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„Eigentherapie mit gutem Vibe.“ Was du über Search Yiu wissen solltest

Search Yiu

Es gibt ja Menschen, die Herzen brechen und solche, denen das Herz gebrochen wird. Ratet mal zu welcher Kategorie Search Yiu gehört.“ Die Frage ist natürlich rhetorisch. Gestellt hatte sie Philipp , Search Yius Tour-DJ, bei einer Festival Show vor ein Paar Wochen. Es sollte ein Erklärungsversuch sein für die von Herzschmerz durchzogenen Texte seines Frontmanns. Bis in tiefst depressive Momente geht vor allem dessen EP „Halt mich Wach“ aus dem vergangenen Jahr. Eine klassische Trennungs-Platte. Auch Search Yius neues Album „Alles was ich habe“ blickt häufig auf vergangene Beziehungen zurück, guckt aber im Gegensatz zur EP auch auf das Jetzt, auf Positives und auf die Zukunft. Um auch die Geschichte vor dem Herzschmerz zu erzählen und natürlich um über die neue Platte zu quatschen, hat uns Search Yiu in Hamburg besucht.

 

Zufälliger Weise habe ich Sören Hochberg, wie Search Yiu im normalen Leben heißt, schon drei Wochen vor dem eigentlichen Interview-Termin kurz auf einem kleinen Festival in Paderborn kennengelernt. So wird aus dem eigentlich geplanten Kennenlernen dann doch eher ein Wiedersehen, als der Sänger mit der Chanel-Kette um den Hals, an einem späten Montag Nachmittag in Hamburgs Schanzenviertel aus einem Taxi steigt. Uber ist in Hamburg noch nicht so richtig angekommen, da musste leider die teure Alternative her.

Nur für das Interview ist Sören aus seiner Wahlheimat Berlin in die Hansestadt gekommen. Später am Abend geht es auch schon wieder Heim. „Ist schon okay. Ich mag es ganz gern mal aus Berlin rauszukommen,“ beschwichtigt der BACKSPIN-Class-Member mein Erstaunen über seine Anreise. Das ist schon recht außergewöhnlich im Vergleich zum alltäglichen Deutschrap-Zirkus. Aber so richtig gehört Search Yiu da sowieso nicht rein. Auf seinen modernen Songs singt Sören mit einer kühlen und ziemlich einzigartigen Stimme über elektronische Beats. Man könnte daraus jetzt irgendeinen Genre-Wulst aus Future und Urban machen, oder es halt einfach Pop nennen.

Aufgewachsen mit Eminem, D12 und der G-Unit

Was Sörens persönliches Hörverhalten angeht, steht dann allerdings doch Rap im Vordergrund, vornehmlich aus Amerika. Um die Jahrtausendwende habe er Eminem entdeckt und ist direkt zum Stan mutiert, erzählt er mir mit seiner angenehm ruhigen Art, mittlerweile bei einem Bier im noch recht leeren Haus Dreiundsiebzig angekommen. Selbst Rappen wollte er dennoch nie. „Ich bin einfach zu uncool zum Rappen“ gesteht Sören mit einem Lächeln. Also fängt er an zu Produzieren. Aus der Not keine*n willige*n Rapper*in oder Sänger*in für die sich immer weiter anhäufenden Beats zu finden, fängt er halt selbst an zu singen.

  

Mit Eminem, D12, der G-Unit und so weiter – eine exakte Diskografie kann auf Search Yius generell sehr folgenswerten Twitter-Profil bestaunt werden – geht es durch die gut behütete Jugend im pfälzischen Dorf Godramstein. „Wir kannten uns halt alle. Das war schon nice.“ Grade durch diesen Umstand festigte um 2014 ein Musiker-Freundeskreis, der für Sören bis heute essenziell ist. „Ffriends Fforever Kollektiv“ nannten sie sich damals. Neben Search Yiu umfasste die Gruppe noch die mittlerweile aufgelöste Band Sizarr, mit deren Mitgliedern Sören teilweise seit dem Kindergarten befreundet ist, und der aus dem etwa 20 Autominuten entfernten Herxheim stammende Drangsal. Auch wenn das Kollektiv offiziell nur eine – nebenbei bemerkt Search Yius erste – Show veranstaltete, wird diese Connection bis heute nur zu gern in Interviews und Pressetexten aufgegriffen. Aufgrund des aufkeimenden Hypes der damals noch in Mannheim lebenden Indie-Band Sizarr, war das Konzert in Landau auch direkt ausverkauft und ist mittlerweile vor allem eine sehr schöne Erinnerung. Auch wenn sich die Musikgeschmäcker unterscheiden, hat dieser Freundeskreis bis heute bestand und ist essenziell für den Werdegang aller beteiligten. Aber dazu später mehr.

