Stammtisch: Kool Savas & Curse (aus BACKSPIN MAG #116)

Der eine hat die hiesige Rap-Landschaft geprägt wie kaum ein anderer. Der andere hat ihr ebenfalls einen unübersehbaren Stempel aufgedrückt. Beide veröffentlichten Ende 2014 ihre neuen Alben. Wir baten Kool Savas und Curse in Berlin an einen Tisch, um mit ihnen zusammen über Vergangenes und Aktuelles zu sprechen.

Savas, wenn du von heute aus zurückblickst auf deine bisherige Karriere, wie ordenst du die dann für dich ein?

Savas: Das Musik-Ding hat sich immer anders angefühlt als das wahre Leben. Ich hatte zwei parallele Sachen am Laufen. Besonders deutlich wurde das im letzten Jahr. Da hatte ich eine ziemliche Abfuck-Phase. Ich war erfolgreich, wir gingen gerade Gold und mit Xavier zusammen Platin. Ich war überall am Start, hatte mehr Cash als sonst. Alles lief viel besser. Doch persönlich war ich richtig abgefuckt. Burn-out war es nicht, aber ich habe gemerkt, irgendwas stimmt da nicht. Das war alles überhaupt nicht im Gleichgewicht. Deshalb schaue ich meine Karriere, überhaupt eine Rap- Karriere, immer wie ein Film an. Wie zum Beispiel „8 Mile“ oder „Get Rich or Die Tryin“. Ich muss im Nachhinein sagen, dass der Film bei mir aussah, als ob alles richtig gewesen wäre. Ich habe meine Ups, ich habe meine Downs, aber trotzdem hat es sich in irgendeiner Form immer verbessert. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich künstlerisch sehr viel Wert auf die Frage lege, was zu tun ich im Stande bin. Wenn ich merke: Krass, ich komme dem näher, was ich von mir selber will oder von einem MC erwarte, dann fühlt es sich für mich immer besser an. Ich habe Dinger wie „Freunde der Sonne“, auf die ich nicht übertrieben stolz bin, aber wo ich sage, das ist Teil meiner Karriere. Und natürlich denke ich mir bei einigen alten Fotos oder Videos: „Oh, Dicker, was hast du da gemacht?“ Aber ich glaube, dass ich einer Linie treu geblieben bin. Und das hat sich für mich immer ausgezahlt. Das habe ich zum Beispiel bei „Tot oder lebendig“ gemerkt. Obwohl es nicht so erfolgreich war, hat sich das im Laufe der Jahre gefestigt. Für mich fühlt es sich gut an.

Curse, würdest du sagen, dass du deinen Weg ähnlich konsequent gegangen bist wie Savas?

Curse: Bis auf manche Momente eigentlich schon. Von heute aus betrachtet gibt es, wie Savas schon gesagt hat, natürlich Momente, wo man denkt, das hätte ich anders machen können. Aber ich hatte die ganze Zeit schon das Gefühl, es geht konsequent in eine Richtung. Bei mir war die Richtung halt nie so etwas Festes. Es gibt nicht nur einen Style oder ein Ziel, auf das ich die nächsten zehn, 20 Jahre hinarbeite. Mein Ziel war immer ein sehr Persönliches. Ich versuche, dass meine Musik meiner aktuellen Gefühlslage entspricht. Natürlich gibt es auch die Trennung zwischen der Privatperson und dem Rapper, aber trotzdem habe ich immer versucht, ziemlich nah an dem zu sein, was in meinem Kopf und meinem Herz vorgeht. Ich glaube, ich bin wahrscheinlich nicht der einzige Mensch, der auch mal sprunghaft ist und sich verändert. Deswegen gibt es da auch manche Momente, wo man denkt: „Boa, das ist jetzt aber stilistisch weit von dem usw.“ Aber wenn man die innere Entwicklung als Richtwert nimmt, dann ist es sehr stringent. Betrachtet man es hingegen stilistisch, dann sagt man vielleicht, dass „10 Rapgesetze“ und „Hand hoch“ nicht viel miteinander zu tun haben. Das ist halt eine Sicht. Bei der inneren Sicht kann man dann feststellen, dass in den fünf Jahren zwischen diesen beiden Songs eine Menge passiert ist. Und wenn du darauf blickst, dann ist es die logisch nachvollziehbare und auch extrem ehrliche Entwicklung.

Von außen betrachtet könnte man dir aber auch eine etwas größere Experimentierfreudigkeit attestieren als Savas. Einverstanden?

