

Während in Deutschland trotz der Digitalisierung der Musikmedien die Verkäufe der physischen Tonträger, immer noch die der digitalen Tonträger übertrumpfen, zeichnet sich in Finnland ein Trend ab: 2014 konnten erstmals mehr digitale, als physische Verkäufe verbucht werden. Die Digitalisierung hat in dem nordischen Land voll eingeschlagen. So sind YouTube-Klicks, oder Tonträgerverkäufe, die hierzulande den kommerziellen Erfolg der Artists ausmachen, in Finnland nur nebensächlich – Was dort zählt sind die Abrufe auf dem Streaming-Dienst Spotify. Das 2006 im Nachbarland Schweden gegründete Unternehmen ist mehrfach in die Kritik geraten. Grund dafür sind die minimalen Verdienste, welche die Künstler durch das Abspielen ihrer Songs auf dem Streaming-Dienst einfahren können. Aus diesem Grund hat Spotify 2013, nach öffentlich diskutierten Kritiken die Zahlen offen gelegt. Insgesamt 70 Prozente der Einnahmen übergibt der Streaming-Dienst an die Musiklabels. Wie viel davon bei den Künstern landet, ist vertragsbedingt. In etwa gehen aber pro abgespielten Song zwischen 0,60 und 0,84 Cent an die jeweiligen Rechteinhaber. Da der Streaming-Dienst das Zentrum des Musikabrufens ausmacht, sind die Abspielzahlen dementsprechen hoch. Für ein Land mit knapp 5,5 Millionen Einwohner kann der etablierte Künstler Elastinen mit „Tätytyy Jaksaa“ knapp 7,3 Millionen Aufrufe verbuchen.

Im direkten Vergleich zu dem Verkauf von physischen Single-Tonträgern, unterscheidet sich der Verdienst nicht wesentlich. Problematisch ist an Spotify die Gratisnutzfunktion, welche die Musiklabels und somit letztendlich auch die Künstler Verluste verbuchen lässt. Dies haben die Wissenschaftler Wlömert und Papies in einer Studie herausgefunden. Eine weitere Besonderheit ergibt sich zudem aus der Tatsache, dass Spotify das Zugpferd der finnischen Musikindustrie ist: Musiklabels fordern vorwiegend Singles von ihren Artists ein, da diese eine größere Reichweite, als komplette Alben haben.

„Wenn du heutzutage ein Album in Finnland veröffentlichst, sind darauf etwa neun bis zehn Songs und acht davon sind Singles. Ein Album ist keine in sich geschlossene Geschichte mehr, sondern nur da, um Singles zu sammeln. Ich finde Alben sind der Schlüssel zum Herzen eines Künstlers.“ (View)

Da in erster Linie Major-Label derartige Deals abschließen, konzerntrieren sich die einige der Rapper auf Indiependente-Label, wie das 1997 gegründete Monsp Records, das zunächst Künstler aus dem Punk-Genre signte und nun vorwiegend Rap-Artists, wie unter anderem Loost Koos, Phyimis und Tommishock zu den eigenen Rängen zählen kann. Oder Cocoa Music, das mit Noah Kin und Biniyam die Köpfe der neuen Rap-Generation unter Vertrag haben. Problematisch wird es bei der Label-Suche für die Künstler die auf englisch rappen ohnehin, da Major-Label ausschließlich finnischsprachige Rap-Artists aufnehmen. Für sie gibt es nur zwei Alternativen. Entweder releasen sie auf eigene Faust, oder versuchen bei einem der Indie-Label unterzukommen. Ein ausschließlich Hip-Hop bezogenes Indie-Label stellt Rähinä Records dar. Letzteres wurde unter anderem von Elastinen gegründet und gilt mittlerweile als das viertgrößte Label des Landes. Die damalige Intention zur Gründung erklärt der Rapper und Rähinä-Kopf wie folgt:

„In 2003/4 passiert irgendwas und die Hip-Hop Blase platzte einfach. Alle Major-Label haben ihre Rapper plötzlich  fallen lassen. Es ist schwer zu sagen was der Grund dafür war. Das war der Punkt als wir unser eigenes Label eröffnet haben.“ (Elastinen)

Auch in Finnland gilt, die Indie-Label verschaffen ihren Artists einen größeren Spielraum für die künstlerische Freiheit. Der fortschreitenden Digitalisierung können sie sich aber auch nicht entziehen. Demnach fahren die finnischen Künstler einen Großteil ihrer Finanzierung durch Konzerte ein. Die Popularität der Subkultur äußert sich zudem in der wachsenden Festivalkultur, die den finnischen Rapper eine große Plattform bietet. Eins dieser Open-Air Konzertmarathons ist das Blockfest, das seit 2008 jährlich im  Sommer stattfindet und gleichwohl US-Amerikanische, als auch finnische Rap-Artists supportet.

Fazit

Die finnische Rap-Szene ist überschaubar, bietet aber ordentlich Potential. Durch das internationale Sprungbrett, dass sich einige der Newcomer mit der Wahl für englischsprachigen Rap geschaffen haben, wird man von dem ein oder anderen sicherlich noch hören. Die Entwicklung der Szene scheint gar nicht mal so fremd zu sein und erinnert in den Grundzügen an die Entstehung des deutschsprachigen Rap. Vehementer Unterschied: der zeitlich verzögerte Erfolg der Subkultur.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich da nur Spannung aufgebaut hat. In anderen europäischen Ländern, Frankreich zum Beispiel, ist der Gipfel sozusagen schon erreicht worden. Der Erfolg kam einfach später, als in den anderen europäischen Ländern.“ (Elastinen)

The following two tabs change content below.
Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

1 Comment

  1. Mackisback

    15. November 2016 at 9:16

    Cool,
    danke sehr interessant,
    mich würden nochmehr Auslandseinblicke sehr freuen…
    Peace

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.