RAF Camora: „Willst du Erfolg, darfst du die Leute nicht verwirren“

(Foto: Farido Davis)

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Ghøst: RAF Camora ist wieder da. Der Rabe zieht seine Kreise über der deutschen Raplandschaft.

Wir schreiben 2016 und über die Entwicklung hin zur offenen, subkultur-freundlichen HipHop-Szene wurde schon zur Genüge schwadroniert. Eine Zeit, auf die RAF lang gewartet hat. Er hat gewartet, um den richtigen Moment abzupassen, seine musikalischen Facetten zu vereinen. Gewartet, um zwei Charaktere zu einem verschmelzen zu lassen. Der klassische Rapper RAF Camora und der weichere, experimentellere RAF 3.0 bilden ab jetzt ein Element.

Wir trafen RAF in Berlin und sprachen mit ihm im Interview über die Befreiung seines „Ghøst“, das Etablieren von Indipendenza und die Rolle seiner Fans.

Bis zum Release von „Ghøst“ sind es noch knapp zwei Wochen – wie lief die Arbeit an der Platte?

RAF: Wir haben megalange an der Platte gearbeitet. Mein letztes Album erschien 2013. In der Zwischenzeit habe ich mit Chakuza „Zodiak“ aufgenommen, was aber eher eine Art Spaßprojekt sein sollte. Ursprünglich war geplant, ein RAF 3.0 Album zu bringen und am selben Tag auch mit einem RAF Camora Album zu kommen. Den Plan haben wir dann im Endeffekt aber doch wieder verworfen, weil das lediglich zu Diskussionen geführt hätte, welches Album besser ist. Allein an dem Konzept, das hinter „Ghøst“ steckt, haben wir jetzt nochmal ein Jahr gearbeitet.

Wie schwer ist es, ein Label wie Indipendenza zu etablieren und zeitgleich permanent an der eigenen Kunstfigur zu arbeiten?

RAF: Das ist superschwierig. Möglich ist es, wenn die Leute auf deinem Label musikalisch genau das gleiche machen wie du. Ich habe zum Beispiel einen guten Draht zu Farid Bang und da sehe ich, wie die das handhaben. Das ist so viel leichter, wenn du ausschließlich Künstler hast, die ins gleiche Schema passen. Im Gegenzug dazu habe ich es mir immer zur Aufgabe gemacht, Künstler zu nehmen, von denen meine Fans sogar teilweise sagen, dass sie sie scheiße finden. Da musste ich Künstler von Beginn an aufbauen, Konzepte für die entwickeln und einen ganz eigenen Fankreis für die finden. Im letzten Jahr habe ich dann beschlossen, dass ich nun erstmal auf die Labelarbeit für mich selbst zurückgreife und danach können wir immer noch schauen, was kommt.

Findest du wirklich, dass die Fankreise eurer einzelnen Künstler sich so voneinander abgrenzen?

RAF: Also bei mir und Sierra Kidd war das auf jeden Fall so.

Okay, jetzt ist Sierra Kidd nicht mehr bei Indipendenza. Siehst du das beispielsweise bei dir und Joshi Mizu auch so?

RAF: Natürlich geht Joshi schon in meine Richtung. Das liegt aber auch daran, dass ich ihn immer bei mir hatte und er quasi neben mir stand. Er ist einfach ein supersympathischer Typ, weshalb die Leute ihn jetzt auch feiern. Musikalisch fährt er aber schon eine andere Schiene. Joshi macht total fröhliche Drogen-Musik und das ist ja überhaupt nicht das, was ich repräsentiere. Daher wäre die größte Genugtuung für mich, dass er irgendwann seine ganz eigenen Fans hat, die mich vielleicht auch gar nicht feiern.

Das heißt, du baust Künstler mit der Intention auf, sich stilistisch klar von dir zu differenzieren.

RAF: Du hast als Labelboss alles richtig gemacht, wenn du es geschafft hast, einen Künstler zu etablieren und die Fans diesen besser finden als dich.

