So war die Premiere zu Kanye Wests „The Life Of Pablo“

Am späten Donnerstagabend war zu „The Life Of Pablo“ absolut alles gesagt. Nach einer, für Kanye West unüberraschend exzentrischen Promophase, die sich in erster Linie durch verwirrende Tracklists, Feature-Ankündigungen und Gaga-Tweets auszeichnete, warteten ca. 20.000 Zuschauer im New Yorker Madison Square Garden nur noch darauf endlich reinhören zu dürfen. Nichts geringeres als das kürzlich „best album of all time“ getaufte Werk stand den Gästen, sowie tausenden von Live-Zuschauern weltweit bevor.

Diejenigen, die nicht vor Ort sein konnten, haben über den Streamingdienst Tidal zugeschaltet oder saßen in einem der Kinos, in welche die „Yeezy Season 3“ weltweit live übertragen wird. Ich bin einer von ihnen und sitze um kurz vor 22 Uhr, überpünktlich in einem Hamburger CinemaxX Kino. Meine ersten Eindrücke:

21:55: Eine fest installierte Kamera zeigt den sich langsam füllenden Madison Square Garden. Man vernimmt Gemurmel.
22:00: Die Einstellung wechselt. Der Blick auf die Bühne wird freigelegt. Mehrere, riesige Planen verhüllen, worunter sich nur die große Show verstecken kann. Das Kino horcht zum ersten Mal auf.
22:05: Schuhe. Die nächste Einstellung scheint im Eingangsbereich der Konzerthalle aufgestellt zu sein. Menschen erhalten offensichtlich Einlass, orientieren sich kurz und laufen dann weiter. Der Ausschnitt reicht jedoch vom Teppich bis zu den Knien. Ich bin eine Weile angenehm verwirrt, bis ich ahne: Eine große Masse der Besucher trägt Yeezys – diese Einstellung ist eine subtil zur Schau getragene Genugtuung über den Erfolg eines oft belächelten Rappers in der Modebranche.
22:15: Großaufnahme Madison Square Garden – die Halle ist voll, es kann los gehen. Kanye läuft ein und ist verhältnismäßig bescheiden gekleidet. Sein Outfit wirkt eher, als ob er gerade vom Joggen käme, als die Weltpremiere seines Albums anzugehen. Die Kardashian Clan betritt den Saal dagegen in Glanz und Glamour und wirkt abermals wie eine Parodie. Kanye begrüßt auf dem Weg zu seinem Mischpult eine Menge wichtiger Leute und erreicht diesen schließlich gut gelaunt. Noch ein paar Einstellungen auf dem bereit liegenden Laptop checken, dann wird ein iPhone angestöpselt. 

Kanye ergreift noch kurz das Mikrofon bevor er die gespannt wartende Menge begrüßt: „Wenn ihr klatschen wollt, oder feiern oder tanzen, dann macht das!“ – PLAY 

Der erste Track des Albums beginnt, die Bühne ist nach wie vor verhüllt. Die kindlich-aufgeregte Halle sowie der Kinosaal in dem ich sitze schaut dem nickenden Kanye zu und fragt sich, ob die Grundsituation eigentlich urkomisch oder höchst amüsant ist. Eine Live-Albumpremiere im Kino fühlt sich zumindest anfänglich seltsam an. Meine autistische Befürchtung, ich könnte aufgrund von sprechenden Sitznachbarn bei der Rezeption der neuen Tracks gestört werden, stellt sich als unbegründet heraus.

„Ultra Light Beams“, wie der Opener von „T.L.O.P.“ heißt, lässt die Zuschauer demütig jeden Kommentar herunterschlucken. Kanye haut ein paar dicke Takte auf die eindrucksvolle, peitschende Produktion. An seinem scheinbaren Höhepunkt angekommen, setzt ein Frauenchor ein und schenkt „Ultra Light Beams“ einen monumentalen Charakter. Einige Augen im Saal glänzen.

Währenddessen wird die Bühne publikumswirksam enthüllt und haufenweise Models stehen auf einem großen Podest. Regungslos, dürr, und ohne Gesichtsausdruck aber gekleidet in die neueste Yeezy Kollektion. Chance the Rapper komplettiert das lange Intro und legt einen der wohl besten Parts seiner Karriere hin. Ein erstes erleichtertes Aufatmen: Das war groß.

#Yeezy Season 3 #bofw

Ein von The Business of Fashion (@bof) gepostetes Foto am

Die Männer-Crew um Kanye, unter welcher sich Pusha T befindet, der den ganzen Abend lang nicht von Kanyes seiner Seite rückt, wippt zum Beat. Alle im Raum fühlen den Song – die „Performance“ gibt zu diesem frühen Zeitpunkt jedoch noch Rätsel auf.

Das Album wird zu größten Teilen weiter durchgespielt. In einigen, schwer verständlichen Unterbrechungen lobt Kanye seine Familie, seine Unterstützer, schwafelt von Inspiration und von Gott. Alles bekannt, alles relativ unnötig. So überzeugend wie der Opener ist zunächst kein weiterer Track, doch „The Life Of Pablo“ geht voll auf , hat einige große Momente und definitiv keine Hänger.

Die eigentliche Show, die den Zuschauern jedoch geboten wird, ist an Absurdität nicht zu überbieten. Knapp 100 Models müssen es sein, die sich alle nicht regen dürfen, die alle emotionslos in die Kameras starren. Man will die offensichtlich gequält stillhaltenden Geschöpfe innerlich erlösen und leidet durch die komplette Performance hindurch mit ihnen mit. Diese menschliche Installation hat absolut nichts mit dem Album zu tun.

