Rotten Monkey: „Im Kern thematisiert das Album die Flucht in die Passivität und das dagegen ankämpfen.“

Rotten Monkey legt einen rohen, düsteren Sound an den Tag, auf den er metaphorische und geistreiche Materie zugleich, mit seiner einnehmenden, markanten Stimme presst. Trotz eines ordentlichen Musik-Outputs, in Form von sechs veröffentlichten EPs, kursierte und überzeugte die Musik des Emopunkrap-Artists bislang überwiegend in den Reihen des Untergrunds. Mit dem erst kürzlich veröffentlichten Kollabo-Album „Live Fast Die Young“, das mit Label-Head Private Paul entstanden ist, konnte der Wahl-Hamburger den ersten Fuß über jene Grenzen setzen. Nun folgt am 16. Dezember das Solo-Debütalbum „Drowning // Blue Pill“, weshalb wir uns mit Rotten Monkey unterhalten haben. Im Interview haben wir über das neue Werk gesprochen, dessen Essenz auseinander gepflückt und einen Blick auf RMs Produzenten Heilanstalt geworfen.

Du hast seit 2012 sechs EPs und vor wenigen Monaten ein Kollabo-Album mit Private Paul veröffentlicht. Wieso kommt erst jetzt das Solo-Debütalbum?

Es hängt sehr viel Organisationsaufwand daran ein Album zu machen – Eine CD rauszubringen und Promo dafür zu machen. Da ich in den letzten Jahren sowieso viel Zeit in Musik investiert habe und auch eine gute Connection mit Paul habe, wollte ich es jetzt einfach mal richtig probieren. Wenn mich gewisse Leute nicht dazu getrieben hätten, hätte ich die Musik vielleicht auch weiter einfach so rausgehauen – jetzt ist es ein Album geworden und das ist auch gut so.

Aber es gab jetzt keine Art Label-Druck, der dich dazu gebracht hat endlich ein Album zu machen?

Das ist komplett ohne Druck entstanden. Das lag auch schon rum, bevor Paul und ich „Live Fast Die Young“ fertig gemacht haben.

Der Albumtitel setzt sich aus zwei Komponenten zusammen, die an die Metaphorik Red Pill and Blue Pill, also die Wahl zwischen der teils bitteren Realität und der Flucht in die Illusion, erinnern. Letztere Symbolik macht den zweiten Teil des Titels aus, während die erste von „Drowning“ ersetzt wurde, was auch Titel eines Private Paul Tracks auf seinem Album „EmoPunkRap“ aus dem Jahr 2010 war. Beschreibt „Drowning“ in deinen Augen die Red Pill Symbolik?

Die Verbindung zu dem Private Paul Track habe ich bei Namenswahl gar nicht gesehen, kann man aber auf jeden Fall herstellen. Red Pill, Blue Pill ist auf jeden Fall der Anknüpfungspunkt der Metaphorik. Das ist eigentlich auch das Thema des Albums:

Die Flucht vor schmerzhaften Wahrheiten und der ständige Kampf die Augen nicht zu verschließen.

Das Wort Drowning steht bei mir für Passivität und Depression durch Realitätsflucht. Bei dem Track von Paul war es eher das Aufwachen aus einer angenehmeren Wirklichkeit, wenn ich ihn richtig verstehe. Bei mir folgt also Depression aus der Flucht in die Illusion, bei ihm aus Desillusionierung. Das sind eigentlich gegensätzliche Konzepte.  Aber die Inspiration für so ein Konzept kommt ja eh teilweise auf ganz krummen Wegen. Hier war es zum Beispiel so, dass Heilanstalt mir einen Beat geschickt hat, der eben diesen Titel hatte. Dann hat es bei mir angefangen zu rattern, ich habe Ideen dazu bekommen und einen Track daraus gemacht – wie es dann eben läuft. Dann fällt einem plötzlich auf, dass es auch ein Eckpunkt der anderen Tracks ist, dann bastelt man noch ein bisschen weiter in die Richtung und hat am Ende ein stimmiges Konzept.

Der Titeltrack ist in meinen Augen nicht willkürlich platziert worden. Du reist metaphorisch aus der grauen Stadt weg, mit dem Schiff in die Antarktis. Das beschreibt für mich den Übergang von der Realität in die Illusion.

Ich habe es mir eigentlich anders überlegt.  Es ist eher so, dass die Themen sich abwechseln. Da sind Tracks, wo der Blue Pill-Gedanke im Vordergrund steht, wie bei „Seidenraupen“ und dann wieder welche wo es  um Wut und Revolution geht, wie in „Ordnung“ zum Beispiel. Die Themen wechseln sich also ab und symbolisieren dadurch den Kampf dieser beiden Seiten. Einerseits das Fliehen wollen und auf der anderen Seite das dagegen aufbegehren. Am Ende des Albums, etwa ab dem zehnten Track ist es dann einfach nur noch real. Da spielt Flucht keine Rolle mehr. „Wenn der Rest stimmt“ oder „1000 Sonnen“ sind Tracks, wo hundertprozentige Klarheit herrscht. Es spiegelt also das Abschließen mit diesen Gegensätzen wieder.

