Mr. Schnabel: „In meinen Augen wurde ich öfter als ‚lebender Toter‘ beschrieben.“

schnabel

Kaum ein anderer steht mehr für die Anfänge der Hamburger Hip-Hop-Szene als Mr. Schnabel. Es ist bereits über ein Vierteljahrhundert her, dass Andre Schnabel anfing zu rappen und maßgeblich an dem Entstehen der Hamburger und vor allem Eimsbütteler Hip-Hop-Szene beteiligt war. Seine musikalische Karriere entwickelte sich zwar nicht in die Dimensionen seiner alten Weggefährten wie Samy Deluxe oder gar Jan Delay, dennoch veröffentlicht er bis heute leidenschaftlich gerne Musik. Jetzt auch wieder offiziell als Mr. Schnabel. Nicht ohne Grund heißt das erste Mixtape seiner startenden Reihe „Zombies.“ Mehr erfahrt ihr in unserem Interview.

Was verbindest du mit Zombies?

In dem Fall habe ich mir einen Scherz daraus gemacht. Da ich ewig nichts gemacht habe und es mir so vorkam, dass wenn ich dann mal was gemacht habe, dass die Medien, das als Comeback oder „Er kommt aus der Versenkung“ bezeichnet haben. Das fand ich dann ganz interessant und habe mich dann als lebenden Toten, also als Zombie bezeichnet. Es passt ja auch so ein bisschen. Ich erwache also wieder zum Leben. Diesen Künstlernamen, Mr. Schnabel, habe ich auch lange nicht mehr benutzt. Persönlich habe ich sonst mit Zombies nichts zu tun. Ich gucke mir keine Zombiefilme oder -serien an. Mir geht es da um das „aus der Versenkung kommen.“

So sagst du es ja auch in dem Intro des Tapes. Auf der anderen Seite werden Zombies mit negativen Attributen verbunden. Sie sollen seelen- und willenlos sein.

Den Zombie sehe ich in erster Linie als lebenden Toten, denn ich mache schon seit Jahrzehnten Musik, aber das ist auch nicht immer so bekannt gewesen, wie in den Anfängen in den 90ern. „Seelenlos“ würde ich das Release nicht bezeichnen. Ich kann sicher auch meine Gefühle abstellen, aber nicht bei den wichtigen Sachen. In dem Fall ist es eher ein Wortspiel. Ich will mich nicht zu 100 Prozent als Zombie verkörpern. In meinen Augen wurde ich nur öfter als „lebender Toter“ beschrieben.

 

Weit weg von der „Seelenlosigkeit“ ist der Track „Zukunft.“ Er fällt durch viele, verschiedene Kinderstimmen auf, die du eingebaut hast.

Der Track entstand mit meiner Tochter. Ich habe gerade geschrieben, als sie ins Zimmer reinkam. Sie hat mich gefragt, ob sie mitschreiben kann und dann habe ich meine ursprüngliche Idee beiseite gelegt und sie mit eingebaut. „Zukunft“ spiegelt die Einflüsse meines Lebens wieder. Durch meine Arbeit bin ich viel an Brennpunkten, Flüchtlingswohnheimen, geschlossenen Drogentherapien oder Psychiatrien unterwegs und alles was ich da sehe, was mit Kindern oder sogar meinen eigenen Kindern passiert, ist in den Song geflossen.

 

Damit beantwortest du auch die Frage, wer Zoe, die als Feature angegeben ist, ist.

Genau, das ist meine Tochter. Sie ist eben hoch gekommen und dann ist das daraus entstanden. Sie rappt, seit dem sie zwei oder drei ist und wenn sie Bock hat, dann macht sie mit. Das passte bei diesem Thema einfach.

 

Die eingespielten Aufnahmen der Kinder, hast du die selber aufgenommen oder gesammelt?

