RAF Camora: „Bonez war RAF Camora Fan“

Der Rabe fliegt wieder.
Nach dem wahnsinnigen Erfolg des Kollabo Albums „Palmen aus Plastik“ von Bonez MC und RAF Camora erscheint mit „Anthrazit“ heute das neue Soloprojekt von RAF Camora.
Zuvor trafen wir ihn auf der Prelistening Session zum Album und führten mit ihm ein Zwischen den Zeilen Interview. Hier sprachen wir mit RAF unter Anderem über die Rückbesinnung zum Ursprung, seine Beziehung zu Bonez MC und „Palmen aus Plastik 2“.

RAF, heute erscheint dein neues Soloprojekt „Anthrazit“. Anthrazit beschreibt eigentlich einen gräulichen Farbton. Weshalb hast du diesen Titel für das Album gewählt?

RAF Camora: Nach dem ganzen Erfolg der letzten Alben war es mir wichtig, mich auf meine Wurzeln zu besinnen. Anthrazit ist die Farbe der Raben und die Farbe des Düsteren. Außerdem ist auch eine Goldplatte anthrazit, kratzt man das Gold ab. Das war das Grundkonzept: Meine Seele bleibt anthrazit.

Kannst du das Album in einer Grundaussage resümieren?

RAF Camora: Das Grundgerüst ist ein melancholischer und eher nachdenklicher Künstler in einer völlig verrückten Phase. Alles rundherum leuchtet und überall ist Konfetti. Es ist eine total unangepasste Lebensumgebung, etwa so als würdest du einen Schneeleoparden in die Sahara schicken. Ungefähr so bin ich gerade.

Du sagst zwar, du bewegst dich mit diesem Werk zurück zum Ursprung. Trotzdem möchte ich von dir wissen, welchen Einfluss „Palmen aus Plastik“ und der damit verbundene Erfolg auf die Entstehung dieses Albums und auch auf dich als Künstler hat.

RAF Camora: Natürlich hat „Palmen aus Plastik“ für mich eine Mauer aufgebrochen, weil es das erste pure Dancehall Album war, das ich gemacht habe. Dadurch habe ich auch in Bezug auf das Produzieren neue Sachen gelernt, zum Beispiel, wie man Dancehall Beats baut, die trotzdem hart klingen. Bonez hat mir wirklich ausgesprochen viel Input gegeben. Der Unterschied in meiner Musik vor „Palmen aus Plastik“ und danach ist, dass ich viel weniger verkopft an die Sache gehe. Bei „Ghost“ habe ich mir ewig den Kopf zerbrochen, wie ich etwas möglichst verschachtelt und poetisch ausdrücken kann. Bei „Anthrazit“ habe ich mir eher den Kopf zerbrochen, wie ich etwas so einfach wie möglich ausdrücken kann ohne dass es cheesy ist.

Übrigens erinnere ich mich gern daran zurück, als wir damals ein Interview zu „Ghost“ geführt haben. Dort hast du mir erzählt, dass Bonez MC und du plant, ein deutsches Reggae/ Dancehall Album aufzunehmen und ich konnte mir absolut nicht vorstellen, wie das ankommen würde. Dann erschien ein halbes Jahr später „Palmen aus Plastik“.

RAF Camora: „Palmen aus Plastik“ war eigentlich ein Spaßprojekt. Jeder hat uns gesagt: „Jungs, macht das ruhig, aber presst nur ein paar tausend CDs“. Keiner wollte das wirklich machen. Wir konnten es machen, danach sollte der Fokus aber wieder auf Projekten wie dem 187 Strassenbande Sampler liegen. Es wurde sogar über den Titel gelacht. Und dann passierte das.

Ich sehe hier neben mir die „Anthrazit“ Deluxebox liegen. Was hältst du von dem Geschäft mit Deluxeboxen im Deutschrap?

RAF Camora: Ich muss sagen, in meinem Fall finde ich es gut. Die Boxen nutze ich immer, um zusätzlich EPs zu veröffentlichen mit Songs, die nicht auf das Album gepasst haben. Auf der EP „Schwarze Materie“, die hier enthalten ist, kann ich richtig den Raben fliegen lassen und mich ein bisschen freier fühlen und roughe Songs veröffentlichen. Das ist geil für mich und auch für die Fans.

Du nutzt die Deluxebox also, um noch mehr musikalischen Inhalt zu liefern.

RAF Camora: Auf jeden Fall. In der Box von „Ghost“ war aber beispielsweise auch ein Buch enthalten. Ich möchte den Fans so viel Input wie möglich bieten. Niemals werde ich da einen Selfie Stick oder einen Rucksack reinhauen. No hate, jeder soll machen, was er will, aber für mich macht das keinen Sinn. In der Box muss alles mit der Musik zu tun haben.

