Die Meinung der Redaktion zu „tru.“ von Cro

Was dürften die Augen bei den aufmerksamen Musikfans in diesem Juni groß geworden sein, als es von Cro hieß: „I’m back“. Denn mit der ersten Single „Baum“ zeigte sich der Panda so ganz anders, als man es von ihm in den fünf Jahren seiner „Ich habe das Game durchgespielt“-Karriere kannte. Reflektiert, progressiv und ohne den Ansatz eines radiotauglichen Arrangements kam die 7-minütige (!) erste Single „Baum“ daher und schloss dabei sogar mit dem scheinbaren Tod des Maskenträgers ab. Was damit – logischerweise – begann, waren Spekulationen um den Verbleib der Maske. Zeigt uns der Stuttgarter mit dem dritten Album doch noch sein Gesicht? Und was erwartet uns nach einem solchen Aufschlag auf ‚fake you.‘? Ist das ewige Kind der Pop-Landschaft in den drei Jahren seit „Melodie“ tatsächlich erwachsen geworden? Am Ende kam es dann wohl doch nicht so aufregend, wie es sich einige Fans erhofft hatten. Ja, die Maske gibt es noch, wenn auch mit optischem Update, und ja, auch Mega-Hits hat Cro nicht verlernt. Und trotzdem bleibt auf der dritten LP, die um Zuge der Promophase von „fake you.“ zu „tru.“ umbenannt wurde, wenig beim Alten. Auf sage und schreibe 20 Songs sucht man klassische Songstrukturen oft vergebens, findet Tracks von skizzenhaften 2-Minütern über 7-minütige Abfahrten a’la „Baum“ bis hin zum beinahe 15 Minuten andauernden „computiful“ im Herzstück des Albums. Und auch die Features fallen weder übermäßig namhaft oder naheliegend aus, mit dabei sind 0711s Soulstimme Patrice, Hamburgs Golden-Era-Hoffnung Ace Tee, Ivy Sole und der Fugees-Mastermind Wyclef Jean. Wir haben uns „tru.“ zur Brust genommen.

