Prinz Pi: „Im Westen Nix Neues ist meine bisher beste Platte!“

(Foto: David Daub)

Neues Jahr, neues Glück, neues Album:
Zeitlich ziemlich exakt ein Jahr nach „pp=m2“ tut Prinz Pi es seinem Alter Ego Prinz Porno gleich und bringt ein neues Album an den Start. Mit „Im Westen Nix Neues“ (ihr kennt doch alle Remarque, oder) liefert er ein Werk, das den logischen Anschluss an die Vorgänger „Kompass ohne Norden“ sowie „Rebell ohne Grund“ findet, jedoch gleichzeitig so viel mehr ist als ein weiteres Kapitel. Neben der zu erwarteten sozialkritischen, fährt Pi dieses Mal auch eine äußerst persönliche Schiene. Wir trafen ihn in Berlin zum Interview und haben ihn gefragt, wie es eigentlich um die alteingesessenen Prinz Porno-Fans bestimmt ist, wie die perfekte Gesellschaft aussieht und was in der Vergangenheit zwischen ihm und Hausproduzent Biztram stand.
Meine Damen und Herren: „Im Westen Nix Neues“.

 

Du sagst selbst, dass „Im Westen Nix Neues“ dein bisher bestes Werk ist. Wieso?

Prinz Pi: Ich finde es schwierig, Musik miteinander zu vergleichen, weil die in solch unterschiedlichen Epochen entsteht. „Rebell ohne Grund“ fand ich zu zwei Drittel geil, ein Drittel der Songs hätte ich weglassen sollen, weil es alles nicht recht zusammengepasst hat. So wirkte es wie ein Sampler. Im Gegenzug war „Kompass ohne Norden“ sehr homogen. Textlich und inhaltlich war es das Album, für das ich mir die meisten Gedanken gemacht habe. Rückblickend betrachtet, finde ich es musikalisch zu brav. Der Produzent des Albums ist auch ein sehr ruhiger Typ. So wirkte das Album als sei die Handbremse angezogen.

Was war zu der Zeit eigentlich bei dir und Biztram los?

Prinz Pi: Nach „Rebell ohne Grund“ haben wir uns krass gestritten. Als „Kompass ohne Norden“ fertig war, haben wir uns langsam wieder angenähert und eingesehen, dass wir wie eine Art altes Ehepaar sind – wir arbeiten schließlich auch schon ewig zusammen. Als ich ihm das letzte Album zeigte, sagte er, er wisse, was meine Idee war, aber er fände, diese sei noch nicht hundertprozentig aufgegangen. So empfinde ich das auch. Ich freue mich natürlich immer noch über das ganze positive Feedback, es war bisher immerhin auch mein größter Erfolg. Natürlich hat es auch Tadel bekommen. Die Kritik, dass es zu brav sei, kann ich wie gesagt sehr gut nachvollziehen. „Im Westen Nix Neues“ hat nun genau diesen Energiekick, den ich auf dem Vorgänger vermisse.

Meinst du, die Platte könnte auch Anklang bei alteingesessenen Porno-Fans finden?

Prinz Pi: Ich weiß nicht, ob es überhaupt so viele alteingesessene Prinz Porno Fans gibt. Prinz Porno war immer ein ganz kleines Ding und eine eingeschworene Gruppe von Fans. So gerne ich es würde, steht es nicht in meiner Macht, es eben diesen recht zu machen.

Ich kann den Flavour von 2001 nicht einfach heute synthetisieren.

Lediglich kann ich den Prinz Porno anbieten, der ich in diesem Jahr bin, aber das wird ein anderer sein. Das letzte Porno-Album „pp=m²“, das im Januar 2015 erschien, war für mich wie Schattenboxen. Du machst einfach lässige Moves, die gut aussehen und dir Spaß bringen. Dazu braucht man eine gewisse Eleganz und so ist das bei Prinz Porno.

Ein Thema, das sich konstant durch deine Musik zieht, ist die bewusste Entscheidung zum Außenseiterdasein. Kannst du dich daran erinnern, wann dir der Gedanke kam, nicht ständig mit dem Strom der Gesellschaft schwimmen zu wollen?

Prinz Pi: Der erste Song auf „Im Westen Nix Neues“ heißt „Rebell ohne Grund“ und stellt eine Überleitung zu meinen beiden letzten Alben dar. Nachgestellt steht ihm Titel „Kompass Reprise“ – er schließt quasi an und ist das 15-jährige Abiturtreffen. Die Schule ist die Keimzelle. Selten entschließt man sich dazu, Außenseiter zu sein – man wird zum Außenseiter gemacht. Irgendwann findet man sich damit ab und pfeift auf die Leute, die andere aufgrund von Oberflächlichkeiten beurteilen.


Glaubst du, junge Hörer, die vielleicht unfreiwillig in die Rolle des Außenseiters gerutscht sind, können sich mit deiner Musik identifizieren?

Prinz Pi: Ich hoffe das. Wenn du ein Außenseiter bist, gibt es wenig helfende Hände, die sich dir entgegen strecken. Die Eltern können können dir in gewissen Situationen beispielsweise nicht helfen. Das sind eben nicht die Leute, von denen du in solchen Momenten die Akzeptanz brauchst. Wenn du dann aber etwas hast, wie etwa ein Buch oder ein Stück Musik, das dir hilft, ist das eine wertvolle und positive Sache. Da kann Musik eine Leistung bringen, die wenig andere Dinge bringen können. An diesem Punkt ist es mir dann auch egal, wenn jemand meckert, dass ihn manche Songs nicht an meine Battlerap-Zeit erinnert.
Da kannst du hundert E-Mails schreiben, dass es dir nicht gefällt. Wenn ich damit jemandem geholfen habe, dem es schlecht ging, habe ich meine Mission erfüllt.

