Die Meinung der Redaktion zu Kendrick Lamars „Damn.“

Superlative fielen in den vergangenen Jahren, kommerzielle Rekorde außen vor, wohl am häufigsten in Verbindung mit Kendrick Lamar. Nachdem er sich mit dem beinahe ausnahmslos gefeierten Major-Debüt „Good Kid Maad City“ weltweit auf die Karte setzte, manifestierte der Comptoner vor zwei Jahren mit „To Pimp A Butterfly“ seinen Status als Rap-Messias. Als Fahnenträger für die Black Lives Matter Bewegung und den Aufstand gegen Polizeigewalt in den Staaten wurde besonders der Titel „Alright“ prompt zu einer politischen Hymne. Es folgten rekordverdächtige Grammy-Nominierungen, ein Bonus-Album rund ein Jahr später und eine Fülle von Gastauftritten. Und bereits letztere ließen Fans erahnen, dass sich K.Dot auf dem Album Nummer Vier wieder von verkopftem Jazz und Band-Produktionen verabschieden könnte, unter anderem eines der ATL-Aushängeschilder, Mike Will Made-It, wurde ins Boot geholt. Titel des neuen Werks sollte „Damn.“ sein. Und bereits am Tag der Veröffentlichungen machten sich erste Theorien hörbar, man könne bereits zwei Tage später eine weitere LP erwarten. Doch, allen Beweisen zum Trotz blieb der vielerseits erhoffte zweite Teil aus, „Damn.“ steht wohl für sich allein. Wir haben die neue Platte des Rappers aus Compton besprochen.

Kendrick Lamar – „Damn.“ kaufen

 

 