Musik-Journalismus als Plan B

Erst einmal geht es für Sören nach absolviertem Zivi-Jahr an die Uni, mit Germanistik im Hauptfach. „Ich wollte ursprünglich Musikjournalist werden. Germanistik passte da am ehesten, auch wenn ich nicht so viele Bücher gelesen hab‘.“ Dass ihm Musik machen jedoch weitaus mehr Spaß bringt als nur drüber zu schreiben, wird schnell klar. Ob ihm das Studium dennoch was für’s Texten gebracht hat, will ich wissen: „Schwer zu sagen, ich glaube schon. Aber ich mag auch keine zu verkopften Texte mit vielen Fremdwörtern, die man erstmal Googeln muss.

Tatsächlich sind Search Yius Lyrics eher simpel gehalten, dreschen dabei aber keinesfalls nur Phrasen. Vielmehr hat Sören eine sehr eigene Sprache gefunden, stellt Sätze auf sehr spezielle Art und benutzt teilweise zwar unkonventionelle aber keineswegs unbekannte Ausdrücke. So entlockt er der deutschen Sprache einige wunderbare Hooklines, die zusammen mit den sehr einprägsamen Melodien für ziemlich unwiderstehliche Ohrwürmer sorgen. „Viele Jahre“ ist so ein Song, der gefühlte Ewigkeiten durch den eigenen Kopf rattert. Auch „Bali“ und „Schon vergessen“, der auf der EP aus dem vergangenen Jahr zu finden ist, können das. Man wünscht sich für diese Songs, sie würden im Radio anstelle des üblichen Singer-Songwriter-Einheitsbrei totgespielt.

Das WG-Leben als kreativer Mittelpunkt

Nach abgeschlossenem Studium, bei dem Sören nie so viel Anschluss fand – die Kommilitonen wollen halt lieber über Bücher quatschen als über Musik – geht es endlich raus aus der Provinz. „Ich dachte meine Probleme gehen weg, wenn ich wegziehe.“ Zunächst nach Leipzig in eine der ranzigsten WGs der Stadt zusammen mit Fabian Altstötter, der sich nach der Sizarr-Trennung unter dem Alias Jungstötter quasi Selbstständig gemacht hat, und Max Gruber alias Drangsal. Letzter produzierte in Leipzig grade große Teile seines Debüt-Album „Harieschaim“, auf dem er gekonnt modernen Indie-Rock mit 80s Referenzen versetzte und später unter anderem mit Casper gemeinsam zu touren und Musik zu machen. Nach sieben Monate in Leipzig zieht die Gruppe dann schon nach Berlin weiter. Wie intensiv die Zeit in der sächsischen Hauptstadt dennoch gewesen sein muss, hört man vor allem Sörens „Kein Thema“-Podcast, den er seit dem vergangenen Jahr, nach einer Tour mit dem Podcast-König Rockstah, betreibt.

Allgemein wird das WG-Leben augenscheinlich auch für den musikalischen Werdegang immer wichtiger. Schließlich wohnt er auch mit seinem ehemaligen Produzenten Tim Roth alias Kalk Raus eine Zeit lang zusammen. Wo sich Andere mit dem mittlerweile beflügelten Titel BedroomProducer schmücken, kann man Search Yiu wohl als Wohngemeinschafts-Produzenten bezeichnen. „Eigentlich haben wir in Leipzig nur Musik gemacht. Ich war pseudomäßig an der Uni, aber da bin ich glaube ich nur einmal hin.“

DIY-Attitüde statt Label-Deal 

Dabei ist es schon verwunderlich, dass mit „Alles was ich habe“ nach dem ersten, noch in englischer Sprache gesungenen Album „Ride On“ und der EP „Halt mich wach“ erst die dritte Platte zu Search Yius Diskografie hinzugefügt wird. Ein weiteres Album war 2017 zwar schon fertig, erblickte allerdings nie das Licht der Welt. „Mein damaliges Management hat mich da sehr zurückgehalten, das zu veröffentlichen und wollte das irgendwie smart angehen, aber das hat dann nicht geklappt.Auf einen Label-Deal sollte gewartet werden. Dieser kam allerdings nie. 

