Samy Deluxe: „Ich wollte mich zwingen, ein gutes Hip-Hop-Album zu machen“

Irgendwann ist für jede relevante Persönlichkeit der Moment gekommen, in dem er ein letztes Mal ans große Rednerpult tritt und seine letzten Worte an das Volk richtet. Auch für Eimsbüttel-Urgestein und Rap-Koryphäe ist es an der Zeit, sich über eben diese Gedanken zu machen. Eine Überraschung ist es nicht, dass der Wickeda MC dies nicht in einer Rede, sondern gleich in einem ganzen Album erledigt. Nachdem Samy Ende 2012 einen kurzen Rollenwechsel vollzog und einen stilistischen Exkurs als Herr Sorge unternahm, kehrte er schon bereits vor zwei Jahren zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Über eben diese haben wir mit ihm im Interview in Berlin gesprochen. Was hat es mit der Platte auf sich, sollte es tatsächlich die letzte sein und welche wären denn nun deine letzten berühmten Worte?

Der Titel deiner anstehenden Platte „Berühmte letzte Worte“ lässt ja erst einmal vermuten, dieses könnte tatsächlich dein letztes Album sein.

Samy Deluxe: Ursprünglich wollte ich damit nicht werben. Je öfter ich jetzt aber gefragt werde, ob es das letzte Album ist, umso stärker wird mir immer wieder bewusst, dass ja jederzeit alles passieren könnte. Der Grundgedanke war eher, sich selbst zu zwingen, ein gutes HipHop-Album zu machen und nicht zu krass rumzuexperimentieren. Jeder Song soll einer sein, der nach all den Kriterien, die man in den letzten 20 Jahren gelernt hat, den Test der Zeit besteht. Oder, dass es jetzt für mich einfach ein relevanteres Statement abgibt als über irgendeinen Beat sinnlos rumzuspitten. Auf der Platte sind wirklich viele Songs, die mir musikalisch und inhaltlich was bedeuten und viele Sachen, die mich erklären.

Wie meinst du das, die Songs erklären dich?

Samy Deluxe: Wenn man sich die Platte reinzieht, dann passt, glaube ich, alles entweder sehr gut zu dem Bild, das man schon von mir hat, oder man lernt noch Dinge dazu. Das ist definitiv ein sehr ehrliches Album. Bazzazian, der es ausproduziert hat, ist außerdem mein Lieblingsproduzent.

Neben Bazzazian war auch Farhot an der Produktion beteiligt, oder?

Samy Deluxe: Richtig, Farhot ist auch für zwei Songs verantwortlich. Für mich war es sehr wichtig, da auch sehr gute Leute zu haben. Für manche Gerüste habe ich selbst gesorgt, ich war kompositorisch an den Beats beteiligt und Bazzazian hat diese dann eben vervollständigt.

Auf seinen Social Media Kanälen ist schon reichlich Panik ausgebrochen, nachdem der Albumtitel bekannt gegeben wurde. Die Leute scheinen echt mit einem Karriereende zu rechnen.

Samy Deluxe: Ein bisschen Spannung erzeugen ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Würde man das Album einfach „das Album vor dem nächsten Album“ nennen, was es bei mir ja ganz einfach ist, wäre es ja auch langweilig.

War das anfangs die Intention, die Leute erstmal in Panik zu versetzen und somit Aufmerksamkeit zu generieren? 

Samy Deluxe: Nein, dazu war der Flash nicht lang genug. Dann hätte ich das länger so durchziehen müssen und auch auf die Promo-Tour verzichten und einfach das Album wirken lassen müssen. Dann wäre ich aber auch die Gefahr eingegangen, dass das Gerücht einfach verebbt und es die Leute gar nicht interessiert, dass ich eventuell mit dem Rappen aufhöre (lacht). Die soll wirklich erstmal nur interessieren, dass ich ein gutes neues Album habe. Mir liegt gar nicht so viel an Publicity-Stunts. Da die Platte nun aber schon so hieß, war es schon cool, die Leute eine Woche schwitzen zu lassen.

Spinnen wir das Ganze dennoch kurz weiter: Kannst du dir vorstellen, irgendwann die eigene Karriere zu beenden und weiterhin als Labelboss für Deluxe Records zu agieren?  