  • 9/10
    Anna S.: "Sehr spannendes und ausdrucksstarkes Album. Kendrick Lamar experimentiert auf inhaltlicher und musikalischer Ebene gleichwohl, um am Ende ein ungewöhnlich klingendes, aber dennoch rundes und geschmackvolles Album zu präsentieren. 'Damn.' zeigt sehr schön, wie viel markante, detaillierte Elemente in der Musik ausmachen können, um den Content kunstvoll zu transportieren." - 9/10
  • 8/10
    Marvin: "Irgendwie merkwürdig, diese Aufgabe ein Kendrick Album zu rezensieren. Jeder und seine Schwester haben eine Meinung dazu, meistens positiv, oder sogar überpositiv. Kendrick wird in der heutigen Zeit, aus vielen Gründen, als der Rap-Heiland verehrt und ist für viele Menschen in meiner Generation auf dem Level, auf dem Tupac und Biggie damals standen. Mit einer dementsprechenden Erwartungshaltung geht man natürlich in so ein Album rein. Ich war großer Fan von 'GKMC', so wie viele andere auch. 'TPAB' war mir eine Spur ZU verkopft, künstlerisch und zu wenig "einfach hörbar". Ich konnte nicht einen einzelnen Track hören weil er mir gefiel, sondern musste immer das Ganze als Gesamtwerk hören. Als ich 'Humble.' zum ersten mal gehört habe, war mir klar, dass dies hier nicht so sein wird. Fast jeder Track ist in sich stimmig, klingt super und reiht sich in das prächtige Gesamtwerk mit ein. Kendrick ist reflektiert wie eh und je, kritisiert natürlich auch wieder einiges was falsch läuft, wofür ihn die Menschen so feiern. Aber das steht bei mir im Hintergrund. Ich bin eher froh, dass anscheinend eine Ganze Generation ein Idol gefunden hat, welches auf Sachen außerhalb von Schmuck und Bitches steht, und dazu gleichzeitig noch Hits bringt. Ich bin nicht der größte Kendrick Fan, auch weil er eben so oft glorifiziert wird. Sein Talent, seine Durchdachtheit und seine Herangehensweise sind aber nicht zu verneinen, weswegen dieses Album definitiv Anwärter auf 'Album des Jahres' sein wird, was bestimmt kaum jemanden überrascht." - 8/10
  • 9/10
    Yannick W.: "Eigentlich das falsche Format für ein Kendrick Lamar Album. Denn auch wenn der Grundgedanke, der Hinter dem Grundkonzept steht, nicht ganz neu ist ist, findet eine Platte von Kendrick Lamar spätestens seit der opus magnum 'TPAB', selbst wenn sie, wie hier, sehr auf den Protagonisten, dessen Gedanken und Glauben, reduziert ist, irgendwie immer in einem gesellschaftlichen und gesellschaftskritischen Kontext statt. Mal offensiver, mal zwischen den Zeilen, passiert auch auf 'Damn.' natürlich wieder Polit-Musik, bei der aktuellen Masse an Brennpunkten in den USA kaum verwunderlich. Der offensichtlichste Unterschied zum Vorgänger ist dabei allerdings nicht die Verlagerung der inhaltlichen Schwerpunkte, sondern die musikalische Vielfalt. Hörte man 'TPAB' noch das kleine, eingespielte Produktions-Team an, bringt der Pool an Brains auf dieser LP ein breit aufgestelltes Soundspektrum mit sich, das noch immer ein kohärentes Album schafft und dank des Verzichts auf umfangreiche, arty Arrangements deutlich einfacher zu Konsumieren ist. Mit 'Loyalty', 'DNA' und natürlich 'Humble' finden sich tatsächlich sogar wieder einige outstanding Nummern, die offensichtlich als Singles herausstechen, im Gesamtkonstrukt, auch wegen des Flash-Back-Konzepts, nicht im Gesamtbild ausbrechen. Und natürlich mit so viel kleinen Entdeckungs- und Interpretationsmöglichkeiten (bis hin zu groß angelegten Theorien), dass die Zeit weiter keinen Feind für das musikalische Schaffen Kendricks darstellt. Selten hat Überinterpretation und Diskussionen um den 'best rapper alive' so wenig gestört." - 9/10
  • 9/10
    Jakob: "Kendrick verzichtet auf seinem neuen Album auf eine Menge und macht damit aus Konsumentensicht alles richtig. Keine zwölf Minuten Songs und das Weglassen von Interludes machen das Album viel zugänglicher als die letzten beiden Alben. Grade im Vergleich zu 'TPAB' ein riesiger Schritt in die andere Richtung. Mir gefällt dieser Entwicklungsschritt sehr, denn so stark 'TPAB' inhaltlich war, war es musikalisch teilweise schwere Kost. Gerade zum Durchhören eignete es sich, zumindest bei mir, nur bedingt. Auch die Gästeliste auf dem Album ist kürzer denn je und gibt Kendrick viel mehr Raum für sich selbst als je zuvor. Kendrick wirkt viel fokussierter auf sich und sein eigenes Leben. Dadurch bewegt sich Kendrick logischerweise in einem viel engerem Kosmos. Der vorhandene religiöse Faden des Albums steht für mich bei 'Damn.' gar nicht einmal so im Vordergrund. Wenn ich an das Album denke, beschäftige ich mich viel mehr mit einem unglaublich reflektierten Kendrick, der ständig im Kampf gegen sich selbst ist und sich oft in Widersprüchlichkeiten verwickelt sieht. Sinnbildlich dafür ist die Zeile 'It was always me versus the world, until I found out it's me versus me'. Oder der ständige Kampf zwischen Sünde und Tugend, wo wir uns dann wieder mehr im religiösen Bereich befinden würden. Auch auf seinem vierten Album scheint der Comptoner nichts an seiner Kreativität einzubüßen. Das ist für mich auch einer der Gründe, wieso Kendrick zurzeit DER Rapper dieses Planeten ist. Er fängt