SSIO – 0,9 (Review)

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Nun steht seit vergangenem Freitag das Nachspiel nach dem „BB.U.M.SS.N“ in den Läden. Die Vorfreude darauf setzte im gesamten deutschsprachigen Raum neue Maßstäbe. Auch die im hiesigen Tagesgeschäft nicht allzu üblichen drei Jahre Wartezeit trugen einen entscheidenden Teil zu Glorifizierung und Mystifizierung bei. Ersteres führte noch vor Release zu voreiligen Fünf-Sterne-Bewertungen im Google Play-Store; Letzteres zu Gerüchten, SSIO nehme die Platte mit einer Jazz-Band auf. Doch spätestens seit dem 29. Januar dürfte uns klar sein, dass bei dem Erfinder von iPhone 3 ein Jux oft lockerer sitzt, als die Bauchtasche.

Entscheidend für das neue Erscheinungsbild von „0,9“ ist REAFs alleinige musikalische Verantwortung. Dass der AON-Hausproduzent zur Hautevolee der Szene gehört, dürfte hinlänglich bekannt sein; schließlich reichert kaum ein Produzent die tragenden Instrumente mit vielfältigeren Klängen zu einer stimmigen Komposition an. Darüber hinaus lässt seine Signatur eine kleine Spurensuche zu: Ich vermute, der Albumentwurf, und vor allem der Titelsong, entstand anhand des Vorbilds von „53119“.

Abgesehen von einer dichteren Reimstruktur nimmt SSIO wenig bis gar keine textlichen Änderungen vor. Zusammengeschusterte Hooks treffen auf seine typisch synkopierte Betonung im Flow – der Bobinner spittet sein Ding so beinhart durch, dass die Drums die Biege machen. Gegen Ende rechnet uns SSIO mit „Don & Fuß“, „Bitte keine Anzeige machen“ und „Nullkommaeins“ einen Dreisatz der Introspektive vor. Hands down – unter ihnen ist Letzterer mein Favorit, da ihm eine ernste Selbstreflexion trotz Augenzwinkern gelingt. Ob Bi-Telefonate, die Nuttööö-Pointe oder das gewickelte Schaf als Persiflage kläffender Köter – die kanakonda’sche Selbstironie kommt ohnehin auf voller Spielzeit zur Geltung. Denn während langweilig wiedergekäute Storys von der Straße dem Hörer höchstens ein müdes Gähnen abringen, punktet SSIO trotz ähnlicher Inhalte auf ganzer Linie. Es kommt offenbar auf die Darbietungsform an.

Da „BB.U.M.SS.NSSIO zum kometenhaften Aufstieg und kürzlich zur Massenhysterie verhalf, halte ich es für sinnvoll, „0,9“ knapp zu vergleichen. Der Vorgänger eroberte die Herzen der Fans primär aufgrund der revolutionären Auffassung von Rap, doch profitierte er auch von einem facettenreichen Klangbild. Vor allem die Produktionen von Gee-Futuristic („Vorspiel“, „Einbürgerungstest..“ etc.) und Figub Braslevic („Schon wieder Sonntag“) sorgten für harmonisches Gleichgewicht und verhalfen SSIOs einzigartigem Flow zum Status einer Allzweckwaffe. Auch wenn Experimente zugunsten der Homogenität bis auf eine Ausnahme entfielen, balancieren SSIO und REAF auf „0,9“ souverän zwischen Neuerung und Tradition.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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