Savas: Am Anfang mit Sicherheit. Er war vielseitiger, ich hingegen dogmatischer und immer auf mein Rap-Ding bezogen. Ich war auch experimentierfreudig, habe irgendwelche Homer-Simpson- Dinger gesampelt oder irgendein behindertes Zeug gemacht. Wenn ich ganz kurz diese Anekdote zählen darf? Ich war bei Curse in Minden und er hat mir ein paar Songs von sich gezeigt, so Konzept- Songs. Und ich habe nie Konzept-Songs gemacht. Ich habe auch gebraucht, an so einen Punkt zu kommen wie Curse, dass er zum Beispiel über seine Ex gesprochen hat. Ich sage das extra so explizit, weil er ja sehr gerne darauf festgenagelt wurde.

Bei dir hatte man immer den Eindruck, dass du dein Ding schon recht früh gefunden hast. Die Leute lieben dich ja auch genau dafür. Und diesen Weg hast du dann sehr konsequent weiterverfolgt …

Savas: Bis dann jemand wie Xavier mir geholfen hat, auch mal was anderes zu machen. Das hat mir sehr gutgetan. Für mich ist das Album mit Xavier sehr wichtig.

Eure Werte in Bezug auf Rap sind aber dennoch die gleichen, oder?

Savas: Diese Werte haben wir alle. Ich denke, Samy und Azad kannst du das Gleiche fragen. Die werden auch diese Werteskala haben, auch wenn die sich mit der Zeit verändert hat und man ein bisschen loslässt. Das hängt auch mit der Zeit zusammen, aus der wir kommen.

Formuliert diese Werte doch mal! Was bedeutet für euch Rap?

Curse: Alter Schwede! Wir kommen ja aus einer Zeit, in der das technische Handwerk krass groß- geschrieben wurde. Wir kommen aber auch aus einer Zeit, wo es schon Leute gab wie Public Enemy oder Big Daddy Kane oder Rakim. Leute, die technisches Handwerk hatten und krasse Sachen erzählt haben. Rap hat jedenfalls über Jahre mein komplettes Leben definiert. Rap und Hip-Hop waren der größte Lebensinhalt. Das ist auch nicht weniger geworden, aber es sind mehr Dinge dazugekommen.

Und warum hast du angefangen, zu rappen?

Curse: Als ich das erste Mal Rap gehört habe, war ich fünf. Da war ich im Kindergarten. Wir hatten einen Zivi, der kam aus Berlin und war in einer Breakdance-Crew. Er fing dann an, uns Breakdance zu zeigen. Diese Musik und all das, was da ablief, war wie eine Klatsche für mich. Dann kamen die Fat Boys – und mein sechster Geburtstag war ein Breakdance-Geburtstag. Alle hatten Schweißbänder und Adidas-Trainingsanzüge an. Als ich dann neun war, habe ich meinen ersten Rap-Song geschrieben. Ohne Scheiß, ich war neun und ich kam mir damals vor wie 15. Für mich war die Motivation dieser Selbstausdruck. Wie Graffiti entstanden ist. In einer riesigen Stadt wie New York. Irgendein Typ, der aus der Anonymität raus ist, der seinen Namen an die Wand gesprüht und gezeigt hat: „Hier, ich bin da!“ Bei mir war es halt eine Kleinstadt in Ostwestfalen, aber trotzdem war die Motivation die gleiche. Diese Energie, das war ja Revolution und Aufstand in Musik. Und das zu atmen, in so einem Alter, wo man sich selber fragt: „Wer bin ich?“ Dieser Spirit, dieses komplett Einnehmende, das hat mich geprägt. Ich habe damals auf Englisch gerappt, aber mein Englisch war einfach nicht so gut. Die Motivation war aber auch nicht, dass man jetzt dick Geld machen will. Das war völlig absurd. Man wollte halt der Erste sein, sowie Rakim oder Nas.

