Rückblick: Alligatoah veröffentlicht Schlaftabletten Rotwein III

Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, in der mit Ausnahme weniger vereinzelter Künstler fast ausschließlich US-Rap auf meinem Mp3-Player zu finden war. Während ich den Rap aus den Staaten in all seiner Vielfalt aufsog und meine CD-Sammlung immer weiter wuchs, waren deutsche Rapper, die mich wirklich beeindruckten, locker an einer Hand abzuzählen. Ein Schulfreund von mir war da deutlich bewanderter, allerdings konnte dieser wiederum US-Rap wenig abgewinnen – Naja, zumindest auf Eminem bzw. Samy und K.I.Z konnten wir uns einigen. Eines Tages im Deutschunterricht machte er mich schon fast aufgeregt auf einen Rapper namens Alligatoah aufmerksam. Als ich ihn fragte, was für Rap mich denn erwarte, entgegnete dieser bloß: “Ich denke, das könnte dir gefallen. Schau dir mal das Video zu ‘Raubkopierah’ an.“ Gesagt, getan.

Christian sollte Recht behalten. Auch wenn ich zunächst gar nicht so recht sagen konnte, was mich an Alligatoah begeisterte, war ich froh auf ihn gestoßen zu sein, woraufhin ich erstmals das Konzeptalbum “In Gottes Namen” und retrospektiv die “Schlaftabletten, Rotwein”-Tapes 1 & 2 für mich entdeckte. Bevor Alligatoah schließlich seinen großen Durchbruch mit “Triebwerke” bei Trailerpark hatte, erschien 2011 – also 2 Jahre vorher – der letzte und meiner Meinung nach beste Teil und der “Schlaftabletten, Rotwein” Trilogie. Was mir immer besonders an Kaliba gefiel war, dass er seine Musik komplett selbst produzierte, wodurch er sich für mich auch soundtechnisch immer deutlich vom Rest abheben konnte. Darüberhinaus schaffte es Lukas Strobel in seiner Musik mich inhaltlich mit Themen zu überraschen, die mir so in dem Hip-Hop-Kosmos zuvor noch nicht begegnet waren. Es gehörte also schon immer zu Alligatoahs Handschrift mit einer Portion Humor Gesellschaftskritik zu verpacken.

Dies geschieht besonders gelungen auf dem Track „Namen machen“, der sich damit auseinandersetzt, wie weit der Mensch bereit ist für Klicks und Aufmerksamkeit zu gehen. Erschreckend wie gut Zeilen wie „Um mich selbst zu zerstören, hab’ ich 15 Minuten. Gib mir davon ein Drittel, ich werde bluten.“ zusammenfassen, was damals wie heute im Internet auf dem Tagesprogramm steht. Aber auch auf dem Song „Es regnet kaum“ gelingt dies besonders gut. Hier werden Menschen thematisiert, die keine Gelegenheit verpassen rumzumeckern. „Die Sonne scheint, es regnet kaum. Wie soll ich da ein Schneemann bauen?“ Hach, wer kennt das nicht? Absolutes Highlight der Platte bietet für mich der letzte Track auf „STRWIII“. Auf „Meine Band“ rappt Alligatoah aus der Perspektive eines besessenen Fans, der sich von seiner Lieblingsband abwendet , sobald diese kommerzielle Erfolge verbucht. Das geht letztlich sogar soweit, dass er plant die nächste Band in seinem Keller einzusperren und nur noch für ihn spielen zu lassen. Ein besseres Bild hätte Alligatoah nicht wählen können. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass Alligatoahs Songs heute großes Gehör finden.

 

Alligatoah – “Schlaftabletten, Rotwein III”

1. Komm hau ab (Intro)
2. Unten ohne feat. Shneezin257
3. Trippersong feat. Paff-Meisi
4. Namen machen
5. Es regnet kaum 
6. Terrorist im Flugzeug feat. Amisha
7. Unvergleichlich
8. Kunst des Bitens reloaded 
9. Postmodern 
10. Badewanne feat. Dima Richman 
11. Abgestochen
12. Terrorist im Theater feat. Amisha
13. Faszination Bier
14. Spass 
15. Schwamm drüber 
16. Geschäftsmann feat. Jamal
17. Trostpreis feat. Pimpulsiv
18. Terrorist im Fernsehen feat. Amisha
19. Meine Band 

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".
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