Stammtisch: Kool Savas & Curse (aus BACKSPIN MAG #116)

Als eure Karrieren begannen, sah das Business noch anders aus als heute. Wie seht ihr die Umbrüche in der Rap- beziehungsweise Musikindustrie?

Curse:  Als ich angefangen habe, in dieses Deutschrap-Business einzutauchen , gab es MZEERecords, Yo Mama und so. Majors haben sich nicht für Rap interessiert. Das stand noch bevor. Es war also auch eine krasse Pionierzeit, was das Business-Ding angeht. Ich weiß noch, als Fast Forward damals Put Da Needle To Da Records gegründet hat, da wollte er mein Demo als erste Maxi rausbringen und faxte mir einen Vertragsentwurf zu. Ich sprach dann mit ihm und sagte, dass ich schon Bock hätte, das zu machen. Aber für mein Album wollte ich lieber einen Major-Deal. Weil man aber mit Maxis nichts verdient, hätte ich es nicht fair gefunden, die bei ihm zu machen. Aber im Grunde hatte ich null Ahnung vom Business. Andererseits hatte ich aber auch das Gefühl, dass man was ganz Krasses machen muss. Rückblickend war meine Anfangszeit aber cool. Mit der Zeit habe ich mich dann als Künstler verändert, die Szene hat sich verändert und der Marktwert auch. Ich bin aber sehr, sehr lange Zeit, fast meine ganze Karriere, in denselben Strukturen geblieben. Und darüber bin ich echt froh, denn heutzutage ist jeder Typ, der gerade sein erstes Mixtape rausbringt, auch irgendwie International Business Mastermind

… das muss doch aber nicht gleich schlecht sein …

Curse: Nein, das ist supergeil! Heute sind die Strukturen aber eben auch anders. Ich habe mirfrüher überhaupt gar keinen Kopf über Marketing gemacht, über Promotion, oder darüber, wie die Fotos aussehen. Heute scheinen einige schon den Business- und Marketing-Plan zu haben, bevor sie überhaupt Musik machen. Künstler bauen sich heute ihr Image auch mal nach Marktforschungskriterien auf. Das wäre früher absurd und wahrscheinlich auch unfassbar whack gewesen.

Savas: Fakt ist, damals gab es ein paar Institutionen, es gab ein Major-Label, es gab einen Verlag, es gab so etwas wie einen Manager, es gab Viva, es gab MTV – und wenn du dich nicht innerhalb dessen bewegt hast, dann hattest du theoretisch keine Chance, dich auf breiterer Ebene präsentieren zu können. Wenn du dein Video nicht mit einer entsprechenden Produktion gemacht hast und nicht den richtigen Dude hattest, der das bei MTV einreicht, dann lief dein Video auch nicht. A&R- Manager hingegen sind meiner Meinung nach die überflüssigsten Menschen im Musikbusiness. Die sind gekommen und haben einem irgendeine Scheiße erzählt, von der sie selber keine Ahnung hatten. Ich sage es jetzt ganz offiziell: Ich entschuldige mich noch mal bei Peter Sreckovic (Fast Forward, Anm. d. Red.) Ich war früher auch auf einem anderen Film, aber meiner Meinung nach war er noch die fairste Person, die ich im Musikbusiness kennengelernt habe. Er war zwar verplant, aber er hat das Business so gehandelt, wie ich es mir im Nachhinein gewünscht hätte. Er hat mich immer machen lassen. Das war für mich eine echte Art und Weise, mit der Musik umzugehen. Götz Gottschalk (mit dem neben vielen anderen Rappern auch Curse lange zusammenarbeitete, Anm. d. Red.) war da schon eine andere Persönlichkeit. Mit dem saß ich mal im Auto und Ono (Rapper von Walking Large, heute Data MC, Savas war früher mal sein Back-up-Rapper, Anm. d. Red.) meinte, ich solle ihm doch mal meine neuen Songs vorspielen. Ich spielte ihm also meine Songs vor, darunter, glaube ich, auch „LMS“. Und er meinte nur, dass ich damit nirgends einen Deal kriegen würde. Das waren die Songs, die mich hinterher bekannt gemacht haben. Moses (Pelham, Anm. d. Red.) ist damals auf die ausgerastet. Ich hätte auch mit ihm arbeiten können. Aber was ich sagen wollte: Man wurde im Musikbusiness sehr schnell schlecht beraten. Und heute bin ich ein ekliger Kontrollfreak. Man kann kein Foto, Video oder irgendwas veröffentlichen, ohne dass ich das nicht approved habe. Für mich sollte ein Manager auch einfach nur dafür da sein, geile Deals an Land zu ziehen und einem dabei zu helfen, seine musikalische Vision umzusetzen und einen in gutes Licht zu stellen. Niemand muss einem sagen, wie man Mucke macht. Das feiere ich an dieser Zeit auch so: Dass man tatsächlich einen Künstler hat, der selber seine Videos schneidet. Bei mir hat das alles zehn Jahre gedauert, ich hing in meinen Deals fest. Ich habe mich damals wie eine Nutte gefühlt. Aber heute kann ich machen, was ich will. Ich würde jedem Künstler raten, independent zu sein. Seitdem du nicht mehr bei MTV oder Viva oder Radiosendern blasen musst, kannst du einfach alles machen. Schau dir Cro an. Chimperator. Sebastian Schweizer hat davor in meinem Büro gearbeitet und jetzt hat er Cro rausgebracht und ist Millionär oder was weiß ich. Es funktioniert alles, Alter.

