Die Meinung der Redaktion zu „Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins“ von Jaw

Die beste Musik entsteht oft aus Dringlichkeit. Als eine Kanalisierung der eigenen Empfindungen, ein Abbild des eigenen Lebens. Aber kann man überhaupt noch von Dringlichkeit sprechen, wenn man sich acht Jahre Zeit lässt für ein Album? Mit „Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins“ entstand in Fan-Kreisen beinahe ein Mythos-Album. Denn jahrelang war die LP angekündigt, jahrelang hörte man sehr wenig. Ad absurdum getrieben wurde das Spiel mit der Wartezeit von Jaw in Form eines einjährigen (!) Ankündigung-Countdowns. Lediglich in Track-form gestreute Brotkrumen fanden über fünf Jahre immer wieder ihren Weg ins Netz, sechs davon entpuppten sich schließlich sogar als Album-Singles. Zumindest so ähnlich. Denn für die Platte weichen die bekannten Loop-Beats einem Hybrid aus Klassik-Samples und Syth-Sounds, sogar mit einer Bandbreite an Vocal-FX doktert der sonst sehr puristische Jotta auf seinem vierten Album herum. Die nachdenkliche, mal depressive und gern zornige Ader seiner Texte bleibt allerdings auch auf „Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins“ erhalten. Wir haben das Album besprochen.   

Jaw – „Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins“ kaufen

 

