Spektrum 2017: Ein Auge auf den Trends, ein Ohr auf der Straße.

Ich sag’s wie es ist: Ich bin ein Festival-Legastheniker. Und nicht einmal in Sachen des dreitägigen Überlebens auf einem Campingplatz, sondern darin, überhaupt zu Festivals zu kommen. Umso dankbarer bin ich für so etwas wie Ein-Tages-Festivals, da die Chancen in puncto Terminüberschneidungen logischerweise deutlich geringer ausfallen. Und so hat sich auch das Spektrum schnell zu einem meiner liebsten Hip-Hop Anlaufstellen in Deutschland entwickelt. Denn neben dem einfach wahrzunehmenden Termin besticht das Festival in Wilhelmsburg, das – getreu dem Regenbogenlogo – alljährlich während des Hamburger CSDs stattfindet, einerseits durch die beeindruckende Kulisse der MS Dockville, zum anderen durch ein Booking, das sich in Sachen Treffsicherheit nicht vor den Großen in Europa zu verstecken braucht – selbst, wenn viele Namen auf dem Timetable oft noch kurz vor dem endgültigen Durchbruch stehen und aktuell Trendprägend auf ihren Hypewellen reiten.

 

 

BACKSPIN unterwegs: auf dem Spektrum 2017

Ein Auge auf den Trends, ein Ohr auf der Straße.

Das Programm für den Tag war gut gefüllt, los ging es also um 12 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof für Zino und mich. Noch schnell die obligatorischen Biere für den Weg organisiert und in der Bahn die letzten Vorbereitungen für die potentiellen Interview-Partner des Tages durchgesprochen, waren wir dann auch auf die Minuten genau zum Opener da. Eine Aufgabe, die Chima Ede, mittlerweile schon routiniert darin, Bühnen zu eröffnen, locker meisterte. Auch wenn das Gelände zur Mittagszeit noch spärlich besucht war, fanden sich wahrscheinlich 80% aller schon Anwesenden beim Stil-Mix zwischen Trap und Boom Bap vor der Hauptbühne. Denn hier werden Dues gepayed.

Aber erstmal die Taschen loswerden. Undurchsichtiges Bändchen-Heckmeck im Backstage kostet mich gleich mal den Auftritt von Tretti, der verblüffender Weise einen Slot um 14 Uhr bespielt. Ein wenig ärgerlich also zurück aufs Gelände, immerhin steht mit CE$ gleich einer der spannendsten und noch undurchsichtigsten Newcomer des letzten Jahres auf der Bühne. Vorher noch kurz eine gehörige Portion Battlerap bei Pöbel MC auf dem Oberdeck abgeholt, freue ich mich auf Banger wie „All In“, „Aspetta“ und die spärlich gesäten weiteren Songs vom Dortmunder, der noch immer kein Release im Rücken hat. Übrigens ein Stil-Spagat, der auch das Spektrum ziemlich gut beschreibt. Auf der einen Seite mit der frechen, großen Schnauze junger Untergrundrapper mit rückwärts orientiertem Beatgeschmack wie etwa Shacke One, Pilz oder eben Pöbel MC und auf der anderen mit Trendsettern a’la Rin, Ufo oder Nimo besetzt, braucht es im Line Up selten die Abräumer der jeweiligen Saison um die Fans anzuziehen. Und während Artists wie die Letztgenannten ihren modernen Sound auf die Bühnen bringen, lassen sich gleichzeitig Breakdance-Battles in einem Pavillion mitten auf dem Gelände begutachten, die kompletten Kulisse rund um die Nebenbühne entstehen sogar erst während des Festivals durch die Hände einiger Writer, die sich auf dem Dockville-Gelände tummeln. Das Spektrum steht mit einem Bein im Hier und Jetzt der Sound-Entwicklungen, mit dem anderen aber immer noch fest in den Hip-Hop-Werten.
Vor der Mainstage füllt Il Guapo also beinahe den gesamten Vorplatz, holt sich Gäste wie Chima Ede oder Team Fuck Sleep Signing Mena auf die Bühne und rappt sogar beim Stagedive problemlos durch. Das Spektrum-Publikum – insgesamt ziemlich nah am Puls der Trends – fühlt natürlich den Vibe. 

 

UK statt US

Was den Internationalen Part angeht, wird hier traditionell nicht auf US-Stars gesetzt, lieber schaut man auf die Insel, ohnehin aktuell musikalisch weitaus spannender und innovativer als die großen Brüder in den USA. Vertreten ist das Königreich mit gleich vier Namen, allesamt aus der Hauptstadt. Den Anfang macht Novelist, der mit seinem grimey Sound die Nebenbühne zum Beben bringt, später schließt genau dort auch Loyle Carner, seines Zeichens die Concious-Rap Hoffnung der gesamten GB-Szene und fleißiger Live Act, auf und präsentiert seine Debütplatte „Yesterday’s gone“ mit der Routine eines fünf Jahre Älteren. Am Abend sollte schließlich die Mainstage zum großen Finale erneut international besetzt werden: Die Section Boyz folgen dem Ziehvater Skepta, der 2016 den Headliner gab und lassen die Moshpits zu knallhartem Grime kreisen. An Bühnenpräsens mangelt es den Nachwuchstalenten, die zu sechst den Maschinenraum vereinnahmen, ohnehin nicht. Sie werden zu guter Letzt abgelöst von Hucci aus den Reihen des UK-Kollektivs All Trap Music, der entgegen der sechsköpfigen Section Boyz alleine am DJ-Pult Platz nahm, Live-Beats abfeuerte und die Menge von einigen mit Mikrofon ausgestatteten, bulligen Begleitern anheizen ließ.