Und wie war euer erster Kontakt mit dem Finanzamt? Für viele bedeutete der ja ein böses Erwachen …

Curse: Ich hatte damals mit meinem Steuerberater gesprochen, der arbeitete für so eine riesige Kanzlei in Berlin. Da war ich 21 und dachte mir: Bei so einem Laden muss ich mir keine weiteren Gedanken machen, zumal die meinten, dass sie sich um alles kümmern würden. Irgendwann kam dann ein Steuerbescheid vom Finanzamt, dass ich 180.000 Mark zahlen müsste. Ich konnte das nicht glauben. Nicht mal einen Bruchteil davon hatte ich auf meinem Konto. Ich bin dann erst mal zu einer Freundin meiner Eltern, die so Basic-Finanzsachen gemacht hat. Durch die kam heraus, dass diese Kanzlei mich über Jahre ganz krass abgezogen hat. Das war richtig kriminell! Für mich war das jedenfalls eine Katastrophe. Also bin ich zum Finanzamt und habe denen erzählt, dass ich 21 Jahre alt bin und es niemanden in meinem Umfeld gibt, der so etwas je schon mal gemacht hätte und ich niemanden hätte, der mir einen Rat hätte geben können und man mir nun keine bösartigen Dinge unterstellen sollte. Zum Glück haben die das verstanden. So etwas ist aber auch vielen anderen passiert. Nach ein paar Jahren war ich dann wieder zurück auf null.

Savas: Ich habe alles viel zu freundschaftlich gesehen. Mein Anwalt musste mich erst überzeugen, dass ich von den anderen ein paar Prozente nehme. Ich bekam einen Vorschuss, habe davon ein Auto gekauft, den anderen ihr Leben bezahlt, mir ein gutes Leben gegönnt und auf einmal meldet sich die Bank und sagt, dass das Konto überzogen ist. Da war ich gerade in New York und habe mir irgendwelchen Müll gekauft. Inzwischen habe ich aber dazugelernt. Bei der „John Bello Story 2“ hatte ich noch mal eine harte Phase. Da sollte ich 200.000 Euro an das Finanzamt zahlen. Da hatte ich tatsächlich auch vier Autos, ein Haus gemietet, immer dick Essen mit den Jungs. Daraufhin habe ich gemerkt, dass ich das nicht mehr will. Ich leiste mir immer noch Dinge, die ich mir leisten will, aber es muss in einem gewissen Verhältnis stehen.

Curse, du hast mit Indie neue Welt nun dein eigenes Label gegründet. Dort hast du auch dein neues Album veröffentlicht. Nach all den Jahren bei Subword/BMG machst du nun im Business noch mal neue Erfahrungen, oder?

