MC Rene & Carl Crinx – „Perpetuum Mobile EP“

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Nach knapp einem halben Jahr der Sesshaftigkeit zog es MC Rene und Carl Crinx erneut in die Ferne: Sie eröffneten in Kiel ihre neue Tour. Bis zum Abschluss in Braunschweig am 24. Oktober spielen die beiden in weiteren fünf Städten. Der Grund zum Feiern findet sich straight am Merch-Stand: Vor zwei Wochen droppte die brandneue „Perpetuum Mobile“-EP, in deren Credits unter anderem der Retrogott, Toni L, Sir Max und K.Rings aufgeführt sind.

 

Nach „Alles auf eine Karte“ und „Renessance“ geht die Kollaboration zwischen MC Rene und Carl Crinx nun in Runde Nummer Drei. Als Nachfolger des soliden, jedoch etwas gähnenden Langspielers bin ich vor allem darauf gespannt, ob die beiden diesmal die richtigen Akzente setzen. Gleich im Intro bestätigten Reen und Crinx meine Vermutung, die sich beim ersten Blick über die Tracklist erhärtete: Das „Ist MC Rene tot?“-Sample wurde aus Huss und Hodns „Yo Kurt!“ („Jetzt schämst du dich“) extrahiert. Nachdem das letzte Release erst ein halbes Jahr zurückliegt, finde ich den Vocal-Cut inhaltlich nicht besonders treffend; macht jedoch Sinn, da der Retrogott auf der Platte noch öfter Einzug findet. Die Singleauskopplung featured sowohl ihn als auch Toni L, wobei Letzterer als „Ewig-Währender“ wie die Faust aufs Auge zum Track-Thema passt. Mit einer starken Reimperformance und hohem Wiedererkennungswert eröffnet der Deutschrap-Urknall-Überlebende die Runde. Der Beat bietet sowohl MC Rene, als auch dem Retrogott genügend Platz zur künstlerischen Entfaltung. Besonders im Kopf geblieben ist mir die Line „Beatlein, Beatlein aus der Box, wer hat den Flavour des Retrogotts? Keiner.“ „Reffi Teffi“ ist als Up-Tempo-Song konzipiert, allerdings finde ich das „Hey“-Staccato als Konzert-Einheizer nicht besonders innovativ, kann aber durchaus zünden. Auf EP-Länge gesehen liefert Rene konstant geflowte und listige Lines („Wie ein guter Wein werde ich mit dem Alter besser“, „Perpetuum Mobile“), auch wenn er sich hin und wieder für jahrzehntealte Leistungen selbst auf die Schulter klopft. Alles in allem gefällt mir die Performance seiner Gäste und ihm ganz gut, wobei der lyrische Content keine Offenbarungen birgt.

Die Carl-Crinx-Klangbretter siedeln sich geschätzt im 95-98 BPM-Bereich an und gesellen sich somit zu den schnelleren Beats. Das erklärt auch den perfekt passenden „Perpetuum Mobile“-Remix des Retrogotts, der zuletzt als Kutmasta Kurt ähnliche musikalische Vorstellungen in die Tat umsetzte. Auch wenn der Sound vom Setup her nach den frühen 90ern klingt und sehr eingängig grooved („Return of the Freiplatztiger“), fehlt mir ein Quantum Authentizität. Es verhält sich ähnlich wie mit der neuen MPC-Renaissance: Zwar handelt es sich hierbei um eine MPC, aber sie klingt eben nicht ganz wie ihre legendäre, sperrige Steinzeit-Vorgängerin MPC 60. Im Übrigen kommt mir das Piano-Sample von „Reffi Teffi“ aus Pitch Blacks „Show and Prove“ bekannt vor.

 

Es festigt sich der Eindruck eines soliden, aber nicht unentbehrlichen Kurzspielers. Es fehlen die großen Hits, die catchigen Beats, die aufsehenerregenden Lines. Dennoch setzen sowohl Rene, als auch Carl Crinx den Albumtitel thematisch und musikalisch gut um und packen die Instrumentals gleich mit auf die Platte. Für treugebliebene Reen-Fans und Jungspunde, die ihre Deutschrap-Allgemeinbildung durch einen echten Veteranen aufstocken wollen, spreche ich eine klare Kaufempfehlung aus. Für mich persönlich hat der MC viel an Sympathie gewonnen, da sich mir ein resignierter, gemäß des Albumtitels, unaufhaltsamer Rene präsentiert, der nicht mehr verbissen um deutschlandweite Anerkennung kämpft, wie es noch vor Jahren der Fall war. Auf die bahnbrechende Neuerfindung müssen wir uns allerdings noch ein wenig gedulden.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

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