Sookee: „Disstracks halte ich für Verschwendung von Lebenszeit“

Drei Jahre nach dem Release von „Lila Samt“ steht mit „Mortem & Make Up“ die nächste Veröffentlichung von Sookee an.
In Berlin haben wir Sookee zum Interview getroffen und mit ihr über Schönheitsideale, die aktuelle Rolle der Frau im HipHop und Grenzziehung im Battlerap gesprochen.
Außerdem erklärte Sookee, was sich an der Zugänglichkeit ihrer Musik verändert hat, dass Frauen keine besseren Menschen seien und wieso des Öfteren auch die HipHop-Szene bei Außenstehenden verteidigenmuss.

Sookee, die Veröffentlichung deines letzten Albums „Lila Samt“ war 2014. Was ist auf dem Weg bis hin zur aktuellen Platte „Mortem & Make Up“ passiert?

Sookee: Zunächst mussten sich die Themen setzen, um dann wieder aufstehen zu können. Ich schreibe ja über mehr als Representing und Party, sondern über viel Gesellschaftskritik. Da beobachte ich meine Interessenlage und schaue, wozu ich mich äußern kann. Das ist nichts, das einfach so vom Himmel fällt. Zweitens brauchte ich eine Weile, um meine Schreibe vom sehr theorielastigen hin zum Storytelling zu führen, damit sich ein paar Türen öffnen, die vorher definitiv verschlossen waren. Dazu bin ich in der Zwischenzeit Mutter geworden und familiär sind noch Dinge passiert, die Zeit gekostet haben.

Wenn du vom Türen öffnen sprichst, meinst du die Erweiterung deiner Zielgruppe? Ein Großteil besteht, schätze ich, aus politisch nicht nur interessierten, sondern auch aktiven Leuten.

Sookee: Früher war Politik einfach dein Ding oder eben nicht. Heute hat sich der Newsfeed von vielen Leuten krass verändert, glaube ich. Ich möchte Futter anbieten und Türen öffnen für Leute, die mitspielen wollen, vorher aber nicht unbedingt politisch interessiert waren.

Ein Vice-Autor schrieb einst, deine Texte klingen wie aus einem Soziologie-Grundstudium. Inwiefern hat dich diese Aussage dazu bewegt, über die Zugänglichkeit deiner Musik nachzudenken?

Sookee: Erst dachte ich, die Formulierung sei total gemein, aber die kommt natürlich nicht von ungefähr. Tatsächlich hat es bei mir einen Nerv getroffen, was dazu geführt hat, dass ich mit meinen Texten in eine Erzählrichtung gegangen bin, wo ich vorher viel theoretischer war. Gerade Tracks wie „Hüpfburg“ oder „Hurensohn“ hätte ich vorher eher mit einem soziologischen Zugang aufbereitet und jetzt sind es einfach Geschichten. Mir tun solche Tracks total gut und ich erlebe meine eigene Musik ganz neu. Die Platte ist noch nicht einmal draußen, aber bei der bisherigen Kritik merke ich jetzt schon, dass diese Richtung auf fruchtbaren Boden fällt. Daher: Danke an Vice! Kritik ist nichts schlechtes. Ich freue mich, wenn es sich konstruktiv verhält und ich daraus etwas machen kann und in diesem Fall war es ein ganz guter Verlauf.

Dein Albumtitel lautet „Mortem & Make Up“ – Mortem, also der Tod, würde ich als Symbolik für Vergänglichkeit interpretieren. Soll Make Up hingegen das Reduzieren von Frauen auf bestimmte Schönheitsideale symbolisieren?

