JokA – „Augenzeuge“

JokA2

Wie ordnet man JokA als Künstler ein? Als Rapper mit mehr Featureparts auf dem Konto, als Hugh Hefner Bräute in der Hütte? Oder als sympathischen, großgewachsenen Ex-Backup-Rapper von Silla? Seit seiner Anfangszeit hatte man JokA zwar auf dem Schirm, aber dennoch flog er immer knapp unter dem Radar, der größeren Audienz. In Bremen kennt man ihn als einen der wenigen lokalen Wort-Virtuosen dieser Generation. Landesweit ist der angehende Deutschlehrer mit Schuhgröße 49,5, größtenteils durch Features, Liveshows und ein paar Interviews bekannt.

Prominentestes und erfolgreichstes Feature, bis dato, ist „Theorie und Praxis“ mit Bushido. Am 4. September 2015 releaste JokA sein drittes Album „Augenzeuge“, über seine neue Labelheimat Distri. Was das Album zu bieten hat, hier in der Zusammenfassung.

„Moin Moin“ kennt man bereits durch die vorausgegangene Videoauskopplung. Der Track hat zwar Power, aber sowohl Parts als auch Hook pflanzen dem Hörer nun keinen neuen Wortgebrauch ins Hirn oder zeigen, wie man raffinierte Triple-Rhymes aneinanderreiht. Recht schlicht rappt JokA auf die stampfenden Bassdrums, was dem Ganzen etwas Durchschnittliches gibt. Taucht man weiter in die Materie JokA auf „Augenzeuge“ ein, stellt man jedoch fest, dass JokA anderweitig überzeugen kann. JokA liegt das Storytelling. Sei es über sein Großwerden mit Hip-Hop auf „Nostalgie“, oder über einen Krebserkrankten, der seinen letzten Atemzug auf „Leb‘ wohl“ nimmt. Die glaubwürdige Präsentation seiner Songs und die Vielfalt der Themen ist angenehm unterhaltsam, und man bekommt schnell Zugriff zu JokAs Storys, die das Kopfkino während des Hörens auf Dauerschleife bespielen. JokA rappt schlicht über die alltäglichen Dinge. Wie auf „Drecksjob“, der wohl den Zeitgeist vieler trifft, die sich als Teil der sogenannten Generation Praktikum sehen. Oder vom Reisen um die Welt mit Megaloh, Träumen und Pechtagen. Themen, die heute viel zu selten behandelt werden – Geschichten aus dem ganz normalen Leben. Man fühlt sich bei manchen Songs fast ein wenig in die Anfangszeit des Deutschraps zurückversetzt, als noch alles harmonisch und peaceful war, und als noch Hip-Hop-Jams in Jugendhäusern stattfanden. Ein weiterer erwähnenswerter Storyteller ist „Himmelspforte“, eine Geschichte die aus verschiedenen Blickwinkeln vom Tod dreier Menschen erzählt. Allein der Titelsong „Augenzeuge“ weiß nicht genau, wo er hin will.

Auch wenn JokA darauf kein Chinesisch spricht, hätte die Message des Titelsongs etwas eindeutiger ausfallen können, was etwas schade ist. Trotzdem kann man den roten Faden erkennen, der sich durch das Album zieht. Der Titel „Augenzeuge“ spiegelt sich in vielen Songs wider, die alle aus nächster Nähe zu einem Thema berichten. Featuretechnisch sind auf „Augenzeuge“ Motrip, Sido, Lenny Morris, Megaloh, Flomega und Sebastian Hämer zu finden.

Überraschenderweise ist Silla nicht dabei. Er findet sich jedoch auf der „Polaroid“-EP wieder, die sich in der limitierten Polaroid Box von JokA befindet und fünf zusätzliche Songs beinhaltet, inklusive dem Featuretrack „Schwindelfrei“.

JokA hievt mit „Augenzeuge“ Rap als solchen auf kein neues Level oder glänzt durch eine besonders ausgeklügelte Reimtechnik. Dennoch schafft er es trotz der Kritikpunkte, ein Album mit viel Inhalt und Emotion abzuliefern. Es geht um alltägliche Geschichten, die abwechslungsreich und gut erzählt sind – mit einer gewissen Bodenständigkeit und Gelassenheit, die deutschem Rap gefehlt hat. Hier und da hätte man etwas mehr lyrische Raffinesse erwartet, da JokA auch als begabter Ghostwriter gilt. Dennoch, ist „Augenzeuge“ ein sehr rundes Album geworden, das dem Bremer sicher viel Lob und weitere Fans einbringen wird. Thumbs up!

The following two tabs change content below.
K-YU, Texter, Fußballgott und London Pale Ale-Supporter.

Neueste Artikel von Marcel (alle ansehen)

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.