Das sag die BACKSPIN Gang!
  • 6/10
    Anna S.: "Sehr persönliches Werk, das tief in Jaws Innenleben blicken lässt. Die musikalische Untermalung konzentriert sich auf bodenständig, fast geradlinigen Beats, die hier und da mit modernen Elementen verziert sind und genug Raum für die schweren Lyrics bieten. Mir gefällt die Klarheit der Tracks, die einen Zugang zu den subjektiven Inhalten schaffen und einen nicht komplett im Leeren stehen lassen." - 6/10
  • 9/10
    Yannick W.: "Ein schizophrenes, angenehm sperrig produziertes und teils tief emotionales Tagebuch, bei dem trotz DIY-Charme jede Zeile filigran ausgefeilt, jede Referenz – von Kundera bis Sting – liebevoll in die eigene Geschichte eingeflochten ist. Ohne Maßstäbe zu setzen oder sogar konstant Niveau zu halten bringt 'Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins' in seiner abgeschotteten Blase das Potential mit, problemlos viele Jahre zu überdauern. Und das ist auch wichtig, denn in seiner Summe fühlt es sich wie der versöhnliche Abschluss einer dringlichen Künstler-Reise nach über einer Dekade des Strauchelns an. Umso spannender wird es, abzuwarten, ob/wie es nun weitergeht." - 9/10
  • 3/10
    Kevin W.: "Kurz und knapp, gekonntes Konstrukt lyrischer Gedankengänge, jedoch serviert in einem Kleid fade klingender Pseudobeats. Irgendwie ironisch, wie die Farblosigkeit des Titels und Artworks, symbolisch für die Monotonie auf einer Platte stehen kann. Verloren in einer Zeit die schon lange vergangen ist. Ein Comeback zum vergessen, schade!” - 3/10
  • 7/10
    Josephine: "Jaw kannte ich vorher so gut wie gar nicht und hatte deswegen wirklich keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Die Platte muss erstmal sacken und mehrmals gehört werden, damit sich das Puzzle zusammensetzt. Ich finde das Album sehr interessant und mag den Tiefgang hinter den Lines. 'Fremdkörper' beschreibt für mich perfekt, wie ich darüber denke.“ - 7/10
  • 5/10
    Alexios: "Habe von Jaw vorher noch nie gehört. Er ist ein guter Lyriker, der sich meiner Meinung nach aber noch konkreter bzw. einfacher ausdrücken muss, da es schwer ist ihm auf Dauer zu folgen. Das Soundbild ist mir viel zu langweilig und wirkt so als wäre es im Jahr 2013 steckengeblieben. In diese Zeit hätte es gut gepasst, in ein CD-Regal mit einem Chakuza oder Prinz Pi Album." - 5/10
  • 7/10
    Jakob: "Lyrisch herausragend, jedoch muss man einen Zugang zu Jaw finden. Wie Jaw seine Gedankengänge abbildet, ist schwer in Worte zu fassen – und deswegen scheiden sich wohl auch die Geister an diesem Soundcheck. Gibt man seinen Texten aber eine Chance, merkt man, wie viel Intelligenz, aber auch wie viel Zerrissenheit, Depression in diesem Album steckt. Das alles macht das Album für mich stellenweise schwer zum Durchhören, auch wenn ich mich sehr häufig in Jaws Gedankengängen widerspiegeln kann. Vielleicht hätte man ein bis zwei Tracks weniger machen können, vielleicht könnten eingängigere Hooks das Album ein wenig auflockern." - 7/10
  • 8/10
    Yannick H.: "Schwere Kost, die Dr. Jotta hier abgeliefert hat. Düstere, z.T. andächtig klingende Melodien stehen für die Grundstimmung von 'Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins'. Jaw gibt sich der Resignation hin, tut dies aber in eindrucksvoller Manier, da er reflektiert und sich mit den prekären Zuständen in der Gesellschaft arrangiert. Fragwürdige Mittel der Kommunikation, der eigene Status innerhalb der Rapszene, der Verlust der Mutter – der musikalische Seelenstriptease gelingt, da er frei von Kitsch und zu großen Gefühlen daherkommt." - 8/10
  • 6/10
    Josh: "Interessanter, sehr eigener Soundentwurf. Textlich hin und wieder etwas lächerlich pathetisch ('Masken'), dann wieder sehr stark ('Fremdkörper'). Man merkt definitv, wie viel Plan und Konzept in der gesamten Aufmachung steckt. Im Großen und Ganzen haut mich Jaw nicht vom Hocker, enttäuscht mich aber auch nicht. Allerdings bin ich aber auch kein Fanboy, der 8 Jahre auf ihn gewartet hat, sondern eher der Typ, der ihn mit diesem Album zum ersten Mal richtig wahrnimmt. Werde dranbleiben!" - 6/10
  • 7/10
    Sabrina: "Jaw hatte mich ehrlich gesagt schon mit der Titelwahl und der damit vollzogenen Anspielung auf meinen liebsten Autor. Ich liebe die Ernsthaftigkeit der Platte. Themen, mit denen ich etwas anfangen kann. Tracks, die ich meinen Freunden schicken möchte, weil ich weiß, dass sie die Sachen auch feiern würden. Ich mag den bemerkenswert bedachten Umgang mit den Worten und die minimalistische Art zu rappen. Ein Album, das ich inmitten von 0815-Deutschrap gerne höre, auch wenn es meiner Ansicht nach zum falschen Zeitpunkt veröffentlicht wurde. Als Maeckes-Fan muss die Genialität seines Parts unbedingt erwähnt werden." - 7/10
  • 8/10
    Niklas: "Die unüberlegten Worte zu Absztrakkt werfen einen kleinen Schatten aus dem diese Platte aber mühelos herausspringt. Es ist beeindruckend wie viele Emotionen unterschiedlichster Natur von Liebe über Hass und Trauer Jaw in seine Musik legt. Der sinnvoll weiterentwickelte Sound, der in Teilen nach den grandiosen, alten Tua Platten klingt, passt sehr gut zu Jotta und klingt an keiner Stelle unecht oder glattgebügelt. Dies gepaart mit noch immer einwandfreier Technik und einer lyrischen Klasse, die in Deutschland definitiv zur ersten Garde gehört, gibt ein richtig starkes Album." - 8/10
6.6/10

Kurzfassung

Mit seinem Comeback spaltet Jaw uns. Die aufrichtigen und anspruchsvollen Lyrics ernten zwar Lob, an der musikalischen Untermalung können sich allerdings nicht alle erfreuen.

Sag uns deine Meinung. Bewerte "Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins" auf einer Skala von 1 bis 10.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

2 Comments

  1. Hans Olo

    5. Juni 2018 at 21:45

    Der Gesamtwert wurde falsch berechnet. Eigentlich müsste dort 6,6 und nicht 5,9 stehen.

  2. Lost in Space

    4. Juni 2018 at 13:15

    Mit dieser Bewertung wird Kevin seinem Namen gerecht.

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