Sookee: Zum Beispiel. Es gibt mehrere Ebenen. Ich finde, die Gegenwart ist voll von Gleichzeitigkeiten. Einerseits hast du krasse Fortschritte, was Menschenrechte anbelangt, gleichzeitig hast du Trumpismus und diese ganzen Backlashes – Das auszuhalten ist schon krass. Für meine Perspektive sieht es wie folgt aus: Du wirst geboren, lebst ein paar Jahrzehnte rum und fertig, eigentlich völlig unpolitisch. Diese Zeit politisch zu gestalten, ist aber wieder eine Gegenläufigkeit. Einerseits geht es um mich und mein Älterwerden, andererseits geht es auch um mich als Teil einer globalen Welt. Sowohl der Tod als auch Make Up beinhalten beide Faktoren. Einerseits hast du etwas großes, philosophisches wie den Tod und andererseits hast du etwas vermeintlich triviales wie Make Up – ist doch bloß ein bisschen Farbe im Gesicht. Beim Tod ist es so: Entweder du stirbst mit Vollverpflegung im Kreis deiner Liebsten oder du wirst auf www.billig-bestatter.de irgendwie unter die Erde gebracht. Das macht einen großen Unterschied, der sich politisch analysieren lässt. Ähnlich verhält es sich mit Make Up: Einerseits geht es darum, sich irgendwie bunt zu machen. Andererseits wiederum geht es darum, wie sich darin Körpernormen widerspiegeln, was schön und was hässlich ist und wie Weiblichkeit gewertet wird. Ich liebe Make Up, ich schminke mich gerne. Dennoch hat es einen größeren Wert, wenn man in einer Gesellschaft lebt, die politisch messbar zwischen schön und nicht schön unterscheidet.

Die Thematiken, die du in deiner Musik behandelst, sind komplex. Magst du kurz zusammenfassen, wer Sookee ist und wofür ihre Musik 2017 steht?

Sookee: Ich bin Repräsentantin für das, was sich am Ende Polit-Rap nennt. Es gibt verschiedene Leute, die politische Musik machen, sich aber ungern auf den Begriff reduzieren lassen wollen.

Sookee steht dafür, dass Kultur und Politik kein Widerspruch sein müssen.

Mir geht es auch darum, Sichtbarkeit von Frauen und Queers im HipHop zu thematisieren. Nicht, weil ich glaube, dass Frauen bessere Menschen sind, sondern weil ich es nett fände, wenn Leute alle möglichen Sachen machen dürften. Alle Rapperinnen in Deutschland kriegen ständig die Frage gestellt, wie es denn sei als Frau im Rap – Egal, ob es eine Lia, eine Pilz oder eine Schwesta Ewa ist. Mir wäre es ein großes Anliegen, wenn sich Interviews nicht mehr daraus speisen müssten, sondern Leute einfach Rapmusik machen können und fertig. Um an den Punkt zu kommen, muss definitiv etwas auf der quantitativen Ebene passieren. Das heißt, wenn es irgendwann eine unüberschaubare Zahl von Frauen im Rap gibt, ist die Kategorie Female Rap hinfällig. Genau so wie es auch keinen Male Rap gibt. Würde sich zahlenmäßig etwas ändern, gibt e auch nicht mehr die eine Frau auf dem Label oder die eine Frau auf der Jam, sondern voll viele. Dann fange ich an, mir Namen zu merken, dann muss ich sie nicht mehr mit anderen Künstlern vergleichen und dann muss ich bestenfalls auch nicht mehr darüber diskutieren, ob ich sie ficken würde oder nicht. Dann kann man Skills bewerten und Inhalte diskutieren. Tatsächlich bin ich auch jemand, der schon lang dabei ist – seit 2005 ist „Mortem & Make Up“ mein achtes Release. Viele Künstler haben irgendwann keinen Bock mehr oder lediglich nicht die Strukturen, um Musik zu veröffentlichen. Ich hingegen habe einfach weitergemacht und ich glaube, das ist auch etwas, das man erwähnen sollte.

Seit 2012 lobt man ständig den wachsenden musikalischen Facettenreichtum im deutschen HipHop. Wie bewertest du hingegen die Entwicklung der Rolle der Frauen in der Szene?

Sookee: Ich empfinde das gerade als eine sehr gute Zeit und bin sehr hoffnungsvoll. Aktuell macht es mir wieder mehr Spaß als noch vor drei oder vier Jahren, weil einfach etwas nachwächst. Ich schreibe selbst Rezensionen für ein feministisches, kulturpolitisches Magazin aus Österreich, ich bin für den female HipHop zuständig. Mittlerweile muss ich nicht mehr nach Veröffentlichungen suchen, sondern sogar aussortieren, weil es so viele Veröffentlichungen gibt. Es tut sich sehr viel und ich bin guter Dinge. Ich freue mich natürlich, wenn es da wenig Konkurrenzgefühle gibt und Frauen auch peilen, dass genug Platz für alle ist.