Savas: Bei mir kam das ein bisschen später. Um es kurz zu sagen, Rap war das Erste, in dem ich gut war. Ich habe direkt eine Akzeptanz bekommen. Und ich spreche jetzt nicht von Rap-Rap, sondern davon, LL Cool Js „I Need Love“ nachzuschreiben. Ich habe das mit meiner Tante geschrieben und einem Kumpel gezeigt. Und der fand, dass es gut war. Ich habe zu dem Zeitpunkt auch getaggt. Aber wenn es um Graffiti ging, hat nie jemand gesagt, dass es gut sei. Rap war halt die erste Sache, in der ich gut war und dann bin ich direkt nach Kreuzberg. Rhyme Guns, meine erste Rap-Crew – und alle anderen meinten, dass ich talentiert bin. Da habe ich gemerkt, dass ich dafür ein Händchen habe. Seit dem war für mich das Wichtigste, Bestätigung zu bekommen und das, was ich mache, so gut wie möglich zu machen. Ich hatte einen Graffiti-Background, aber als ich dann auf Jams gegangen bin, habe ich auch den Respekt für Hip-Hop gelernt. Dass es eine Kultur ist, dass das alles zusammengehört. Auch Dinge, wie einen Ghostwriter zu haben, waren absolut undenkbar. Das sind alles so Werte, die wir noch von früher kennen. Deswegen gibt es ja Tracks wie „10 Rapgesetze“. Und da sagen die Leute dann, dass es dogmatisch ist, aber ich finde es nicht schlimm.

Curse: Was das Ghostwriting angeht: Es gab ein, zwei Momente, wo Leute aus meinem Business- Team meinten, dass sie da so eine Idee für eine Chorus-Zeile hätten. Da dachte ich dann, der Teufel kommt. Das ging gar nicht!

Was war noch verpönt?

Savas: Biten.

Curse: Biten.

Savas: Wobei das jeder gemacht hat – bis zu einem gewissen Maß. Außerdem gab es ja auch Rapper, die von der Community nie akzeptiert wurden. Young MC zum Beispiel. Das ist heute anders. Heute kannst du alles machen.

Curse hat die eine oder andere Grenze irgendwann mal ein Stück weit überschritten. Wolltest du damit anecken?

Curse: Ich habe nie diesen Film geschoben, dass ich absichtlich eine Regel breche oder ein ungeschriebenes Gesetz neu definiere. Für mich hat sich das einfach richtig angefühlt. Ab einem gewissen Punkt bin ich einfach ein bisschen aus diesem sehr stark definierten Hip-Hop-Ding herausgekommen. Im Jahr 2000 haben mir mehrere Platten gut gefallen, darunter drei, die gar nicht Rap waren und zwei Rap-Platten, die extrem von diesem Neo-Soul-Sound geprägt waren. So merkte ich, dass sich das, was mir persönlich gefällt, in diese Richtungen entwickelte. In der Folge machte ich dann auch Songs, die eher in diese Richtungen gingen. Das war allerdings kein bewusster Prozess. Meine Hörgewohnheiten hatten sich schlicht dahingehend verändert. Und diese vorher so viel beschworene Realness wäre für mich dann nicht gegeben gewesen, wenn ich mich an den alten Regeln festgehalten hätte, obwohl mich mein Herz woanders hinführt. Real bist du ja nur, wenn es dir selber als richtig erscheint.

Kannst du nachvollziehen, was Curse sagt?

Savas: Voll. Aus seiner Sicht natürlich. Ich habe ihn auch nie in irgendeiner Form dafür verurteilt. Außerdem: „He earned his stripes.“ Er war ja schon ein General. Für mich ist jetzt „Wir brauchen nur uns“ kein Rap-Song. Und er ist für mich auch nicht der geilste Song, den ich von Curse gehört habe. Aber Curse hat „Wahre Liebe“ gemacht, er hat den Song „Rap“ gemacht. Ey, er kann machen, was er will. Für mich wird er immer einer der Top 5 der deutschsprachigen MCs sein. Nichts, was er jetzt ansatzweise tut, kann irgendwas davon wegmachen.

Curse: Wenn man aus demselben Kern kommt, muss man nicht bei jedem Album aufs Neue die Frage stellen, ob der Künstler gut oder schlecht ist. An dem Kern der Sache ändert sich ja nichts. Alles andere ist persönliche Entwicklung, persönlicher Geschmack, Lebensweg, Umstände etc. Wenn du im Kindergarten mit jemandem befreundet warst und du weißt, dass du diesen Menschen liebst, dann kannst du den auch jahrelang nicht sprechen und dieser Mensch kann sich in irgend- welche Richtungen entwickeln – wenn du den wiedersiehst, dann sprichst du mit dem gleichen Menschen. Du weißt, wo er herkommt und was für Werte und Ideale er hat. Und dann ist es auch egal, ob er heute Arzt ist oder Bäcker. Du liebst diesen Menschen immer noch, auch wenn man unterschiedliche Lebenswege gegangen ist. Diese grundsätzliche Frage stellt man sich da einfach nicht mehr.

