Die Meinung der Redaktion zu „Lang lebe der Tod“ von Casper

Dass ein Album schon vor der Veröffentlichung zum Symbol für das Straucheln eines Künstlers gerät, der sich als Mensch in seiner Gänze in der Musik verwirklicht, erlebt man nicht oft – gerade im Deutschrap. Die Geschichte um „Lang lebe der Tod“ ist mittlerweile x-Mal erzählt: Bereits scheinbar im Kasten entschließt sich Casper vier Wochen vor der geplanten Veröffentlichung und bereits mit der imposanten Lead-Single im Rücken, sein viertes Album zu verschieben – und zwar auf unbestimmte Zeit. Schlussendlich hieß das für die Fans: Ein Jahr Ungewissheit. Doch um es mit einem mittlerweile zwar überstrapazierten, aber nunmal einfach passenden Sprichwort zu sagen: Gut Ding will Weile haben. Mittlerweile steht „Lang lebe der Tod“ in den Läden, neben den bereits im Vorfeld hörbaren Feature-Singles mit Drangsal, Sizzar, Dagobert und dem Einstürzende Neubauten Frontmann Blixa Bargeld sind auch Ahzumjot als einziges Rap-Feature, die US-Freunde von Portugal. The Man und in Skitform sogar Lil B mit dabei. Ob das Süppchen, das der Exil-Bielefelder zusammen mit seinen Gästen und den Produzenten Markus Ganter und Silkersoft gekocht hat, die vier Jahre Pause erklären, haben wir besprochen. 

