Sepalot: „Hip-Hop ist ja wahnsinnig spießig geworden die letzten Jahre.“

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Das heißt du verzichtest schon bewusst auf Rap-Features auf deinen Soloalben. Die Gastauftritte in dieser Hinsicht waren auf den letzten Alben ja sehr limitiert.

Sepalot: Es ist jetzt nicht so, dass ich sage ich habe sieben Alben mit einer deutschsprachigen Rapgruppe rausgebracht, in denen es vier Texter gab, ich mag jetzt keine Rap-Texte mehr hören. Das ist es jetzt nicht…(überlegt). Also wahrscheinlich ist es unterbewusst doch so (lacht). Aber es entspricht eigentlich auch viel mehr meinen Hörgewohnheiten nicht die ganze Zeit Vocals dabei zu haben. Ich genieße es auch, wenn die Vocals gar nicht so explizit sind. Wie das von dir angesprochene „Hard Rain“. Es ist zwar schön, dass du es jetzt dekodiert hast sozusagen, aber vielen ist gar nicht klar um was es da geht. Auch die Strophenzeilen sind jetzt alles andere als explizit, sonder eher lyrisch-poetisch und daher kann man es auch ganz anders lesen. Und das finde ich eigentlich viel spannender.

Da sind wir definitiv verschieden. Ich bin eher etwas unbefriedigt, wenn mich der Künstler im Unklaren über die Bedeutung lässt und hoffe immer, dass er mir zu verstehen gibt, was er mir gerade rüberbringen möchte.

Sepalot: Aber genau das ist ja auch das Spannende am Cloudrap wie ich finde, da der ja auch viele Fragen aufwirft. Man könnte das natürlich damit abtun, von wegen die erzählen ja alle nur Blödsinn. Aber ich finde das hat eine ganz große Spannung, das man sich eben nicht hinsetzt und strebermäßig alles ausfeilt und ausformuliert. Wir machen letzten Endes Kunst, das muss überhaupt nicht logisch sein. Logik und Kunst gehen nicht immer gut zusammen.

Interessant dass du das ansprichst, da ich dich so oder so noch fragen wollte, ob du die aktuellen Geschehnisse im Hip-Hop noch genau mitverfolgst und wie du zum Cloudrap-Trend stehst.

Sepalot: Also aus künstlerischer Sicht finde ich es geil, dass gerade eine Generation nachkommt die eine gewisse Punkrock-Attitude einbringt. Das meine ich jetzt nicht auf den Sound bezogen, sondern in Bezug auf die Herangehensweise: Ich kann zwar nur zwei Gitarren-Akkorde spielen und nicht singen, aber gröle trotzdem meinen Text runter. Hip-Hop ist ja wahnsinnig spießig geworden die letzten Jahre. Und da zähle ich alle mit dazu, also auch Gangster-Street-Rap hat sich eine totale Spießigkeit angeeignet. Jeder hat sich genaustens Gedanken über Text und Image gemacht und jetzt kommt eine Generation, die sagt wir sitzen einfach hier, vaporizen, kiffen uns einen rein und was dabei herauskommt, kommt eben raus. Das ist eine totale Punkrock-Attitude. Ein Maler muss ja auch nicht unbedingt fotorealistisch zeichnen können. Fuck, ich finde den, der die Farbbeutel an die Wand schmeißt, meistens cooler als den, der fotorealistisch zeichnen kann. Und ich finde das holt Straßenrap auch wieder raus aus seiner Spießigkeit. Das tut dem Ganzen einfach echt gut. Ich finde das alles also echt interessant, muss aber gleichzeitig auch sagen, dass ich kaum deutschsprachigen Hip-Hop höre, beziehungsweise ist es alles sehr breit gefächert. Aber ich finde es ist eben eine gute Entwicklung für das Genre.

„Logik und Kunst gehen nicht immer gut zusammen.“

Ein reines Hip-Hop-Instrumental-Album werden wir vermutlich nicht von dir bekommen? Ich meine ich hätte mal gelesen, dass du kein Fan davon bist?