Was dazu kommt, ist, dass ich kein richtiges Genre habe. ich bin einfach ein Ghøst. Willst du mich erklären, gibt es Schlagworte. Es gibt den Raben, das Düstere und so weiter. Allerdings könnte ich keinen anderen Künstler nennen, der so ähnlich ist – das ist schwierig.

Aber gerade heute ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Musikszene doch erst einmal etwas sehr Positives, oder nicht?

RAF: Ein visuelles Alleinstellungsmerkmal ist gut, ja. Wenn du aber etwas schaffen willst, das krass erfolgreich ist, darf man die Leute nicht zu sehr verwirrten. Da muss man eine klare, simple Sache machen. Das ist Rap und es hören die Rap-Hörer. Es ist krasser Cloud-Trap und es hören diese Fans. Wenn man aber alles miteinander verbindet, so wie ich es tue, erschwert es das.

Dennoch ist es auch heute vermutlich sehr viel einfacher, mit Musik, die diverse Elemente verbindet, Anklang zu finden.

RAF: Hundertprozentig, damals wäre das nicht denkbar gewesen.

In welche Richtung „Ghøst“ stilistisch geht, ist bereits jetzt deutlich erkennbar. Es ist alles sehr düster, sehr sphärisch. Wie ist die Platte thematisch aufgestellt?

RAF: Camora kann eine Sache sehr gut und das ist Gefühle auszudrücken. Zwar tut er das nicht auf die direkte Art, er sagt nicht: „Mir geht es so schlecht, weil du mich verlassen hast“. Stattdessen sagt er sowas wie „Um mich kreisen die Raben, denn die Kerze ist erloschen“. Alles wird in Metaphern verpackt, weil ich das einfach schöner finde. Wenn ich etwas gut kann, sind es Emotionen.

Mein künstlerischer Ansporn ist, dass der Hörer den Song spürt, ohne komplett verstehen zu können, wovon ich da spreche.

Apropos Rabe: Ich habe mich schon immer gefragt, wieso du dich ausgerechnet mit einem Raben identifizierst.

RAF: Tatsächlich steckt dahinter eine sehr persönliche Geschichte. Als Kind bin ich in einem Schloss aufgewachsen in der französischen Schweiz. Meine Eltern kommen aus Italien und haben dort als Gastarbeiter Wein geerntet. Der ganze Hof des Schlosses war voll mit unfassbar vielen Raben. Bevor ich sprechen konnte, stand ich immer dort und habe die Geräusche der Raben imitiert. Das führte dazu, dass auch mein Opa mich immer den kleinen Raben genannt hat. Irgendwie war es immer schon ein Teil von mir. Das Gedicht von Egar Allan Poe „Der Rabe“ hat mich sehr fasziniert und auf „Therapie nach dem Album“ habe ich den Song „Schwarzer Rabe“ gemacht. In dem Song erzähle ich davon, wie eine mystische Figur auftaucht und mir als Unterstützung dient. Ich finde, der Rabe passt auch einfach extrem gut zu mir. „Raf“ bedeutet auf holländisch übrigens Rabe und der dunklere Typ bin ich auch.

Man kann sich mich nicht Konfetti- werfend in einem Video von Cro vorstellen.

Das bin ich einfach nicht.

Ein Schlüsselsatz ist mir ständig im Kopf rumgeschwirrt: „Ich befreie meinen Ghøst“. Das klingt, als hättest du dich lange Zeit von etwas belastet gefühlt.