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Das sagt die BACKSPIN Gang!
  • 9/10
    Yannick W.: "Hätte mir jemand noch zum Jahreswechsel ins Gesicht gesagt, Cro würde eins der musikalisch wichtigsten deutschen Rap-Album des Jahres machen, hätte ich wahrscheinlich angefangen zu grinsen, zu witzeln. Doch nachher ist man immer schlauer. Mit 'tru.' gelingt nicht nur das offensichtlich beste Album seiner Karriere, sondern eben auch eins der spannendsten Rap-Releases dieses Jahres. Schon mit dem ersten Durchhören wird klar, wie die Ankündigung des 'ersten offiziellen Blicks hinter die Maske' zu verstehen ist, denn ‚tru.‘ hat nahezu gar nichts mehr mit der Postkarten-Musik der vergangenen Alben zu tun. Vielmehr erhascht man einen Blick in den Tief, dass sich Auftut, wenn die Lebensrealität sich von einer Woche auf die andere komplett wandelt. Und so wird die Zeit seit 'Roap' auf 'tru.' in allen Ups und Downs wiedergegeben, erzählt von Einsamkeit, dem manchmal verzweifelten Single-Leben, Tour mit den Jungs, aber auch dem Aufwachsen, der Familie, kurzum der Realität eines Mittzwanzigers, der im wohl prunkvollsten goldenen Käfig dieser Szene beheimatet ist. Was das allerdings erst so richtig interessant macht – Erzählungen vom Aufstieg eines Stars hört man nun mal nicht zum ersten Mal – ist der musikalische Mut, der auf der LP an den Tag gelegt wird. Als Einmannarmee genießt Cro zahlreiche Freiheiten, schäut sich hier allerdings zum ersten Mal nicht, diese auch vollends zu nutzen. Durch und durch cleane Beats treffen auf unkonventionelle Arrangements, zurückhaltend ins Geschehen eingreifende Features, Talkbox-Experimente und eine abwechslungsreiche Vocal-Performance. Die – für meinen Geschmack eigentlich viel zu langen – 100 Minuten hören sich wunderbar unanstrengend, gerade das beinahe 15-minütige 'computiful' ist ein Musterbeispiel für Kurzweiligkeit und sticht in seiner Hithaftigkeit sogar das geniale 'Unendlichkeit' aus. Einzig 'no. 105' wirkt wie ein vorgeschobener Versuch, das von Cro gezeichnete, eindimensionale Frauenbild zu relativieren und fühlt sich damit zumindest inhaltlich ein wenig deplatziert an. Hinzu kommt, dass Cro sich noch immer nicht ganz davon lösen kann, seine Inspiration recht offen zur Schau zu stellen, auch wenn das in diesem Fall –  mit Ausnahmen wie z.B. 'fkngrt' – etwas zurückhaltender geschieht. Aber ganz ehrlich: Auch das tut dem Gesamteindruck kaum Abbruch." - 9/10
  • 8/10
    Marvin: "Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Cro sich nach seinen berauschenden Erfolgen schafft, sich neu zu erfinden. Meine Vermutung wäre eine noch längere Astinenz und dann die Rückkehr mit dem Trap-Sound, den ja momentan jeder macht, um an seine Erfolge anzuknüpfen. Genau das hat er nicht getan, sondern seine eigene Linie gefunden um Musik zu machen, die es so in Deutschland kaum gibt. An Stellen klingt das Album sehr nach einem bestimmten Rapper aus Chicago, der sich auch mal von Gospelchören beeinflussen lässt. Tracks wie Baum inmitten von Laidback Tracks machen das Album zu einem Erlebnis, dass man Cro so nicht zugetraut hätte." - 8/10
  • 7/10
    Sabrina: "Hoch anrechnen muss man dem Stuttgarter Rapper die gewohnte Leichtigkeit, mit der er seine Parts rappt. Das hat er zwar auch schon auf vorherigen Releases geschafft, auf 'tru.' wird die Sache nochmal verfeinert. Die Beats scheint er mit großer Liebe zum Detail produziert zu haben. Alles klingt sehr durchdacht und ergibt im Gesamtbild ein unfassbar angenehmes und leichtes Soundbild, ohne dass die Abwechslung zu kurz kommt. Was mich hingegen stört, ist die textliche Tiefe, die das Album zu haben vorgibt. Meiner Meinung nach dreht sich Cro im Kreis und wiederholt oberflächlichste Sachverhalte auf unterschiedlichen Tracks. Vielleicht aber auch gewollt, um die Leichtigkeit der Platte beizubehalten." - 7/10
  • 7/10
    Niklas: "Ein Kino-Flop nach Jahren voller Hits, Platin-Platten und Erfolgen auf allen Ebenen scheint Cro gutgetan zu haben. Vielleicht lag es auch nicht nur daran. Aber es war schon zu beobachten, dass sich der Stuttgarter klammheimlich zurückgezogen und Deutschland auch für längere Zeit verlassen hat. Ebenfalls hat er auf die vor wenigen Jahren noch obligatorischen Urlaubs-Strand-Fotos verzichtet. Es wurde ruhiger um Cro. Ebenjenes Rauskommen hört man dem Album auch an. Die Themen werden rückwärtsgewandt in der Draufsicht behandelt und nicht mehr im Hier und Jetzt erlebt. Zudem traut sich Cro musikalisch den Schritt nach Links zu gehen. Viele Instrumentale sind nicht mehr so Radio-üblich und enden stattdessen nicht selten im üppigen C-Part. Vor allem hier überzeugt Cro durch schöne Wendungen der Songs und teils improvisiert wirkenden Piano- oder Gitarrensoli. Was stört: Die teilweise sehr hart abgekupferten Sequenzen von beispielsweise Anderson Paak oder Chance The Rapper nicht nur auf 'fkngrt'. Das Album braucht diese Anbiederungen nicht, auch wenn Cros Schaffen bisher häufig aus solchen bestand. Ebenfalls stellt die Länge der Platte ein Problem dar. Natürlich resultiert diese auch aus den ellenlangen C-Parts, Intros und Outros, dennoch hätte man die Essenz auch auf zwölf Tracks zweifelsohne rüberbringen können. Allgemein lässt sich 'tru' ohne Zweifel als das bis dato interessanteste Cro-Release betrachten. Mit 'Baum' und 'Unendlichkeit' hat die platte auch mir persönlich zwei sehr gute Singles gebracht. 