Die Meinung der Redaktion zu “Gott” von Frauenarzt und Taktloss

Während gegen Ende der 1990er Jahre in Hamburg noch munter Bambule war, formte sich parallel in Berlin ein Hip-Hop-Untergrund, der mit dem, was die Vertreter der Kultur in den anderen Hochburgen Deutschlands nur wenig gemein hatte. Geprägt von Graffiti und hartem Rap begannen sich kleine Grüppchen wie M.O.R. oder Bassboxxx zu formen. Zwei der wohl wichtigsten Vertreter dieser Zeit sind Taktloss, der mit Kool Savas als Westberlin Maskulin Battlerap in Deutschland neu definierte und Frauenarzt, der sich schon früh nicht vor Soundeinflüssen von außen verschloss und besonders in technoider Musik eine geeignete Grundlage für seine Raps fand. Mittlerweile hängen bei einem von beiden zig Gold- und Platin-Platten an der Wand, der andere blieb über all die Jahre ein mysteriöses Phänomen des Untergrunds. Was sie verbindet: Lange Freundschaft und der Legendenstatuts im Berliner Untergrund. Da ist es durchaus legitim, das erste Kollaboalbum nach über 20-jährigen Karrieren direkt “Gott” zu taufen und auf alles, was nicht niet- und nagelfest plus dessen Müttern zu feuern. Unterstützung bekommen Arzt und Takti der Blonde dabei aus dem Untergrund und der Rap-High-Society gleichermaßen: Mit dabei sind Sido, Prinz Pi, Marteria, Justus, Jack Orsen, MC Bogy, Chorus86, Locke und Burak. Wir haben das göttliche Aufeinandertreffen besprochen. 

Frauenarzt und Taktloss – “Gott” kaufen

 

