Stammtisch: Niko, Falk, Fler und Tobi Schlegl (aus BACKSPIN #115)

Gibt es keine kreativeren Beleidigungen?

Eine Talkrunde mit Tobi Schlegl, Falk Schacht und Fler

Am 28. März hat sich die Sendung „aspekte“ im ZDF dem Thema Homophobie in Rap-Texten angenommen. Es wurde ein kurzer Film mit Said, BSH und Prinz Pi gezeigt, anschließend kamen Sookee und Marteria als Studiogäste zu Wort. Falk Schacht kritisierte die Sendung in einem offenen Brief, „aspekte“-Moderator Tobi Schlegl anwortete ebenfalls mit einem offenen Brief. Wir haben die beiden zu einem Gespräch eingeladen. Als dritten Talkgast luden wir Fler dazu, einen Rapper, der bekanntermaßen Erfahrung damit hat, auch von Mainstream-Medien für seine Texte kritisiert zu werden.

Niko: Tobi, in deinem offenen Brief als Antwort auf Falks Kritik hast du sinngemäß geschrieben, dass sich die Gesellschaft, und damit auch die Hip-Hop-Szene, mit dem Thema Homophobie auseinandersetzen müsse. Bereitet dir die Wortwahl gewisser Künstler Probleme?

Tobi: Zunächst: Hip-Hop muss gar nichts. Die Ge- sellschaft sollte sich immer wieder hinterfragen. Gerade wenn es um Themen wie Homophobie und Frauenfeindlichkeit geht. Und zu dieser Ge- sellschaft gehört auch Hip-Hop.

Niko: Deshalb wurde das Thema von der „aspekte“-Redaktion aufgegriffen?

Tobi: Wir hatten das ehrliche Bedürfnis, uns mit Hip-Hop auseinanderzusetzen. Wir hatten einen Film mit Said, Bass Sultan Hengzt und Prinz Pi, die wir interviewt haben. Die Überschrift des Films war: „Wie authentisch ist Hip-Hop und was macht den Hip-Hop aus?“ Dazu waren Sookee, die für eine gewisse Haltung steht und gegen das Testosteron im Hip-Hop kämpft, und Marteria im Studio. Wir wollen mit unserer Sendung die Kunst ernst nehmen, aber nicht nur Hofbericht- erstattung machen. Wenn du dich als Journalist mit Dingen auseinandersetzt, suchst du natürlich auch einen Kritikpunkt. Zudem zeigen die Mode- ratoren von „aspekte“ Haltung. Und für mich war ein Kritikpunkt, dass es 2014 immer noch Homophobie und Frauenfeindlichkeit in Songtexten gibt.

Niko: Falk, du hast die Sendung mit einem offenen Brief kommentiert. Was hat dich dazu veranlasst?

Falk: Der Grund, warum ich Journalist bin, ist, dass ich immer unzufrieden mit der Berichter- stattung der Mainstream-Medien über Hip-Hop war. Ich reagiere da als Medienkonsument. Und mir wurde dieses kritische Thema, das für mich sehr komplex ist, schlicht zu kurz besprochen. Homophobie oder Frauenfeindlichkeit in Hip- Hop-Texten kann man nicht in 120 oder 180 Sekunden klären.

 Niko: Würde Hip-Hop eigentlich einen Teil sei- ner Spannung verlieren, wenn man aus Rück- sichtnahme eine Art Selbstzensur betreibt?

Tobi: Total! Wir sind die Letzten, die sagen, dass Hip-Hop irgendwelchen Regeln folgen soll. Hip-Hop, Kunst und Satire dürfen einfach alles, und so muss es auch bleiben. Der Punkt, wo Falk gebissen hat, war nur, dass er gemerkt hat, dass die Medien plötzlich den Zeige nger gehoben haben. Aber so war es nicht gemeint. Die Redaktion von „aspekte“ weiß, dass Hip- Hop Straße und Jugendkultur ist. Die einzige Sache, die Falk gestört hatte, war meine über- spitzte Frage, warum es mit den Texten so sein muss.