Casper – „Lang lebe der Tod“ kaufen

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Das sagt die BACKSPIN Gang!
  • 9/10
    Sabrina: "Wer sein Album verschiebt, muss mit Kritik rechnen. Wer sein Album verschiebt, weil er selbst noch nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis ist, muss abliefern. Das hat Casper meines Erachtens nach geschafft. Auf „Lang lebe der Tod“ scheint Casper ein Mal alles auszusprechen, was ihm gerade so auf dem Herzen liegt. Egal ob es dabei um allgemeine Gesellschaftskritik oder ganz persönliche Angelegenheiten mit der Ehefrau geht. Angesichts der ungewöhnlich langen Produktionszeit, könnte man meinen elf Tracks wären etwas ernüchternd, reichen meiner Meinung nach aber vollkommen aus. Casper hat ein Album erschaffen, dass man gut und gerne mehrmals durchhören kann, ohne dass es langweilt. Der Sound der Platte ist ebenso facettenreich und reicht von punkigen Tracks ('Wo die wilden Maden graben') bis hin zu emotionalen Offenbarungen ('Meine Kündigung'), wie die Feature-Gäste (Ahzumjot, Portugal. The Man, Drangsal uvm.) Trotz des offenen Soundbildes, das sich gefühlt nach jedem Track ändert, findet sich ein roter Faden, der das Album rund macht. Caspers Musik ist nicht nur gereift, sondern vielmehr ausgereift." - 9/10
  • 8/10
    Jakob: "Da wartet man vier Jahre auf das lang ersehnte Casper Album und bekommt am Ende zehn bzw. sechs neue Songs. Für viele wohl ein quantitatives Desaster. Wer meine Soundchecks schon länger verfolgt, der wird wissen, dass ich ein Verfechter von kompakten Alben bin. Und so ist es auch bei 'LLDT'. Ich war nie großer Casper Fan, früher habe ich es als Emo Mucke abgestempelt. Doch natürlich weit gefehlt. Casper packt sehr viel Seele in seine Musik. Wahrscheinlich soviel Seele, dass er wohl selbst sein größter Kritiker ist. Deswegen findet man auf zehn Anspielstationen nicht einen 'Wegwerf-Track'. Was mir dieses Mal viel besser am Album gefällt, das weniger Pathos drinne steckt. Zudem sind Caspers Messages sind viel griffiger und direkter, als ich sie von ihm gewohnt bin. Der Soundteppich ist einfach einzigartig. Und ich glaube das gilt sogar über die deutschen Grenzen hinaus. Es steckt soviel von allem in diesem Album und am Ende ist die Essenz der 'Casper Sound', der sich von Album zu Album wieder neu erfindet. Zwar ist es keine Musik, die ich mir oft geben kann und werde, trotzdem honoriere ich das Gesamtkonstrukt. Und das ist am Ende wieder einmal sehr gut. Und wenn sich Casper trotz seines Standings noch Experimente wie 'Sirenen' traut, dann hat er erst recht meinen Respekt." - 8/10
  • 9/10
    Yannick H.: "Caspers drittes Album unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit und zum dritten Mal in Folge schafft es der 35-jährige, mich vollends zu überzeugen. Durch die Singleauskoppelungen 'Lang lebe der Tod', 'Sirenen' und 'Keine Angst' auf eine neue Stufe des Casper-Sounds neugierig gemacht worden, präsentiert sich das Gesamtwerk als homogenes Konstrukt, dass sich dennoch durch eine gewisse Diversität auszeichnet. Der Extertaler wandelt erneut zwischen den Genres und scheut dabei weder den übermäßigen Einsatz von Gitarrenriffs noch die Zusammenarbeit mit Indie-Rock-Bands wie Sizarr oder Portugal. The Man. Dabei wird extrem präzise der aktuelle Zeitgeist eingefangen sowie die eigene Persönlichkeit nach außen getragen, ohne dabei ins Kitschige abzudriften." - 9/10
  • 10/10
    Niklas: "Bevor das Album erschienen ist, hätte ich nicht gedacht, dass Casper es noch einmal schaffen würde, mich in seinen Bann zu ziehen. Das Erbe von Hinterland ist wirklich groß. Als ich die Platte dann das erste mal allein auf Kopfhörern von Anfang bis Ende durchgehört hatte, hinterließ sie mich dennoch wieder sprachlos. Der Sound von 'Lang lebe der Tod' haut einen wirklich um. Qualitativ legt Markus Ganter definitiv nochmal eine Schippe drauf, vor allem in den Details. Ein Drum-Aufschlag in der finalen Hook von 'Keine Angst', welcher dem Song eine auffällige Dynamik einhaucht. Die Snare-Rolls zum Ende von 'Deborah', die nicht wie Snare-Rolls klingen, sondern zu einem Zittern verfremdet wurden, das besser nicht zu dem Song hätte passen können und diesen trotzdem in eine zeitliche Aktualität ziehen. Dazu kommt auch ein sehr abwechslungsreich wie On-Point flowend und singender Casper. Die Einstiegs-Line in 'Alles ist erleuchtet' zieht einem direkt den Boden unter den Füßen weg. Part und Beat klingen angriffslustig wie seit 'Blut Sehen' nicht mehr. Der alles überragende 'Morgellon'-Beat wird trotz etwas oberflächlich-stereotyp gehaltenem Text mit einem in Zeiten von Triolen-Flow-Banalitäten außergewöhnlichen Stil komplett berappt. In 'Lass sie gehen' mutiert Casper kurzerhand zu Drake und featured wie dieser einen der, zumindest auf Kritiker wie Musiker-Seite, aktuell interessantesten Künstler und eignet sich in den Parts dessen Flow an. Zusammengehalten wird das Album vor allem von den verzerrt rauschenden Basssequenzen in fast sämtlichen Songs. Selbst das Deutsch-Punk-Revival „Wo die Wilden Maden Graben“ baut auf diesem rohen Bass auf und geht am Ende in genau diesem zu einem trappigen Beat auf, bevor der Song die Post-Rock-Abfahrt in die verhallte Weite des Raums nimmt. 'Lang lebe der Tod' ist die Musik-Werdung eines überlebensgroßen Industrie-Welt-Ungeheuers, dessen blitzendes Licht von riesigen Rotorenblättern in Stroboskope geschnitten wird. Alles blitzt, alles zittert und geht am Ende in der Hymne aus, die dieses Album verdient. " - 10/10
  • 7/10
    Peter: "Der Druck ist zweifelsohne für Casper gestiegen. 2017 betrachtet der Bielefelder nicht mehr seine eigenen 20 Quadratmeter, sondern nationale und globale Probleme, jugendliche Themen weichen einem wie Depressionen. Dennoch klingt der Langspieler keinen Moment eintönig. Casper reiht verschiedene Themen und Instrumentals auf 'Lang lebe der Tod' aneinander ohne das der Eindruck eines kompletten Albums verloren geht. Das Cover und der Titel versprechen nichts, was die Tracks nicht halten können." - 7/10
  • 9/10
    Yannick W.: "Starten wir mal mit der Essenz: 'Lang lebe der Tod' ist Caspers bis dato bestes Release. Erstmals wird Casper als Charakter deutlich greifbarer für den Hörer, versteckt sich nicht mehr hinter möglichst kunstvollem Poesierap, was auch die Referenzsuche noch einmal interessanter macht. Cas kommt, wenn auch gelegentlich etwas zu plump, auf den Punkt und projiziert damit die Probleme, die diese Produktionsphase wohl durchzogen haben müssen, mit einer so dynamischen Delivery wie bis dato noch nie auf die überlebensgroßen Instrumentals aus der Ganterschen Beatschmiede, die sich von Industrial über Post-Rock bis hin zu zeitgemäßem Hip-Hop erstrecken und in Deutschland aktuell ihres gleichen suchen. Getragen wird die LP dabei vom Leitmotiv Angst in ihren zahlreichen Facetten, die es mal in umittelbar persönlicher, mal aus beobachtender, kritisierender Perspektive auf die LP schaffen und sich als roter Faden durch die ansonsten freistehenden Songs zieht. Einzig 'Keine Angst' fällt mit seiner 'cure-igen' Art heraus, wird am Ende wohl auch einfach etwas zu sehr vom großartigen Drangsal dominiert. Vielleicht brauchte es diese vier Jahre um den vorausgesagten Status des Heilsbringers vollends zu verarbeiten und losgelöst vom Erwartungsdruck eben diese Platte zu machen. Denn mit 'Lang lebe der Tod' gelingt sie endlich, die Emanzipation von diesem aufgedrückten Status sowie den beiden Vorgängeralben und damit der vorläufige Zenit einer außergewöhnlichen Karriere." - 9/10
8.7/10

Kurzfassung

Mit „Lang lebe der Tod“ schafft Casper es, uns beinahe vollends zu überzeugen. Dank direkteren Texten und einem brachialen Soundgewandt findet sich in seiner vierten LP ein rundes Gesamtprojekt, das kaum Wünsche offen lässt und damit schon jetzt zu stärksten Releases des Jahres zählt.

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