Ich erinnere mich, dass es in einer Deluxebox auch eine Telefonnummer gab und Fans ab und an mit dir telefonieren konnten. Nach dem Erfolg von „Palmen aus Plastik“ hat sich die Fanbase wahrscheinlich so sehr expandiert, dass solch eine Fannähe überhaupt nicht mehr möglich wäre, oder?

RAF Camora: Das ist unmöglich geworden. Wir haben versucht, eine Telefonnummer der „Tannen aus Plastik“ Box beizulegen. Leider waren die Leute da nur noch abgefuckt, weil niemand mehr durchkam, da das Netz ständig überlastet war.

Lass uns mal über die Produktion von „Anthrazit“ sprechen. Kurz vor diesem Interview hat eine Listening Session stattgefunden. Da hast du erzählt, dass Beataura einen Großteil der Beats auf der Platte produziert hat.

RAF Camora: Ja, Beataura habe ich auf Instagram entdeckt. Er hat in der Vergangenheit mal einen Beat gepostet und die Hashtags #xplosive und #rafcamora verwendet. Den habe ich mir angehört und der klang tatsächlich wie ein alter Beat von „Therapie“. Daraufhin habe ich ihn angeschrieben und mir Beats zuschicken lassen. Damit hat er so abgeliefert, dass er einen Großteil von „Palmen aus Plastik“ mit mir produziert hat. Auch auf „Anthrazit“ war er jetzt der Hauptproduzent. Des weiteren gibt es noch Hamudi, der für einen sehr speziellen Sound zuständig ist. „Teflon“, „Bye Bye“ und „An ihnen vorbei“ stammen von ihm, den Sound erkennt man sofort. Er hat einen sehr verträumten Sound. Ich weiß nicht, wie er das macht. Das hat so viel Gefühl, dass ich es nicht beschreiben kann. Ansonsten ist X-Plosive wie auch bei fast jedem meiner anderen Alben dabei. The Crates sind auch neu dabei, die Jungs hat Joshi Mizu angeschleppt. Die waren für das verantwortlich, das die Steroids auf der letzten Platte gemacht haben, nämlich mit mir gemeinsam die Rolle des executive producers zu spielen. Die Jungs haben mir heftig geholfen. Besonders die letzten zwei Wochen des Albumprozesses waren wirklich intensiv. Da gab es Sessions von sieben Uhr morgens bis zwei Uhr nachts. Danach wurde ein paar Stunden geschlafen und dann ging es direkt wieder ins Studio, also einfach hardcore durcharbeiten.

Wo du gerade Joshi Mizu erwähnst: Du hast mit Kontra K, Bonez MC, Gzuz, Gentleman und Ufo361 ein paar Featuregäste auf dem Album gesammelt, allerdings ist Joshi trotz eurer engen Zusammenarbeit gar nicht vertreten.

RAF Camora: Joshi Mizu ist auf der Bonus EP vertreten. Ich muss zugeben, wenn die Leute so nah bei dir stehen, vergisst du sie einfach. Beispielsweise Kontra K habe ich angerufen und ihn gebeten, vorbeizukommen. Aber Joshi ist einfach jeden Tag mit mir im Studio. Du denkst einfach nicht dran. Irgendwann saß ich da und dachte: „Scheiße, wo ist Joshi?!“. Da war das Album allerdings schon durch. Zwar war er da in Kroatien, hat dann aber noch seinen Part für die EP stabil abgeliefert und mir geschickt. Schande über mein Haupt auf jeden Fall.

Wessen Feedback ist dir wichtig, während du an einer Platte arbeitest?

RAF Camora: Bonez.

Und Joshi?

RAF Camora: Joshi auch, aber er kennt mich zu lange und viel zu persönlich. Wir kennen uns seitdem wir 14 sind. Bonez ist jemand, der noch mehr mit meiner Musik zu tun hat, da er sie früher gehört hat.

Das soll nicht überheblich klingen, sondern ist eine große Ehre: Bonez war RAF Camora Fan.

So kennt er mich aus einer Sicht von außen. Er kann mich völlig unpersönlich betrachten und ausschließlich die Kunstfigur RAF sehen. Bonez’ Meinung ist mir unglaublich wichtig. Ansonsten spielen natürlich auch meine Freunde wie Hamudi und mein Manager Ronny Boldt eine Rolle.

Gab es während der Arbeit am Album Schwierigkeiten oder etwas, das besser hätte laufen können?