'tru.' wird Cro ein Stückweit vom Copy-Cat-für-Radio-Hit-Stempel befreien. Mal sehen, wo die Reise hingeht." - 7/10
  • 9/10
    Shana: "Vorweg: Die Erwartungen an diese Platte waren nach den Vorgänger-Alben entsprechend riesig. Glücklicherweise dass sich dem entgegen ein Cro stellt, der sich davon offensichtlich nichts anhaben lässt. 'tru' als zeitgemäßes Album zu beschreiben, was Stil und Inhalt betrifft, wäre maßlos übertrieben. Ohne mit Floskeln um mich werfen zu wollen: Cro bringt das Gefühl und die Lebenswelt einer gesamten Generation auf den Punkt. Zusätzlich ist die künstlerische Genialität und besonders auch die stilistische Freiheit zu jeder Sekunde hörbar. Rückblickend auf die Erwartungshaltung lässt sich wohl sagen, dass 'tru' diese wohl um einiges übertroffen hat und Cro mal wieder bewiesen hat, aus welchem Grund er seinen Status in der Szene genießt." - 9/10
  • 8/10
    Yannick H.: "Quantität vor Qualität? Mitnichten. Denn Cro wartet auf seinem nunmehr dritten Studioalbum mit einer enormen Qualitätsdichte auf, welche die relativ lange Dauer von 'tru.' mit 96 Minuten zu einem Hörgenuss gestaltet. Der 27-jährige zeigt sich experimentierfreudig und ist in weiten Teilen nicht mehr mit dem Rapper zu vergleichen, der mit Songs wie 'Easy' oder 'Traum' als neuer Stern im Mainstream-Himmel gefeiert wurde. Reflektiert, erwachsen, durchdacht – Schlagworte, die auf sein neues Album zutreffen, das in seinen Facetten schier unbegrenzt zu sein scheint. Speziell die erste Hälfte von 'tru.' hat es mir angetan und kann mit stimmigen Features von Patrice und Wyclef Jean punkten." - 8/10
  • 6/10
    Jonas: "Wirft man einen Blick auf die Tracklist von 'tru.', so durchzuckt ein erst einmal ein leichter Schmerz. Denn Cro hat sich, was die Auswahl der Songtitel angeht, an keinerlei Konventionen gehalten. Viel wichtiger ist allerdings, was hinter diesen Namen steckt. Und das sind in diesem Fall 20 Tracks die alle irgendwie ziemlich OK sind. Thematisch ist dieses Album meiner Meinung nach eine schmale Gratwanderung zwischen komplettem Nonsens und einer ziemlich reflektierten Sicht auf sein Selbst- und Weltbild. Ein wenig schade ist es allerdings, dass gefühlt jeder dritte Track davon handelt, dass irgendein Mädchen nicht das Richtige für ihn ist. Demensprechend wirken auch viele Textpassagen innerhalb des Albums sehr austauschbar. Dennoch hat er es geschafft, meine Wahrnehmung über ihn, von einer reinen Popschiene, wieder hin zum Rap zu lenken. Die Beats sind alle durch die Bank weg gut. Raptechnisch ist es zudem auch eine sehr starke Leistung. Inhaltlich bleibt allerdings relativ wenig hängen. Nichtsdestotrotz hat Cro auf diesem Album mit 'Unendlichkeit', meiner Meinung nach, seinen bisher besten Track. Vielleicht war meine Erwartungshaltung nach der Veröffentlichung dieser Single auch ein wenig zu hoch. Alles in allem macht es aber schon Spaß 'tru.' zu hören und man hat nicht mehr das Gefühl, ein reines Radioalbum vor sich zu haben." - 6/10
7.7/10

Kurzfassung

Mit ‚tru.‘ kann Cro das beste Album vorlegen und eine beachtliche künstlerische Entwicklung zeigen. Bei einer Länge von rund 100 Minuten kommt die LP allerdings nicht ohne träge Momente aus, hinzu kommen einige deutlich von Vorbildern adaptierte Passagen.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

1 Comment

  1. Kekomat

    4. Oktober 2017 at 20:40

    Backspin ist mit Abstand die einzige Hiphop-Plattform welche fast ausschließlich immer nur Bewertungen im 5 – 7 Punkte bereich verteilt.
    Rezensionen mit einer Bewetung von 7+ sind eine Rarität…
    Nehmt mal den Stock aus dem Ar*** und passt euch an. Die Zeit von Boombap und Oldschool ist vorbei. Künstler konzentrieren sich nun viel mehr auf Vielfältigkeit und ein musikalisches Erlebnis statt auf Texte. Das ist nun mal so.
    Auch darauf rumzuhacken, dass dem Album „Tiefe“ fehlt ist so stupide. Die 187 labern von Ficken, Weed und Nutten und das ist dann ok, ist ja deren „Stil“.

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