Curse: Am Ende des Tages ist das nicht mehr so schwierig. Ich weiß, wie viel Geld man ausgeben kann und wie viel man verkaufen muss, um es wieder reinzubekommen. Wir werden sehen, ich bin ja gerade mittendrin. Das Schwierige ist, wirklich nicht zu übertreiben, sondern realistisch zu bleiben. Was ich außerdem kurz sagen will, weil der Name Götz Gottschalk gefallen ist: Ich habe lange mit ihm zusammengearbeitet und überhaupt kein Problem mit ihm. Ich habe sehr großen Respekt vor Götz.

Savas: Ich wollte auch nicht respektlos sein.

Curse: Es ist mir einfach wichtig zu sagen, dass ich zwölf Jahre mit ihm zusammengearbeitet habe. Er ist ein sehr spezieller Mensch, aber bei manchen Konstellationen ist das einfach perfekt.

Savas, du hast eben den A&R-Manager als die überflüssigste Person im Musikgeschäft bezeichnet. Du selbst warst für Optik Records doch sicherlich auch der A&R. Wie hast du das denn zu handhaben versucht?

Savas: Ich habe sehr viel über mich und das Business gelernt. Ich weiß jetzt, ein Büro mit vier Leuten zu betreiben, heißt noch lange nicht, dass das Label automatisch Platten verkauft. Ich bin aber auch nicht der typische Chef, der hingeht und durchgreift. Da war Aggro mit Specter, Halil und Spaiche deutlich besser beraten. Die konnten von drei gleichberechtigten Seiten ganz anders mit den Artists arbeiten. Die haben dieses A&R-Ding sehr gut gemacht. Für mich war der freundschaftliche Respekt viel zu groß. Auch wenn mir etwas nicht gefallen hat – ich hatte immer viel zu großen Respekt vor dem Menschen, um meinen Mund aufzumachen. Wenn ich jetzt ein A&R wäre, würde ich bei einem Label arbeiten, wo ich angestellt bin und mit den Künstlern nicht auf einer freundschaftlichen Ebene stehe.

Curse, würdest du deine bisherige Karriere als erfolgreich bezeichnen?

Curse: Wenn du mich fragst, hätte ich es verdient gehabt, von jedem Album und jeder Single das Doppelte verkauft zu haben. (lacht) Ernsthaft: Ich habe kein Gold-Album und keine Nummer eins. Aber daran messe ich auch nicht meinen Erfolg.

Wenn du siehst, wer heute alles in die Top 10 oder gar in die Top 5 kommt – bereust du manchmal diese sechsjährige Pause, die du gemacht hast?

Curse: Null! No way! Diese sechs Jahre Pause waren so schön. Jetzt ist es teilweise schon wieder stressig und nervig. Jetzt gerade merke ich wieder, warum ich aufgehört habe. Aber insgesamt sehe ich es tatsächlich entspannter als vorher – und humorvoller. Ich schaffe es auch, mir das mal von außen anzusehen. Das amüsiert mich sehr. An dem Punkt, an dem ich aufgehört habe, war es ja so, dass ich einen Deal für das nächste Album gehabt hätte. Ich hätte einen Verlagsdeal gehabt und hätte gewusst, dass ich für die nächsten drei Jahre finanziell abgesichert gewesen wäre. Ich habe mich ja entschieden, das nicht zu machen, weil ich einfach gemerkt habe, wenn ich jetzt weiter Musik mache, dann werde ich mich enttäuschen. Und jetzt habe ich mich entschieden, wieder ein Album zu machen, und wenn das Album erfolgreich wird, dann verdiene ich gutes Geld. Aber wer sagt mir, dass es so kommt? Keiner gibt mir eine Garantie. Und keiner hat in dem Sinne darauf gewartet. Das ist auch nicht meine Motivation. Ich musste mich vielmehr überwinden, dieses Album zu machen. Ich war mit meinem Leben auch ohne das Musikmachen sehr zufrieden. Aber dann bekam ich doch Bock darauf, wieder auf der Bühne zu stehen, Texte zu schreiben und Musik zu machen. Das ist einfach in mir drin. Ich spreche ja immer vom Glücklichsein – und ohne das Musikmachen fehlt mir dann doch ein Stück zum Glücklichsein.

Zum Abschluss: Wie würdet ihr den Status des anderen bezeichnen?
Curse: King Kool Savas. Punkt.

Savas: Ich habe es auf dem splash! gesagt: King Curse. Er ist ein Pionier. Er ist eine Ikone.

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