PRODUCER SPOTLIGHT: GHANAIAN STALLION

Intro:

Name: Ghanaian Stallion
Alter: 34
Wohnort: Berlin Moabit
Produziert seit? 2010
Equipment: Logic, Keyboard, Maschine
Favorite Breaks: Cold Grits – „It’s Your Thing“& Jackson 5 – „Ain’t No Sunshine“
Favorite Hip-Hop Songs: aktuell Pusha T – „Sunshine“ und Isaiah Rashad – „Smile“
Favorite Non Hip Hop Songs: Zu viele, um sie alle aufzuzählen. ZumBeispiel: Bob Marley – „Africa Unite“ (of all times), Wiz Kid – „Ojuelegba“ (aktuell)
Favorite Hip Hop Producers: aktuell Hit Boy
Favorite Non Hip Hop Producers: Stevie Wonder (of all times), James Blake (aktuell)
Aktuelle Produktionen: Megaloh – „Regenmacher,“„Soul Fruits“ EP, „Alle Knarren“ EP mit Simon Grohé, Projekt mit Chima Ede, ein Album über das ich noch nicht sprechen kann und mein eigenes Producer-Album.

Hauptteil:

Wie würdest du deinen Style beschreiben? Was ist typisch für eine Ghanaian Stallion Produktion?

Am einfachsten würde ich ihn wahrscheinlich so beschreiben, dass die Sachen immer eine gewisse Seele haben und ein bisschen die Ästhetik und Werte von früher weiter aufrecht erhalten. Nur dass sie auf eine neuartige Weise umgesetzt werden. Sodass sie auch für heute zeitgemäß sind.

Wer oder was hat dich zum Produziereninspiriert?

Eigentlich war das die Zusammenarbeit mit Megaloh. Als ich sein DJ wurde, hatten wir zu dem Zeitpunkt zwar eine ähnliche musikalische Vision, er hatte aber niemanden, der ihm maßgeschneiderte Musik nach seinen Vorstellungen umsetzt. So hat es damals angefangen. Dass ich mir Equipment angeschafft und begonnen habe, Beats zu machen. Dann bin ich dabei geblieben. Natürlich habe ich auch durch die Zusammenarbeit mit Megaloh relativ von Anfang an die Möglichkeit gehabt, direktes Feedback zu bekommen. Das hat dann zusätzlich angespornt.

Megaloh und Ghanaian Stallion könnte man als MC/Producer-Team eventuell mit Leuten vergleichen wie Guru & DJ Premier oder Eric B & Rakim. Wie kam es zu eurer Verbindung?

Wir kennen uns schon seit dem Sandkastenalter. Wir hatten zwar zwischendurch nicht viel miteinander zu tun, weil ich nicht in Berlin war, 2006 sind wir uns aber wieder begegnet. Dann haben wir immer mal wieder miteinander gechillt und gemerkt, dass wir in vielen Punkten ähnliche Sichtweisen haben. Deswegen ist es diese Kombination daraus, dass man sich menschlich sehr respektiert und auch musikalisch auf der gleichen Wellenlänge ist – was in dieser Konstellation natürlich unschlagbar ist.

In den USA werden Produzenten oft so groß gefeiert wie Rapper, in Deutschland herrscht da eher ein Aufmerksamkeitsdefizit. Fühlst du dich da manchmal vielleicht etwas unter den Scheffel gestellt?

Ich fühle mich in meiner Rolle wohl. Mir geht es weniger darum, in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich will geile Musik machen. Die Leute, die sich mit der Materie auseinandersetzen, sehen meinen Anteil ganz genau und da stehe ich auch in keinerlei Konkurrenz zu den Frontmännern. In Amerika ist es ja auch nicht so, dass jeder Produzent einen krassen Schein bekommt. Das sind dann eher die Produzenten, die sich auch als Künstler inszenieren, Leute wie Pharrell, Timbaland oder Kanye. Über Sounwave, der die meisten Sachen auf der Kendricks Platte gemacht hat, redet ja auch kein Schwein.

