Retrogott & Hulk Hodn – „Sezession!“

Retrogott Hulk Hodn Sezession Cover

Auf „Sezession!“ folgt Rezension – Retrogott und Hulk Hodn kommen nach drei-jähriger Abstinenz wieder auf die Sachen. Die Entourage vertreibt das Album ausschließlich auf Vinyl und ausschließlich auf der Sezession!-Tour. Noch bis zum 9. April rollen die beiden durch die Republik.

Natürlich wählt das Kölner Zweigespann den Titel ganz bewusst. Zur Begrifflichkeit: Das Wort Sezession bedeutet die Aufspaltung eines Ganzen in seine Einzelteile. Und der Retrogott seziert das Große Ganze in Religiosität und Spiritualität, Konsum und Materialismus, persönliche Werte und Wahrnehmungen und reflektiert den Gegenstand kritisch. Alles verpackt als lose Aneinanderreihung von Gedanken und Metaphern von Whack-MCs bis zu biblischen Versen, mag das für manches Ohr schon recht befremdlich klingen. Doch Vorsicht wer das angezogene argumentatorische Tempo des Rezensenten als Phrasendrescherei abtut, weil er den Inhalt nicht oder nicht auf der Stelle begreift. Schließlich sind die Lines nur die Synthesen komplexer Überlegungen. Ganz offensichtlich vertraut das Duo auf den Verstand seiner Hörerschaft – mentale Ertüchtigung ist Voraussetzung, genauso wie Style und Funk.

Seziere ich wiederum „Sezession!“ in die im Hip Hop gängigen Parameter, komme ich zu einem kärglichen Ergebnis: Reimtechnik – ne, Flow – stellenweise kreativ, aber naja. Und bis auf den längst überfälligen, großartigen Mobb Deep-Cut „Having Cash is highly addictive“ sind die Beats, mit Ausnahme von „Rezepte“, nicht eingängig. Warum? Einerseits standen Retrogott und Hulk Hodn schon immer an der Avantgarde des Experimentalismus; schließlich ist die ungewöhnliche Mutation dem wohlgefälligen Prachtstück der Gattung immer voraus. Andererseits würden Kopfnicker den Hörer ins Schunkeln versetzen und die Konzentration auf den Beat verschieben. Dafür ist aber der randvolle und stark komprimierte Inhalt schlicht nicht geeignet. Letzten Endes stellt sich die Platte jeglichen szene-internen Trends gegenüber. Denn während sich die Masse von Doubletimes und Lifestyles in den Bann ziehen lässt, reift Kurt Huss die wohl vernachlässigste aller Tugenden des Hip Hop aus: Understanding, Wisdom und Knowledge.

Inkorporiere ich die Einzelteile wieder zu einem Ganzen, komme ich erneut zu einem Ergebnis: Als  2005 Rapdeutschland dem Leviathan des Fremdschams tief in den Schlund sah, klammerten sich die Realkeeper schon an „Jetzt schämst du dich“. Und trotz der aufgeblühten Artenvielfalt scheinen 2016 Knowledge und Moral nach wie vor einen geringen Stellenwert zu haben. Schön, dass es noch immer ein solches Gegengewicht gibt.

The following two tabs change content below.
Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.

0 Comments

  1. Pingback: "Kontemporärkontamination" - Neues Album Retrogott & Hulk Hodn im Dezember (Snippet online!)

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.