Samy Deluxe – „Berühmte letzte Worte“

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April 2001. Gerhard Schröder ist Bundeskanzler, die rot-grüne Koalition bildet die Regierung in Deutschland. Zur selben Zeit erblickt „Samy Deluxe“, das Debütalbum Samy Sorges, das Licht der Welt. Auf diesem enthalten: „Weck mich auf“, ein gesellschaftskritischer Track, der Themen wie Ausländerhass, Perspektivlosigkeit der Jugend und beratungsresistente Politiker anspricht. Das erste große Ausrufezeichen des Hamburger MCs. April 2016, 15 Jahre später. Angela Merkel befindet sich in ihrer mittlerweile 3. Amtsperiode, Anfeindungen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere Flüchtlingen, ist nach wie vor präsent. Und mittendrin: Samy Deluxe, der mit „Berühmte letzte Worte“ dem Hip-Hop nicht etwa den Laufpass gibt, sondern auf sein langes Schaffen im deutschen Sprechgesang zurückschaut, ohne dabei die Aktualität zu vernachlässigen.

Zusammen mit Farhot und Bazzazian, der spätestens seit seiner Zusammenarbeit mit Haftbefehl zur oberen Liga der Producer in deutschen Landen zu zählen ist, hat der 38-jährige einen Sound kreiert, der aus einem souligen Grundgerüst besteht und ideal mit Samys Stimmfarbe und seinem unverwechselbaren Flow harmoniert. Inhaltlich greift der seit mehr als zwei Dekaden aktive Wortakrobat verschiedenste Themen auf. „Mimimi“, die Abkürzung für „Mitbürger mit Migrationshintergrund“, behandelt ein Problem, mit dem sich der Sohn eines sudanesischen Vaters seit Beginn seiner Karriere konfrontiert sieht: dem Fremd-im-eigenen-Land-zu-sein-Gefühl. Auf orientalischen Melodien platziert, lässt Samy Deluxe seinen Frust freien Lauf („Ich schwör‘, dies‘ Land hier ist so ignorant / Wahrscheinlich bricht es bald ’n Weltrekord“).

Doch damit nicht genug. In Form von „Klopapier“ rechnet der Wickeda MC mit dem deutschen Rechtsstaat ab und spart dabei nicht an provokanten Statements, welche die Kontroversität in unserem hiesigen System, aber auch im Denken und Empfinden der Bevölkerung, offenlegen („Deutschland ist noch ganz weit vorn‘ mit Waffenexporten! / Heißt, ihr profitiert von Massenmorden und seid geschockt von harten Worten?“). Ein ganzes Album lang nur als Kritiker zu fungieren und mit erhobenem Zeigefinger den Mahner zu geben, entspricht dann aber doch nicht ganz dem Naturell von Mr. Deluxe. So erhält Mutter Sorge einen Song („Von dir Mama“), der so gar nicht kitschig daherkommt und gängige Klischees erfüllt, aber auch der eigene Sohnemann und die große, räumliche Distanz zu diesem werden verarbeitet („Papa weint nicht“).

Während es für Oldschool-Heads kaum ein Vorbeikommen an „Epochalität“ gibt, dem gemeinsam mit Compagnon Megaloh aufgenommen Track, der über die Power eines starken Willen des Individuums im Konzert der Großen philosophiert, ist „Haus am Mehr“ eine Referenz an Peter Fox‚ 2008 erschienenen „Haus am See“-Track. In diesem rappt Samsemilia über die Volkskrankheit des Immer-Mehr-Wollens, zeigt sich dabei reflektiert und scheut sich auch nicht davor, seine Position in dieser Gesellschaft zu hinterfragen („Ich fühl mich oft, als ob ich kein Freund hab‘ / Ich hab‘ vieles verloren – auf der Suche nach Mehr“).

Und das mit Erfolg. Wer Samy Deluxe nach „Männlich“, einem zugegebenermaßen sehr experimentellem Album, seine Credibility abgesprochen hat, wird nun eines besseren belehrt. Eine Story aus dem eigenen Lebens aufs Papier zu bringen, ist eine Gabe, die nicht allein dem Hamburger obliegt. Diese dann aber so vorzutragen und auf den Sound abzustimmen, dass der Rezipient die Message versteht und gegebenenfalls auch umsetzt, ist ein Talent, welches nur den wenigsten vergönnt ist. Ein Talent, welches uns in den nächsten Jahren eventuell noch weitere Alben vom Stamm von „Berühmte letzte Worte“ bescheren wird. Wer sagt denn, dass man immer aufhören soll, wenn es am Schönsten ist?

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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