Album der Woche: Sierra Kidd – „600 Tage“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche bespricht unser Autor Peter mit „600 Tage“ das neue Album von Sierra Kidd.

Künstler: Sierra Kidd
Titel: 600 Tage
Features: Edo Saiya
Produzenten: ADOTHEGOD, Concent2k, Nashi, LC, Jura Kez, Keano, Simes Braxons, joeldemora, Yvng Rvider, Enks, Basscharity
Label: TeamFuckSleep

 

Peters Erwartungshaltung:

Direkt mit seinem ersten Release landete Sierra Kidd in meinem Facebook Feed. 2013 veröffentlichte der damals 15-jährige Sierra Kidd über YouTube das Lied „Kopfvilla“. Ohne Label, ohne weitere Angaben. Erinnere ich mich richtig, setzte der damalige Manager der Freunde von Niemand und MoTrip, Hadi El-Dor, viel Kraft in das Finden des jungen Rappers. Schlussendlich veröffentlichte Kidd seine erste EP („Kopfvilla„, 2013) über Raf Camoras Label Digipendenza. Es sind über sieben Jahre seit „Kopfvilla“ vergangen, Sierra Kidd veröffentlichte seitdem viele Singles, drei EPs und je nach zählweise sieben Langspieler. Über seine vielen Entwicklungsschritte sah ich ihn mehrmals live und wir sprachen 2016 in Hamburg zum Release seiner EP „B4FUNERAL„.

Bis heute ist seine melancholische, verträume Art sein Markenzeichen geblieben, die ursprünglich stark durch Samples von The xx geprägt wurde. Die aktuellen Singles verrieten allerdings schon, dass dieses Album aggressiver wird. In den letzten Monaten drehte sich bei ihm viel um Entzüge. Mal sehen, ob ich das höre.

1. Gott

Wer sagt mir denn, was das für ein Instrument ist? Unabhängig davon. Er gehört zu den Charakteren, die in der Lage sind ihr Leben und Umstände im gleichen Moment richtig beneidenswert wie bemitleidenswert dazustellen.

„Ich sagte meinen Freunden: ‚Gebt mir zwei Wochen, ich komm‘ wieder klar‘
Aus zwei Wochen wurden zwei Jahr’n
Ich bin grad im dritten, mir ist immer noch nicht klar“

2. Bete alles weg

Apropos beneidenswert: Kidd ist sechsstellig und auch das Instrumental macht gute Laune.

3. Big Boi

Das ist es. Storyteller vom feinsten. Fünf Minuten Zeitreise durch seine schwierigen familiären Verhältnisse. Der Beat mit dem Synthesizer passt perfekt, wird keine Zeile langweilig. Beeindruckt mich sehr!

4. Sonate

Und die Atmosphäre verändert sich wieder. Wir sind in der ostfriesischen Kleinstadt mit unseren Jungs auf der Straße. Anspielstationen deutlich unter drei Minuten bleiben mir dennoch suspekt.

5. Ready Set Go

G̵e̵h̵t̵ m̵i̵r̵ b̵i̵s̵h̵e̵r̵ a̵m̵ s̵c̵h̵w̵i̵e̵r̵i̵g̵s̵t̵e̵n̵ r̵e̵i̵n̵. Je öfter ich ihn höre, desto mehr gefällt er mir. Nichtsdestotrotz geht dieser mir bisher am schwierigsten ins Ohr.

6. Amen

Der dritte von sechs Titeln mit religiösem Bezug. Fühlt sich mit seinen knapp zwei Minuten auch eher nach Interlude an. 

„Der Hate wird alt, so wie BACKSPIN Niko“

7. Higher (ft. Edo Saiya)

Brett, reißt mich direkt mit. Das Video kommt mit dieser DIY-Ästhetik daher. Bin nach wie vor großer Fan von Kidds Stimmeinsatz. 

8. Schlucha

Instrumental fängt mich sofort. Über seine schwierige seelische Situation schreiben, kann er einfach. Die konträre Atmosphäre zu dem vorigen „Higher“, untermalt auch die Dualität seiner eigenen Wahrnehmung: Geht es ihm nun richtig gut oder nimmt ihn das alles zu sehr mit? Falls man die Frage überhaupt stellen muss.

9. Keine Angst

Etwas unspektakulärer, aber gelungene, ruhigere Abwechslung. Erinnert mich an seine alte Nummer „Alles„, was die Stimmung angeht.

10. Allein

Gefällt mir persönlich am wenigsten auf der Platte. 

11. 26725

So, wir sind in 26725: Emden, Ostfriesland. Einer Stadt ganz im Nordwesten des Landes, geprägt durch große VW-Fabriken, die Bundeswehr bzw. Marine. Zwei Autobahnen hören hier auf. Ein weiteres Mal sind wir mitten in der großen Familie von Kidd.

„Stell dir vor, du bist einfach nur wie du bist
Und die Leute starren dich an wie ein Alien“

12. Wissen wie es ist

Ganz stark. Generell ist das Album sehr reflektiert, falls das noch nicht rüberkam. Und wer hätte gedacht, dass wir Shindys Flow auf einem Kidd Album hören?

13. Wahrheit

Gefühlt das Outro des Albums, bevor der kommende Track schon wieder nach vorne blickt. 

14. Falte die Hände

Die erste Singles des Albums und gleichzeitig das Outro, das viel mehr nach Intro klingt. Inklusive weiterer religiösen Anspielung. Gefällt mir sehr, nicht umsonst auf dem Cover unserer Playlist gewesen.

Fazit:

Sierra Kidd leistet sich selten Ausfälle. Auf diesem Album beinahe kein Mal – behaupte zumindest ich persönlich. Vor allem die energiegeladenen Songs machen dieses Album für mich besonders, bestärkt durch seinen ganzen Wandel in Hinblick auf Drogen. Das ist dann doch alles so stimmig, jedes Instrumental passt sich der Atmosphäre und Entwicklung der Verse an. Zwei, drei Songs des Albums geben mir persönlich nichts, rütteln aber nichts an meinem persönlichen, positiven Gesamteindruck des Albums. „Big Boi“ ist mein klarer Favorit! 8

Honorable Mentions: Der Song „Wunden“ mit Kez ist ein absolutes Brett. Und „NWD“ ist in meinen persönlichen Top Five seines Katalogs.

 

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien macht, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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