Mittlerweile gibt Sören nicht mehr viel auf solche Meinungen. Label-Meetings sind auch immer dasselbe Gelaber.“ Sowohl die letztjährige EP, als auch das neue Album veröffentlicht er komplett allein mit Unterstützung von einigen Freunden und ohne Budget für Promo-Aktionen oder Video-Drehs. „Ich wollte auch eigentlich kein Album machen, sondern nur Singles dieses Jahr. Ich war dann im April eine Woche allein im Studio und hab ganz viele Skizzen fertig gemacht. Neun waren es am Ende. Wenn ich die alle als Single herausgebracht hätte, hätte das bis zum Jahresende gedauert. Da hatte ich kein Bock drauf.“ Also kam noch ein zehnter Song dazu und „Alles was ich habe“ war geboren.

 

Schließlich haben wir unser Bier geleert und Sörens Biografie zur genüge durchgekaut. Bevor es für den Sänger zurück nach Berlin geht, wollen wir noch was essen. Bei meinem Lieblings-Falafel-Laden angekommen nimmt Sören einfach das Gleiche wie ich und schickt mir die fälligen 3,50€  bei Paypal. Halt kein Bargeld dabei. Mit dem Falafel-Wrap in der Hand setzten wir uns nach draußen und quatschen noch lange über Musik.

Es ist 2019 und nicht mehr 2001!“

Mittlerweile habe Sören seinen Eminem-Schrein, der eigentlich in jedem seiner Zimmer sorgfältig mit einigen Kerzen und Bildern aufgebaut wurde, aufgelöst. „Ey, es ist 2019 und nicht mehr 2001. Wann checkt der das mal?“ regt er sich über die anhaltenden homophoben Entgleisungen seines ehemaligen Lieblingsrappers auf. Heute rotiert zumeist moderner Rap aus Amerika á la Travis Scott oder Tyler the Creator in seinen Playlisten. Mit deutschem Rap weiß er dagegen immer noch nicht so viel anzufangen. Außer mit Ufo, der wird eigentlich in jedem Interview erwähnt um öffentlich nach einem Feature zu Fragen. Ein gemeinsames Foto war immerhin schon drin.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof reden wir dann auch noch etwas über „Alles was ich habe“. Auf die Frage nach seinem Ziel für das Album kann Sören keine so konkrete Antwort geben, lediglich Live spielen möchte er noch mehr. Ende September gibt es auch endlich den ersten eigenen Gig in Berlin. Die Vorfreude ist groß, die Nervosität ähnlich. Ob es nach dem Berlin-Auftritt noch eine Tour geben wird, muss die Zeit zeigen.

Search Yiu

Foto: Iga Drobisz

„Eigentherapie mit einem guten Vibe“ ist das Motto

Zu Wünschen wäre es Definitiv. Denn „Alles was ich habe“ macht richtig Spaß. Seit ich den Vorab-Stream bekommen habe, avanciert sich die Platte immer mehr zu meinem Sommer-Soundtrack. Und so ist es auch gedacht. „Ich hab so Bock auf Sommer. Ich hasse schlechtes Wetter. Deswegen will ich irgendwann auch nach LA ziehen.“ Vor allem dem Soundbett ist diese Attitüde deutlich anzumerken. Die meisten von dem Berliner Rip Swirl, der eigentlich eher im Genre House unterwegs ist, produzierten Songs klingen extrem luftig und fröhlich. Boot fahren, Badesee und Cabrio und die passenden Assoziationen.

Etwas absurd wird es, wenn man schließlich genauer hinhört. Die Texte sind dagegen meist sehr dunkel. Von Herzschmerz bis hin zu Suizid-Gedanken reicht das Themenfeld. Auf „Alles was ich habe“ ist der Blick allerdings deutlich positiver, als noch auf der sehr depressiven „Halt mich wach“-EP. „Ich hatte kein Bock mehr immer nur so Depri-Mucke zu machen, weil ich eben auch so ein Sommer-Typ bin.Den Gegensatz von Musik und Text erklärt Search Yiu mit seiner Persönlichkeit: „Bei mir ist immer extrem Stimmungsschwankungen zwischen Tag und Nacht. Nachts bin ich meistens richtig psycho. Tagsüber geht es mir dann gut. Dadurch habe ich gedacht macht das Sinn.“ Mit mentalen Krankheiten kämpft Sören zudem schon sehr lange. „Ich versuche mich selbst zu motivieren durch die Songs und die Sachen positiver anzugehen. Man lernt mit dem Alter damit umzugehen.“ Das funktioniert im Moment offensichtlich gut. Der Song „Sonntag“ ist ein Zeugnis davon. Auch gibt es einen noch unfertigen Song, der plakativ „Es geht mir gut“ heißt. Hoffentlich geht das so weiter. 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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