Falk: Nein, was mich störte, war der Fakt, dass man eigentlich keine Zeit hatte, die empfindliche Seite des Themas aufzuarbeiten, dadurch entstand der Eindruck, dass man es nur aus Alibi-Gründen getan hat.


Tobi: Es war echt ein Kampf, dass wir ein Stück über Hip-Hop machen konnten, dass wir ein Gespräch machen, dass wir zwei Hip-Hop-Künstler dahaben. Der ZDF-Durchschnittszuschauer ist 50 Jahre alt, dem muss man Hip-Hop erklären. 15 Minuten für eine Art Hip-Hop-Block zu haben, ist totaler Luxus – das gibt es viel zu selten. Wir haben nicht gesagt: „Dieser Hip-Hop ist ja so schwulenfeindlich.“ Wir haben Marteria gefragt, warum ihm in „OMG“ die Zeile „Gay okay“ wichtig war. Wenn Falk für dieses Thema mehr Zeit bei uns einfordert, dann kann ich nur sagen: Drei Minuten im TV sind schon verdammt viel. Und egal, welches Thema man behandelt, man muss auch auf die Punkte zu sprechen kommen, die man kritisieren kann. Das ist meine journa- listische Auffassung. Ich weiß selber, dass das sehr knapp ist, aber mir war wichtig zu sagen, dass wir auch in dieser Sendung für die Künstler da sein wollen. Wir wollen dafür kämpfen, dass Hip-Hop auch in den großen Medien einen Platz ndet. Und da habe ich mich an der Ehre gepackt gefühlt. Wir kämpfen dafür, dass wir hier Live-Fernsehen machen können, eben nicht nur für die 50-Jährigen, und dann wird man trotz- dem noch angefahren.

Falk: Wenn man mehr Zeit gehabt hätte, wäre man an den Punkt gekommen, dass Schwulenfeindlichkeit Teil der Gesellschaft ist, und diese Feindlichkeit wird in den Hip-Hop mitgebracht, die Gesellschaft ist ja nicht böse, weil Hip-Hop böse ist, sondern andersrum.

Tobi: Es geht ja gar nicht um die Diskussion, dass die bösen Medien die Straße aus dem Hip-Hop kriegen wollen.

Fler (zu Tobi): Vielleicht willst du das nicht, aber viele Medien wollen das.

Tobi: Ich kann nicht für die Medien sprechen, sondern nur für mich. Ich bin mit Grunge, aber auch mit Hip-Hop aufgewachsen. Ich habe „Fremd im eigenen Land“ gehört. Ich habe das Rödelheim Hartreim Projekt dafür geschätzt, wie es die Fanta4 gedisst hat. Mit Samy und den Beginnern bin ich ebenfalls groß geworden. Deshalb berühr mich das auch, und deshalb schaue ich bei Hip- Hop genauer hin. Aber ich will Hip-Hop nicht moralisch säubern. Es geht hier nur um meinen subjektiven Standpunkt. Warum jetzt noch immer?

Fler: Rapper, die eine große Fanbase haben und solche Wörter benutzen – da bekommt die schwule Community natürlich Angst. Das kann ich nachvollziehen.

Tobi: Kannst du auch verstehen, dass es da welche gibt, die sich dadurch diffamiert fühlen?

Fler: Ja, kann ich.

Tobi: Aber du würdest es nicht ändern?

Fler: Nein. Berliner Rap hat sich immer darüber definiert, dass er straighten Rap nach vorne gebracht hat. Uns wurde von Tag eins immer an- gekreidet, dass wir das aus speziellen Gründen machen würden. Und es kam nie jemand, der, so wie du, sagt: „Ich verstehe, dass ihr nicht frauen- feindlich seid, aber muss das denn sein?“ Dann hätte es ja auch eine Diskussion gegeben.