RAF: Als ich 2007/2008 ins Game gekommen bin, war Rap überhaupt nicht offen für irgendwelche Abwandlungen. Du hast Rap gemacht und sobald du dich nur ein wenig davon entfernt hast, hast du sofort Pop gemacht und wurdest verteufelt. Deshalb habe ich damals auch die beiden Charaktere mit RAF Camora und RAF 3.0 erschaffen, um eine Berechtigung für mein musikalisches Schaffen zu haben. In den letzten Jahren habe ich die Entwicklung der Rap-Szene beobachtet und wir sind endlich an einem Zeitpunkt angekommen, auf den ich lange gewartet habe. Autotune wird nicht mehr als eine Möglichkeit für Leute, die nicht singen können, belächelt. Alles ist heute möglich, es ist da. Für mich ist das natürlich der Jackpot und ich kann endlich zeigen, was ich mache. Das ganze Aka-Spiel brauche ich nun nicht mehr.

Das heißt, die Erschaffung von zwei Charakteren war nicht unbedingt eine freiwillige Entscheidung.

RAF: Irgendwann damals haben Metallica sich die Haare geschnitten und ein Country-Album produziert. Das war der Zeitpunkt, an dem ich den Respekt vor Metallica verloren hatte. Heutzutage wäre ein RAF 3.0-Album ja auch ein ganz normales Rap-Album und würde nichtmal als Nicht-HipHop betitelt werden. Zur damaligen Songs hat kein Rapper Songs wie „Wie kannst du nur“ aufgenommen.

Den 3.0-Charakter habe ich also nur erschaffen, um quasi die Ehre vor den Camora-Fans zu wahren.

Das war die Unfreiwilligkeit dahinter. Als ich jetzt gesehen habe, dass nun die Chance besteht, die beiden Charaktere zu verbinden, habe ich keinen Moment gezögert.

Nun gab es auch so gut wie ausschließlich positives Feedback, als du angekündigt hast, beide Figuren miteinander verschmelzen zu lassen.

RAF: Ja, total! Aber ey, die beiden Charaktere sind sowieso nie so gelaufen, wie ich mir das mal vorgestellt hatte. Anfangs dachte ich, das wird wie bei Marsimoto und Marteria. Bei mir hat’s nur irgendwie keinen gejuckt (lacht). Manchmal konnte man es auch nicht so klar differenzieren, dafür war die Musik zu gleich. Immerhin habe ich durch die Trennung immer wieder Kraft gewonnen, weil ich mit RAF 3.0 in eine Richtung gehen konnte, die ich als Camora nie hätte einschlagen können. Ich habe geübt, Popsongs zu schreiben und zu singen.

Kommt dieser Platte denn durch die Verschmelzung der Figuren eine andere Bedeutung zu als den Vorgängern?

RAF: Sobald man ein Album für wichtiger erklärt als ein anderes, ist es automatisch immer respektlos gegenüber den anderen Alben. Da steckte ja auch viel Herz drin. Es ist das erste Album nach „Nächster Stopp Zukunft“, weil dort intuitiv auch ein bisschen von beiden drinsteckte.
Zu meinem Manager habe ich einmal gesagt: Das Zeichen für ein gutes Album ist, wenn ich den Mond als Megaphon verwenden möchte und die ganze Welt damit beschallen will. Jedem will ich zeigen, wie krass das ist. Bei diesem Album habe ich das Gefühl.
Daher: Ja, es hat schon eine andere Bedeutung.

Welche Featuregäste hast du im Gepäck?

RAF: Als Featuregäste sind Kontra K, Bonez MC, mit dem ich in Jamaica war, Farid Bang und Metrickz vertreten. Auf „Schwarze Materie“ findet man noch einige Newcomer wie Haze, mit dem ich auch auf Tour gehe.

Ich habe mir vor dem Interview einige Profile deiner Fans vorgenommen. Du hast auch nur so richtige Hardliner als Fans, oder?

RAF: Ich habe nur solche Fans und sehr wenig Mitläufer. Aber ganz ehrlich: Von wem sollen diese Mitläufer denn auch kommen? (lacht). Ich habe keinen Schnittpunkt mit irgendwelchen Künstlern. Die Leute, die Fans von mir sind, beschäftigen sich dann auch wirklich mit meiner Musik, weil es eben auch kein easy listening ist.