Samy Deluxe: Hauptsächlich als Labelboss zu agieren, kann ich mir nicht vorstellen. Tatsächlich mache ich das momentan ganz easy nebenbei. Wenn ich gerade beschäftigt bin, kann ich gleichzeitig irgendwelche Business-Entscheidungen treffen oder Marketing-Konzepte entwerfen. Das passiert meist, wenn ich gerade am Musik machen bin, weil das für mich alles zusammen gehört. Daher kann ich Künstlern schon helfen und sie aufbauen, wenn sie noch nicht so richtig wissen, wohin und was ihr Ding ist. Wenn überhaupt, würde ich mich eher in einer gesamtkreativen Position sehen.

Ein Labelboss ist für mich immer ein fetter Typ am Schreibtisch mit einer Zigarre, der inkompetente Sachen zu Musikern sagt.

Sowas wie: „Das muss aber noch hittiger sein!“. Musiker kann man prinzipiell ja sehr lange sein. Ich glaube, Rapper kann ich auch noch sehr lang sein. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass momentan jeden Tag ein neuer Rapper rauskommt. Ich bin immer noch sehr überzeugt, dass ich eine Relevanz in dieser Szene und diesem Markt habe. Außerdem macht’s mir selber noch genug Spaß und das ist ja das Wichtigste.

Woher stammt denn die Idee dieser Rednerpult-Inszenierung? 

Samy Deluxe: Als ich den Jungs erklärt habe, was ich mit dem Album aussagen will, wirkte es schon ein wenig so wie der große Redner, der sich auf seine letzte Rede ans Volk vorbereitet und sich ans Pult stellt. Bei uns ist das immer ein recht automatischer Vorgang. Ich habe eine Idee und werfe irgendwas in den Raum und das wird immer weiter ausgearbeitet. Mein Grafiker hatte zum Beispiel die Idee, aus einem Rednerpult einen Rapper-Pult zu machen. Dann haben wir ewig überlegt, wie so ein Rapper-Pult aussehen könnte. Dieses Ding wurde dann auch wirklich gebaut und wird mit zu Streetgigs und zur Tour genommen.

Du thematisierst auf der Platte unter Anderem die anhaltende Flüchtlingskrise. 

Samy Deluxe: Nicht wirklich. Alle denken das, aber in Wahrheit sind diese Songs vor der ganzen Thematik entstanden. Beziehungsweise hatten die Songs ursprünglich nicht den Kontext, den die Leute da jetzt reininterpretieren. „Klopapier“ ist zum Beispiel von 2014. In dem Song rede ich nicht von Flüchtlingen, die gerade nach Deutschland kommen, sondern eher von denen, die schon lange hier waren, Deutsch gelernt haben, integriert waren und dann doch wieder abgeschoben worden sind. Auf „Mimimi“ erzähle ich auch eher meine Geschichte und von Leuten, die hier aufgewachsen sind, ein krasses Selbstverständnis dafür haben, Deutsch zu sein, aber jeden Tag damit konfrontiert sind, dass es immer noch Leute gibt, die keine Normalität darin sehen, dass wir uns hier so normal fühlen. Auch „Mimimi“ entstand vor der aktuellen Flüchtlingsdebatte. Dennoch sollen Single-Auskopplungen ja Schnittstellen sein und ich habe mich bewusst dazu entschieden, diese zuerst zu veröffentlichen. Niemand wählt Singles nach dem Kriterium aus, dass er damit möglichst wenig Leute erreicht.

Ist die aktuelle Situation denn eine neue Motivation für dich, das Thema wieder aufzugreifen?

Samy Deluxe: Nein, gar nicht. Es ist aber eben ein Thema, welches für deutsche Mainstream-Medien immer nur aktuell ist, wenn es einen Grund gibt, über Rassismus zu schreiben.

Deutschland ist kein Land, das gern thematisiert, dass es überhaupt Rassismus gibt.

Nur in Momenten, in denen man nicht drum herum kommt, muss es eben erwähnt werden. Die Leute müssen aber endlich verstehen, wenn man als Schwarzer, Araber, Moslem, Perser oder Türke in Deutschland lebt, jeden Tag damit konfrontiert ist. Ich verweigere mich den Medien sowieso als Konsument, weil ich nicht niveauvoll finde, was die meisten machen. Die einzige Möglichkeit, Inhalt für meine Songs zu generieren, ist leben oder mich eben mit Leuten austauschen. Die Songs sind also nicht so aktuell gemeint, wie sie klingen und sind gleichzeitig dennoch aktueller denn je.