Das sagt die BACKSPIN Gang!
  • 6/10
    Jakob: "'Gott' bringt mich an meine Grenzen. Mal muss ich laut lachen und manchmal will ich einfach nur weglaufen. Taktloss ist wohl einer der kontroversesten Künstler in diesem Jahr und das hat natürlich plausible Gründe, vor allem da ihn viele der Deutschrapgemeinde bis vor Kurzem nicht auf dem Schirm hatten und somit die ganze Geschichte rund um die Kunstfigur nicht kennen. Ganz einfach aus dem Grund, dass sie noch nicht auf der Welt waren, als Takt schon gefangen im Hip-Hop-Kosmos war. Ich gehöre zu dieser jungen Generation und tue mich schwer wie nie, dieses Album mit einer Punktzahl zu bewerten. Das Album ist soundtechnisch ein unglaublich buntes wie elektronisches Gemisch aus Dubstep und Trapeinflüssen sowie anderen elektronischen Subgenres, die ich nicht mal kenne. Soundtechnisch hat dieses Album auf jeden Fall diese gewisse Energie, die es braucht, allen voran dann, wenn die beiden Atzen fremde Mütter hardcore 'liebkosen'. Aus meiner Sicht aber kann ich mit Dubstepbeats und Sprechgesang aber ungefähr so viel anfangen, wie ein Hund mit Klopapier. Textlich werden keine Bäume ausgerissen- oder etwa doch? Denn die Beiden treiben das ganze Mutterge*icke so krass auf die Spitze, dass man es kaum haten kann. In einem Genre, in dem sich jeder Halbstarke gerne mal an einer Mutter vergreift, bringen Takti und Arzt eine große Portion Innovation in diese stumpfe Thematik hinein, in der Frauenarzt neben Taktloss ein wenig unterzugehen scheint. Einige Ohrwürmer wie 'Egal was du sagst' oder 'Ich schwöre' konnte ich mitnehmen, einige Tracks waren für mich aber auch nicht hörbar. Vielleicht war es auch einfach eine Überreizung an Asozialität, die ich sonst nicht so gewohnt bin, da ich musikalisch zurzeit eher einen anderen Film fahre. Fans von Takt und Arzt werden dieses Album lieben, denn man kriegt genau das, was man erwartet. Pure Asozialität auf energischen Beats, die keine Grenzen kennt. Und das ist auch gut so, denn Musik ist Kunst und damit am Ende des Tages wieder einmal Geschmacksache." - 6/10
  • 8/10
    Lukas: "Ich kann mir richtig gut vorstellen, dass dieses Album viele Rapheads und auch Anhänger der neuen Generation extrem vor den Kopf stoßen wird. Auch, wenn ich mich selbst zu Letzteren zählen würde, bin ich überhaupt nicht vor den Kopf gestoßen. Ich freue mich über die Verschmelzung meiner beiden Lieblingsgenres, EDM Trap und Rap. Und, meines Wissens, das zum ersten Mal auf Deutsch. Bei dieser Verknüpfung zweier Genres hätte vieles schief gehen können aber Frauenarzt flowt auf die elektronischen Beats, wie ich es nie erwartet hätte und ja ich gebe zu, Taktloss muss man lieben oder hassen, aber ich feier seine Lines und Reimschemata jedes Mal aufs Neue, allein wegen Absurdität. Kann mir das Album bestimmt nicht jeden Tag im Alltag geben, aber ich fühle mich extrem Unterhalten und es wird irgendwo bei mir seinen Platz finden, Nutteeeeee!" - 8/10
  • 4/10
    Cedric: "Da ich die Nostalgie eines Albums, dass sich so sehr dem Berliner Untergrund vergangener Tage verschrieben hat nicht nachfühlen kann, blieb für mich am Ende des Albums kaum etwas hängen. Hier wird mal der Akt des Beischlafes mit dem ein oder anderen Menschen vollführt, da mal was super ach-so-blasphemisches gesagt und so weiter. Schockiert hat mich das Ganze allerdings nicht. Meinen Humor hat es auch nicht getroffen. So wirkten eigentlich alle Texte wie leere Provokationen. Die Produktionen konnten mich auch nicht vom Hocker hauen, auch wenn diese wirklich aufwendig klingen. Wie gesagt, mehr blieb nicht hängen." - 4/10
  • 8/10
    Yannick W.: "Allein die Genre-Refernz-Liste auf 'Gott' ist derartig umfangreich, dass diese Platte ein wahres Nerd-Feuerwerk abfeuert. Von bekannten Miami Bass Anleihen Arzts über Dubstep, EDM-Trap und House bis hin zu West Coast Funk und Dirty South fließt unglaublich viel in die Hell Yes Produktionen ein, die permanent und schrill drücken – ein absolut zerstörerischer Soundtrack. Selten, wahrscheinlich sogar nie, klang der Berliner Untergrund so voluminös. Aus dem Hardcore-Horror-Rap, der noch auf 'BRP 3' gepredigt wurde, wird nun halt Horror-Trap. Auch wenn die Neubesetzung in diesem Fall nicht zu 100% gelingen will, sogar 'Vorhang auf' geht also mit der Zeit. Und trotzdem ist irgendwie alles beim Alten. Noch immer werden Mütter aller Herren Leute – und da wird auch Adolf Hitler nicht ausgenommen – gef*ckt, Wack-MCs und Biter getötet und sich deine Frau vorgenommen und dabei – zumindest auf Seiten Taktloss – in der 'Absurde Worstpiele'-Kiste so tief gegraben, wie man es sich von ihm wünscht. Dazu kommt die beinahe perfekte Feature-Platzierung inklusive Überraschungs-Highlight Burak. Und so ist 'Gott' moderner Berlin Underground at it's best: Sperrig, provokant, eigenwillig und verdammt laut." - 8/10