Wenn wir von Sozialkritik sprechen – Wie sieht denn deine Gesellschaftsutopie aus?

Prinz Pi: Das ist eine gute Frage, aber diese Utopie muss jeder für sich selbst kreieren. Stelle ich mich jetzt hin und präsentiere einen Gegenentwurf ist das meine persönliche Idee und jeder würde es vermutlich anders definieren. Außerdem möchte ich Leute damit nicht bevormunden, das machen Demagogen und Populisten. Meine persönliche sieht dennoch so aus, dass ich mich freuen würde, wenn ich mich vor jedem präsentieren kann, sodass er für sich selbst entscheiden kann, ob er mich mag oder nicht und eben keine Vorurteile überwiegen lässt. Ich versuche auch, Leute nicht nach etwas Kleinem zu beurteilen, sondern sie, soweit es eben geht, neutral zu sehen. In meinem Leben habe ich schon äußerst tiefsinnige Gespräche mit Leuten geführt, die von Außen keinen wahnsinnig tiefsinnigen Eindruck erweckt haben. Andersherum habe ich Leute gesehen, die sich den Anstrich eines super Intellektuellen verpasst haben und dennoch die hohlste Scheiße geredet haben, die man sich vorstellen kann.

Immer wieder werden auch essentielle Fragen wie der Sinn des Lebens oder das Leben nach dem Tod gestellt. Hast du konkrete Vorstellungen?

Prinz Pi: Was nach dem Tod passiert, weiß ich leider nicht. Für das Album habe ich ursprünglich 30 Songs geschrieben und schließlich ausgewählt. Es gibt einen Song, der nicht veröffentlicht wurde, der vom Leben nach dem Tod handelt. Zumindest ist es eine Idee davon. Irgendwie war er mir im Endeffekt aber nicht ernst genug. Ich finde, mit etwas so tragischem wie dem Tod, den man nicht greifen kann, muss man sich mit einem gewissen Humor auseinandersetzen, um es verarbeiten zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat mein Kollege Casper einst mit „Der Sinn des Lebens ist leben“ ganz gut beantwortet. Ich möchte das noch erweitern: Der Sinn des Lebens ist nicht nur selbst zu leben, sondern auch mit anderen Menschen zu leben, deren Welt man vielleicht ein wenig besser macht.

Seit Beginn deiner Karriere wirst du ständig in irgendwelche Schubladen gesteckt.

Prinz Pi: Ja, die Leute in Deutschland stecken unheimlich gern in Schubladen.

Aber wieso muss das sein?

Prinz Pi: Man verteilt gern Labels, weil es dann leichter fällt, etwas einzuordnen. Wirklich erklären kann ich es mir nicht und ich selbst versuche auch, darauf zu verzichten. Dennoch fällt es super schwer. Allein, wenn ich Freunden von Musik erzähle, die mir gefällt und diese beschreiben will, vergleiche ich auch ständig und ordne in Kategorien ein. Gegen die Kategorisierung von mir kann ich nichts unternehmen, sollen die Leute das ruhig tun. Wenn mir jemand erzählen will, dass ich aufgrund meiner Optik eine bestimmte Art Mensch bin, gebe ich auf. Wo soll ich denn da ansetzen, um das Denken bei ihm zu ändern? Dann soll er das ruhig denken.

Wie wirst du deinen Kindern später deine Musik erklären?

Prinz Pi: Das Album ist tatsächlich meinen Kindern gewidmet. Den Song „Füllung vom Kissen“ adressiere ich an meine Tochter. Er handelt vom Begriff der Wahrheit und wir sind so erzogen worden, dass man immer die Wahrheit sagen soll. Wiederum sind wir aber auch mit dem Glauben an den Weihnachtsmann aufgewachsen und das ist eine Situation, in der uns unsere Eltern ganz bewusst angelogen haben. Nicht, weil sie uns etwas vorenthalten wollten, sondern, weil sie uns eine gute Illusion schenken wollten. Auch heute als erwachsene Menschen gibt es noch Situationen, in denen wir bewusst angelogen werden. Vor gar nicht so langer Zeit gab es zum Beispiel, dass das Abhören von anderen geleugnet wurde. Es gibt unterschiedliche Auffassungen der Wahrheit. Das kann man an recht harmlosen wie dem Weihnachtsmann erklären, aber man kann sich auch Gedanken darüber machen, ob es immer nötig ist, die Wahrheit zu sagen. Alles, was man nicht weiß, kann einen nicht verletzen. Habe ich zum Beispiel große finanzielle Sorgen, muss ich das dann meinen minderjährigen Kindern erzählen? Oder finde ich einen Weg, dass sie es nicht mitbekommen? Vermutlich wissen sie nicht einmal, was der Unterschied bedeutet, ob Papa einen nigelnagelneuen Mercedes oder einen alten Golf fährt.

Dein erstes Album erschien 1998 – der kommerzielle Erfolg kam jedoch erst mit „Kompass ohne Norden“ 2013. Welchen Stellenwert hat das?

Prinz Pi: Das ist ein tolles Gefühl, aber im Endeffekt sind das auch nur Zahlen.

Woran ich den Wert einer Platte bemesse, sind nicht verkaufte Einheiten, sondern die Resonanz der Leute.

Wenn es dem Publikum etwas bedeutet und die mir sagen, es hat ihr Leben ein Stück weit ins Positive verändert, dann ist das für mich ein Wert. Ich könnte ein Album veröffentlichen, das sich eine Millionen mal verkauft, das aber lediglich nebenbei im Fahrstuhl läuft. Dann hat das für mich nicht funktioniert.

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