Zu Besuch in Bremen: Eine lange Nacht mit Skinnyblackboy und Erotik Toy Records

Tatsächlich habe ich Malik, noch bevor er den Alias Skinnyblackboy annahm, schon vor etwa vier Jahren auf einer Party kennengelernt. Ein ehemaliger Produzent und gemeinsamer Freund hatte ihn mitgeschleppt und so saßen wir irgendwann gemeinsam auf dem Boden eines siffigen WG-Zimmers und sprachen über Musik. Diese Szenerie wiederholte sich am vergangenen Samstag, nur ging es dieses Mal nicht um einschlägige Neuveröffentlichungen aus den Vereinigten Staaten, sondern um Maliks eigene Musik. Auch befanden wir uns nicht in irgendeiner Studenten-Bude, sondern auf der Release-Party seines zweiten Mixtape „Skinnydippin“. Bereits zu Beginn des Jahres hat er mit dem Mixtape „Vol. 1“ für erste öffentliche Wahrnehmung gesorgt und schließlich auch seine erste Tour als Support für Haiyti gespielt. Ebenfalls gehört Skinnyblackboy mittlerweile fest in das Bremer DIY-Label Erotik Toy Records. Für das Release-Konzert lädt das Kollektiv dann auch direkt zur ersten Ausgabe der eigenen Veranstaltungsreihe „Deine Hobbys“ ein. Selbstverständlich also, dass ich mich an diesem ersten Dezember-Samstag in den Regionalzug von Hamburg nach Bremen setzte um Skinnyblackboy ein zweites Mal kennenzulernen.

Mit einer Welle grün-weiß bekleideter Fussball-Fans schwappe ich am frühen Abend in die Straßen des sogenannten Bremer „Viertel“. Ein Szene-Kiez, der eigentlich Steintor heißt, sich im lokalen Volksmund aber schon seit Ewigkeiten unter diesem für Außenstehende recht verwirrenden Pseudonym festgesetzt hat. An der zentralen Kreuzung des Stadtteils treffe ich eine kleine Gruppe mit halben Litern Haake Beck-Bier bewaffnete Mittzwanziger. Neben dem heutigen Protagonisten besteht die noch recht kleine Truppe, die sich nach einem kurzen Zwischenstopp am Döner des Vertrauens direkt in die Stammkneipe „Wiener Hof“ aufmacht, noch aus dem Produzenten Florida Juicy, einigen Freunden, sowie Booker Artur und Label-Manager Peter. Letztere stießen erst kürzlich zu dem kleinen Label. Erotik Toy Records bestehen neben Skinnyblackboy und Florida Juicy vor allem aus Tightill und Doubtboy sowie dessen kleinem Bruder Young Meyerlack und Jay Pop. Noch bis vor wenigen Wochen wurde alles in Eigenregie geregelt. Durch den steigenden Erfolg, vor allem von den beiden Alben von Tightill und Doubtboy befeuert, wurde jedoch eine zumindest stückhafte Professionalisierung notwendig. Auch um Zeit für neue Dinge zu haben. Denn seit zwei Tagen werkeln die Jungs gemeinsam mit dem Bremer Kollektiv DreiMeterBretter nun schon am Bühnenbild ihrer ersten eigenen Party. 

Nachdem ein kurzer Schockmoment über die Anwesenheit einiger Fans des heutigen Werder-Gegners aus München verflogen ist, nehmen wir auf einer Eckbank im “Wiener Hof“ Platz. Einen Nebenraum mit Billiardtisch erkenne ich sehr schnell als Schauplatz des „Lasertech“ Videos von Skinnyblackboy und Tightill wieder. Beim ersten Kennenlernen wird schnell klar, wie verschieden sich Malik und sein Jugendfreund Florida Juicy, der im echten Leben Luka heißt, eigentlich sind. Während ich den Rapper und Sänger, der seine langen Dreads fast immer unter der Kapuze seiner schwarzen Jacke versteckt, als sehr nachdenklich und ruhig wahrnehme, reißt Luka sofort jedes Gespräch an sich. Nebenbei nötigt er noch alle Anwesenden dazu für die Party heute Abend auf Instagram zu werben und wird beim Gang durch die Stadt nicht müde jedes einzelne „Deine Hobbys„-Plakat ausdrucksvoll zu präsentieren. Man merkt Luka im ersten Atemzu an, wie stolz er auf das alles ist, was die Bremer sich in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut haben. Und zugegebener Maßen kommt an diesem Wochenende auch irgendwie vieles zusammen: Neben der Party, deren Einlass-Stopp Luka übrigens auch schon früh am Abend korrekterweise prognostiziert, sind auch die Vinyls von Tightill und Doubtboys sommerlichen Zweitling „Deutsch-Amerikanische-Schaft“ endlich angekommen. Als Kirsche auf dem Eisbecher Erotik Toy Records kommt die Fertigstellung eines weiteren, lange erwarteten Solo-Albums aus der Gruppe obendrauf.

Nach einigen weiteren Haake Beck machen wir uns auf zur eigentlichen Location des Abends. Die Party findet knapp hinter dem Bremer Bahnhof in einem alten Güter-Hangar statt. Die riesige Halle, in die etwa fünfhundert Leute passen, riecht noch nach frischer Farbe, die Tightill zusammen mit einem Kumpel gerade auf einige Banner gebracht hat. Nach kurzer Begutachtung der Location und der wahnsinnig detailreichen Bühne versinken Malik und ich in einem der durchgesessenen Sofas am Rand der noch leeren Halle. Unsere Unterhaltung wandelt sich schnell von einer klassischen Interview-Situation in ein echtes Gespräch. Dennoch löchere ich den jungen Rapper zunächst mit Fragen nach seiner Biografie. Seine Wurzeln liegen im Ghana, seine Schwester wohnt auch mittlerweile wieder dort. Malik will es ihr irgendwann einmal gleich tun und Deutschland für das Heimatland seiner Familie verlassen. Er schwärmt regelrecht von seinen regelmäßigen Besuchen dort. Auch ziehe er viel Inspiration und Motivation von diesen Reisen, wie er mir erzählt.

