Retrogott & Hulk Hodn & Hazenberg „Auf Ein Neues“ (Review)

Retrogott_Hulk_Hodn_Hazenberg_Auf_Ein_Neues_cover_505Wenn der unangefochtene Doktor der Hurensohnologie sich wieder mit Hazenberg zusammentut, beginnt eine neue Philosophievorlesung erster Güte. Bereits bei der ersten Kollaboration namens „Übersetzungen“ wurde klar, dass Battle-Rap eben auch eine Niveaustufe höher funktionieren kann – erst recht, wenn beatmäßige Schwergewichte aus der Feder Hulk Hodns ins Vinyl geritzt sind.

Dass der Retrodios ebenso wenig wie Hazenberg mit den Protagonisten des modernen Rap-Games mithalten möchte, ist ebenfalls hinlänglich bekannt. Es scheint vielmehr, als wollten sich die beiden zwischen Plattenkisten und MPCs zurücklehnen, um Ex Machina über das Leben an sich zu sprechen. Dabei liegt der Fokus aber nicht wirklich auf den schönen Seiten dieses Lebens, eine gesunde Melancholie konnte man dem Retrogott ja schon immer nachsagen. Was aber sowohl ihn als auch Hazenberg von Griesgramen aller Couleur unterscheidet ist, dass beide ihre Resignation mit Verstand zelebrieren. Denn „in einer Zeit, in der die Drohung, assimiliert zu werden, wohl niemanden beunruhigen kann, zähle ich die Tage bis zu dem Tag, an dem meine Tage gezählt sind“ bringt es direkt beim Einsteiger „In einer Zeit“ auf den Punkt: Kurt scheißt auf euch. Hazenberg scheißt auf euch. Hulk Hodn scheißt auf euch (und alle drei scheißen wohl auch auf mich). Oder wie Retrogott es noch treffender im letzten Track des Albums beschreibt: „Der Autor will uns sagen, dass wir Hurensöhne sind“.

Dass all dieses Drauf-Scheißen aber durchaus nicht in Hass umschlagen muss, dafür sorgt Hulk Hodn wieder einmal mit seinen Beats und der damit verbundenen Gabe, dieser melancholischen Grundstimmung doch noch den positiven Flavour zu verpassen. Hodn steht hier einmal mehr über den Dingen und steuert ausschließlich feinste Ware aus den Tiefen der Kölner Plattenkisten bei, die den Zuhörer alleine schon immer tiefer in den Ohrensessel drücken – Sample-Sounds eben, bei denen der Jazz-, Blues- und Soulfreund im Dreieck springen würde, wenn er durch die Raps der beiden übrigen Kollegen nicht wieder auf den Boden der Tatsachen geholt würde.

Ganz nach dem Motto „Die edelste Nation ist die Resignation“ wechseln sich Battle-Passagen mit Gesellschafts- und Politikkritik in den Texten Hazenbergs und des Retrogotts ab. Das aber so durchdacht, dass man sich immer wieder einen Stift schnappen und einzelne Textzeilen in eine Aphorismen-Sammlung niederschreiben möchte. Der Weltschmerz und die Selbstzerstörung der Menschheit ziehen eben auch an einem feingeistigen Menschen wie Kurt Hustle nicht einfach so vorbei. Während er vor einigen Jahren noch kam, sah und fickte, ändert sich eben alles irgendwann – „Retrogott kam, sah und erblindete“ ist eben auch eine Art, um mit den Unzulänglichkeiten des Lebens umzugehen. Auch der Urlaub war dieses Mal nur OK, ist aber wohl nicht so schlimm, denn es ist ohnehin überall Krieg. Deshalb bekommt selbst der Allmächtige auf „Auf Ein Neues“ nur mittelmäßige Zensuren: „Der Hurensohnologe und der Chefideologe umrunden die Zeit und geben Gott eine Note – maximal befriedigend.“ Selbst Gott war früher schon einmal besser gewesen. Das kann man alles in allem aber weder von den Rappern, noch vom Album an sich behaupten. Denn manchmal kann es eben auch ganz schön sein, alles scheiße zu finden und dabei wenigstens gute Musik zu hören. Deshalb gilt für das Leben ebenso wie für „Auf Ein Neues“ nur der letzte Aphorismus eines dicken, toten Mannes: It’s all good, baby baby.

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Bei Mr. Doctor gelernt, bei Large Professor den Abschluss gemacht: Ob als Journalist oder einfach nur so, Flo steht auf diesen Hip Hop Scheiß - vom dreckigen Süden bis hoch zur Hansestadt.

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