Snow21 (aus BACKSPIN #118)

,,ICH ROLLE ÜEBER LEIPZIG WIE EIN BUS“, SAGT SNOW21. ER IST EINER DER WENIGEN WRITER, DIE ES GESCHAFFT HABEN, ÜBER DEKADEN HINWEG MIT EINER REGION IDENTIFIZIERT ZU WERDEN. EISKALT UND KOMPROMISSLOS HINTERLÄSST SNOW SEINE SPUREN IN DER STADT. ER IST EIN BOMBER, WIE ERIM BUCHE STEHT. DER MANN IST SCHWER BESCHÄFTIGT, DOCH UM DIE FOLGENDEN FRAGEN ZU BEANTWORTEN, LEGTE ER EIN KURZE PAUSE EIN.

Moin Snow, danke, dass du Zeit für dieses Interview gefunden hast. Lass uns gleich loslegen! Du bist seit über zwei Jahrzehnten aktiv. Wie war es, als du damals mit Graffiti begonnen hast, und wie fühlt es sich jetzt an?

Obwohl sich die Abläufe ähneln und sich vieles routinierter abspielt, besteht immer noch eine Spannung vor, während und nach der Action. Die Stimmung der Nacht wie auch die gesamte Atmosphäre haben nach wie vor ihren Reiz.

In einer so langen Zeit des Wirkens hast du ja manche Stellen mehrfach bedient. Fühlt sich das Malen beim zweiten oder gar dritten Mal anders an?

Wenn sich die Stellen wiederholen, liegen oft einige Jahre dazwischen. Bis dahin verblassen auch die Erinnerungen daran, wie es war, sie zu malen und wie die Umgebung gegenüber dem heutigen Zeitpunkt aussah. Deswegen – und wegen der vielen Medikamente – fühlt es sich wieder wie neu an.

An prominenten Spots in der Innenstadt stehen einige Pieces von dir seit Jahren. Wie nimmst du deren Veränderung und die der Umgebung wahr?

Die Bilder werden dreckiger und die Umgebung wird sauberer.

Wenn man sich in Leipzig bewegt, kommt man einfach an deinen Sachen vorbei. Es gibt nur wenige Orte, wo das ähnlich ist. Chintz zum Beispiel steht für das Ruhrgebiet, in Hamburg hat Oz Zeichen hinterlassen, die noch über Jahre das Stadtbild prägen werden. Du wirkst seit über zwei Jahrzehnten in Leipzig, welche Bedeutung hat diese Stadt für dich?

Ich rolle über Leipzig wie ein Bus!

Lass uns über Style sprechen. Deiner war früher eher klassisch, mittlerweile erkenne ich beim Be- trachten deiner Pieces eine große Freude an der Verbiegung von Buchstaben in Richtung eines un- verwechselbaren, knorrigen Characters mit unorthodoxen Verbindungen und ohne Schnörkel. Wie würdest du deine Entwicklung beschreiben?

In den ersten Jahren waren ein schönes ästhetisches Erscheinungsbild und eine gewisse Symmetrie und Ausgewogenheit wichtig. Sauberkeit, ein gerader Strich und harmonische Farben standen im Fokus. Mittlerweile ist das zu wenig – und das schöne Piece auf Dauer zu langweilig und einfach nur dekorativ. Ich versuche, Formen zu kreieren, die auf den ersten Blick unlogisch erscheinen. Mich interessieren momentan auch scheinbar perfekte Bilder und schnell erfass- bare Harmonien nicht. Ein funktionierendes Bild zu malen, ist ja auch nicht schwer. Ich finde es reizvoll, aus simplen Buchstaben coole Verbindungen zu schaffen und von dem Grundgedanken, ein Wort zu verformen, wegzukommen. Die Ursprungsform eines Buchstabens muss auch nicht unbedingt das Grundgerüst für einen gestylten Schriftzug sein. Fantasie ist wichtig. Zu viele Gedanken begrenzen. Dass da noch viel geht, sehe ich mit Freude auch bei einigen anderen.

Wessen Pieces sind das – und warum?

Es ist mehr der Trend als einzelne Bilder. Writing ist nur bedingt kunstvoll, da sich die geistige Beschäftigung bei Buchstaben kaum ergibt. Aber stilistisch sehe ich bei einigen einen Ansatz des Suprematismus. Die Vertreter dieser Zeit wollten sich auch von der Doktrin loslösen, so ähnlich, wie es vorher die Impressionisten taten. Irgend- wann wird es einfach auch langweilig, andere zu wiederholen. Und aus dem Drang, etwas vermeintlich Neues zu kreieren, entstehen dann neue Kunstrichtungen. Aufgefallen ist mir das bei einem Besuch in Frankreich.

 

The following two tabs change content below.

Seiten: 1 2

Razer

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.