  • 7/10
    Elias: "Die beiden Untergrund Legenden schließen sich zusammen und machen ein Album. Der erste Gedanke: Jawolla! Dann kamen die ersten Tracks als Singleauskopplung und ich ich war etwas enttäuscht: Weder die Instrumentals noch die Lyrics sprachen mich an. Nun, nach dem Hören der kompletten Platte, bin ich anderer Meinung. Das Album hat eine Seite, die ich sehr gut finde. Super Beats, wenn auch etwas hektisch, lyrisch sehr anspruchsvoll, vor allem von Seiten Taktloss. Der Vibe, der von Frauenarzt versprüht wird, ist legendär und auch wenn mich die Lyrics nicht ansprechen, kann ich es auf jeden Fall feiern. Die andere Seite des Albums finde ich eher anstrengend. Taktloss ist auf Dauer dann doch etwas anstrengend. Auch die Beats sind teilweise sehr wirr und, wie ich finde, Dubstep angehaucht. Meine Erwartungen wurde auf jeden Fall erfüllt. Eine Mischung aus Psychorap, Untergrund und der Szene den Spiegel vorhalten." - 7/10
  • 4/10
    Marvin: "Takti und Arzt - zwei Underground Legenden die schon damals keinen Fick auf nichts gegeben haben. Taktloss' wirre Reimschemata und Texte, die den Oberkirchenrat verzweifeln lassen. Frauenarzt mit seiner allesfickenden Ignoranz und seinen polarisierenden, oft sehr aggressiven Texten. Und dann ein neues Album im Jahr 2017? Ein Traum! Diese Sätze gehen dieser Tage durch die Köpfe vieler alteingesessener Raphörer. Nur bei mir leider nicht. Von Taktloss weiß ich, dass er eine skurrile Persönlichkeit ist und von Frauenarzt das er immer viel über Sex und Genitalien gerappt hat und irgendwann ein merkwürdiges Abenteuer mit Manny Marc gestartet hat. Mit dieser Erwartung ins Album. Direkt nach dem ersten Track merke ich: Das wird 'ne harte Nuss. Ich weiß nicht, ob man in der Vergangenheit irgendwas an Taktloss 'gecheckt' haben muss oder ob mein Gehirn einfach nicht komplex genug für diesen Strom an kryptischen, sich nicht reimenden Botschaften ist. Klar ist es cool, mal etwas frischen Wind in dieser Szene der Kopierer und Nachahmer zu haben. Allerdings ist es nicht so geil, wenn der Wind einem einen (subjektiven) Gülle-Geruch in die Nase treibt. Frauenarzt hat es nie aus dem 'Belustigungs-Musik-Mach-Kreis' geschafft, in dem er sich bei mir mit Tracks wie 'Spreiz deine Beine' selbst positioniert hat. Stumpf ist zwar Trumpf, auf Albumlänge wird es dann aber irgendwann zu dumpf. Was leider erschwerend dazu kommt ist der Fakt, dass ich mit EDM Trap absolut nichts anfangen kann. Vor allem wenn dann, wenn der Song vorbei ist, plötzlich noch ein 30-sekündiges, donnerndes Outro kommt. Alles in Allem fühle ich mich so, als hätte bei dem Album irgendwas nicht geklickt bei mir. Die musikalische Abschreckung war dann aber so groß, dass mich das nicht wirklich stört." - 4/10
  • 8/10
    Shana: "Manchmal muss man auch mal ehrlich zu sich selbst sein: Als Frauenarzt und Taktloss diese Kollabo ankündigten, war ich wirklich, wirklich aufgeregt. Als ich dann irgendwann den lang ersehnten Presse-Stream hatte, habe ich mich gefreut wie ein kleines Kind. Obwohl die Produktion zeitgenössisch ausfällt, entsteht allein durch die Protagonisten so ein krasser Oldschool-Flavour. Beides sind Rapper, die man nur lieben oder hassen kann - bei mir trifft ersteres zu, wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich lange gebraucht habe, um die Kunst von Taktloss zu verstehen. Achja, absolutes Highlight: Egal was du sagst - Burak singt wie ein Engel!" - 8/10
  • 7/10
    Anna S.: "Mit Frauenarzt und Taktloss treffen zwei Berliner Originale aufeinander, die ihre markanten Battlerap-Stile fachmännisch und harmonisch vereinen. Verbales Massaker und poetische Reimketten werden auf dreckigen, teils melodischen Instrumentals zu unterhaltsamen, teils irritierenden Tracks zusammengeschustert. Keine leichte Kost, mit Blick auf die häufig überladenen Beats, dennoch sehr unterhaltsam." - 7/10
6.5/10

Kurzfassung

Mit “Gott” spalten Frauenarzt und Taktloss unsere Meinungen. Gerade die teils wirren Reimschemata Takloss’ sorgen bei Einigen für Verwirrung. Gleichzeitig kommen die wuchtigen Beats und die untergrundige Ignoranz der Beiden bei anderen aus der Redaktion sehr gut an.

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