 

Und genauso, wie ein DJ auf der Mainstage seinen Platz fand, so fanden auch Rapper ihren Platz auf der DJ-Bühne, genannt Klüse. Gemeinsam mit seiner zweiköpfigen Produzenten-Band Dienst und Schulter stellte Goldroger einen vor Energie strotzenden Auftritt unter dem kleinen Sonnensegel auf die Beine, nach einem Intermezzo vom spontan ins Line Up geratenen DJ Flexscheibe war dort auch Dexter – mittlerweile bekanntermaßen auch ein Rapper – mit seinem Album „Haare Nice, Socken Fly“ vertreten. Er lockte derartig viele Menschen vor das kleine DJ-Zelt, dass einfachste Bewegungen schon zur gekonnten Aufgabe avancierten. Der Wandel vom Beattüftler zum MC scheint astrein geglückt.

 

Riesen-Ventilatoren und verspätete Flüge

Je später es dann wird, umso klarer verteilen sich die Fan-Fronten vor den Bühnen getreu Yassins Weisheit: Entweder Pogo oder Hip-Hop-Hände. Wer sich also in Hip-Hop Beats wiederfinden wollte, ging zu Plusmacher, Edgar Wasser oder Olexesh vor die Maschinenraum-Mainstage, für die Fraktion Moshpit waren Haiyti, Rin und Ufo 361 auf dem Oberdeck Programm. Letzterer, im vergangenen Jahr ebenfalls zu Gast, zeigte am eindrucksvollsten, was sich in 12 Monaten so alles tun kann. Damals noch zur Mittagszeit mit einem modernen Stil und neuem Mixtape im Gepäck auf der Bühne, kletterte er Millionen Klicks, zwei Charterfolge und ausverkaufte Touren später direkt zum 22 Uhr Slot.  

 

Im Zeitplan folgte auf ihn parallel eine Live-Premiere für Yung hurns Zwilling K. Ronaldo auf dem Oberdeck und wohl das Bühnenshow-Highlight des Abends bei den Orsons am Maschinenraum. Kristallo perfromte also seine kryptischen Hits wie „Brille auf“ oder das nigelnagelneue „Kurt Kobain“, konnte es allerdings schließlich doch nicht lassen, auch Yung hurn auf die Bühne zu holen und das bekannte Programm zwischen dem „Love Hotel“ und seinen „Greatest Hits“ anzuschneiden. Gleichzeitig auf der Hauptbühe durfte man die aufwendige Kulisse bestaunen, mit sich das Stuttgarter Quartett nach den Soloprojekten aller Vier aktuell auf den Bühnen Deutschlands zurückmeldet. Sie haben dafür nichts Geringeres im Gepäck als einen knapp drei Meter hohen Ventilator auf dem Tua mit seinem Keybord Platz findet, während seine drei Kollegen vor ihm flummiartig über die Bühne hüpfen oder, so wie Maeckes, zu „Partykirche“ über das Publikum schreiten. Und in die Kirche ging es auch bei Audio88 und Yassin, die eigentlich als letzter Act auf der Bühne stehen sollten – wäre da nicht Karate Andi und sein verspäteter Flug. Nachdem das Duo, das auf deutschen Hip-Hop Festivals aktuell so präsent ist, wie kaum jemand sonst, Hass predigte und den Fans Vernunft einhämmerte, kam das jüngste Selfmade Records Signing rund vier Stunden nach der angedachten Stagetime hinter der Bühne an und übernahm kurzerhand die Rolle des Closers. Den eigentlichen Andi-Slot hatten in aller Spontanität Farhot und Bazzazian aka Die Achse übernommen und den Sprung vom DJ-Zelt auf die Mainstage absolviert –  Bedenkzeit wird man dort wohl nicht benötigt haben.  

Und mit dem Grölen von „Ich fahr Mofa!“ und dem Verschenken von Bier vor der Bühne ging das Spektrum 2017 offiziell aufs Ende zu, die wirklich Durchhaltefähigen fanden letzten Anschluss bei Tereza im DJ-Zelt oder konnten weiterziehen zum ebenfalls beliebten Vogelball, der gleich auf der anderen Straßenseite stattfand und zwischen Vogelverkleidungen zu Electro die Nacht durchfeiern.
Von meiner Seite gibt es jetzt eigentlich auch nicht mehr ganz so viel zu sagen, außer vielleicht das obligatorische: Hat Spaß gemacht. Prost und bis nächstes Jahr!

 

Achja und ganz wichtig: Zinos Blog kommt natürlich auch noch, zur Überbrückung gibt’s hier schon mal ein paar Bilderchen zum durchklicken:

 

(Fotos: Yannick Wilmsen)

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