Wie haben sich deine Produktionen im Laufe der Zeit verändert? Welche Entwicklung siehst du zum Beispiel zwischen Megalohs „Endlich Unendlich“ und „Regenmacher“?

Alles ist einfach viel selbstbewusster geworden, man sieht diese eigene musikalische Vision klarer vor Augen. Das, was sich auf „Endlich Unendlich“ angedeutet hat. Dass viele Sachen eine Fusion waren aus den traditionellen Werten, die man vom Hip Hop kennt, aber nicht hängen geblieben, sondern in ein neues Gewand gepackt. Man hat auch durch das Feedback gemerkt, was einen ausmacht. Das habe ich dann einfach versucht zu stärken.

Wenn es um den Sound geht: Wer beeinflusst wen mehr – Du Megaloh oder er dich? Wer ist da die dominantere Kraft?

Das hält sich die Waage. Ich mache sehr viele Beats, Skizzen, oder Layouts, schicke die Megaloh und er sucht sich dann das raus, was ihn am meisten kickt oder inspiriert. So fängt das meistens an. Es gibt natürlich aber auch Situationen, in denen er eine Idee hat und wir dann zusammen sitzen und schauen, wie man die musikalisch am besten umsetzt. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass ich ihn schon im Kopf habe, wenn ich einen Beat mache und mir vorstelle, ob Mega darauf rappen könnte. Da er sehr vielseitig und flexibel ist, kann er aber eigentlich auf alles rappen.

Woher kommt dabei meistens die Inspiration? Orientierst du dich eher an US-Produktionen oder hörst du dir auch an, was im Deutschrap passiert?

Ich will niemand sein, der dieses Deutschrap-Ding basht, aber ich höre ihn relativ wenig. Es gibt auf jeden Fall Sachen, die für mich handwerklich super gemacht und nicht schlecht sind. Aber es gibt nicht so vieles wo ich sage, das ist voll mein Ding, das inspiriert mich, da muss ich jetzt auch dabei sein. In Amerika gibt es die TDE-Sachen. Die sind dann von dem Leitbild und von der Musik her schon am ehesten damit zu vergleichen, was wir hier machen. Wenn so eine Kendrick-Platte rauskommt oder J.Cole oder Pusha T, bin ich einfach gespannt, weil ich weiß, dass mich das auch inspiriert und flasht.

Wie suchst du deine Samples aus? Bist du eher der Old-School-Vinyl-Digger oder schaust du auch bei YouTube und Spotify?

Ich bin da relativ schmerzfrei. Wenn ich einen Song, ein Vocal-Sample oder etwas auf YouTube finde, probiere ich natürlich immer das noch anderweitig in guter Qualität auf Plattezu bekommen. Aber ich würde nicht sagen, dass ich etwas nicht nehmen kann, weil ich es nicht aufm Flohmarkt oder im Plattenladen gediggt habe. Diese Einstellung finde ich etwas albern. Im Endeffekt geht es darum, was dabei rauskommt. Und wenn du es schaffst, aus einem YouTube-Rip etwas zu machen, ist das ja auch irgendwie eine Kunst.

Wie sieht das aus, wenn Ghanaian Stallion einen Beat baut, hast du dabeieine bestimmte Routine?

Da gibt es verschiedene Herangehensweisen. Mal lasse ich mich durch ein Sample inspirieren und versuche dann, aus diesem einen komplett neuen Song zu bauen. Mal programmiere ich einfach die Drums. Es gibt auch Songs auf dem Album [„Regenmacher“], auf denen gar nicht gesampled wurde, wo man direkt Sachen mit Musikern eingespielt hat. Auch das ist etwas, was ich gerne mache.

Inwiefern denkst du, dass dein Equipment eine große Rolle dabei spielt, wie deine Beats klingen?