Dass einige sogar ganze Fansclubs gründen und wahnsinnig viel Zeit und Energie investieren …

RAF: Es gibt zwei große Fanclubs, die sich rauskristallisieren: Die RAF-Riders –  das sind die Fans der ersten Stunde. Die nächste Generation, wenn man so will, heißt Zeugen Camoras. Eigentlich sind die aber auch alle sehr entspannt. In den limitierten Boxen zur „Weißen EP“ haben wir Indipendenza-Membercards verschickt. Jeder hat seinen persönlichen Code und ich habe diese Leute auch alle bei Whatsapp. Ab und zu schickt man dann mal ein Bild oder fragt, wie es ihnen geht. Außerdem mache ich auch „Therapiestunde“ und telefoniere mit jedem so eine Stunde. Natürlich nicht ständig, weil es einfach zu zeitintensiv wäre.

Wie darf man sich die Reaktion eines Fans vorstellen, wenn RAF einfach mal durchruft?

RAF: Meistens rede ich natürlich erstmal mehr als die reden. Manchmal ruft man dann aber auch jemanden zum dritten Mal an und dann beginnen die auch, dir Sachen zu erzählen und für mich ist das immer sehr interessant. Teilweise sind richtig heftige Schicksale dabei und was diese Leute dazu bewegt hat, meine Musik zu hören. Ganz ehrlich: Gottseidank hat man heutzutage so eine Macht, um Leuten in solchen Situationen zu helfen.

Ehrlich gesagt fallen mir spontan nur wenige Künstler ein, die sich so viel Zeit für Fankontakt nehmen.

RAF: Es gibt zwei Richtungen, in die man gehen kann. Entweder man plädiert darauf, dass die Rolling Stones in den 70er Jahren auch nichts für ihre Fans in diesem Sinne getan haben, oder du siehst ein, dass du das alles nur tun kannst, weil es Fans gibt, die immer hinter dir stehen. Man vergisst oft, wie viel die über einen Wissen, wenn man eben sehr persönliche Musik macht. Die wissen alles über dich! Denen möchte man natürlich auch etwas zurückgeben. Außerdem ist es ja jetzt auch nicht so, dass ich ein Haus kaufe, indem sie alle wohnen können und ich jeden Tag mit denen chille. Ich erinnere mich sehr gern an meine erste Promo-Strategie für mein erstes Mixtape zurück, das 2008 erschien. D-Bo, der die Platte damals rausbrachte, sponserte mir ein Interrail-Ticket. Dann habe ich einen Koffer genommen, der mit 5000 Stickern gefüllt war, bin quer durch Deutschland gefahren und habe in jeder Stadt bei einem Fan gepennt. Alle vom Vertrieb haben sich damals gefragt, ob wir eine Promo-Agentur engagiert haben oder wie wir das auf die Beine gestellt haben.

Gab es denn auch schon Negativerfahrungen hinsichtlich Fankontakt?

RAF: Bei einem Halt Die Fresse-Video habe ich einmal den großen Fehler gemacht und habe meine Wohnung gezeigt. Damals habe ich im Erdgeschoss gewohnt, wo jetzt übrigens Joshi wohnt, falls den jemand stalken will (lacht). Dort bin ich aus dem Fenster gestiegen und man hat schon die Umgebung erkannt und wusste so eben, wo genau ich wohne. Pro Woche waren dann mindestens zwei, drei Mal Leute an der Tür, die entweder Sturm geklingelt haben oder sowas. Einmal habe ich nur in Boxershorts aufgemacht, weil ich dachte, es sei die Post. Es war dann aber ein Typ mit Pitbull, der nach einem Feature von mir fragen wollte. Da war der Punkt erreicht, als es wirklich unangenehm wurde. Ich habe ein Management und Leute, die sich um sowas kümmern. Komm doch nicht vor meine Haustür.

RAF CAMORA
VÖ Datum: 15. April 2016
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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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