Auf „Life Fast Die Young“ hast du bereits mit der „Entwürdigung des Echten“ abstrakte Gedankengänge im Bezug auf Religion und Anti-Religion gefasst. Eine verwandte Metaphorik findet sich auf dem jetzigen Album wieder. Auf „1000 Sonnen“ thematisierst du die Absolution. In welchen gesellschaftlichen Kontext setzt du die Absolution?

Das ist ziemlich kompliziert – „Keine Absolution“ ist eine Anknüpfung an meine ersten Versuche Musik zu machen. Heilanstalt und ich haben da mal dieses Tape rausgehauen, „Keine Absolution“ heißt das. Das spannt also den Bogen zu meinen musikalischen Anfängen. Inhaltlich bezieht sich die Line darauf, dass es keine Vergebung gibt – muss es aber auch nicht. Das ist ja auch der Schlussstein des Albums. Bei „1000 Sonnen“ geht es um das Erkennen, dass man selbst in einem größeren Rahmen existiert und selbst die vergänglichsten Momente irgendwas an sich haben, das bleibt. „Gefühle wie von 1000 Sonnen in den Fels gebrannt“ ist da die Line.

Siehst du den Gedanken der Absolution auch als Faktor für aktuelle gesellschaftliche Missstände?

Ich mag religiöse Metaphorik, ohne selbst religiös zu sein. Ich glaube allerdings nicht, dass viele Missstände zumindest bei uns in Europa, in unserer säkularen Gesellschaft, dadurch entstehen, dass Leute denken: „Cool, Gott hat alles abgesegnet, also können wir machen, was wir wollen“. Das sind vielleicht Probleme die in anderen Teilen der Erde krasser vorherrschen.

Ich glaube, dass es eigentlich Faulheit und Ignoranz sind, die dazu führen, dass Scheiße passiert. Die Blue Pill sozusagen.

Die Gesellschaft ist von religiösen Werten und Normen geprägt. Siehst du Religion als einen wichtigen und beständigen Faktor in der Gesellschaft?

Historisch auf jeden Fall. Ich bin da jetzt auch kein Experte, aber klar. Man lebt in einer Welt die durch Religion geformt ist und es steckt tief uns drin, an Übersinnliches zu glauben – magisches Denken.

In den Songs setzt du deine Umwelt in den Kontext von Realität und Illusion, ist das die Essenz des Albums?

Im Kern thematisiert das Album die Flucht in die Passivität und das dagegen ankämpfen. Das ist das Hauptthema. Das zweite Thema ist der Umgang mit der eigenen Bedeutungslosigkeit. Aber das spielt da auch mit rein, weil die Flucht in die Illusion vergänglich ist, genauso wie das Ankämpfen dagegen vergänglich ist. Es sind zwei Themenblöcke, die sich ineinander schieben

Wenn dir jemand in der Matrix eine rote und eine blaue Pille vorsetzen würde, für welche würdest du dich entscheiden?

Ich glaube ich bin jemand, der gerne den Tatsachen ins Auge sieht, also das ist auch eigentlich die Essenz des Album. Am Ende herrscht ja Klarheit, die Blaue Pille wird abgelehnt. Ich denke und hoffe, dass ich das auch in der Matrix tun würde. Aber hin und wieder für kurze Zeit, muss man sich die blaue Pille auch gönnen.

Das Album ist in Zusammenarbeit mit Heilanstalt entstanden. Der Produzent tritt bislang nur in deinem Kontext auf. Wer ist Heilanstalt?

Aus meiner Sicht ist er erstmal ein sehr guter Freund. Der hat mich praktisch mit in die Lage versetzt, meine eigenen Sachen recorden und produzieren zu können. Er führt teilweise einen ziemlich radikalen Lifestyle und hat auch aus eigenem Antrieb nicht so ein großes Bedürfnis Projekte zu beenden. Er macht viel Musik, ich glaube in erster Linie für sich selber.

Wahnsinnig talentierter Typ, der sich dadurch selbst ins Knie schießt,  dass er nie was raushaut.

Was kann er dir als Produzent geben, was andere nicht können?

Beats, die krasse Sachen aus mir raus holen. Ich hab jetzt ein Album, das komplett auf seine Beats geschrieben wurde. Und viele von den Beats sind einfach anders als alles was ich bis jetzt gehört habe. Zum Beispiel der vom Titeltrack „Drowning // Blue Pill“, wo sich der Beat einfach auflöst. Ein anderer Punkt ist, dass wir als Freunde nochmal ein Projekt zusammen machen wollten. Darum wollten wir auch einfach keine anderen Leute drauf haben. Man hätte zwar noch viel weiter gehen können und das alles noch mehr ausproduzieren können, das war uns aber egal, weil es eben Untergrund ist und auch davon lebt, dass es ein bisschen roh rüberkommt.

 

 

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