Die habe ich rausgesucht. Wahrscheinlich hätte ich ähnliche O-Töne auch aufnehmen können, aber ich wollte genau diese, da die so gut gepasst haben. Ich möchte die Kinder, mit denen ich musiziere, gar nicht mit dieser Thematik direkt konfrontieren. Die sollen Spaß haben.

 

Inwiefern passt ein Track wie dieser zu einem Release, das „Zombies“ heißt?

Das kann schon sein, dass der Song deplatziert ist. Aber ich spiele nun mal mit dem Begriff und die Sachen, die auf diesem Release sind, sind die Sachen, die ich in der letzten Zeit so erlebt habe. Vielleicht hätte man das alles umändern können, aber ich möchte auch nicht nur sozialkritische Musik machen, sondern welche, die mich allgemein erfüllt.

 

Im Pressetext des Tapes sagst du, dass für jeden Geschmack etwas dabei sei.

Ich will drei Mixtapes machen, mit unterschiedlichen Stilen und deswegen sind die Songs alle relativ ähnlich, da die eine Richtung sind. Den Leuten, den ich das bisher zeigte, die haben da immer etwas gefunden, das ihn gefallen hat. Auch wenn das jetzt komplett anders ist, als das was ich früher gemacht habe. Aber das ist ein anderes Thema….

 

Da hast du eine große Angriffsfläche, was diese Thematik angeht.

Genau, aber ich mache das nun mal für mich und nicht für andere. Nach wie vor mache ich Musik, weil es mir Spaß macht und ich das Liebe, nicht wegen des Geldes. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass ich meine freie Zeit, von der ich nicht viel habe, meistens ins Musik machen investiere, obwohl ich eigentlich den ganzen Tag beruflich musiziere. Es ist dann etwas ganz anderes, wenn ich nur für mich schreibe. Mittlerweile weiß ich das vielmehr zu schätzen.

 

Du hast deine Arbeit und deine veränderten Lebensumstände schon öfter angesprochen, hat sich deine Sicht auf Lyrics seit dem verändert?

Mit Sicherheit. Vor allem durch meine zwei Kinder und eben meine Arbeit. Ich konnte mich schon immer für soziale Sachen begeistern und habe schon damals mit Uduwerella am ersten Graffiti-Treff angefangen Freestyle-Kurse zu geben. Das war in den 90ern. Ab da an habe ich nur noch Musik gemach und Sozialarbeit etwas beiseite geschoben und das kam jetzt mit den Kindern wieder. Ich will mir nichts mehr aus den Fingern saugen oder erfinden müssen. Gerade habe ich etwas über das ich erzählen möchte und das mir etwas bedeutet.

 

War es für dich von Anfang an klar, dass du eine neue Mixtape-Reihe starten möchtest oder merktest du während dem Schaffensprozess, dass es zu viel für ein Release wird?

Alle Tracks auf einer Veröffentlichung wären zu durcheinander, das hätte einfach nicht gepasst. Ich finde aktuell viele Musikrichtungen gut, egal ob es Boom-Bap, Trap oder Oldschool ist, wollte das aber nicht alles vermischen. Deswegen kreiere ich es so, das es zusammenpasst.

 

In dem Outro von „Zombies“ kommentierst du den Sound des Mixtapes, der sehr modern ist. Wie wirken sich Trends auf dich, jemanden der schon lange Musik macht und viele Phasen kommen und gehen sah?

Ich bin schon empfänglich für neue Musik, was aber davon abhängt, dass ich mich für so etwas begeistern kann. Wenn ich immer das Gleiche gemacht hätte, dann hätte ich keinen Rap mehr gehört oder gemacht. Gerade Entwicklungen finde ich cool. So habe ich viele verschiedene Einflüsse, das kann ich nicht verhindern. Es gab Momente in denen ich keine amerikanische Musik, sondern zum Beispiel nur französische Musik gehört habe. Auch heute höre ich noch Musik aus der ganzen Welt. Durch meine Arbeit habe ich täglich mit vielen Kulturen zu tun und kriege auch da eine Menge neue Sachen mit. Anders könnte ich meine Arbeit auch nicht machen.