Die Vorstellung, der Zuschauer könne die leeren und emotional unbeschriebenen Gesichter mit seinen eigenen Projektionen füllen, wäre die einzige Erklärung die sich mir abieten würde. Dafür allerdings sind die Kamera-Schnitte zu schnell gewesen, die Musik zu fetzig und aufgedreht und das gleichzeitige Rumgehampel plus ständige Unterbrechen der Musik von Kanye selbst zu störend. Wie man es auch dreht und wendet – für den reinen Hörgenuss des Albums wäre dem Zuschauer eine schwarze Leinwand um einiges angenehmer aufgefallen.

Gegen Ende der Vorstellung, nachdem die größteteils dick aufgetragenen und durchaus anspruchsvollen Songs zu einer positiven Ermüdung geführt haben, unterbricht Kanye erneut die Musik: Er habe eine Neuigkeit zu verkünden. Er habe ein Videospiel entwickeln lassen. Man könne seine Mutter bald durch die „gates of heaven“, die Himmelstore fliegen lassen. Ein Teaser, unterlegt mit einer Variation des Kanye Tracks „Only One“ zeigt daraufhin, wie dessen Mutter Superman-artig durch Wind und Wetter fliegt um schließlich Einlass ins Paradies zu erhalten. Die Menge, deren Aufregung um die Weltpremiere sich inzwischen etwas gelegt hat, weiß nicht ob sie lachen oder weinen soll. Kanye erzählt, dass er mit seinem Videospiel-Vorstoß im Silicon Valley abgewiesen und beleidigt wurde. Er spielt den Teaser noch einmal. In meinem Kinosaal sind einige Lacher zu vernehmen. Die Szene fasst den Abend schließlich gut zusammen.

Nachdem die Kardashian Familie in großem Getöse die Halle verlässt, da Töchterchen North West ins Bett muss, packt auch Kanye schnell seine Sachen zusammen. Das Album ist zuende gespielt, die Models, von denen sich einige aus Erschöpfung inzwischen hingesetzt haben (wie im ausführlichen Reglement verordnet), sind noch immer auf der Bühne gefangen. Zu seinem albumlosen Hit „All Day“ verlässt Yeezy die One-Man-Show, als welche man diese Veranstaltung bei einer mit menschenmassen überfluteten Bühne bezeichnen muss.

#KanyeWest’s rules for his #Yeezy models 😩😩 via @complex

Ein von The Shade Room (@theshaderoominc) gepostetes Foto am

Es folgt kein Ende, kein Abschluss. Ebenso unbeholfen wie die Zuschauer in New York und die verunsicherten Models auf der Bühne fragen auch wir in Hamburg uns, ob wir jetzt aufstehen und gehen sollen, oder ob das Bleiben lohnen könnte. Spätestens als jedoch nach Travis Scotts „Antidote“ mit Rihannas „Work“ noch ein weiterer Song ertönt, der offensichtlich nur noch zur Beschallung des Saales dient und kein Teil der Show mehr sein kann, leert sich mit dem Madison Square auch der Kinokomplex.

Draußen höre ich einige verwirrte Gespräche mit. In einer Unterhaltung mit zwei hartgesottenen Kanye-Fans erfahre ich, dass Kanye einen Track ausgelassen hat („Fade“ f. Ty Dolla $ign & Post Malone) und sonst fast alles richtig gemacht hat. Die „Yeezy Season 3 Collection“  (ein Sweater kostet übrigens um die 999$) war jedoch auch für sie völlig unnötig und unverständlich.

Der Abend wird somit exemplarisch als gehyptes Großereignis eines Kanye West in die Geschichte eingehen, der immer polarisiert, immer abliefert und nie richtig greifbar werden wird. „The Life Of Pablo“ wird für das Jahr Null-16 in puncto Produktionsweise und Marketing die Messlatte sein –  musikalisch sind die Nachbeben somit schon absehbar. Wer an dem visuellen Part dieses Abends ebenfalls seine Freude hatte, für den haben sich die Karten für um die 100 Euro im Big Apple doppelt gelohnt.

Ich warte, bis Kanyes siebtes Studioalbum auch in physischer Form erhältlich sein wird und bleibe mit dem angenehm diffusen Eindruck zurück, dass Kanye West – und alles was er anfasst – für immer ein großes Phänomen bleiben werden.

Die endgültige Tracklist zu „The Life Of Pablo“:

01 „Ultra Light Beams“ f. Chance the Rapper & The-Dream
02 „Father Stretch My Hands Pt. 1 & Pt. 2“ f. Travi$ Scott, Kid Cudi, & Desiigner (prod. Metro Boomin)
03 „Freestyle 4“
04 „Famous“ f. Rihanna (prod. Swizz Beatz)
05 „Highlights“ f. Young Thug & The-Dream
06 „Feedback“
07 „Fade“ f. Ty Dolla $ign & Post Malone
08 „FML“ f. The Weeknd
09 „Real Friends“ f. Ty Dolla $ign
10. „Wolves“ f. Frank Ocean
Kanye T.L.O.P Cover

 

 

 

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Er ist nicht "Nordisch by Nature" – kam aber durch Samy und EinsZwo zu Hip-Hop. Abseits davon auch gerne Gespräche über die Rettung der Welt, Tesla oder Alan Watts. "They try to blind our vision, but we all God children, we siblings. You my brother, you my kin, fuck the color of your skin."

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