Wie würde die Szene bezüglich interner Konkurrenzgedanken aussehen, bestünde sie überwiegend aus Frauen?

Sookee: Erstmal müssen wir festhalten, dass Frauen keine besseren Menschen sind. Daher glaube ich, dass es da genauso Konkurrenzgedanken geben würde. Problematisch ist, dass viele Frauen, glaube ich, verinnerlicht haben, dass es nur eine geben kann und das ist Quatsch. Ich habe keinerlei für Battle-Kram.

Disstracks halte ich für Verschwendung von Lebenszeit

Es ist ja auch okay, würde sich untereinander gezofft, aber eben bitte nicht, weil der Gedanke vorherrscht, es könne nur eine geben. Ich glaube, ich bin da für das umgekehrte Hahn-im-Korb-Prinzip.

Apropos Battlerap: Ein gern diskutiertes Thema ist die imaginäre Grenze: Was darf Battlerap und wo hört die Kunst auf?

Sookee: Erstmal gibt es ja auch noch weitere Formen der Diskrimierung, deren Vermeidung mir auch wichtig ist – das muss gar nicht nur Sexismus sein. Genau so könnte man die Verwendung des N-Wortes thematisieren oder antisemitische Stereotype, die reproduziert werden.

Kunstfreiheit an sich finde ich kein richtig gutes Argument, weil das jede Debatte beendet.

Damit kommt man nicht voran, das ist unproduktiv. Eine Grenzziehung festzulegen ist total schwer und der Kontext spielt eine wichtige Rolle. Wer sagt was wann warum zu wem mit welchem Background ist wichtig. Es gibt keinen Begriffskatalog, von dem ich behaupten könnte, bestimmte Worte gehen für mich klar oder eben nicht. Satire muss man meiner Meinung nach auch noch berücksichtigen, damit verhält es sich wieder etwas anders als einfach nur mit Kunstfreiheit. Mein Wunsch wäre eine lebendige Debatte darum und nicht, prinzipiell zu sagen, das darf man und etwas anderes wiederum nicht.

Du bist politisch sehr aktiv – Wie verhält es sich mit Vorurteilen gegenüber HipHop? Wie fallen im Normalfall die Reaktionen aus, wenn du Außenstehenden erzählst, dass du selbst rappst?

Sookee: Ja, klar. Die finden das meist total nett und besonders, was ich so mache. Endlich ist da mal jemand, der gute Dinge sagt. Dass sie damit etwas beleidigen, das mir wichtig ist, nämlich HipHop, finde ich andersrum auch oll. Das ist stellenweise eine komische Doppelposition: Ich muss HipHop gegenüber bestimmten Leuten verteidigen, die überrascht feststellen, dass ich drei Sätze geradeaus sprechen kann und eine Meinung habe – das bedeutet ja im Umkehrschluss, Rap sei ausschließlich sexistisch und diskriminierend.

Natürlich kümmere ich mich gern um das Thema Rap, weil das mein Zuhause ist und ich mich in meinem Zuhause gern wohlfühlen würde.

Das Klischee gegenüber HipHop existiert zwar noch, aber es findet aktuell eine positive Entwicklung statt. Es sind zur Zeit jede Menge Leute unterwegs, die nicht stumpf sind und die wirklich Bock haben auf Gesellschaft und peilen, dass es mehr gibt als Klischee. Deshalb habe ich das Gefühl, dass HipHop gerade einen großen Schritt auf die Gesellschaft zu macht und diese auch interessierter auf HipHop schaut als dieses „Man macht peinliche Dinge mit den Händen“-Zeug. Rap kann sich mittlerweile wehren und darum bitten, sich nicht für völlig bescheuert erklären zu lassen, weil er es nun einmal nicht ist.

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