Dr. Dre – „Compton“

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„You know why Dre’s record was so succesful? He’s rappin‘ about big-screen TVs, blunts, 40’s and bitches.“ Wer ein bisschen Rapgeschichte studiert hat, dem dürfte dieser Wortlaut mehr als bekannt vorkommen. Die Tatsache, dass sich dieser auf Dr. Dre’s zweites Album bezieht, dürfte für denjenigen ebenso wenig ein Geheimnis sein. Ja genau. „2001“ ist bereits 16 Jahre her. Wer hätte also heute tatsächlich noch mit einem Album vom Doc gerechnet? Nachdem die Erwartungen an LP Nummer 3, die ursprünglich auf den Namen „Detox“ hören sollte, über Jahre hinaus ins nahezu Unermessliche getrieben wurden, verwirft man das Album auch gerne nach zwei Single-Auskopplungen nochmal komplett und kündigt mal eben eine Woche vor Release „Compton“ an. Dass wir uns zum Filmstart von „Straight outta Compton“ über neue Musik von Mister D.R.E. freuen können, dürfte wohl kein Zufall sein. Bleibt also nur zu hoffen, dass es sich bei dem neuen Werk um keinen Schnellschuss handelt.

Nachdem wir durch ein kurzes Intro einen Eindruck von der Stadt Compton gewinnen können, wird die Platte mit „Talk About It“ eröffnet. Dre weiß Spannung zu erzeugen und lässt uns bis zum zweiten Verse ausharren, bevor wir ihn zu hören bekommen. Doch dann ist er da! So wollen wir Dre hören. Der erste Track überzeugt und macht definitiv Lust auf mehr. Auch wenn der Dancehall-Part auf Track 2 „Genocine“ zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, kommt Dre mit von ihm eher ungewohntem Flow um die Ecke. Kendrick stellt ihn im Anschluss jedoch trotzdem in den Schatten. Den ersten ‚Aha-Effekt‘ schafft allerdings erst Anspielstation 4. Auf „It’s All On Me“ ruft Andre Young alte Zeiten retrospektiv in Erinnerung und sofort wird der Zuhörer in seine Anfangszeit hineinversetzt. Hierfür zeigen sich neben dem schönen Instrumental, das alleine bereits an den frühen Dre erinnert, collagenartige Textpassagen wie „All I hear is my girl in my ear and this nigga Eazy asking for his car back, homie“ verantwortlich. Nicht weniger stark geht es mit „All In A Day’s Work“ weiter, auch wenn dieser Track thematisch anknüpft.

Bei den nächsten beiden Songs scheint sich hingegen die gemeinsame Studiozeit mit Kendrick Lamar bemerkbar zu machen – gleich mehrere Beatwechsel werden hier innerhalb der Songs untergebracht. Auch hier muss man vor Kendrick einfach mal den Hut ziehen – was für ein Part auf „Darkside Gone“! Doch auch Mister X to the Z, Xzibit, beweist auf „Loose cannons“ nicht zu knapp, dass er das mit dem Rappen alles andere als verlernt hat. Auch die darauffolgenden Tracks „Issues“ und „Deep Water“ können auf Produktions- sowie Textebene mehr als überzeugen. Ein wenig unspektakulär kommen allerdings „Just another day“ und „Satisfiction“ daher, die im Vergleich zu den restlichen Tracks zwar ein Stück weit aufgeräumter wirken, denen jedoch vielleicht genau diese Aufregung im Gesamtbild fehlt. Für das große Finale von „Compton“ reicht ein Knall nicht aus. Gleich drei an der Zahl sollen es werden. Auf „Animals“ gibt sich gegen Ende mal eben the one and only DJ Premiere für ein paar Scratches die Ehre, auf „Medicine Man“ lässt Schützling Eminem mit seinem Part nochmal gehörig Kinnladen runterklappen und zu guter Letzt bekommen wir mit „Talking To My Diary“ doch tatsächlich noch einen (den einzigen) Solotrack vom Doc mit auf den Weg, um das Ganze abzurunden.

Man hätte meinen können, dass Dr. Dre nach dem ganzen Hoffnungen, die er auf „Detox“ schürte, jede x-beliebige Platte auf den Markt hätte bringen können, ohne den Hauch einer Möglichkeit, den Erwartungen jemals gerecht zu werden. Die zahlreichen Features, die von großen Namen wie Ice Cube, Snoop Dogg und Xzibit bis hin zu unbekannteren Gästen reichen, vermitteln zwangsläufig ein gewisses Sampler-Feeling. Letztendlich ist nicht jeder Track auf „Compton“ ein unumgängliches Meisterwerk. Jedoch ist das Album zweifellos sehr stark produziert worden und weiß mit mehr als einer Handvoll durchaus hörenswerter Highlights zu überzeugen. Es war also klug „Compton“ „Detox“ vorauszuschicken – oder eben auch nicht. Aber das werden wir vermutlich eh nie erfahren.

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

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