In der Rap-Welt scheinen sich viele genau diese Frage doch immer wieder zu stellen. Bei beinahe jedem der letzten Samy-Deluxe-Releases hört man hier und da, wer sich alles den alten Samy zurückwünscht …

Savas: Das sage ich auch immer. (lacht)

Curse: Ich glaube, dass das, wenn Savas das sagt, etwas anderes ist. Es ist, wie ich eben gesagt habe: Die grundsätzliche Frage stellt er sich doch über Samy nicht mehr. Sein Kommentar erfolgt hier doch klar auf der Basis großer Anerkennung und großen Respekts. Er sagt damit doch eigentlich, dass die Platte nicht seinen persönlichen Geschmack trifft. Das ist für mich etwas anderes, als respektlos zu meckern, ohne Anerkennung und Wertschätzung zu zeigen.

Savas: Das ist auch das Internetzeitalter. Die Leute denken immer, man wäre empfindlich. Dabei ist man nur realistisch. Für mich ist es einfach eine Unverschämtheit, wenn ein 15- oder 16-Jähriger sich rausnimmt, über einen gestandenen Artist oder einen Menschen, der einfach was geleistet hat, irgendetwas zu behaupten und das auf so einfache Sachen zu reduzieren. Wir hatten noch eine andere Art der Euphorie. Für mich war es ein Ziel, in Oakland mit Leuten wie Shock G oder A-Plus zu cyphern. Meine Songs wurden da im Radio gespielt. Und Curse stand in New York mit Non Phixion oder mit wem auch immer auf der Bühne, und hat mit denen gerappt. Da haben wir uns unsere Anerkennung geholt. Heute machen Leute Tutorial-Videos und suchen damit nach Akzeptanz. Das ist mir fremd. Aber das ist eben so. Heute holt man sich die Akzeptanz über Likes. Unsere Euphorie war meiner Meinung nach greifbarer, total real. Für uns war es ein Ritterschlag, wenn KRS- One nach der Show kam, einem auf die Schulter klopfte und meinte, der Shit wäre dope. Joell Ortiz hat sich mal eines meiner Konzerte angesehen und später zu mir gesagt: „Real Hip-Hop in it’s flesh.“ Ich sehe ihn zwar in meinem Kopf nicht über mir, aber er ist ein echter MC aus New York, aus dem Mekka des Hip-Hop. Da habe ich mir gesagt: Alles richtig gemacht!

Wundert es euch eigentlich, wenn beim splash! bei einer Beginner-Show sehr viele junge Leute vor der Bühne stehen und die „Bambule“-Songs abfeiern, obwohl die vielleicht vier oder fünf Jahre alt waren, als die Platte rauskam?

Curse: Auch da gibt es Unterschiede. Ich habe letzten Sommer ein Konzert gespielt, und da waren 14- oder 15-Jährige in der ersten Reihe, die die Texte von „Feuerwasser“ mitgerappt haben. Das ist dann mal etwas Positives in puncto Internetzeitalter. Die Information ist da. Wenn sich jemand für die Art von Sachen interessiert, dann findet der alles, lernt es auswendig und feiert es. Es ist dann also egal, ob er zu der Zeit, als die Platte rauskam, drei war oder 13.

Wenn ihr auf eure bisherigen Karrieren zurückblickt: Welche herausragenden Eckpunkte seht ihr dann?

Curse: Bei mir sind das natürlich mehrere – musikalische wie persönliche. Um auf der musikalischen Ebene zu bleiben, war zum Beispiel „Und was ist jetzt?“ so ein Punkt. Das war 2003. Ruf dir mal in Erinnerung, was damals im deutschen Hip-Hop passierte. Und da habe ich mich dann hingesetzt und hatte den Flash zu sagen, dass das auch über die Performance-Dynamik funktionieren muss, über die emotionale Achterbahn und über Inhalt, der einen berührt. Nicht zu vergessen das Piano, das für diese Dynamik sorgt. Ich setzte mich also mit Patrick Ahrend hin und machte diesen Song. Aber kein Radiosender hat ihn gespielt, kein Fernsehsender. Alle fragten sich bloß: Was macht der da? Das Ding hatte aber eine emotionale Durchschlagskraft, die die Leute, die sich emotional darauf eingelassen haben, extrem berührt hat. Wenn ich diesen Song heute noch live performe, sprengt der die Frage, ob es real ist oder nicht. Da entsteht etwas Echtes. Das war für mich ein Turning Point. Auch „Wahre Liebe“ war so einer. Dabei geht es auch nicht darum, dass Leute sagen, ich sei der Krasseste oder Realste. Mein Weg liegt darin, dass eine bestimmte Anzahl von Menschen eine Verbindung zu meiner Musik herstellen kann. Diese Eckpfeiler haben bestätigt, dass dieser Weg der richtige sein wird. „Und was ist jetzt?“, „Wahre Liebe“, „Heilung“, „Wüstenblume“, „Herbstwind“ – diese Songs sind der Grund, warum das neue Album so klingt, wie es klingt.