Musikalisch berufst du dich auch auf’s klassische Erfolgsrezept, anstatt groß herumzuexperimentieren. 

Samy Deluxe: In den drei Bonussongs musste ich auch mal ein bisschen auf die Kacke hauen, aber habe es dennoch ein wenig anders gemacht als die anderen Rapper,  die sich gerade dieser angesagten Stilmittel bedienen. Es ist beispielsweise eher so etwas wie Future-Dancehall als Trap. In Deutschland hat man als Rapper eigentlich die Berechtigung, jeden Flash, den man hört, auch in seine eigene Musik einfließen zu lassen.

Jetzt lernen die Leute auch endlich, wie man zu diesen 60BpM-Dingern tanzt.

Es sieht nicht mehr ganz so schlimm aus wie vor ein paar Jahren, wenn Afrob mal den „808 Walza“ live spielt oder so. Dennoch hat diese Art von Musik keine großartige Kultur hier. Die alte Machart von HipHop wird einfach nie langweilig. Irgendwo zwischen 75 und 95 BpM Beats machen, zu denen man den Kopf nicken kann, ein gutes Sample und jemand, der gut darüber rappt – Diese Zutaten sind immer aktuell, wenn es geil gemacht hat. Das haben ja auch viele Alben in den letzten Jahren bewiesen. Zum Beispiel die letzten beiden Alben von The Game – die waren auch supergut produziert, viele Sachen, die man gern hört und dann rappt der Typ noch geil darüber.

Dein Projekt als Herr Sorge ist mittlerweile vier Jahre her – kannst du dir vorstellen, nochmal ein ähnliches stilistisches Experiment zu wagen?

Samy Deluxe: Auf „Berühmte letzte Worte“ war es mir wichtig, dass die Beats eben auch berühmte letzte Beats sind. Die klingen für mich alle frisch, aber die Zutaten sind die gleichen, leicht verdaubaren. Zwar bin ich selbst Purist, aber ich probiere auch gern aus. Wenn es einfach automatisch aus dir rauskommt, ist es für dich selbst vielleicht gar nicht so exotisch wie für andere. Auch dieses Mal habe ich wirklich viel experimentiert, aber die Sachen sind dann halt nicht auf dem Album gelandet. Es sind schon die Dinge, bei denen man sich auf’s Grundprinzip beruft. Für den HipHop-Hörer, der irgendwelche Erwartungen an mich hat, hat es den Vorteil, dass ihm die experimentell wirkenden Sachen erspart bleiben.

Was wären denn eigentlich deine berühmten letzten Worte? 

Samy Deluxe: Yo! Ich finde, als Rapper muss man schon Yo sagen. Oder vielleicht Ey. Oder Hä, das könnte ich mir auch als berühmtes letztes Wort vorstellen. Es muss auf jeden Fall zwei Buchstaben haben. An sich habe ich keine ernste Antwort dafür parat. Das Ende meines Albums mag ich sehr gern, denn da ist auch der einzige Raum auf berühmte letzte Worte zu finden: „Würd mich nicht mal mehr wundern, wenn man mich auf der Bühne jetzt ermordet/ berühmte letzte Worte“.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

1 Comment

  1. Boba Fett

    27. April 2016 at 11:17

    Habe Samy immer gefeiert und bin eigentlich Fan seit der Zeit vom Deluxe Soundsystem,aber in letzten Zeit macht er es einem nicht leicht. Dieses selbstverliebte Beatgeklöppel aus seiner „Kunstwerkstadt“ gemischt mit halbgaren,nicht wirklich durchdachten Aussagen wirklich teilweise schon recht verstörend. Außerdem benutzt er zunehmend Wörter und Phrasen,die einfach leicht peinlich wirken wie „Mimimi“.Was soll das?Samy ist für mich nach wie vor einer der besten Rapper überhaupt,aber ich fürchte einer muss den Baus of the Dauf mal wieder aus seinem weltfernen Elfenbeinstudio holen und sagen:“Junge,nicht alles was man zwischen Morgenkaffe und Abendessen aufnimmt ist der große Wurf und sollte herausgebracht werden.Mach mal was du gut kannst und les deine Lyrics vielleicht nochmal durch,bevor du sie aufnimmst.“

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