Raf Camora – „Ghøst“

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Was machen, wenn man mit seinem bis dato letztem Album die Pole Position der deutschen Albumcharts erreichen konnte? Eine Frage, die sich eventuell auch RAF Camora im Zuge der Produktion seines neuesten Werks gestellt hat. Sich dem Verlangen der Fans beugen und einfach so weitermachen, wie bisher? Eine mögliche Option, jedoch war dies noch nie der Weg, den der österreichische MC zu gehen beliebt. Vielmehr hebt der 31-jährige mit „Ghøst“ seinen Sound auf das nächste Level und vereint dabei Dancehall- und Hip-Hop-Klänge zu einem homogenen Mix, der den eh schon vorhandenen, futuristisch wirkenden Soundteppich des Raphael Ragucci konsequent weiterentwickelt.

Wenn der Wiener Rapper sein nunmehr 4. Soloalbum mit den Worten „Seit Jahren und Dekaden kennt die Sonne meinen Namen / Über den Wolken sichert Gott sich meine Taten“ („R.B.B.B.“) eröffnet, zeugt das von enormen Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein, das der seit über 10 Jahren auf Albumlänge stattfindende Camora auch haben darf. Und auch sollte. Er ist einer der wenigen Artists im heutigen Rapgame, der sich nur schwer in die eine Schublade stecken lassen kann. Nein, es ist sogar unmöglich, wie der Sound von „Ghøst“, für den neben dem Künstler selbst u.a. auch Abaz, Stereoids, Morten und Jambeatz verantwortlich zeichnen, beweist.

Während der düstere Opener mit Synthie-Schleifen aufwartet, offerieren Stücke wie „So lala“ und „Geschichte“, einer Zusammenarbeit mit 187er Bonez MC, feinste Reggae- und Dancehall-Melodien. Doch damit nicht genug. Ob der Einsatz von Streichinstrumenten, Pianoklänge oder pochende Beats aus dem Bereich der elektronischen Musik – all dies findet sich auf dem über Camoras Label Indipendenza erschienenen Album wieder. Ob dem Hörer dadurch zuviel angeboten wird, sei dahingestellt. Ein interessanter Mix ist es allemal, wenn der Österreicher die für ihn übliche Kombination aus Rap und Gesang auf diese unterschiedlichen Elemente verschiedenster Musikstile anwendet.

Nur die ausgewählten Feature-Gäste wollen mir nicht gänzlich einleuchten. Sicher, mit Bonez bzw. Kontra K („Hero“) weiß der Wahl-Berliner sich gut zu ergänzen. Farid Bang und Metrickz empfinde ich dagegen als deplatziert, da diese mit dem speziellen Sound Camoras nur schwerlich harmonieren wollen. Aber chapeau vor dem, der sich etwas traut und seine gewohnten Gefilden verlässt. Positiv sind hingegen die solo dargebotenen Tracks „Schlangen“ und „Nummer“ zu erwähnen. Während in ersterem das Reptil als Metapher für eine egoistische Gesellschaft und falsche, nur auf sich bedachte Freunde als Teil dieser, dient, wird in letzterem substanzielle Kritik am heutigen Musikbusiness geübt.

So bleibt unterm Strich ein experimentierfreudiges Album, welches Raf Camoras Status als einen der interessantesten Künstler im deutschsprachigen Hip-Hop zementiert (insofern man ihn nicht direkt als Musiker per se betrachtet). Keine leichte Kost, die sogar eingefleischten Fans des Indipendenza-Heads zunächst suspekt aufstoßen könnte. Doch wird sich länger mit der Materie beschäftigt, entwickelt sich ein Hörgenuss, der automatisch Vorfreude auf die nächsten musikalischen Ergüsse des Musikers weckt. Aber auch Erwartungen stellt. Doch ist dies nicht eine Bestätigung für jeden Künstler und ein Beleg für Qualität? Qualität, die sich keinem Gerne unterordnen muss.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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