Das Equipment an sich hat glaube ich weniger Einfluss darauf. Ob du jetzt die Drums über eine Maschine, MPC oder ein Keyboard programmierst – es geht ja eher darum, was für Sounds du verwendest. Ich bin der Meinung, dass man auch mit wenig Mitteln sehr viel machen kann, wenn man seine Zutaten gut auswählt. Je besser die Zutaten, desto mehr kannst du auch rausholen.

Zu Beginn hast du hauptsächlichfür Megaloh produziert und im Laufe der Zeit zunehmend auch für andere Künstler, wie Chima Ede oder Chefket. Wie unterscheidet sich da die Zusammenarbeit?

Gute Frage. Mit Megaloh ist es einfach so, dass man die Sounds zusammen entwickelt. Man ist über die Jahre zusammen gewachsen und hat meiner Meinung nach einen bestimmten Sound in Deutschland etabliert oder versucht ihn zu etablieren. Bei den anderen Künstlern war es oft so, dass ich ihnen Beats geschickt habe, die schon da waren und sie sich die Sachen gepickt haben. Aber mittlerweile ist es bei fast allen Leuten, mit denen ich enger zusammen arbeite, möglich Feedback hin und her zu schicken. Mit Mega ist es einfach viel intensiver, weil wir viel länger und mehr zusammen gearbeitet haben.

Wie wichtig ist es dir eigentlich, was ein Rapper oder Sänger auf deinen Beats sagt?

Im Endeffekt bin ich jemand, der zwar nicht nach Inhalten sucht, dem Musik aber mehr gibt, wenn da eine Person spricht, mit der man sich identifizieren kann. Das verbindet einen vielleicht mehr mit dem Künstler, als wenn jemand einfach nur die Eier schaukeln lässt oder lustig ist. Aber auch das ist vollkommen okay und ich würde nicht sagen ich muss nur mit Leuten zusammen arbeiten, die die Welt verbessern wollen. Am Ende des Tages muss es musikalisch passen.

Braucht ein Street-Rapper einen anderen Sound, als ein Conscious-Rapper?

Ob der den braucht, kann ich ja gar nicht beurteilen. Im Endeffekt muss jeder das machen, was er fühlt. Natürlich würde ich mir bei dem einen oder anderen denken: Probier doch mal was Neues aus, könnte dir vielleicht auch gut stehen. Aber zwischen Street und Concious würde ich gar nicht unterscheiden.

Wie siehst du den Hip Hop heutzutage, in Deutschland und allgemein?

Ich finde es schwierig, allgemein etwas dazu zu sagen. Was aber cool ist, ist dass er sehr vielseitig geworden ist. In Deutschland gibt es viele Sachen, die mehr in diese Spaßecke gehen oder zumindest schon irgendwie politisch sind, das aber mit viel Sarkasmus und Ironie. Du hast Leute, die den Straßenfilm schieben, Leute, die eher in Richtung Singer/Songwriter gehen, Leute, die vom normalen Leben erzählen. Nur gibt es von der Verteilung her vielleicht ein paar, die etwas zu wenig im Fokus stehen. Aber da muss man dann einfach nur schauen, wie man das zusammen ändert.

Würdest du sagen, Rap ist eine limitierte Musikrichtung?

Kommt immer darauf an, wie man limitiert definiert. Wenn man alles, was nach 1996 kam, als Kacke empfindet, dann ist man wahrscheinlich schnell limitiert. Wenn man aber sieht, was da heute alles geht und wo der Hip Hop mittlerweile angekommen ist, dann würde ich sagen, dass man da gar nicht begrenzt ist.

Welche anderen Musikstile reizen dich noch?

Ich kann in jeder Musikrichtung Sachen finden, die mir gefallen, solange sie Seele haben. Ich höre viele Soul-Sachen, Reggae, auch Singer/Songwriter-Kram. Aber je mehr Inspirationsquellen man als Hip Hop Produzent zulässt, desto musikalischer und vielseitiger kann man meiner Meinung nach auch sein.