 

Wo würdest du dieses Release auf der Karte platzieren? Welche Strömung hat dich am meisten beeinflußt?
Es ist schon smoother Trap, aber die ganze Schiene mit den verrückten Addlips interessiert mich nicht. Ich packe mir Beats raus, die mir gefallen und auf die rappe ich so wie ich es gut finde. Leider hatte ich nicht genug Zeit selber zu produzieren.

 

Da du sehr viel Zeit in deinem W693 (ein Kleinbus von Mercedes-Benz: Anm. d. Redaktion) verbringst, dem du auch einen Song auf „Zombies“ gewidmet hast.

Ich habe mir da einen Scherz draus gemacht. Natürlich feier ich auch Sportwagen, vor allem in Musikvideos und in den letzten Jahren bin ich auch Wagen aller Art gefahren, wenn auch keine Supersportwagen. Ich fahre gerne Auto und lustigerweise hat sich das so weiterentwickelt, dass ich jeden Tag Unterwegs bin und teilweise bis spät am Abend Kurse gebe und dann habe ich mir diesen großen Vito gekauft. Keiner würde sonst über dieses Auto rappen, aber ich fand das witzig. Es ist nun mal so, was soll ich da groß lügen? Das ist nun mal das Auto mit dem ich unterwegs bin. Jeder, der mit mir mal unterwegs war, wird den Song nachvollziehen können.

 

Ein Ausblick: Wie werden die kommenden Teile der Reihe ausfallen? Sowohl auf den Sound und den Inhalt bezogen.

Ich denke mal, dass es einen Teil geben wird, der die alte Schiene fährt. Aber nicht so, wie auf dem Album, das wird nie wieder so sein. Ich werde auch keinen Samy bearbeiten, bis er sich vielleicht breit schlagen lassen würde, sondern in dem hier und jetzt arbeiten. Also etwas neues, aber auf Beats, die an die frühere Zeit erinnern. Also kein Trap, obwohl mich das extrem flasht

Es wird aber dabei bleiben, dass Mixtapes und kein Album erscheint?

Das Projekt hat mir extrem Spaß gemacht und ich habe auch experimentiert. Bei einem Album würde ich vielseitiger arbeiten. Das müsste dann ein eigenständigerer Sound sein, der für Schnabel steht. Die drei Mixtapes sollen in das Album fließen. Aber dem Album muss ich noch etwas Geduld schenken, das muss reifen. Die Mixtapes helfen bei der Vorbereitung.

Wann dürfen wir mit den kommenden Teilen der Mixtape-Reihe rechnen?

Auf jeden Fall in diesem Jahr. Ich habe zurzeit sehr viel um die Ohren. Ich stehe auf und bringe die Kinder weg und bin sonst unterwegs. Viele Texte sind auch unterwegs entstanden. Ich bin wirklich froh, dass ich fast täglich mit Kindern an Texten arbeiten kann und wenn das nicht wäre, hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert. Aber es ist auch hart, das so nebenbei zu machen.

Erwartet uns vielleicht ein Gastpart oder andere musikalische Unterstützung eines der Kinder mit denen du arbeitest?

Da habe ich schon drüber nachgedacht. Aber ich weiß nicht, ob ich es auf den kommenden Schnabel Veröffentlichungen machen werde, oder einfach so mal was mit ihnen mache, wo sie sich verwirklichen können. Die haben alle Bock und den Rahmen kann ich ihnen bieten. Einige Talente beobachte ich auf jeden Fall. Da kann man jederzeit etwas machen, aber mir war es jetzt erstmal wichtig etwas ohne Features zu machen, wo ich mich nur auf mich verlassen kann und das ich auch alleine auf der Bühne spielen kann.

„Zombies“ ist ab heute digital erhältlich. Streamen oder bestellen könnt ihr es hier:

 

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien macht, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.
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