ACHTVIER

Rap History 2002 (aus der BACKSPIN MAG #110)

Vor zehn Jahren, am 30. Oktober 2002, verliert die Hip-Hop-Welt eine ihrer größten Ikonen: Jam Master Jay wird in seinem Studio in Jamaica, Queens erschossen. Der Mord bleibt bis heute ungeklärt. Jays einstiger Schützling 50 Cent macht 2002 das, was die meisten Rapper lediglich von sich behaupten: Er ändert das Game. Nach dem fehlgeschlagenen Columbia-Deal nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand und veröffentlicht die Compilation „Guess Who’s Back“ sowie zusammen mit der G-Unit die Mixtapes „50 Cent Is The Future“, „No Mercy, No Fear“ und „God’s Plan“. Diese erobern die Straßen im Sturm und sorgen dafür, dass das Wort Mixtape fortan eine völlig neue Bedeutung bekommt – an Tapes mit Mixes, Blends und Cuts denken heute nur noch wenige. 50 Cent ist gewiss nicht der Erfinder des Artist-Mixtapes, aber er nutzt es so erfolgreich wie niemand vor ihm: Im selben Jahr bekommt er über Eminems Shady Records einen lukrativen Deal bei Interscope und sein Mixtape-Track „Wanksta“ landet auf dem „8 Mile“-Soundtrack. Eminem selbst ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In dem guten wie erfolgreichen Biopic „8 Mile“ überzeugt er als Schauspieler, und sein Filmsong „Lose Yourself“ gewinnt als erster Rapsong überhaupt einen Oscar. Das Album „The Eminem Show“ mit der Hitsingle „Without Me“ erhält wie die beiden Vorgänger den Grammy für das beste Rapalbum. Nebenbei leistet sich Eminem eine Fehde mit Ray Benzino und The Source, aus der er als klarer Sieger hervorgeht. Cam’Ron, mittlerweile bei Roc- A-Fella unter Vertrag, veröffentlicht sein drittes Album. „Come Home With Me“ mit den Hits „Oh Boy“ und „Hey Ma“ bedeutet den endgültigen Durchbruch für den Harlem-Rapper, der sich zum einflussreichen Trendsetter entwickelt und mit seinen Diplomats der G-Unit Konkurrenz auf dem Mixtape-Markt macht. Außerdem ist Cam’Ron an der Seite von Wood Harris und Mekhi Phifer in dem von Damon Dash produzierten Hood-Movie-Klassiker „Paid In Full“ zu sehen. Auch Beanie Sigel geht unter die Schau- spieler. Der Soundtrack zum Film „State Property“ dient zugleich als Vorstellung der gleichnamigen Crew. Styles P veröffentlicht sein Solodebüt „A Gangster And A Gen- tleman“, das bis heute beste Album eines Lox-Mitglieds. Darüber hinaus ist er an der Seite von Pharoahe Monch auf der Single „The Life“ zu hören, einer Auskopplung der Compilation „Soundbombing III“ von Rawkus. Das von der Backpacker-Szene glorifizierte Indie-Label schließt in diesem Jahr ein Joint Venture mit MCA/Universal ab und bringt Talib Kwelis erstes Soloalbum „Quality“ heraus. Die von Kanye West produzierte Single „Get By“ bleibt bis heute sein größter Hit, auf dem anschließenden Remix sind Kanye, Mos Def, Busta Rhymes und Jay-Z vertreten. Letzterer veröffentlicht das Doppelalbum „The Blueprint 2: The Gift & The Curse“, das jedoch nicht an die Klasse des Vorgängers heranreicht, sowie „The Best Of Both Worlds“, sein erstes Collabo-Album mit R. Kelly. Nas untermauert mit seinem sechsten Werk „God’s Son“ die im Vorjahr zurückerlangte Form. Außerdem bringt er die Compilation „The Lost Tapes“ heraus, die nach Ansicht vieler die meisten seiner offiziellen Alben toppt. Nas’ ehemaliger Mentor Large Pro veröffentlicht sein zweites Album „1st Class“, das nicht so gut wie „The LP“ ist, dafür aber offiziell erscheint. J Dilla verlässt Slum Village für eine Solokarriere und wird durch Elzhi ersetzt. Mit der neuen Besetzung erscheint das dritte Album „Trinity (Past, Present and Future)“. Snoop Doggs erstes post-No-Limit-Album „Paid Tha Cost To Be Da Bo$$“ bringt den Neptunes-Hit „Beautiful“ hervor. Pharrell und Chad Hugo sorgen zudem für sämtliche Beats von „Lord Willin’“, dem nach fehlgeschlagenem Elektra-Deal offiziellen Debütalbum von The Clipse, dessen Single „Grindin’“ mit einem minimalistischen Beat begeistert. Missy Elliotts viertes, zum Großteil von Timbaland produziertes Album „Under Construction“ mit der Leadsingle „Work It“ wird das erfolgreichste ihrer Karriere. Nelly stürmt mit dem Multi-Platin-Album „Nellyville“ und den dazugehörigen Nummer-Eins-Hits „Hot In Herre“ und „Dilemma“ mit Kelly Rowland die Charts.

Zwei R&B-Nummern, auf die sich fast alle Hip-Hop- Heads einigen können, sind die von DJ Quik produzierte Truth-Hurts-Single „Addictive“ mit Rakim und „Love Of My Life“ von Erykah Badu. Ms. Badu ist wohl auch der Grund, weshalb „Electric Circus“, das fünfte Werk ihres Lovers Common, etwas experimenteller ausfällt und nicht bei allen Fans auf Gegenliebe stößt. The Roots bringen mit „Phrenology“ ihre erste LP seit drei Jahren heraus und bereichern das Subgenre Studenten-Hip-Hop mit der Single „The Seed 2.0“. Devin The Dude veröffentlicht sein hervorragendes zweites Album „Just Tryin’ Ta Live“, während Scarface’ Meisterwerk „The Fix“ ausnahmsweise nicht bei Rap-A-Lot, sondern Def Jam erscheint. U.G.K.s Pimp C wird zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, in der Folge nutzt sein Partner Bun B. unzählige Gastauftritte für seine „Free Pimp C“-Kampagne. Eine sechsköpfige Gruppe aus Kentucky namens Nappy Roots landet mit ihrem Erstlingswerk „Watermelon, Chicken & Gritz“ einen Überraschungserfolg. Ein anderes Sextett veröffentlicht sein drittes Album: „Power In Numbers“ von Jurassic 5 bietet gewohnte Qualität. Nach mehreren Underground-Singles sprechen Non Phixion mit ihrem Album „The Future Is Now“ vor, das den Premo-Banger „Rock Stars“ beinhaltet. Gang Starr kündigen mit der Single „Skills“ ihr letztes Album an, und DJ Premier startet sein Label Year Round, wo die Debütsingle der NYG’z erscheint. Starke Independent-Alben gibt es von DJ Jazzy Jeff („The Magnificent“), J-Live („All Of The Above“), Atmosphere („God Loves Ugly“), Blackalicious („Blazing Arrow“) und Cormega („The True Meaning“) zu hören. Des Weiteren haben LL Cool J, Busta Rhymes, Eve, Fat Joe, Erick Sermon, N.O.R.E. und The X-Ecutioners in diesem Jahr Alben am Start.

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