Savas: Ich glaube, bei mir waren das Sachen wie „Haus & Boot“. Bei „Aura“ war es so, als ich „Und dann kam Essah“ geschrieben habe, da war ich im Auto und schrieb den Song sozusagen im Kopf. Ich wusste ganz genau, wie ich den Song haben wollte, damit er funktioniert. Im Studio sagte ich dann zu Sergej, dass wir in einem Jahr auf der splash!-Bühne stehen und die Leute diesen Song mitrappen werden. Genau so kam es. Bei „Haus & Boot“ war es auch so. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas mit diesem absurden Beat von Mel machen kann, mit den übertrieben harten Snares und diesem ganz weichen Gesang von Valezka. Dabei stand ich nicht für R&B oder Soul. Ich stand einfach fürs Auf-die- Kacke-hauen. Und dann kam dieser übertrieben harte Kontrast mit meinem Rap, Stakkato-Style, und das hat dann auch genau so funktioniert. Bei „King of Rap“ hatte ich das noch nicht. Ich habe davor immer Musik gemacht, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Sonst hätte ich „LMS“ bestimmt anders geschrieben. Den habe ich im Jugendzentrum geschrieben, in einer halben Stunde. Aber als ich dann Tracks gemacht habe, wo ich mir über legt hatte, wie die ankommen, und als ich gelernt habe, Emotionen einzufangen, kam es genau so an, wie ich es mir gedacht habe. In Songs wie „Futurama“, „Rapfilm“, „Immer wenn ich rhyme“ oder „Tribut“ ging es mir immer um die Stimmung. Cr7z sagt, er sieht die Dinge in Farben. Für mich hätten die dann auch eine bestimmte Farbe. Deswegen war ich beim Graffiti so enttäuscht von mir, weil ich im Kopf irgendwelche krassen Styles am Start hatte, sie aber nicht umsetzen konnte. Ich liebe Writer, die mit Silber, Schwarz und Weiß ein krasses Piece malen können. Diese Dudes von der Oldschool, das ist einfach straight.

Was war außerdem wichtig?

Savas: Für mich war wichtig, mit einem großen Bruder, der noch mal viel krassere Sachen macht
– und ich spreche nicht von Verkäufen – mal etwas zusammen zu machen. Wenn man Xavier sieht und mitbekommt, wie 20.000 oder 30.000 Leute seinen Song mitsingen, wenn die zwei Stunden mitsingen und heulen – da habe ich gemerkt, dass ich von ihm noch so viel lernen kann. Und dann diese Konsequenz, wie er Musik macht. Er war immer fair, wir haben alles 50/50 gemacht, von A bis Z. Er schreibt einfach drauflos, das hat mich voll aus meiner Komfortzone gerissen. Damit musste ich erst mal klarkommen. Er war immer schneller. Durch ihn habe ich auch gelernt, dass ich über alles schreiben kann. Manchmal habe ich nicht verstanden, was er will. Als er es dann erklärt hat, meinte ich, die Leute werden das niemals peilen. Aber er meinte nur, dass es seine Gedanken sind und er damit machen kann, was er will und es keiner wissen muss. Bei „Lass nicht los“ habe ich viele Passagen aus einem Gespräch mit einer Person übernommen. Ein Außenstehender kann diesen Song niemals verstehen. Aber für mich macht der total Sinn. Deswegen ist dieses Album so wichtig. Ich habe gelernt, dass ich alles machen kann, was ich will. Ich muss es keinem Recht machen. Da habe ich auch das erste Mal über Beziehungen und Liebe gerappt. Ich habe auf Beats gerappt, die ich selber vielleicht gar nicht gewählt hätte – und mit den Themen war es halt genauso.

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