nicht an sich auf seinem Erfolg auszuruhen wie es andere gerne einmal machen, denn er sieht nach wie vor einen Auftrag in seiner Musik. Und wenn wir ehrlich sind, ist das doch der Hauptgrund, wofür wir alle Hip-Hop lieben. Ich selbst höre mir gerne belanglose Rapsongs an, aber es sind dann doch die tiefgründigen Tracks und Alben, die mich am Ende des Tages in meiner Liebe zu Hip-Hop bestärken. Dafür gebührt Lamar viel Respekt – unabhängig davon, ob man ihn nun feiert oder nicht. Abgesehen von dieser Tatsache, ist der Kendrick Sound einfach unkopierbar. Nenne mir einen Rapper, der klingt wie Kendrick. Du suchst vergebens. Aber es sind nicht einmal nur die Inhalte, die mich fesseln. Abgesehen von seiner inhaltlichen Tiefe ist Kendrick einfach verf*ckt noch mal der krasseste Rap-Skillionaire dieses Planeten. Seine Stimmvariabilität, seine teilweise nicht enden wollende Über-Flows, seine technische Raffinesse, sein Gespür für Musik und Melodien machen ihn zum komplettesten Rapper im Jahre 2017. Bester Beweis dafür sind die zwei Bretter des Albums 'DNA.' und 'Humble.', die an Skills kaum zu überbieten sind. Ich gebe diesem Album neun Punkte in dem Wissen, dass ich nach einer Woche keinem Album der Welt die volle Punktzahl geben kann. Ich bin mir aber sicher, dass dieses Album im Laufe der Zeit zu einer zehn wird. Einige wollen Kendrick noch keinen Legendenstatus zusprechen, aber ich bin mir sicher, dass dies nicht aufzuhalten sein wird. Kendrick Lamar arbeitet stetig weiter daran, in einigen Dekaden mit seinem Idol Tupac Amaru Shakur in einem Atemzug genannt zu werden." - 9/10
  • 9/10
    Yannick H.:"Da hat es K.Dot wieder getan. Ein Album abgeliefert, dass mich nicht nur rundum zufrieden stimmt, sondern das sich bereits jetzt schon seines Klassiker-Status gewiss sein kann. Da lege ich mich einfach mal fest und weiß dies auch zu begründen, denn: Im Gewand moderner Beat-Strukturen reihen sich hitverdächtige, sozialkritische und die Stimmung der Straße einfangende Tracks dich an dicht aneinander. Natürlich befasst sich auch Kendrick mit Trump. Natürlich wird erneut die Rassenthematik aufgegriffen. Und natürlich rechnet der Comptoner auch mit sich selbst ab. Und holt mich damit voll und ganz ab, da er sowohl lyrisch als auch von der Soundästhetik her nochmal einen Schritt nach vorne macht. Can't fuck wit Kendrick." - 9/10
  • 8/10
    Lukas: "Da ich davon ausgehe, dass jeder weiß, was an 'Damn.' der Hammer ist, und auch meine Kollegen hier unterstreichen werden, dass Kendrick einer der größten ist, werde ich mich auf das negative konzentrieren. Klar, man braucht nicht darüber zu sprechen, dass 'Humble.' und 'DNA.' absolute Banger sind und das Kenny mit 'Loyalty.' ein Liebeslied geschaffen hat, das nicht kitschig ist. Aber ich glaube, die Hip-Hop-Community übertreibt mit der Interpretation der Texte. Vorallem in den Genius-Annotations fällt auf, wie viele sich wünschen jedes einzelne Wort hätte die übergreifende Bedeutung mit dreifachem Boden, die den Leuten gerade einfällt. Vielleicht hat Kendrick auch einfach nur über sich selbst und seine Erfahrungen gesprochen? Vielleicht möchte er gar nicht Jesus sein und vielleicht hat er auch einfach nur Durst? Alle Interpretationen ausgelassen, ist 'Damn.' ein Album, dass viel Wert auf die Stimmung legt und daher vor allem auf der ersten Hälfte mehr wie ein Gedicht mit leiser Untermalung wirkt, was es für mich schwierig macht, es als Musik entspannt anzuhören. Einige Tracks nehmen sich aus diesem Schema, aber zum Großteil ist es schwierig 'Damn.' wirklich zu genießen, weil man immer dazu genötigt wird, komplizierte gedankliche Reisen zu veranstalten, ohne sich einfach treiben lassen zu können. Vielleicht. Wie schon gesagt, stimme ich allen positiven Punkten meiner Kollegen definitiv zu, aber mir ist es wichtig auch die etwas schattigeren Seiten ein wenig zu beleuchten." - 8/10
  • 9/10
    Cedric: "Ich bin sehr froh, dass ich das Album mindestens 20 Mal gehört habe, bevor ich meinen Soundcheck verfasse. Auch wenn ich von Anfang an Gänsehaut bekam bei 'Feel.' und 'XXX.', hatte ich das Gefühl, dass die ganz umwerfenden Momente fehlten. Während 'TPAB' wie ein expressionistisches Gemälde wirkte, das dem Betrachter alle Ideen und Referenzen ohne Angst vor Dissonanzen entgegenwarf, erschien mir 'DAMN.' im ersten Moment etwas zahm. Allerdings wurde mir, wie bei impressionistischen Bildern, erst nach näherer Betrachtung bewusst, wie viele Details in dem vordergründig simplen Album stecken. Ein Album das so eingängig und gleichzeitig inhaltlich so relevant ist, habe ich lange nicht mehr gehört." - 9/10
8.7/10

Kurzfassung

Mit „Damn.“ kann Kendrick Lamar mühelos an die Qualität der Vorgänger anschließen geht dabei allerdings gleichzeitig neue Wege und kann sowohl auf inhaltlicher wie auf musikalischer Ebene überzeugen. Lediglich die typische Komplexität seiner Inhalte werden Kendrick von uns angekreidet. Nicht wenig überraschenderweise ein Kandidat auf das Album des Jahres.

The following two tabs change content below.
Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.