Travis Scott -„Rodeo“

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Travis Scott hat Autotune verstanden. Travis Scott hat Musik verstanden. Und das mit gerade mal 23 Jahren. Klar, da war der sporadisch in Soul-Kombos drummende Vater und der Opa mit Jazz-Studium. Doch das macht noch niemanden zu einem Ausnahmeproduzenten Marke Scott. Dann schon eher sein Mentor: Kanye West. „Rodeo“ ist ein Debütalbum geworden, dem man anhört, welche Personen den Macher geprägt haben. Und das macht durchaus Sinn. Kanyeeske Weirdness dominiert, driftet mal in verzerrte Psychedelicawelten ab, mal in südstaatentypischen TurnUp. Gitarrengeschrammel, geduckte Pianos, absurde Vocals und dann sogar Neo-Sohl auf „Flying High“ und ein Pop-Smasher. Das Erstaunliche: Am Ende ist klar, diese knallbunte Mixtur muss genauso aussehen. Alles andere wäre falsch.

Wenn Travis nicht gerade am Effektgeräte sitzt, spricht er benebelt von Psychopharmaka oder benebelt von der eigenen Gedankenwelt darüber, wie das so ist: mit den Frauen, den Pillen und den Doller-Scheinen. Angenehm scheint’s die meiste Zeit über zu sein. Wirklich spannend ist das allerdings nicht. Scotts Horizont bleibt beschränkt. Seine Musik lebt von der Ästhetik, die einen aus der Realität in den wirren Scott-Kosmos trägt. Vom Singsang, von bis obenhin mit Autotune vollgepackten Parts und von den fähigen Gästen. R&B-Wunderkind The Weeknd bringt die großen Gefühle, Justin Bieber und Young Thug lenken den Karren Richtung Absurdistan. Kacy Hill bringt Pop und Kanye die nötige Portion Kanye. Chief Keef dagegen bringt nichts. Sein Part bricht einen kurzen Moment die latente „Rodeo“-Lässigkeit auf und reißt unsanft aus dem Traum. Ansonsten hat Travis Scott, der Feature-Kurator, alles richtig gemacht und eigene Schwächen gekonnt übertüncht.

Am Ende zehrt „Rodeo“ von seiner Bewegung. Die großartigen Produktionen und Glanzmomente der Gäste bilden das Fundament. Travis Scott, der immer frisch bleibt, die Spitze des goldenen Monuments. Er hat es geschafft ein Album voller Hits zu zimmern. Dass die Inhalte kreisen, bleibt eine Randnotiz.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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