Wenn du also einen Remix von einem beliebigen Titel machen dürftest, Hip-Hop oder nicht, welchen würdest du wählen?

Das ist schwierig. Auf der einen Seite müsste man einen Song nehmen, den man krass feiert. Auf der anderen Seite wiederum nicht, weil wenn man einen Song so krass feiert, warum würde man ihn dann remixen? Sprich man müsste etwas nehmen, was Potential hat, man aber die musikalische Umsetzung nicht gut findet. Die Frage kann ich gerade nicht beantworten, da bräuchte ich mehr Bedenkzeit.

Woran arbeitest du gerade?

Momentan arbeite ich an einem Projekt mit Chima Ede. Es ist so gut wie fertig. Eigentlich haben wir viel mehr Material, aber wahrscheinlich werden wir das EP-Format bis zur letzten Sekunde ausreizen, damit er sich diese Bürde des Debütalbums noch ein wenig aufheben kann. Dann kommt im April meine Instrumental-EP „Soul Fruits“. Dann gibt es noch ein Album, über das ich noch nicht so viel sagen kann und mein eigenes Album.

Dein erstes Producer-Album. Was ist hier deine Vision oder dein Konzept?

Es werden echt unterschiedliche Künstler auf dem Album sein. Leute, die so zusammen noch nicht auf einem Album vereint wurden. Da ist es schwer, das Konzept von vornherein zu bestimmen, weil man nicht jedes Konzept bei jedem Künstler durchbringen könnte. Das einzige Konzept dahinter war es, mit Leuten zu arbeiten, die ich in irgendeiner Weise schon getroffen habe und mit denen man ein cooles Verhältnis hat. Musikalisch wird es ein Querschnitt von dem sein, was ich mache.

Kannst du schon verraten, wer dabei sein wird?

Die erste Single „Gib ihn einfach (Dies das 2)“ mit Audio88, Yassin und Dexter ist ja schon letztes Jahr rausgekommen. Wen könnte ich noch verraten… Megaloh wird drauf sein, Musa, Chima Ede. Überraschung. Lakmann wird auch drauf sein. Ich könnte natürlich noch mehr sagen, aber das alles weiß bis jetzt noch keiner. Ihr seid quasi die ersten.

Und woher kam die Idee für die Instrumental-EP „Soul Fruits“?

Das war so, dass ich eines Abends da saß und Beats von mir durchgegangen bin. Einer davon hieß „Cherry“ und dann kam die Eingebung „Soul Fruits“ irgendwie hinterher geschossen. Dann machte ich es zum Konzept, jedem Beat den Namen einer Frucht zu geben und mir auch vorzustellen, wie zum Beispiel so ein Papaya-Beat klingen könnte. Für so ein Projekt wählt man immer Beats, die auch alleine ohne Vocals funktionieren. Auf YouTube habe ich dann eine Frau gefunden, die exotische Früchte erklärt. Das war dann geeignet für Intro und Interludes. Und jetzt habe ich da so eine Instrumental-EP stehen, mit meinem Namen drauf, was ziemlich krass ist.

Welche deiner Produktionen magst du selbst vielleicht am meisten und warum?

Es ist schwierig das so zu sagen. Aber so ein Song wie „Live MCs“ hat natürlich sehr viel bewirkt. Ich persönlich hatte auch nicht damit gerechnet, dass er so ankommt. Es gibt auch zig andere. Aber da bin ich schon so ein bisschen stolz drauf. Weil ich weiß, dass der Song viele Leute begeistert und viel bewirkt hat.

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Viktoria mag Musik, insbesondere Rap. Über die letzten 7 Jahre arbeitete sie musikredaktionell und führte Interviews beim Radio und für diverse Online-Publikationen.

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