Er redet sehr viel von seiner Dreier-WG, die sich direkt im Zentrum des Viertels über zwei Stockwerke erstreckt. Hier kommt für ihn viel kreative Energie zusammen. Andauernd klingelt es, die verschiedensten Vibes treffen aufeinander und erschaffen neue Ideen. Seine sehr bildhaften und erzählerischen Texte resultieren aus vielen dieser Begenungen. Auch die Hektik und Rastlosigkeit hier an einer der größten Verkehrsadern Bremens ist sehr wichtig.

FOTO: ©Frieder Carlo

Seine musikalische Identität beginnt sich 2014 zu entwickeln. Zusammen mit Luka und zwei Freunden gründet er die Band Ophéleia. Innerhalb von zwei Jahren spielen sie einige Konzerte, veröffentlichen eine Handvoll Songs auf Soundcloud und richten sich im Keller von Lukas Wohnung einen Proberaum ein. Dieser dient mittlerweile übrigens als heimisches Studio der ETR-Bande. Wenn man sich durch den alten Soundcloud-Account der Band hört, kann man ganz gut die musikalische Metamorphose nachvollziehen, die Malik und Luka durchgemacht haben. Nach klassischen Indie-Rock Songs wird es langsam elektronischer und atmosphärischer. Schließlich findet sich auch auf „Vol. 1“ ein von der Band produziertes Stück, dem man seine Indie-Wurzeln zwischen den modernen Rap-Tracks der Platte noch deutlich anhören kann. Sowohl die englische Sprache von Maliks Texten, als auch sein Ohr für Melodie und Gesang begründen sich in seiner Band-Historie. Er versteht es seine Stimmfarbe passend zum Instrumental einzusetzten. Problemlos morpht sich ein gradliniger Rap-Part in fast gehauchte Zeilen. Stimmung ist ein wichtiger Faktor in der Musik von Skinnyblackboy.

Schließlich werden wir vom beginnenden Programm des Abends aus unserem Gespräch gerissen. Die ungewöhnliche Mixtur des Line-Ups stellt erneut die genresprengende Grundidee von Erotik Toy Records heraus. Im Rahmen einer Lesung stellen zunächst die Köpfe des Korbinian Verlag ihr mit Graffiti-Kurzgeschichten gefülltes „Book of Bott“ vor. Nach kurzem Umbau gibt die frisch gegründete Band Eso ihr Live-Debüt. Dem ungewöhnlichen Cocktail aus Post-Rock Fragmenten und Ambient mit Hip-Hop-Schlagzeug folgt DJ Kid Arlas Set aus den Perlen von 2000er Rap und R’n’B. Mittlerweile besteht der rappelvolle Hangar aus einer bunten Mischung aus jungen und alten Ravern, Skatern, Sprühern und dem ein oder anderen Hip-Hop-Head. Um zwei Uhr betreten Skinnyblackboy und Florida Juicy die Bühne. Malik springt auf der recht kleinen Bühne auf und ab wie ein Flummy um im nächsten Augenblick wieder wie angewurzelt still zu stehen. Auch Florida Juicy springt immer wieder von seinem DJ-Pult auf die Bühne. Natürlich performt auch Tightill noch seinen Gastpart und bleibt noch für einen eigenen Song. Vor allem die zweite Hälfte von „Skinnydippin“ eignet sich zu dieser späten Stunde. Die Beats, die fast ausschließlich aus Florida Juicys Feder stammen, fast immer aber unter Mithilfe von Malik entstanden, treiben die Masse an. Der Rapper tut sein Übriges. Schließlich lässt sich auch der mehr oder weniger zufällig anwesende Juicy Gay nicht lange bitten noch ein paar Songs zu spielen. Nach einem einstündigen und sehr ekstatischen Auftritt und vielen Schulterklopfern im Anschluss wird der größte Teil unserer Gruppe von dem nun beginnenden Gabba-Set aus dem Güterbahnhof gespült. Malik bleibt allerdings noch um seiner Euphorie über den Auftritt freien Lauf zu lassen.

FOTO: ©Frieder Carlo

Tatsächlich ist Tanzmusik von Techno bis House eine weitere wichtiger Säule im Hause Erotik ToyFlorida Juicy ist nicht nur der Sohn eines weltweit bekannten Techno-Djs, sondern produziert auch seit Jahren nebenbei noch facettenreichen House. Die hektischen Drums unter seinen Beats und viele der hohen Synthie-Melodien kommen hörbar aus der elektronischen Musik. Viele Songs sind der Tanzfläche zugewandt und nicht selten schreien auch die Texte nach stampfendem Four-to-the-Floor und dem Ausbrechen aus dem Alltag hinein in die Feierei. Häufig auch nach Drogen. Letztere braucht es an diesem Abend allerdings nicht. Die ehrliche Freude darüber, was man in diesem Jahr erreicht hat sowie die Vorfreude auf die erste eigene Tour im Frühjahr des kommenden Jahres reichen vorerst aus.

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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