Runter von der Straße? Haiyti steht vor wichtigen Entscheidungen.

Ferropolis am Sonntag. Der letzte Tag des splash! Festivals hat das Tageslicht schon hinter sich gelassen. Trotz langsam einsetzender Müdigkeit und dem insgeheimen Verlangen danach, dass das Festival vielleicht doch so langsam enden könne – was man sich aber nicht wirklich eingestehen möchte – herrscht dennoch leichte Anspannung auf der VIP-Tribüne. Immerhin werden die Beginner das alljährliche Klassentreffen in diesem Jahr beenden. Auf der Hauptbühne spielt derweil ASAP Ferg. Parallele Moshpits werden gestartet, Lyrics in den Himmel geschrien, Playback gibt’s nicht, dafür aber Pyrotechnik in den Zuschauerreihen. Es war eine der besten Ami-Shows, die ich den letzten Jahren gesehen habe. Ferg bestätigt meine These und dankt dem Publikum mit »One of the best shows I ever had«.

All das lässt die Tribüne allerdings nicht wirklich aufhorchen. Kollektives Nicken macht die Runde, während es mit einem bangenden Blick auf’s Handy gepaart wird: Hoffentlich reicht die Powerbank noch um genügend Fotos, Videos und Tweets von der Beginner-Show in den Äther zu schicken. Zwischen all den gesenkten Köpfen aber, fallen zwei Mädels immer wieder aus dem Bild. Sie tanzen nebeneinander wild auf der Stelle, aber nicht so, wie man es sich zunächst vorstellt. Vielmehr ist es ein Hüftkreisen, was mit typischen Rapper-Gefuchtel kombiniert wird. Immer wieder werden die Hände zu Pistolen geformt und mit krächzenden Stimmen »Pow Pow Pow«-Schreie gen Bühne geschickt. Die beiden Mädels, die auch durch ihre Vintageklamotten auffallen, wirken als wären sie ganz woanders, als hätten sie es längst abgelegt, sich vor anderen verstellen zu müssen. Tatsächlich treffen sie auch einige irritierte Blicke, doch wen juckt das schon. Eines dieser beiden Mädchen ist Haiyti aka Robbery – aka eine junge Künstlerin, der man durchaus zutraut das nächste große Ding zu werden. Doch dafür wird sie in naher Zukunft Entscheidungen treffen müssen, die sie weiter bringen. Wenn man die zierliche Hamburgerin so beobachtet, wird einem schnell klar, warum ihre Musik so klingt, wie sie klingt. Haiyti strotzt nur so vor Energie. Eine Energie, die man ihr ansieht, die man aber auch hört.

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Diese Energie wird sie auch brauchen können und vor allem sollte sie diese Energie immer im Hinterkopf behalten. Denn eines ist sicher: Vielleicht ist Haiyti immer noch der Geheimtipp, die Empfehlung, die man Freunden ausspricht, wenn man mal wieder beweisen möchte, dass man auf dem neuesten Stand und ihnen voraus ist. Haiyti ist aber kein Szenetipp mehr. Haiyti kumpelt mit Frauenarzt, ist mit Farhot im Studio, als Feature auf dem Haftbefehl und Xatar Album und hat auf dem splash! Festival den Strand an der „splash! Mag“ Bühne gefüllt. Die Aufmerksamkeit, die sie sich schon von ihrem Album „Havarie“ gewünscht hat, kommt ihr nun zu. Damit ist allerdings keine erweiterte Hörerschaft gemeint, sondern viel mehr aufhorchende Plattenlabels, Manager und Verlage – jeder, der eine Möglichkeit darin sieht, mit dem Straßenmädchen aus St. Pauli Geld zu verdienen. Moment mal – Straßenmädchen? Ja, Straßenmädchen. Bei Haiyti kommt schnell der Verdacht auf, dass sie dieses Geschäftsfrau-Gehabe lediglich aufzieht um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn man jedoch die ein oder andere Anekdote aus ihrem Umfeld gehört hat, gerät diese Vermutung genauso schnell ins Wanken. Von einem chaotischen Gefüge und einem Denken, in dem die Grenzen des BTMG als durchaus dehnbar verstanden werden, ist die Rede.