Sepalot: Also es gibt halt diese Instrumental-Alben, auf denen diese Boombap-Beats, „Reminisce to the 90s“-Dinger drauf sind und es rappt halt keiner drüber. Dennoch sind sie so arrangiert als würde jemand drüber rappen und das finde ich eben langweilig, sogar saulangweilig. Ich finde die Entwicklung der urbanen Musik, die es gab und damit meine ich jetzt Dubstep über Trap und Future-Beats, war von den Produzenten schon so arrangiert, dass sie auch im Club funktionierten und als Instrumental-Stück ohne Vocalist vollkommen waren. Ich finde da sind wir mittlerweile und es ist schade wenn die Leuten diesen Platz nicht ausfüllen und einfach nur Instrumentals machen, wo aber jemand fehlt, der darauf rappt. Es ist auch ganz cool um das mal so ganz chillig zu hören, verstehe und mag ich auch, aber ich finde es spannender wenn es als reines Instrumentalstück funktioniert. Und es gibt auch Leute die das machen. Wenn du dir jetzt ein Suff Daddy Abum, Dexter oder Brenk anhörst, die füllen das aus: Das ist dann ein Instrumental bei dem man sich nicht denkt: „Es wäre jetzt toll, wenn da noch jemand drüber rappen würde.“ Wenn man als Produzent so etwas macht, sollte man sich den Platz auch nehmen, zurückerobern sozusagen (lacht).

Du hast bei „Hide &“ vollkommen auf Samples verzichtet, stimmt das?

Sepalot: Ja, wenn man jetzt mal einzelne Snares oder so auslässt. Ich finde aber auch das ist ein wenig wurscht woher das jetzt kommt. Ob es jetzt gesamplet ist oder nicht macht es nicht schlechter oder besser (lacht).

Das definitiv. Aber hatte es jetzt einen bestimmten Grund. Wolltest du freier und eigener in der Beatgestaltung sein?

Sepalot: Ich habe halt gemerkt, dass ich in den Arrangements freier bin, als wenn ich jetzt an, ich nenne es mal Sample-Phrasen, damit meine ich jetzt ein oder halbtaktige Dinger, gebunden bin. Da sind wir jetzt auch wieder bei der Frage, ist es ein Beat oder ein Instrumental, ich bin einfach viel freier und kann besser Spannungsbögen ziehen, die daraus ein Instrumental-Stück machen. Ansonsten bleibt es eben doch sehr schnell einfach nur ein Beat über den keiner rappt. Aber was nach wie vor in mir drin ist: Ich mag diesen Patchwork-Sound und diese Patina, die entsteht, wenn man mit Samples arbeitet. Man kommt auch kompositorisch auf andere Sachen wenn man Samples auseinander schneidet und neu zusammenfügt, das ist wie mit einem Mosaik arbeiten. Also ich finde diese Fugen, die zwischen den Samples entstehen immer ganz spannend und das ist schon eine Stilistik, die ich immer wieder bei mir finde, auch wenn ich bei dem Album gar nicht mit Samples gearbeitet habe.

Du arbeitest ja auch als Radio-DJ. Wo siehst du das Radio heute in Konkurrenz zu Spotify & Co.? Glaubst du es wird ein wichtiger Bestandteil des Musik-Biz bleiben?

Sepalot: Also ich glaube was nicht verschwinden wird, ist redaktioneller Inhalt. Und damit meine ich jetzt nicht Nachrichten, Berichte oder auch Interviews, sondern dass eine Person für jemanden Musik heraussucht: „Das ist cool, hör dir das mal an“. Ich glaube das wollen die Leute auch. Viele haben bei Spotify ja auch Playlisten etc. abonniert. Also diese redaktionelle Betreuung bei der Musikauswahl ist etwas was nicht verschwinden wird. Die Frage ist vielmehr: Wie kann Radio aussehen, bzw. der redaktionelle Inhalt um sich gegen Streaming-Portale durchzusetzen. Ich glaube nicht, dass es so aussieht wie bei den großen privaten Sendern, die auf eine Maschine setzen, die auf ein Computerprogramm zurückgreift, welche automatisch die Musik für das Tagesprogramm auswählt. Ich denke die schießen sich damit alle ins Knie. Ich meine es gibt jetzt noch eine Generation für die sind Spotify & Co. noch böhmische Dörfer, sozusagen. Aber spätestens wenn jedes Auto W-Lan hat, werden wahrscheinlich nicht mal mehr die Verkehrsnachrichten im Radio gehört, sondern kommen direkt vom Navi. Aber ich glaube, dass Radiosender die eine gute Musikauswahl zu Tage fördern, relevant bleiben werden. Es sind nicht alle so unterwegs, dass sie jede Woche auf Soundcloud, Beatport, Bandcamp usw. nach neuer Musik suchen. Die wollen das lieber präsentiert bekommen und die Medien, die das gut präsentieren werden sich durchzusetzen. Ob das jetzt Radio sein wird? Bei dem einen Sender vielleicht „Ja“ und bei ganz vielen Sendern wahrscheinlich „Nein“.