Falk: Das Thema ist schwierig. Zumal es sicherlich viele Rapper gibt, die Homosexualität für sich selbst problematisch finden.

Fler: Das ist aber auch deren Recht.


Falk: Absolut. Aber wenn man beginnt, andere zu
diskriminieren, entsteht ein Problem.

Fler: Okay. Aber die Mainstream-Medien verhalten sich so, als würden sie Street-Rap anstößig oder sogar scheiße finden. Wir kämpfen dafür, dass wir hier Live-Fernsehen machen können, eben nicht nur für die 50-Jährigen, und dann wird man trotzdem noch angefahren. (Tobi Schlegl)

Tobi: Ich habe zum Beispiel vor ein, zwei Mona- ten ein super Interview mit Samy Deluxe in der Süddeutschen gelesen.

Fler: Samy ist ein politisch Korrekter geworden. Ich denke auch, dass das am Ende der einzige Weg ist: auf nett und politisch korrekt machen.

Tobi: In die Charts kommt man aber auch so.

Fler: Erst das Internet hat diese freie Meinungsäußerung möglich gemacht. Und noch etwas: Glaubst du nicht, wenn so harte Typen wie wir, ich übertreibe jetzt, wirklich schwulen- und frauenfeindlich wären, dass wir dann nicht darauf scheißen und es einfach so behaupten würden?

Tobi: Ja.
Fler: Aber ich tue das nicht, weil ich das nicht bin.

Tobi: Mir ging es darum, mal nachzufragen.

Fler: Das ist cool. Aber es gibt so viele Rapper da draußen, bei denen nie nachgefragt wird. Daher musste sich der Straßenrap in Deutschland auch ein Stück weit aufgeben, weil die Medien einfach nichts mehr zugelassen haben.

Tobi: Aber nun gibt es doch das Internet, also musst du dich nicht mehr verstellen.

Fler: Ich sowieso nicht. Seitdem die Mainstream- Medien nicht mehr die Meinungsmacher sein können, weil es das Internet gibt, liegt es ja an jedem Einzelnen, zu sagen: „Pass‘ auf, ich ma- che mein Ding, ich mache das, was ich wirklich bin.“ Und wenn ich damit Erfolg habe, dann liegt es an mir selbst, weil ich mein Business auf die Reihe kriege. Und wenn Farid Bang und Kollegah 100.000 Platten verkaufen, dann hat keiner in dei- nem oder einem anderen Sender dazu beigetragen. Das haben die Jungs alles alleine gemacht.

Tobi: Dann lass uns zur Gesellschaft zurückkommen. Die Frage ist ja, ob es so bleiben muss mit der Homophobie. Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat, gerade was Respekt gegenüber Schwulen und Frauen angeht. Wenn Hip-Hop ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, dann müsste Hip-Hop auch liberaler werden. Und das heißt, dass „schwul“ nicht als Schimpfwort gebraucht wird.

Fler: Wo sind wir denn nicht liberal? Genauso wie ein Typ sagt, er steigt gerne mit einem Typen in die Kiste, will ich sagen: Ich stehe auf Blondinen.

Tobi: Das ist ja okay.

Fler: Nein. Jedes Mal, wenn ich einen Song mache und sage „Ey, du geile Blondine, zieh‘ dich mal aus“, sagen alle: „Der ist frauenfeindlich.“

Tobi: Andersherum: Glaubst du, dass es Frauen gibt, die das nicht gut finden?

Fler: Ja, das ist dann deren Meinung. Aber ich mache es trotzdem. Es gibt ja auch Sachen, die Frauen machen, die ich nicht gut finde.

Tobi: Solange du sagst, dass es deine Meinung ist, ist das ja alles cool. Wenn du sagst, dass du nur das widerspiegelst, was die Gesellschaft sagt …

Fler: Nein. Jedes Mal, wenn ich einen Song mache und sage „Ey, du geile Blondine, zieh‘ dich mal aus“, sagen alle: „Der ist frauenfeindlich.“

 

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