„Der Fluchtwagen schwarz und die Sitze aus Leder/
Sie wollen mich kriegen, die Ware ist Hehler –
Bruder, glaub mir, dass ich auch schieß'“

Recherchiert man ein wenig, lässt sich erahnen, dass ihre Familiengeschichte nicht die einfachste war. Viel mehr konkretes als ein Aufwachsen im sozialschwachen Hamburger Stadtteil Langenhorn und ein Umzug nach St. Pauli lässt sich jedoch nicht herausfinden. Doch zurück zu den Menschen, die an ihr ein gutes Geschäft wittern: Einerseits wäre es schön, wenn Haiyti neben der Szene auch endlich die breite Masse für sich gewinnen könnte, die ihre Musik verdient hat. Es wäre schön, wenn sie immer mehr das verwirklichen könnte, was ihr an Ideen noch vorschwebt und sich um Dinge, wie die Finanzierung und Umsetzung dieser Ideen, keine Gedanken machen müsste. Es wäre schön, wenn sich der Produzent Asadjohn darauf konzentrieren könnte, mehr Musik mit ihr zu machen und nicht nebenbei Interview-Anfragen bearbeiten müsste. Andererseits darf man ihr ihre verrückte Arbeitsweise, das Fickgeben auf Perfektionismus und ihr sprunghaftes Denken nicht nehmen. All das also, was einem Label den Umgang mit Künstlern nicht gerade leichter macht. Denn dort müssen gewisse Strukturen eingehalten werden. Es muss ja nicht einmal ein Label sein. Derzeit wird jeder, der sich dazu berufen fühlt, versuchen, einen Fuß in ihre Tür zu bekommen. Nun liegt es an ihr – nach dem Blick durch den Spion – zwei Mal darüber nachzudenken, wen sie hereinlässt.

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Ihr Booking wird mittlerweile vom Profi Julian Gupta übernommen. Alles andere stemmt sie mehr oder weniger alleine. All ihre Releases hat sie bis jetzt umsonst ins Netz gestellt – genau wie LGoony oder Yung Hurn, die man wohl als eine Art Weggfährten beschreiben könnte. Immerhin müssen sie sich im Moment den gleichen Fragen wie Haiyti stellen oder haben sie bereits für sich beantwortet. Kostenlose Releases wären mit einem Label – gehen wir mit dem Major-Label mal vom Maximum und dem gängigsten Klischee der Musiker vs. Industrie-Fragen aus – nur schwierig umzusetzen, da sie die Kapitalakkumulation nicht aus den Augen verlieren dürfen. Das bedeutet, dass sie Haiyti so in Szene setzen müssen, dass sie sich sicher sind, dass das dafür in die Hand genommene Geld wieder eingespült wird. Dafür muss man sich allerdings bewusst machen, dass Robbery Künstlerin durch und durch ist. Diese Klassifizierung kommt ihr nicht nur dank einer Immatrikulation an einer Kunsthochschule zu Gute: Sie malt, erlebt viel, wirkt unstetig, ist kreativ, war in der Hamburger Writerszene aktiv und hat ohne zu wissen, was als nächstes im Studio passiert, eine genaue Vorstellung davon, wie sie zu klingen hat. Und wenn morgens um sechs ein Video mit dem Handy gedreht werden muss, dann ist es auch einige Stunden später online. Während andere Rapperinnen in Deutschland an die Hand genommen werden müssen um ihr Potenzial abzurufen, reißt die junge Hamburgerin die Aufmerksamkeit ihres Umfelds innerhalb kürzester Zeit an sich und beeindruckt damit nicht nur Kollegen wie Trettmann:

