Rückblick: Aus Camora wird 3.0

Der Hype, den „Palmen aus Plastik“ im vergangenen Jahr ausgelöst hat, lässt sich nicht leugnen. Für Raf Camora & Bonez Mc hagelte es reichlich positive Kritik, Probs aus der Szene, rekordträchtige Klicks auf die Videoauskopplungen und ganze fünf Goldauszeichnungen. Das gemeinsame Projekt der beiden Rapper brachte zum ersten Mal deutschsprachigen Dancehall in den Mainstream, von dessen Umsetzung ich mich nicht peinlich berührt fühlen musste. Dies lag zum einen an den Texten in typischer 187- Attitüde und zum anderen an den astreinen Produktionen von Raf. Es dauerte also nicht lange, bis sowohl etablierte Künstler als auch Newcomer sich an dem Stil versuchten. Wen wundert es? Doch bereits 2012 präsentierte sich Raf Camora unter seinem Alter Ego Raf 3.0 erstmals in einem stark von Reggae- und Dancehall-Einflüssen geprägten Soundbild. Das gleichnamige Album „Raf 3.0“, welches vor genau 5 Jahren über das Label Irievibrations Records erschien, war für mich persönlich das Release, das mein Interesse für Raf als Künstler geweckt hat und über das ich Zugang zu seiner Musik gefunden habe.

Bevor 3.0 und Camora auf „Ghost“ miteinander verschmolzen und ein „neuer Raf Camora“ geboren wurde, gab es für Raf eine strikte Trennung seiner beiden Projekte. Camora bezeichnete er als klassischen Hip-Hop, dessen Alben in der Regel sehr düster ausfielen und Themen wie den Tod, Verrat, falsche Menschen und innere Dämonen behandelten. Auch wenn ich die Camora-Platten nicht schmälern möchte, war es insbesondere die Musikalität der 3.0-Instrumentals, die mich sofort seit der ersten Single „Roboter“ gecatcht hat. Ich mochte die Rhythmen der Songs und der große Wert, der auf die einzelnen Arragements gelegt wurde – sei es bei Nummern wie „Wie Kannst Du Nur“ oder „Fallen“. Doch auch textlich konnte und kann ich der Platte noch heute etwas abgewinnen. „Luxus“ und „Crownclub“ werfen beispielsweise einen kritischen Blick auf die reiche Oberschicht, welche eine oberflächliche Wertvorstellung teilt und sich über Luxusprobleme beschwert, während „Dumm & Glücklich“ davon handelt, wie gerne er selbst sorgenfrei wäre, allerdings nicht einfach in den Tag leben könne, ohne ständig über Dinge nachzudenken.

Neben düsteren Tracks wie „Sklave“ oder „Nicht Mit Uns“ finden sich aber auch wahre Gute-Laune-Nummern auf der LP. „Jeder Tag“ und „In meiner Zone“ sind noch heute Teil meiner regelmäßigen Playlist und wenn nicht, werden sie spätestens dann, wenn sich die Sonne wieder blicken lässt, herausgekramt. Bereits damals hat mich neben den Texten also zu einem großen Teil der sommerliche Vibe der Platte gefesselt. Während das zweite 3.0-Album „Hoch 2“ stärker von der Musikrichtung Grunge geprägt war, könnte man durchaus sagen, dass auf „3.0“ der Grundstein für „Palmen aus Plastik“ gelegt wurde. Für mich persönlich ist die LP nach wie vor eines der unterschätztesten Alben von Raf. Sie überzeugt sowohl inhaltlich als auch musikalisch und gehört zudem zu den wenigen Platten, bei denen ich nicht einen Song skippen muss. Besonders gerne denke ich im selben Zug an meinen ersten Besuch auf dem Splash! 2012 zurück, bei dem ich den 3.0 Auftritt aus der ersten Reihe verfolgt habe und ich mich zum ersten Mal auch von Rafs Live-Qualitäten überzeugen durfte.

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Tracklist:

1. Intro (Das dritte Auge)
2. Roboter
3. Registriert
4. Fallen feat. Nazar
5. Sklave
6. Lach für mein Twitta
7. Nichts verletzt so
8. In meiner Zone
9. Wie kannst du nur
10. Playmobil feat. Marteria
11. Luxus feat. Konshens
12. Crown Club
13. Nicht mit uns feat. Sizzla
14. Dumm & glücklich
15. Tumor

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

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