Wenn ich jetzt an früher zurückdenke, wo ich nur ein Album über mehrere Monate gehört habe und heute mit neuer Musik bombardiert werde: Glaubst du Alben oder Musik generell wird noch genügend wertgeschätzt? Gerade wenn du als Künstler jetzt ein halbes Jahr oder Jahr an einem Album arbeitest und nach einer Woche im Smartphone wird es schon wieder vergessen, weil die nächsten nachkommen.

Sepalot: Ich merke das als Hörer natürlich auch selber, gerade wenn ich als Radio-DJ jede Woche zwei Stunden Musik zusammenstellen muss, im Idealfall auch neue Musik. Dadurch habe ich immer so viel neue Musik auf meinem Rechner, in der Regel zu 90 Prozent auch nur einzelne Tracks, weil die Leute nicht mal ein Album machen, sondern nur einzelne Tracks raushauen. Wenn du mich jetzt fragst welches Album ich zuletzt richtig abgefeiert habe, muss ich richtig nachdenken, keine Ahnung, weil es immer nur einzelne Songs sind. Ich sehe das jetzt aber weder positiv noch negativ. Die Musik verändert sich, eben auch dadurch, dass dieser Album-Kontext weg ist und es so eine Flut gibt. Man kann nie alles auf dem Schirm haben. Selbst wenn man total nerdig in nur einem Genre unterwegs ist, gehen wahrscheinlich 90 Prozent an einem vorbei. Das verändert die Musik, aber letztendlich finde ich es total spannend weil so viel passiert. Es bleibt natürlich sehr viel gutes Zeug auf der Strecke weil es so viel gibt, aber umso mehr gibt es zu entdecken, also auch gut (lacht).

Noch eine Frage zu deinem aktuellen Albumtitel: Gibt es Dinge vor denen du dich versteckst oder die im Moment bewusst suchst?

Sepalot: Ich weiß nicht, ich verstecke mich prinzipiell vor vielen Pflichten…oder sagen wir es mal so: Es gibt als Musiker so viele Pflichten, die gar nichts mit der Musik an sich zu tun haben und ich versuche das generell von mir fernzuhalten oder zumindest einen Workflow zu erschaffen, damit ich mich nicht damit beschäftigen muss. Aber es gelingt mir leider nicht so gut (lacht). Was das Suchen betrifft, ich organisiere gerade wieder einen längeren Auslandstrip. Ich bin immer auf der Suche nach Erfahrung oder Reisen. Das ist etwas was mir total wichtig ist und mir viel gibt. Und seitdem ich Papa bin und zwei schulpflichtige Kinder habe, ist das gar nicht mehr so einfach (lacht). Aber ich glaube ich habe die Möglichkeit für nächstes Jahr schon gefunden. Aber was „Hide & Seek“ den Albumtitel angeht, weil du ja so gefragt hast: Ich fische ja bei kreativer Arbeit oft im Trüben und weiß nicht so genau was ich zu Tage fördere. Und gerade mit diesen zwei Phasen, die ich beschrieben habe, das man erst einmal macht ohne groß nachzudenken und dann in diesem Ideenherd schaut was man findet. Das ist auch der Link zu dem Albumtitel.

Das war es an sich von meiner Seite, kannst du denn zum Schluss noch sagen wann der zweite Teil deines Albums kommt?

Sepalot: Also geplant ist eine Veröffentlichung im Herbst. Mal schauen wie ich vorankomme (lacht).

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Daniel hat seine Ausbildung im Büro der Schädlingsbekämpfung gemacht und anschließend Informationswissenschaft studiert. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei Rap4Fame ist er bei der Backspin gelandet und hilft seit 2011 als freier Mitarbeiter aus.

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