„Was Hayiti angeht, ist es progressiv und genau die richtige Richtung, die die deutsche Sprache nehmen muss. Dieses unaufgesetzte, unkonstruierte, unmittelbare Momentum. Das habe ich vorher so komptakt wie bei ihr – und da spielt natürlich auch rein, wie sie ist und in was für einer kurzen Zeit sie Lyrics schreibt und das Ding dann einspittet – noch nicht gesehen. Da war ich baff.“

Eine weitere Besonderheit an Haiyti: Im Gegensatz zu den meisten Rapperinnen in Deutschland inszeniert sie sich nicht. Sie stellt ihre Sexualität und ihr Geschlecht nicht in den Vordergrund. Klar wird hier und da von Typen und sexy Barkeepern gesprochen und nicht von der Groupie-Ollen. Das liegt auf der Hand. Allerdings möchte sie nicht jedem auf die Nase binden, dass sie als Frau gerade die Szene erobert oder erweckt den Eindruck, dass sie eine Fahne hoch halten wolle, geschweige denn müsse. Dabei ist sie sogar der Meinung, dass es Frauen deutlich schwerer haben, in den deutschen Rapgefilden ein Deal an Land zu ziehen, was wiederum bedeutet, dass ihr eine weibliche Rap-Lobbyistin durchaus von Nutzen gewesen wäre. Mit Pyranja, Fiva MC, Cora E., Sookee und Schwesta Ewa gibt es eben jene, zumindest potentielle, Lobbyistinnen. Allerdings haben sie es bis heute noch nicht geschafft, vollends in der Szene akzeptiert zu werden. Der einen wird übertriebener Feminismus oder ihre Vergangenheit vorgeworfen, während die anderen mittlerweile nicht mehr repräsentativ für die Szene stehen, da sie nicht mehr aktiv sind. Nicht nur deutscher Rap, sondern Rap im Allgemeinen, ist ein männerzentriertes Genre, in dem Frauen nur schwer ihren Platz finden. Sie müssen die Ellenbogen ausfahren. Auch Haiyti muss mit dem Vorurteil leben, als Rapperin gesehen zu werden, die auf Straßenmädchen macht und auf den Hypetrain Richtung amerikanische Südstaaten aufgesprungen ist. Dabei ist sie ein Mädchen von der Straße, das diesen Zug hierzulande mit ins Rollen gebracht hat. Womit sich Haiyti bis jetzt jedoch nicht beschäftigen musste: Hate aufgrund ihres Geschlechts. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, vielleicht aber auch ein Effekt, der der beschriebenen Tatsache geschuldet ist, dass sie ihr Geschlecht nicht in den Vordergrund stellt, es jedoch auch nicht versteckt.

Der ursprüngliche Plan, eine Art „Detox“-Mixtape zu veröffentlichen, auf dem es nicht um Drogen gehen sollte, ging nach hinten los. Aus „Detox“ wurde „Toxic“. Eine EP, die zusammen mit dem Produzententeam KitschKrieg entstanden ist und durch den Titel schon verrät, dass es nicht rauschfrei zugehen wird. Wer nun aber sechs radikale Songs á la „Runter von der Straße“ erwartet, liegt daneben. KitschKrieg schaffen es nicht nur Haiytis bisher gezeigten Facetten abzudecken, sondern ihr auch neue zu entlocken. So kann man auf „Toxic“ erstaunlich tief in das Innenleben der jungen Hamburgerin blicken.

„Das Leben erst ab 18, tropfe Tränen auf Matratzen
Geh vernebelt durch die Gassen, hör den Regen nur noch prasseln“

Wenn man jemanden das Phänomen Haiyti näher bringen möchte, sollte man derjenigen Person genau diese EP zeigen. Damit soll nicht gesagt sein, dass das grandiose „City Tarif“ Tape, das zusammen mit Asadjohn entstanden ist, unter den Teppich gekehrt werden soll. Ganz im Gegenteil: Das „Toxic“ bringt einen nach zwei Durchläufen auf den Geschmack, danach kann man tiefer in die Welt der St. Paulianerin eintauchen. Wer weiß bei wem und auf welchem Wege sie das nächste Mal Musik veröffentlicht.

Alle Fotos: awhodat.com
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