RAF Camora: Ich muss ehrlich zugeben, dass die letzten zwei Wochen, in denen ich durchgehend im Studio war, extrem hart waren. Die letzten zwei Tage, in denen das Master hergestellt werden musste, waren einmal eine 18-stündige und einmal eine 21-stündige Session direkt hintereinander. Nach der letzten Session bin ich nachhause gefahren, habe das Master im Auto gehört und plötzlich nur noch Fehler gehört. Ich habe gedacht, das ist vollkommene Scheiße. Das war so viel Stress und ich war so voller Zweifel, dass ich meinen Manager angerufen und ihn gefragt habe, ob wir das Album nicht verschieben können. Er meinte, das sei unmöglich. Ich bin also nachhause gefahren und dachte, ich habe einen riesigen Fehler gemacht. Dann habe ich es mindestens eine Woche lang nicht gehört. Zwischenzeitlich war ich auf Tour mit Bonez und ich ihn darum gebeten, die Platte nicht zu hören.

Jeden morgen bin ich aufgewacht und es fühlte sich an als hätte mir jemand ins Gesicht geschlagen.

Ich dachte, ich habe ein total vermischtes Album abgegeben. Anschließend bin ich nach Wien gefahren und habe mich zum ersten Mal getraut, die Platte wieder zu hören. Dann dachte ich: Krass. Das ist so stimmig, es ballert und es hat einen total eigenen Sound. Ich bin einen ganzen Nachmittag einfach durch Wien gefahren, habe das Album gehört und mich gefreut. Jeder meiner Freunde, der das Album gehört hat, war super begeistert.
Jetzt habe ich zu diesem Album eine supergute Beziehung, weil auch ein bisschen Leid einfach dazu gehört. Das Album repräsentiert genau das, was ich jetzt darstellen will.

Abschließend eine Frage zu einem Statement, das du neulich einem Fan gegenüber gegeben hast: Du hast gesagt, nach dem zweiten Teil von „Palmen aus Plastik“ nächsten Sommer und einem weiteren Soloalbum von dir, würdest du gern deine Karriere als Rapper beenden. Was steckt hinter dieser Entscheidung?

RAF Camora: Ich hätte nicht gedacht, dass diese Aussage so hohe Wellen schlägt, aber das hätte ich eigentlich wissen müssen. Das hat mir Bonez auch gesagt. Für mich hat der Künstler seine Haltbarkeit erreicht, wenn seine Musik und das, was er darstellt, nicht mehr zu seiner aktuellen Lebenslage passt. Aktuell lebe ich nicht mehr so, dass ich darüber rappen könnte, broke und auf der Straße zu sein. Wir haben wirklich Geld verdient – ich fahre ein geiles Auto, ich habe zwei Eigentumswohnungen, es geht mir wirklich sehr gut. Die Metapher von dem Schneeleoparden in der Wüste, die ich eingangs erwähnte, kann ich fühlen und sehr gut beschreiben. Auf „Palmen aus Plastik 2“ freue ich mich auch sehr, weil wir vorhaben, dort noch einen Schritt näher zu den Ursprüngen vom Dancehall zu gehen. Auch auf mein dann letztes Soloalbum freue ich mich sehr, weil das – zehn Jahre später – der Abschluss von „Nächster Stopp Zukunft“ sein wird. Wenn der Punkt erreicht ist, bin ich sicherlich schon Mitte dreißig.
Hätten Metallica nach dem „Black“ Album aufgehört, wären die komplette Legenden geblieben. Jetzt macht es mir keinen Spaß, einen kaputten, 65-jährigen James Hetfield zu sehen. So wird das Bild, das ich von Metallica hatte, kaputt gemacht. Das ist eben nicht mehr Metallica. Genau diesen Fehler möchte ich vermeiden. RAF Camora steht für etwas.

Ich weiß nicht, ob ich mit Mitte dreißig noch das repräsentieren kann, wofür RAF Camora steht.

Dazu kommt, ich habe das große Glück, auch Produzent und Manager zu sein. Das heißt, ich werde niemals aus der Musikbranche aussteigen und auf alle Fälle Musik machen bis ich sterbe. Solange ich kann, werde ich es machen. Ob RAF Camora so lang in dieser Form existiert, wie es ihn jetzt gibt, wage ich zu bezweifeln.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

2 Comments

  1. luisa

    6. Oktober 2018 at 21:07

    ich wünsche so gerne das ich mal raf camora sehen oder er kommt in mein ort,ich möchte so gerne die hendynummer von raf camora.
    ich der aller alllllllllllllllllllller größe fan der welt.
    ich finde es scheiße das raf camora mal aufhört.

    • Leon

      13. November 2018 at 22:13

      lern bitte mal schreiben

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